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Fastenpredigt Ursula Höcht 10.Feb.2008

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Predigt am 8.6.08 anlässlich der Woche des Klimas am Waldhaus im Schönberger Forst

 
Liebe Festgemeinde,
am 29. Mai 2008 haben wir in Deutschland aufgehört, von eigenen Ressourcen zu leben. Das Jahr war noch nicht einmal zur Hälfte vorbei, da hatten wir Deutschen so viel an Energie, Rohstoffen und Lebensmitteln verbraucht, wie man auf den Äckern und Wiesen der Republik das ganze Jahr über klimaschonend erzeugen könnte. Diese Berechnung nennt man den ökologischen Fußabdruck. Unserer ist einfach viel zu groß. Wir leben auf zu großem Fuß: Wenn alle so leben würden wie wir, würde ein Erdball nicht ausreichen. Nur weil wir auf Kosten der Menschen im Süden der Erde und auf Kosten der kommenden Generationen leben, ist das System noch nicht zusammengebrochen. In punkto Klima fängt es aber jetzt schon an zu knirschen und auch das bisherige Gleichgewicht –hier bei uns die Fülle auf der anderen Seite der Erde der Mangel kommt ins Schwanken – in immer mehr Schwellenländern, so  wie in Russland, in Indien, in China und anderswo möchten die Menschen auch mehr Wohlstand leben – und dazu benötigen sie Energie und Rohstoffe und der Ausstoß an Co2 steigt kontinuierlich.
Immer wieder hören wir Berichte, wie das grönländische Eis abschmilzt. Wenn Grönland eisfrei werden sollte, haben wir eine Erhöhung des Meeresspiegels um sechs Meter.
Was das für niedrig gelegene Länder bedeutet, kann man sich denken. Man muss eigentlich gar nicht viele Worte machen, wenn man fragt: Was sollen wir denn tun?
Lebe hier nicht auf Kosten von anderswo und heute nicht auf Kosten von morgen, heißt die Antwort.
Eigentlich absolut einfach, jeder kann es verstehen.
Lebe hier nicht auf Kosten von anderswo und heute nicht auf Kosten von morgen.
Aber, da kommt natürlich noch ein aber: Selbst wenn wir genau wissen, was wir tun sollen, heißt das noch lange nicht, dass wir es auch tun wollen und tun können.
Die Debatte um den Klimawandel ist dafür ein gutes Beispiel. Umfragen offenbaren, dass die Menschen sehr viel wissen, aber das Leben ändern, das tun nur ganz wenige. Die Politik formuliert immer neue Klimaschutzziele und hofft mit technischen und ökonomischen Lösungen könne sie die Gefahren abwenden, also durch das Hybridauto, Meeresströmungskraftwerke, die Solar- und Windenergieweiterentwicklung, durch viel energiesparendere Maschinen und Häuser.
Das sind ganz gute und wichtige Schritte, die noch viel konsequenter umgesetzt werden müssten, doch ich glaube nicht mehr daran, dass das reicht. Sich auf Kyoto, Bali und Angela Merkel zu verlassen, ist nicht genug. In unserem Kopf, in unserem Herzen muss sich etwas ändern. Was wir brauchen, ist eine neue Einstellung tief in unserem Inneren. Wir haben es mit einer spirituellen Herausforderung zu tun. Und die heißt: Wir müssen neu darüber nachdenken: Was brauchen wir wirklich im Leben und auf was kann ich getrost verzichten?
 Wir alle wollen bequem leben und glücklich sein. Was braucht man dazu? Offenbar vor allem Energie, wenn wir uns selber anschauen. Es soll überall schön warm sein, auch auf der Toilette, wir wollen um die Welt fliegen, wir müssen in jeder Saison neue Kleider haben, ein Tempolimit auf der Autobahn wäre ein Unglück. In Deutschland brauchen wir so viel Energie, dass wir Pro Kopf und Jahr 10 Tonnen CO 2 ausstoßen. Das ist fünf Mal mehr als der Globus vertragen kann.
Was ist wichtig, was ist unwichtig? Die Bibel hat dazu eine Antwort, die sehr radikal ist und unser Denken gegen den Strich bürstet:
Im Psalm 73 betet jemand: Wenn ich nur dich habe, Gott, so frage ich nicht nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.
Wenn ich nur dich habe, dann weiß ich, dass mein Herz voll ist mit dem, was ich wirklich zum Leben brauche, selbst in Krisenzeiten und dadurch brauche ich keine Ersatzbefriedigungen, so würde ich diesen Psalmbeter mit meinen Worten interpretieren. Ja, ich glaube, vieles in unserer Konsumgesellschaft sind wirklich Ersatzbefriedigungen, um bestimmte Leerstellen des Lebens auszufüllen – auf so vieles kann ich verzichten und mein Leben ist dennoch voll und reich.
Dieser Psalmbeter bilanziert ja in einer für ihn persönlich schwierigen Zeit. Auch das ist nicht ungewöhnlich. Gerade in der Krise da wird einem manchmal sehr schnell deutlich, was einen Menschen wirklich trägt und auf was man getrost verzichten kann, weil es viel Zeit und Energie verschlingt und doch ins Leere, ja vielleicht tatsächlich in eine Leere führt.
Der Apostel Paulus schreibt im 1. Korintherbrief Kapitel 7 etwas ganz ähnliches. Ihm geht es darum, wie wir mit den Gütern dieser Welt umgehen sollen. Seine Devise lautet: Haben, als hätte man nicht. Haben, als hätte man nicht. Im Original hört sich das so an:
Das sage ich aber, liebe Geschwister: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen die, die weinen sein, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht: und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.
Auch Paulus unterscheidet zwischen einer Kultur des Habens und einer Kultur des Seins. Haben als hätte man nicht – das ist ein interessanter Ansatz und er läuft unserer unhinterfragten Praxis entgegen, in der „haben“ eine ganz wichtige Rolle spielt. Ja, es wird uns vermittelt: Ich muss haben um zu sein. Haben als hätte man nicht, das ist ein ganz anderer Ansatz. Er geht davon aus, dass ich schon sehr viel habe durch das, was mir in meinem Leben durch Gott geschenkt ist: durch seine Nähe, durch die lieben Menschen, die mich umgeben, die Luft, die ich atme, die Wunder der Natur, die ich schauen darf, mein Körper, der so gut funktioniert und noch unendlich viel mehr. Ich bin reich beschenkt durch das, was Gott in mein Leben hineingelegt hat und diese Güter darf ich nutzen – auf Zeit. Eine solche Lebenseinstellung macht uns frei von den Ansprüchen der Konsumgesellschaft, vom Haben-Wollen und Haben-Müssen, um erst glücklich zu werden. Nein: Viel haben heißt noch lange nicht gut leben. Und umgekehrt. Man kann gut leben und muss eigentlich gar nicht viel haben.
