Gemeindeleben  >  2006-14 Pilgern auf EVANGELISCH

Abschluss 'unseres' Jakobsweges


 

Pilgern auf EVANGELISCH


 
Nun habe ich mich schon zum dritten Male in einer Schar von zwölf Pilger/innen aus der Gemeinde unter der Obhut von Elisabeth und Friedhelm Beck auf den Jakobsweg, die „via PODIENSIS“, begeben. Le Puy en Velay im Zentralmassiv von Frankreich war 2006 unser Ausgangsort, wir pilgerten bis nach Aubrac. Auf der zweiten Etappe kamen wir 2008 nach Figeac, und von da aus ging es 2010 nach Moissac. In zehn Tagen legen wir jeweils in Tages-strecken von 15 bis 20 km einen Weg von insgesamt 150 – 180 km zurück.
Zu Beginn stehen wir, wenn das erste Morgenlicht am Pfingstsamstag durch das Ostfenster in unsere Johanniskirche fällt, vor dem Altar und empfangen den Pilgersegen, gestiefelt und gespornt, mit der Jakobsmuschel am Rucksack. In diesem Jahr, 2010, fuhren wir wieder mit drei PKW nach Figeac, wo unser letzter Pilgerweg endete. Wir übernachten meistens in den Pilgerherbergen, den Gites. Dort gibt es immer ein schmackhaftes, einfaches Pilgermenü mit Suppe, Hauptspeise und Nachspeise, dazu Rotwein und Wasser und Brot. Aufbruch ist nach dem einfachen Frühstück gegen 8 Uhr; vorher gibt es den wichtigen Stempel in den „Credencial del Peregrino“, den Pilgerpass. Unser Pilgertag beginnt immer mit einer Morgenandacht im Freien oder in einer offenen Kirche, es wird das vorher ausgegebene „Wegewort“ ausgelegt; Gebet und Lieder umrahmen die Andacht, und mit dem uralten Pilgerzuruf „Ultraia“ brechen wir auf. So ist unser Tag mit einem guten Ritual strukturiert, das bis in den Abend führt. Gestärkt pilgern wir in den Tag hinein, suchen den Weg und uns selbst, freuen uns an dem Schöpfungsreichtum und an den Gesprächen, die sich ergeben, oder pilgern still fürbass. Unterwegs laden uns viele Wegkreuze, romanische Kapellen und markante Landschaftsformen zu Meditation, Gebet und Lied ein. Überhaupt ist der wunderbare Gesang unserer Gruppe zu unserem Charakteristikum unter den vielen Pilgern geworden, die uns in den Kirchen zuhören. So ist uns der Jakobsweg durch die unvergessliche Landschaft, durch die Begegnungen mit anderen Pilgern, mit uns selbst und in unserer Gruppe untereinander ein permanent erfahrenes Evangelium. Im Gegensatz zu solchen, die die Infrastruktur des Jakobswegs als sportliches Wandern sehen, ist uns der Pilgerweg mit all seinen Freuden, seiner Mühsal und auch den erfahrenen Schwächen heilig.
Unterwegs gibt es lauschige Plätze an Kirchenmauern, an Quellen und in uralten, mit mächtigen Stämmen durchwachsenen Esskastanienhainen, die zur Rast laden und zu unserer Stärkung mit der mitgeführten Vesper.
Wir durchpilgern die „Causses“, eine durch Kalkstein gebildete Hochfläche, und kommen in ein verwunschenes Städtchen mit vielen gotischen Häusern und kleinen Stadtpalästen. Hier scheint die Zeit stillzustehen hoch oben auf dem Hügel und unter uns in der sich weit dehnenden Landschaft. Hochgeschichtete Trockenmauern, die charakteristischen „Gariottes“ oder „Cazelles“, kunstvoll und archaisch anzuschauen, markieren unseren Weg, so auch die Tauben - und Vorratshäuser bei den Weilern und Gehöften.
Ein uns besonders anrührendes Ritual erleben wir in der Kirche von LASCABANES: Der Priester in weißer Soutane hält die Abendmesse, unsere Gruppe singt zur Freude der Anwesenden zwei Lieder, dann beginnt der Priester aus einem großen irdenen Wasserkrug eine Schüssel zu füllen zu einer Fußwaschung für alle Pilger. Er kniet vor uns beim Waschen, trocknet uns die Füße ab; eine unglaublich beeindruckende Handlung für uns alle.
Es war auch für uns als Gruppe eine gute Erfahrung, mit den Schwächen einzelner beim Wandern richtig, „samaritanisch“, umgehen zu können.
Schön die Ankunft in CAHORS, einer eindrucksvollen Station auf dem Pilgerweg am Fluss Lot mit der kunstvollen dreitürmigen Brücke über den Fluss. Eine gotische Stadt, gebaut aus gelbem Gestein. Wir sitzen am zentralen Place Mitterrand und genießen den goldgelben Papstwein. Immer wieder, so auch hier, berührt uns die starke, energiegeladene Atmosphäre der alten Kathedralen und Dome, oft umgeben von mächtigen Zypressen, Platanen und Zedern. Unser Ziel, die alte Pilgerstadt MOISSAC mit dem ältesten und schönsten Kreuzgang bei der Kathedrale erreichten wir alle mit Gottes Hilfe – wir fühlten uns erlöst!
Im Abendgottesdienst treffen wir eine Pilgerin, die wir Tage vorher krank und geh-unfähig getroffen haben. Dieser können wir helfen und sie mit Medikamenten versorgen. Nun danken wir miteinander Gott für die gute Ankunft am Ziel. Wir sind stolz, dass unser Credencial um 12 Stempel reicher ist. Das nächste Mal heißt es „Ultraia“ im Jahr 2011. Da hoffen wir, die spanische Grenze zu erreichen.
Willi ADAM