Gut leben, statt viel haben, das ist meine Devise. Und das möchte ich jetzt zusammenbringen mit dem Gebot vom Anfang. Das hieß: Lebe hier nicht auf Kosten von anderswo und heute nicht auf Kosten von morgen.
Die Frage des Metzgers „Darf´s ein bisschen mehr sein?“ wird überall gestellt: bei der Urlaubsreise, bei den Quadratmetern der Wohnung, bei der Höchstgeschwindigkeit des Autos usw.
Es ist an der Zeit, dass wir die Frage stellen: Wie viel ist genug? Wer sie stellt, muss kein Asket und keine Nonne sein. Wer seinen Lebensstil in der Richtung von „Gut leben statt viel haben“ verändert, verliert gar nicht, sondern entdeckt neue Lebensqualität.
Ich will das zum Schluss an sechs Punkten deutlich machen:
-         Gut leben statt viel haben, kann heißen: lieber weniger statt mehr. Das genießen wir, wenn wir zu Hause Dachboden und Keller entrümpeln. Welch eine Befreiung, wenn wir das, was wir doch nicht brauchen, los sind. Das gilt übrigens auch für das Ballast-Abwerfen beim Fasten. Viele Menschen fasten inzwischen ohne von einem religiösen Gebot dazu genötigt zu sein, einfach, um zu erleben, dass man auf so vieles verzichten kann, was man nicht wirklich braucht, auf Süßigkeiten, Alkohol, Pasta, Double-Whopper und Rindsgulasch.
-         Gut leben statt viel haben, kann heißen: lieber einfacher statt komplexer.
Der bayerische evangelische Pfarrer und Karikaturist Tiki Werner Küstenmacher hat mit seinem Buch „simplify our life“ einen Welterfolg gelandet. Es gibt eine große Sehnsucht nach dem Einfachen, nach der Eleganz des Einfachen. Lesen Sie es dort nach, wie man sein Leben durch ganz einfache Entscheidungen vereinfacht.
-         Gut leben statt viel haben, kann heißen: lieber langsamer statt schneller.
Die Umweltarbeit unserer Kirche hat im Frühjahr bereits eine Kampagne gestartet mit dem Titel: Bis zwei Kilometer ohne Auto für Gesundheit und Klima. Sie soll Menschen dazu bringen, alle Wege ihres Alltags, die nicht länger sind als zwei Kilometer, zu Fuß, oder mit dem Rad zurückzulegen. Die Bewegung würde der Gesundheit nützen, die gemächliche Geschwindigkeit würde der Seele gut tun, beim Laufen sieht man, wie sich der Himmel in der Pfütze spiegelt und welche Miene die Nachbarin auf der Straße gegenüber macht – und das allerbeste, nicht selten dauert es gar nicht länger, als wenn man mit dem Auto gefahren wäre. Und selbst wenn, muss man sich überlegen, was man mit der eingesparten Zeit eigentlich tatsächlich macht. So manch einer sitzt halt eher vor dem Fernseher oder fährt dann mit dem Auto ins Fitnessstudio, um dort am Laufband zu laufen. Bis zum Ende der Klimawoche kann man sich noch eintragen – und sogar Preise gewinnen, wenn man das Losglück hat. Unterlagen für die Kampagne haben wir heute dabei.
-         Gut leben statt viel haben, kann heißen: lieber näher statt weiter.
Bei einem Besuch erzählte mir einmal einer, dass er sich seinen Wunschtraum erfüllt hätte und eine Flugreise um den Erdball gemacht hat, um die Welt nicht in 80 Tagen, sondern in 20 Tagen. Er hat in den sieben Weltmeeren gebadet. Er war überall, aber er hat nichts gesehen. Die Flughäfen sind auf der ganzen Welt ziemlich gleich. Die großen Metropolen sind auch ziemlich gleich. Er empfiehlt diese Reise niemandem mehr. Vielleicht macht er demnächst aber eine Radtour durch den Böhmerwald.
-         Gut leben statt viel haben, kann heißen: lieber nutzen statt besitzen. Ich denke hier beispielsweise an das Carsharing. Gerade in den Ballungszentren haben viele Menschen schon ihr Auto abgeschafft und sind Mitglied bei einer Car-Sharing-Firma geworden. Auch in Lauf gibt es diese Möglichkeit. Viele unserer Fahrzeuge sind im Durchschnitt des Tages doch nur Stehzeuge. Warum muss ich denn ein Auto allein haben? Ich denke, viele von uns haben darüber noch gar nicht ernsthaft nachgedacht, haben Angst die absolute Flexibilität zu verlieren. Doch auch hier stellt sich wieder die Frage nach den Werten. Das Buchungsverfahren bei solchen Firmen ist einfach, aber hält mich zugleich davon ab, überflüssige Fahrten zu machen.
Dasselbe kann ich mir übrigens für Maschinen, die man nur ein paar Mal im Jahr braucht, überlegen. Bevor jeder sich schnell mal ein Billigwerkzeug, das beim zweiten Gebrauch kaputt geht im Discounter kauft – was übrigens eine riesige Verschwendung von Rohstoffen und Ressourcen ist, ist es doch sinnvoller sich zusammenzutun in Freundeskreisen, Nachbarschaft um ein gemeinsames hochwertigeres Gerät zu kaufen.
-         Gut leben statt viel haben, kann heißen: lieber bewahren statt wegwerfen.
Wenn ich für einen Wintermantel viel Geld ausgebe, gute schicke Qualität kaufe, und ihn zehn Jahre trage, habe ich Energie und Rohstoffe gespart, und so etwas für das Klima getan. Und ich habe mich dem Diktat der Mode entzogen, die mir einreden will, ich könne einen Mantel schon nach einem Jahr nicht mehr tragen. Bewahren statt wegwerfen heißt auch darauf zu achten, ob das, was ich kaufe, reparierbar ist. Denn so vieles was heute hergestellt wird, ist darauf angelegt, nach einer kurzen Benutzung einfach weggeworfen zu werden.
Gut leben statt viel haben – sechs kleine Beispiele habe ich Ihnen genannt, die Liste wäre sicherlich viel weiter fortzuschreiben, ich bin mir sicher, auch ihnen fallen eine Menge Ideen dazu ein. Wir sind nicht hilflose Objekte einer riesigen Konsumgesellschaft, nein, wir haben – als Verbraucher viel mehr Möglichkeiten und Einfluss als uns das immer bewusst ist.
Wir sind nicht nur Verbraucher, wir sind auch Christinnen und Christen, deshalb lassen wir uns vom Psalm 73, von Paulus inspirieren auch was unseren Lebensstil angeht. Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt hat Jesus seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern zugerufen. So lassen sie uns auch in Sachen Klimaschutz in seine Fußstapfen treten und konsequent Würze und Licht in unsere Welt bringen, mit unseren ganz persönlichen Möglichkeiten und unserem Einsatz an dem Platz, wo jeder von uns lebt und arbeitet, und natürlich auch global durch unser Eintreten für eine klimafreundliche Politik.
Amen.

Predigt für den 3. Sonntag nach Trinitatis - 8.6.2008 - Johanniskirche

 
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus
 
 
Stilles Gebet
 
 
Text: Hesekiel 18, 1-4+21-24 (erst 1-4 lesen!)
 
 
Liebe Gemeinde,
 
 
Die Sünden der Väter rächen sich an den Kindern. So ist doch wohl dieses Sprichwort gemeint, das am Anfang unseres Bibeltextes steht: Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden.
Generationenhaftung – das ist wohl das richtige Wort dafür. Die Fehler und Sünden der Väter- und Müttergeneration müssen die Kinder ausbaden.
Natürlich kennen wir das, liebe Gemeinde. Heute in der Woche des Klimas wird uns das ja sehr drastisch vor Augen geführt! In unserer Atmosphäre sind die giftigen Gase, die unsere Väter und natürlich wir hinaufgeblasen haben und unsere Kinder werden noch daran zu knabbern haben. Wir wissen nicht, wie wir mit den Veränderungen des Klimas fertig werden, die unsere Väter und wir eingeleitet haben – und die unsere Kinder noch viel stärker ausbaden müssen.
Die Sünden der Väter und Mütter - ?!
In dieser Woche höre ich von einem Paar, beide hochgradig tablettensüchtig und die junge Frau ist im 5. Monat schwanger. Welche Chance wird dieses Kind einmal haben – oder welche gerade eben nicht?!
Ein Geburtstagsbesuch bei einer alten Dame und sie erzählt, dass sie eigentlich nie Besuch bekommt – die Kinder haben keine Zeit und die Enkel erst recht nicht!
Was lernen wir unseren Kindern, wenn es um die Versorgung und Betreuung der älteren Generation geht? Keine Zeit? Es ist lästig und mühsam – oder: dafür gibt´s doch Einrichtungen, wie die Diakonie – die soll das halt machen.
Die Sünden der Väter und Mütter – was lernen wir unseren Kindern und was werden sie mit dem Gelernten machen?
Sie werden sich zu ihrer eigenen älteren Generation genauso verhalten, wie sie es von unserer Generation gelernt haben!
Und eines Tages werden sie sagen: Wir können doch nichts dafür! Wir haben das von unseren Eltern übernommen.
Eigentlich sind die schuld – eigentlich haben die uns das angetan.
Natürlich, liebe Gemeinde – wir leben aus dem, was wir als vermächtnis von unseren Eltern und Erziehern bekommen haben. Hier haben wir gelernt was gut und was böse ist, hier haben wir gelernt, wie Leben geht.
Das ist gut und wichtig und wertvoll. Aber manchmal höre ich auch, dass Menschen klagen über dieses Vermächtnis, das sie von ihren Eltern bekommen haben. Sie klagen über zu wenig Liebe , zu wenig Verständnis, zu wenig... ach es gibt so viel über das Menschen klagen , weil sie es nicht bekommen haben. Und höre ich immer wieder den Satz: Ja ich hatte ja keine Chance, ja mit dieser Belastung konnte es ja nur so kommen.
Es gibt schwere Belastungen aus falscher Erziehung.
Aber immer wieder gewinne ich den Eindruck, dass dies auch ein Alibi ist für den Mangel an eigener Entscheidung und eigenem Handeln.
Gott sagt in unserem Predigttext: Von wegen – Sünden der Väter!!!
Keiner soll sich hinter den Sünden der Väter – und Mütter verstecken! Jeden Menschen habe ich zu einem Geschöpf gemacht, das entscheiden kann und handeln kann – jeder für sich – und deshalb ist auch jeder verantwortlich für sich selbst! Werdet erwachsen, so scheint Gott hier zu sagen – werdet erwachsen und steht ein für euch selbst und macht nicht andere Menschen, oder andere Generationen für euer Versagen verantwortlich!
Und zum Schluss kommt das dicke Ende der Botschaft Gottes:
jeder, der sündigt, soll sterben.
                         
Da ist er wieder – der furchterregende, der strafende und unbarmherzige Gott. Da ist er wieder, der Gott, der keine Entschuldigungen zulässt, auch nicht, dass wir uns hinter unerer Erziehung und hinter unseren Prägungen verstecken können. Nein – jeder ist für sich selbst vor Gott verantwortlich. Und Gott straft jeden, der sündigt.
Wenn Hesekiel hier seine Botschaft beendet hätte, dann wäre dies eine schreckliche Botschaft – eine Botschaft, an der wir nur verzweifeln können.
aber – Gott sei Dank – hat Hesekiel für seine Zuhörer damals – und für uns heute morgen noch mehr.
Hesekiel richtet weiter von Gott aus:
 
Meinst du, dass ich gefallen habe, am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt?
 
Es gibt eine schlechte und eine gute Nachricht. Hesekiel hat zuerst die schlechte ausgerichtet: Ihr könnt euch nicht eurer Schuld entziehen.
Und damit lädt er uns ein, zu uns selbst zu finden. Gott lädt uns ein zum aufrechten Gang. Gott lädt uns ein, selbstbestimmte und erwachsene Menschen zu werden und zu sein,  Menschen, die sich selbst im Spiegel betrachten können und zu sich selbst stehen können – zu den guten Seiten – das ist natürlich einfach – aber eben auch zu den dunklen Seiten unserer Existenz, zu den Seiten, die wir nicht gerne zeigen und die wir gerne verstecken, vor anderen, aber auch vor uns selbst.
Gott lädt uns ein zum aufrechten Gang, liebe Gemeinde und er klärt die Verhältnisse. Wer sündigt wird nicht das Leben in seiner Gemeinschaft sehen.
Aber – und das ist wichtig, das ist nicht die letzte Botschaft Gottes an uns!
Gott lässt durch Hesekiel ausrichten: Es geht mir doch nicht darum, dass Menschen ihr Leben verlieren, nein – es geht mir um das Heil und die Rettung der Menschen. Sie liegen mir am Herzen. Aber ich will nicht einfach alles unter den Teppich kehren, sondern es braucht Umkehr und Neuorientierung des Lebens. Es braucht Klarheit und Verbindlichkeit, wenn ihr mit mir zu tun habt!
Keine verschwommenen, unklaren Verhältnisse. Eindeutigkeit – das will Gott. Er will uns, seine Menschen ernst nehmen, er will uns als seine Partner auf dieser Erde. nicht genötigte, geduckte Wesen, sondern selbstbestimmte, erwachsene Menschen, die sich nach ihm orientieren und seinen Willen auf dieser Welt umsetzen.
Die Zuhörer von Hesekiel damals waren dabei noch auf sich gestellt und mussten in der langen Geschichte danach immer wieder feststellen: Wir schaffen es einfach nicht! Wir schaffen es nicht, Gottes Willen zu tun – hier auf unserer Erde.
Uns geht es viel besser!
Wir wissen, dass Gott von sich aus diese Problem gelöst hat. er hat Jesus den Christus auf diese Erde geschickt. Seit dem wissen wir nicht nur sehr klar, was Gott von uns will, nein noch viel mehr, wir haben die Chance, unsere  Schuld und unser Versagen von Christus vergeben zu lassen und immer wieder neu zu beginnen. Wir müssen es eben nur auch tun. wir müssen Gott ernst nehmen, wie er uns ernst nimmt – im Versagen – wie auch in der Liebe.
Und dann können wir unseren Kindern Werte vermitteln, die von dieser Liebe Gottes zu den Menschen und zu dieser Welt geprägt sind.
 
Gott sei Dank!
 
Amen   
 

Predigt für den 1. Sonntag nach Trinitatis - 25.5.08

Gnade sei mit euch und Friede....
 
 
Stilles Gebet
 
 
Text: Jer. 23, 16-29 (während der Predigt!)
 
 
 
Liebe Gemeinde,
 
 
eigentlich – eigentlich bin ich noch gar nicht richtig da – auch wenn Sie mich jetzt hier auf der Kanzel sehen. Vielleicht wissen sie ja, dass wir eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg gemacht haben. Wir – das war eine Gruppe von zwölf Gemeindegliedern, die wir uns gemeinsam auf diesen besondern Weg durch Gottes bezaubernde Schöpfung gemacht haben -  und sie war auf den Wegen, die wir gegangen sind,  ganz besonders bezaubernd. Und wir sind einen Weg der Seele gegangen, zu uns und zu Gott – in wunderschönen alten Kirchen, in denen wir gesungen und gebetet haben und dort den Geist Gottes gespürt haben.
Sie merken, wenn ich jetzt nicht aufhöre zu erzählen, dann kommen Sie heute nicht zu Ihrem Mittagessen!
Aber eins gehört schon noch dazu: Am Abend haben wir miteinander in den Pilgerherbergen nach Französischer Art gegessen: Und was da zu erwarten war, das konnte man meistens schon am Besteck ablesen. Lag da ein Messer oben quer, dann war das ein Prophet für Käse zum Nachtisch. Und meistens war es auch ein echter Prophet – dieses Messer, denn man konnte sich auf seine Vorhersage verlassen – es gab dann Käse!
In unserem heutigen Predigttext ist auch von den Propheten die Rede. Und sie kommen gar nicht gut weg!
 
Text
 
Einganzer Schwall von Ärger überfällt uns in diesem Text, den Gott durch seinen Propheten Jeremia da ausrichten lässt. Und da wird abgerechnet – abgerechnet mit den falschen Propheten, die den Menschen der damaligen Zeit das Blaue vom Himmel herunter prophezeien.
Israel ist damals in einer Phase in der es sich stark fühlte und glaubte, es sogar mit den Babyloniern aufnehmen zu können. Und die falschen Propheten, die Gegner Jeremias weissagen dem Volk eine bessere Welt.
Wie sagt eine der Fernsehmoderatorinnen am Ende jeder Sendung: Alles wird gut!
Jeremia sagt: Von Wegen! Ihr erzählt den Menschen, was ihr euch erträumt und gebt das dann als Botschaft Gottes aus. Die Heile Welt wollt ihr und nicht den Willen Gottes!
Die Heile Welt, liebe Gemeinde, die wollen wir eigentlich ja auch. Eine Welt, in der uns nichts mehr plagt und sorgt, eine Welt, in der wir glücklich und in Frieden leben.
Die Augen zu vor den Schwierigkeiten und Problemen dieser Welt – vor allem, wenn die Probleme nicht unsere Probleme sind, sondern sie weit weg in einem Winkel der Welt passieren! Was geht es uns an? Warum sollen wir uns um Menschen kümmern, die viele tausend Kilometer von uns entfernt leiden und sterben! Wir können ja doch nichts daran ändern.  – Und ! wir sind ja auch nicht schuld daran, dass es ihnen so schlecht geht! Sollen doch mal die verantwortlichen etwas tun!
Heile Welt Europa – liebe Gemeinde – wir haben doch schon genug mit unseren eigenen Problemen zu tun!
Und brauchen wir nicht selbst immer wieder auch diese Heile Welt – ein bisschen Hoffnung, ein bisschen leben?!
Also warum nicht die Welt etwas rosarot anmalen und das positive herausheben, damit das Leben leichter gelingt?
Nein sagt Jeremia im Auftrag Gottes: Ihr verkündigt und hört eure eigenen Hoffnungen und Träume und nicht Gottes Wort!
Und ich will jetzt gar nicht an die Propheten denken, die in unseren Landen aufstehen, um einen neue Wahrheit zu verkündigen und meist ist es doch eine Wahrheit, die ihnen selbst mehr Macht, mehr Achtung gibt und den eigenen Träumen dieser falschen Propheten dient!
Die Wirklichkeit Gottes ist anders, liebe Gemeinde, die Wirklichkeit dieser Welt, der Welt Gottes ist anders!
Gott lässt Jeremia ausrichten: Bin ich nur ein Gott, der nah ist und nicht auch ein Gott, der fern ist?
Eine Vorstellung, die unsere Vorstellungen von Gott radikal in Frage stellt, auf den Kopf stellt!
Leben wir Christen  nicht gerade aus dem Vertrauen, dass Gott uns in Jesus Christus nahe gekommen ist. Leben wir seit Kreuz und Auferstehung denn nicht gerade davon, dass Gott aus der Ferne in die Nähe des Menschlichen Daseins gekommen ist? Reden wir denn nicht gerade davon, dass Gott in Jesus Christus unser Leben geteilt hat, auf unseren Strassen gegangen ist, Hunger und Durst erlebt und zum Schluss auch den Tod erlitten hat??!!
Und nun will er doch der ferne Gott sein?
Da taucht plötzlich eine völlig neue Sicht Gottes auf. Hier ist nicht mehr nur vom lieben Gott die Rede, liebe Gemeinde, hier ist nicht mehr die Rede von dem Gott, den wir in unsere Welt und in unseren Alltag so eingepasst haben, dass er passt, dass er uns passt. Nein, liebe Gemeinde, durch Jeremia kommt  hier der Gott zu Wort, der nicht mehr nur benutzbar ist für unser Leben, für unsere Pläne, für unseren Wohlstand, für unsere Art und Weise des Lebens.
Hier kommt der Gott zur Sprache, der uns Menschen gegenübersteht, der Gott, der diese Welt gebaut hat durch sein allmächtiges Wort, der auch uns ins Lebens gerufen hat und der uns nun gegenübersteht mit seinem Willen und mit seiner Macht.
Ja, liebe Gemeinde – in unserer christlichen Tradition gerade der letzten zwanzig Jahre haben wir Gott zu uns auf die Erde geholt, in unser Leben geholt. Wir sprechen eigentlich fast nur noch von Jesus Christus – ja eigentlich nur noch von Jesus, der uns nahe, ja sehr nahe ist. Er wird zum guten Freund, ja fast zum Kumpel, der alles verzeiht und alles mitmacht. Er ist der liebe Jesus, der nichts krumm nimmt und immer da ist.
Wenn wir so von Gott reden, verliert sich leicht, ja fast zu leicht, dass Gott uns in mehreren Dimensionen gegenübertritt und begegnet.
Gott ist – und bleibt -  der allmächtige Schöpfer dieser Welt, dessen Zorn die Erde vernicht kann. Gott ist der, der uns Menschen gesagt hat, was sein Wille ist – diese Erde zu bewahren und in Frieden untereinander zu leben. Und -  vor allem - will Gott auch geachtet und verehrt werden. und dieser Gott ist erst einmal ein ferner Gott, der nicht in unsere Pläne passt. Dies ist ein Gott, der sich unseren Machenschaften entzieht und nicht Handlanger für unsere Ziele ist. Das ist nicht der Gott, den wir benutzen können für unsere eigenen Ziele und Absichten – nicht selten zu unserem eigenen Vorteil und zu Lasten anderer.
Dieser Gott entzieht sich. Er segnet nicht Waffen, mit denen Menschen sich gegenseitig umbringen. Dieser Gott entzieht sich. Er verheißt nicht paradiesisches Glück für Menschen, die andere im Namen Gottes foltern oder in die Luft sprengen, oder sie um irgendeiner Idee willen durch Strassen jagen und zu Tode prügeln. Nein, dafür ist Gott nicht zu haben und dafür gibt er nicht die Rechtfertigung!
Diese Dimension des fernen Gottes, der uns gegenübersteht und seinen Willen von uns einfordert sehen wir nicht so gerne, liebe Gemeinde, denn dieser Gott ist ein unbequemer, ein fordernder Gott. Und er hilft uns nicht, unseren Lebensstil und unseren Lebensstandart zu halten, sondern er weist uns auf unsere Verantwortung für Menschen hin, die in weit schrecklicheren Bedingungen leben, als wir es uns vorstellen können.
Vor diesem fernen Gott können wir nur kapitulieren und eingestehen, dass wir es nicht schaffen werden, seinen Willen zu tun.
Und dann – erst dann kann uns auch wieder der nahe Gott entgegen kommen, der uns aufrichtet und ermutigt, die nötigen Schritte zu tun!
Gott sei Dank! Amen

Fastenpredigt 2008 von Herrn Sandermann

Der Predigttext für die heutige Predigt steht im Buch Könige 1, Kapitel 19, Vers  1-9.
 
 
Ahab erzählte Isebel alles, was Elija getan, auch dass er alle Propheten mit dem Schwert getötet habe. Sie schickte einen Boten zu Elija und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mir dies und das antun, wenn ich morgen um diese Zeit Dein Leben nicht dem Leben eines jeden von ihnen gleich mache. Elija geriet in Angst, machte sich auf und ging weg, um sein Leben zu retten. Er kam nach Beerscheba in Juda und ließ dort seinen Diener zurück. Er selbst ging eine Tagesreise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben, denn ich bin nicht besser als meine Väter. Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss!  Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin. Doch der Engel des Herrn kam zum zweitenmal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für Dich. Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch die Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb. Dort ging er in eine Höhle, um darin zu übernachten. Doch das Wort des Herrn erging an ihn: Was willst Du hier Elija?
 
 
Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext berichtet von einer Flucht nach einer Gewalttat, einer Straftat. Der, der hier auf der Flucht ist, ist kein geringerer als Elija, einer der bedeutendsten Propheten und Gottesmänner des Alten Testaments. Er ist getrieben von der Angst vor Isebel, der Gattin des Königs Ahab, die ihm nach dem Leben trachtet, aber auch von seinem Gewissen. Die Tat lastet schwer auf ihm und er versucht sich vor Gott und der Welt zu verbergen. Was war geschehen?
 
 
König Ahab von Israel hatte die Tochter des Königs von Sidon namens Isebel, eine Phönizierin geheiratet. In Phönizien huldigte man dem Baal, einem Fruchtbarkeits- und Unterweltgott, und Ahab übernahm diesem Kult gewissermaßen als Staatsreligion. Er ließ dem Baal Altäre und in Samaria sogar einen Tempel bauen. Dies missfiel Gott und so sandte er seinen Propheten Elija zu Ahab, um diesen und sein Volk zur Umkehr zu bewegen. Als dies zunächst misslingt, fordert Elija 450 Baalspriester zu einem Zweikampf der Gottheiten auf dem Berg Karmel heraus, um zu zeigen, dass nur Gott Jahwe lebendig und mächtig ist. Elija behauptet, dass nur sein Gott in der Lage sei, einen Brandopferaltar zu entzünden, ohne dass ein Mensch ein Feuer hineinwirft. Und so geschieht es. Während Baal trotz der Anbetung durch 450 Baalspropheten ohnmächtig bleibt, entzündet Gott den Brandopferaltar des Elija. Die Menschenmenge, die das Ereignis beobachtet hatte, viel darauf hin nieder und bekannte sich zu Jahwe als Gott.
 
Bis hierher wird wohl niemand einen Zweifel daran haben, dass Elija den Auftrag Gottes erfüllt hat. Die Menschen hatten sich zu Gott bekehrt. Doch nun geschieht etwas Unerwartetes, augenscheinlich Unnötiges und Ungerechtfertigtes. Juristen würden hier von einer Exzesshandlung sprechen. Elija fordert die Menschenmenge auf, die Baalspriester zu töten. An diesem Tag werden 450 Menschen von einer fanatisierten Menge umgebracht.
 
Aus unserer heutigen  strafrechtlichen Sicht hat sich Elija hier der Anstiftung zum Totschlag in 450 Fällen, des besonders schweren Falls des Landfriedensbruches, ja sogar der Volksverhetzung schuldig gemacht.
 
Diese Schuld trägt Elija mit sich. Sie lastet auf ihm, als er unter dem Ginster sitzt, und nicht mehr leben will. „Ich bin nicht besser als meine Väter“ sagt er zu Gott und meint damit seine von Gott abtrünnigen Vorfahren.
 
Aber Gott gibt ihn nicht auf. Er unterstützt ihn, stärkt ihn körperlich und geistig und stattet ihn später sogar mit neuen Aufträgen aus.
 
 
Ich finde den Predigttext auf den ersten Blick befremdend. Gott unterstützt einen Menschen, der in seinem Auftrag unterwegs war, und in diesem Zusammenhang zur Tötung von Menschen, von Andersgläubigen, aufgerufen hat, wodurch Hunderte den Tod gefunden haben. Gut, Gott unterstützt ihn auch auf seiner Flucht vor Isebel, deren Rachebedürfnis gleichermaßen als nicht achtenswert anzusehen ist. Aber nicht nur. Gott baut Elija wieder auf, rüstet ihn aus und gibt ihm die Vollmacht, weiter in seinem Namen tätig zu sein.
 
Da drängt sich doch die Frage auf, ob es vor Gott einen Unterschied zwischen guter Gewalt und böser Gewalt gibt. Ob gar der Zweck die Mittel heiligt, jedes Mittel sogar?
 
Wie steht Gott zur Gewalt?
 
Einer der Grundfragen unserer heutigen Zeit, in der Gewalt, auch und gerade religiös motivierte Gewalt, Gegenstand der täglichen Nachrichten ist.
 
Welche Folgen die Annahme hat, Gott rechtfertige oder befürworte die Gewaltausübung gegen Sachen und Menschen im Dienste des rechten Glaubens, wird uns nahezu täglich vor Augen geführt.
 
Doch wir dürfen unseren Blick nicht nur auf die islamistischen Gewalttaten richten, die derzeit hohe Sachschäden anrichten und Menschenleben fordern. Auch und gerade die Geschichte des Christentums ist geprägt von religiös motivierter oder gerechtfertigter Gewalt. Denken wir an die Kreuzzüge gegen die „ungläubigen“ Sarazenen, wie man die Mohammedaner im Mittelalter nannte, die Tausenden von Menschen, unter ihnen Frauen und Kindern das Leben kosteten. Denken wir an den dreißigjährigen Krieg, einen grausamen  Krieg,  in dem Christen beider Konfessionen so rücksichtslos aufeinander einschlugen, dass auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik die Bevölkerung auf zwei  Drittel ihres Vorkriegsbestandes dezimiert wurde. Verdrängen wir auch nicht die Verfolgung von Kirchenkritikern und Andersdenkenden, die auf Scheiterhaufen endeten, wie Jan Hus, dessen Tod die Husitenkriege auslöste. Und rufen wir uns in das Gedächtnis, dass vor nur wenigen Jahren mitten in Europa, in Nordirland, sich  Protestanten und Katholiken hasserfüllt nach dem Leben trachteten.
 
Wie steht Gott zur Gewalt?
 
Ich möchte hierzu drei Thesen aufstellen, für deren theologische Richtigkeit ich allerdings keine Gewähr bieten kann.
 
1.              Gewalt gehört seit Beginn der Menschheitsgeschichte untrennbar zu menschlichen Gesellschaften, Gemeinschaften und Beziehungen dazu. Sie ist ein notwendiger Teil der menschlichen Natur, mit dem wir, aber auch Gott als Faktum umzugehen haben.
 
2.              Gewalt ist nicht nur ein Ausdruck des menschlichen Aggressionsverhaltens, sondern hat eine eigene innere Logik.
 
3.              Gott, Christus, zeigt uns den Weg, wie wir  die  Logik der Gewalt überwinden können.
 
 
 
1. Gewalt gehört seit Anbeginn zum Menschen als sozialem Wesen dazu.
 
Die biblische Geschichte der Menschheit beginnt mit einer Gewalttat. Nur wenige Verse nach der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies berichtet die Bibel von der ersten Straftat der Menschheit. Kain erschlägt seinen Bruder Abel aus Eifersucht. Kain konnte es nicht ertragen, dass Abel scheinbar von Gott bevorzugt wurde.
 
Warum aber beginnt die Geschichte der Menschheit in der Bibel mit einer Crime-Story. Ist es nur ein Mythos, von dem die Verfasser der Genesis hier berichten? Ich denke es ist mehr. Mit dem Bericht von der gewaltsamen Konfliktlösung wird eines, wenn nicht das Urproblem der Menschheitsgeschichte vor Gott als Richter gelegt. Mit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies, gewissermaßen mit seiner Degradierung zu einem Naturwesen mit Bedürfnissen, Trieben und Affekten hat auch Gewalt in das Verhältnis der Menschen Einzug gehalten. Und Gott stellt sich in der Geschichte von Kain und Abel erstmals dem Problem zwischenmenschlicher Gewalt. Gott verurteilt die Gewaltausübung, er verurteilt Kain, wenn schon nicht zum Tode, doch zu einem Leben mit einem sichtbaren Makel.
 
Doch worin hat die Gewalt ihre Wurzeln?
 
Die Lebensform in sozialen Verbänden bringt es mit sich, dass der Einzelne im Hinblick auf seine Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten in Konkurrenz mit anderen Mitgliedern der Gemeinschaft und Gesellschaft steht. Wir haben dabei – wie Kain – das Problem, uns als Individuen gegenüber anderen zu behaupten oder gar durchzusetzen. Die Natur hat uns dazu mit der Fähigkeit zur Aggression, dem nach Freud und Lorenz sog. Aggressionstrieb,  ausgestattet,  der uns befähigt, Energien aufzubringen, um uns in sozialen Verbänden nach unseren Möglichkeiten als Individuen zu entwickeln.
 
 
Gleichwohl muss der Aggressionstrieb in sozialen Verbänden diszipliniert oder kultiviert werden. Denn eine Ausformung des Aggressionstriebs ist Gewalt gegenüber Sachen oder anderen Menschen.
 
Es muss als eine der größten Kulturleistungen der Menschheit angesehen werden, Systeme der Kontrolle und der Sanktion entwickelt zu haben, um den Aggressionstrieb des Menschen in sozialen Verbänden sozialverträglich zu steuern. Eines der wichtigsten ist die Schaffung einer Rechts-, insbesondere Strafrechtsordnung, die sozialunverträgliches Aggressionsverhalten verhindert oder unterbindet. Bereits in archaischen Gemeinschaften und Gesellschaften finden sich Normen, deren Zweck es ist, sozialunverträgliches Aggressionsverhalten zu unterbinden oder wenigstens zu beschränken. Eines der bekanntesten ist das alttestamentarische talionische Rechtsprinzip, das „ius talionis“. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Es handelt sich hier nicht – wie ein weitverbreitetes Missverständnis annehmen lässt –  um einen Aufruf zur Rache an einem Täter, sondern vielmehr um einen Rechtsgrundsatz, der die damals unter nomadischen Stämmen geübte Sippenrache eindämmen sollte, bei der die Verletzung eines Stammesmitgliedes durch das Mitglied eines anderen Stammes oftmals zu ausufernden Racheaktionen und nicht selten zur Ausrottung eines Stammes oder zur gegenseitigen Vernichtung führte. Das „ius talionis“ richtet sich an den Richter, der zur Streitbeilegung angerufen werden konnte und der das Maß der Sühne festlegte.
 
 
 
 
2. Die Gewalt ist aber nicht nur Ausdruck des menschlichen Aggressionstriebes, sondern hat eine eigene innere Logik.
 
Gewalt ist  aber nicht nur ein unmittelbarer Ausdruck des jedem Menschen innewohnenden Aggressionstriebes, sondern Gewaltausübung hat eine eigene innere Logik hat. Die Art und Ausprägung aggressiven Verhaltens wird sozial gelernt und deren Logik von Generation zu Generation mit wenigen Abweichungen weitergegeben.
 
Die Logik der Gewalt hat dabei die Grundsätze:
 
1.        Übe Gewalt, wenn Du Dich damit durchsetzen kannst und „ungestraft“ davonkommst.
 
2.        Gewalt erzeugt/erfordert Gegengewalt und umgekehrt.
 
Für den Aggressor bedeutet dies: Wenn Du Gewalt ausübst, dann tue dies so, dass als Reaktion keine Gegengewalt erfolgen wird oder kann.
 
Für den Angegriffenen bedeutet dies: Wehre Dich und wenn du dich wehrst, so tue dies so, dass der Angreifer nicht zu einer nochmaligen Gewaltausübung bereit oder fähig ist.
 
Die Schlussfolgerung hieraus ist, dass in einem gewaltbereiten oder von Gewaltausübung bestimmten Umfeld das Maß an Gewalt und Gegengewalt mit dem jeweils eingesetzten Mitteln zunimmt und dass derjenige der am Ende obsiegt, sich – zumindest kurzfristig – durchgesetzt hat.
 
Der Zeitfaktor ist der Logik der Gewalt immanent. Gewaltausübung, wenn sie zum Ziel führt, hinterlässt Wunden, Verletzungen, Wut, Trauer und Hass. Dies merkt nicht nur Elija, der sich nach der Tötung der Baalspriester vor den Häschern der aufgebrachten Isebel verstecken muss. Hierfür gibt es unzählige Beispiele in der Geschichte der Menschheit und auch Beispiele in unsere Erfahrungswelt. Gewalt vermag den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt in den meisten Fällen nicht dauerhaft zu beenden. Vielmehr sät sie die Saat für weitere gewaltsame Auseinandersetzungen.
 
Der Grund liegt darin, dass Gewaltausübung den Menschen im Inneren nicht verändert,  sondern unser archaisches Aggressionsverhalten und die erlernte Logik der Gewalt in Gang setzt oder hält.
 
Die Logik der Gewalt halten wir auch dann in Gang, wenn wir auf Gewalt mit Gegengewalt reagieren. Gegengewalt in diesem Sinne üben wir auch im Strafrecht aus. Strafrechtliche Sanktionen sind Maßnahmen, mit denen auf den Täter Zwang und Druck ausgeübt werden soll, damit dieser das gezeigte Verhalten nicht wiederholt. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der abschreckenden Wirkung der Strafe.
 
Manchmal genügt die einmalige strafrechtliche Sanktion, um die Karriere als Gewalttäter zu beenden. In der Regel aber sind gerade gewaltausübende Straftäter Mehrfachtäter. Nicht wenige haben ein bis in Jugendjahre zurückreichendes Strafregister. Die wiederholte Verurteilung zu – in solchen Fällen nur noch in Frage kommenden Freiheitsstrafen - ist auch vom Strafzweck her gesehen, mehr als unbefriedigend.
 
Das auf der Logik der Gegengewalt aufbauende Strafrechtssystem gerät hier an seine Grenzen. So bleibt Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten oftmals nur übrig, notorische Gewalttäter nach der Tat wieder für kürzere oder längere Zeit aus dem Verkehr zu ziehen, ohne das Problem an der Wurzel packen zu können.
 
 
 
3. Gott, Christus, zeigt uns den Weg wie wir die Logik der Gewalt überwinden können.
 
Jesus setzt der Logik der Gewalt ein Paradoxon, etwas, das neben bzw. gegen die öffentliche Meinung steht, etwas scheinbar Widersprüchliches, entgegen. In der Bergpredigt, Matthäus Kapitel 5 Verse 38 – 44, können wir lesen:
 
„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Auge für Auge, Zahn für Zahn. Ich aber sage Euch:  Leistet dem, der Euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn Dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin. ….Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hassen. Ich aber sage Euch: Liebt Eure Feinde und betet für die die Euch verfolgen.“
 
Eine ganz schöne Zumutung, was Jesus hier von uns verlangt. Will Jesus allen Ernstes von uns, dass wir jeden Angriff ohne Gegenwehr über uns ergehen lassen? Dürfen wir uns nicht zur Wehr setzten, nicht einmal schützen?
 
Ich denke – ohne jede theologische Gewähr – dass es Jesus hier um etwas anderes geht. Es geht Jesus darum, die Logik der Gewalt, den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt zu beenden. Aber nicht nur. Es geht Jesus auch um unsere innere Verfassung. So sagt Jesus am Ende dieses Kapitels zur Begründung seiner Forderung: „Ihr sollt so vollkommen sein, wie es auch Euer himmlischer Vater ist“.
 
Es geht also – zumindest auch - um unsere Vollkommenheit, damit auch um unsere seelische Verfassung im Sinne eines Ganzseins, Heilseins. Gewalterfahrung verändert den Menschen. Ob man nun Täter ist oder Opfer, wobei die Kriminologie gezeigt hat, dass die meisten Gewalttäter selbst früher Opfer von Gewalt waren.  Gewalt pflanzt sich fort, wächst: Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Gewalt macht unversöhnlich, beendet jede Verständigung zwischen Täter und Opfer. Die Logik der Gewalt macht dauerhaft kommunikationsunfähig und dies führt letztlich auch mit dazu, dass sich Täter und Opfer nicht mehr als achtenswert betrachten. Der Täter sieht das Opfer nicht mehr als Menschen mit einer Würde und einem Recht auf körperliche Unversehrtheit. Das Opfer den Täter nicht mehr mit seiner Geschichte. Dies kann soweit gehen, dass einer den anderen nicht mehr als Mensch betrachtet, ihm sein Menschsein aberkennt.
 
Jesus setzt dieser Logik der Gewalt die Anerkennung auch des Täters als Menschen entgegen. Dies verändert das Opfer von Gewalt und – zumindest mittelfristig – auch den Täter.
 
Nach meiner beruflichen Erfahrung sind Täter von Gewaltstraftaten keine Unmenschen, aber meist Menschen in einer besonderen Lebenssituation. Die Lebenssituation  des Täters ist für die meisten Gewaltstraftaten entscheidender als der Charakter des Täters.  Gewaltstraftaten werden nicht selten begangen von Menschen, die in innerer und/oder äußerer Isolation leben, Menschen die sich nicht angenommen fühlen und in der Gewalt einen Weg sehen auf sich und ihre Probleme aufmerksam zu machen, Menschen, die für sich und ihr Leben keinen anderen Weg, bzw. Ausweg sehen.
 
Wie dargelegt, ist auch die Strafrechtspflege letztlich von der Logik der Gewalt bzw. Gegengewalt beherrscht. Menschen werden gezwungen für ihre Taten Geldstrafen zu bezahlen oder eine Haftstrafe zu verbüßen. Nicht zuletzt sprechen wir auch in diesem Zusammenhang vom Gewaltmonopol des Staates. Die Strafrechtspflege kann daher auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
 
Wenn wir auf Jesus hören, müssen wir den Gewalttäter oder gewaltbereiten Menschen – so sehr dies im Einzelfall auch schwer fallen mag – annehmen, besser gesagt, uns um ihn annehmen. Wir müssen seine Lebensumstände kennenlernen, wissen wann er Gewalt anwendet und warum, und herausfinden, wie wir mit ihm ins Gespräch kommen können. Wir müssen ihn in die Gemeinschaft hineinnehmen, ihm dabei aber auch klar machen, dass gewaltsames Verhalten nicht hingenommen werden kann.
 
Wir wissen, dass durch das psychologisch begleitete sog. Anti-Aggressionstraining, das vor allem im Jugendstrafrechtsbereich zur Anwendung kommt, die Rückfallquote gegenüber dem reine Strafvollzug ohne Anti-Aggressionstraining deutlich reduziert werden kann.
 
Wir wissen, dass Gewaltstraftaten, die entgegen dem allgemeinen Trend in der Kriminalitätsentwicklung – vor allen bei Jugendlichen – an Häufigkeit und Brutalität zunehmen, von Menschen begangen werden, die in gesellschaftlichen Randgruppen leben, oftmals ohne eine Chance zur geglückten Persönlichkeitsentwicklung oder einem geglückten Leben in befriedigenden sozialen Beziehungen.
 
Wenn wir diese Menschen im Sinne von Gewaltprävention erreichen wollen, dann haben wir zu dem Paradoxon Jesu keine Alternative. Als Christen ohne hin nicht. Wir müssen als Einzelne, aber auch gesellschaftlich auf die Täter zugehen, das kostet Zeit, das kostet Geld und das kostet Überwindung. Überwindung von Vorurteilen, Rachegefühlen, aber auch des subjektiven „Gerechtigkeitsgefühls“.
 
Aber wir haben zu diesem Weg keine Alternative.
 
Zum einen können wir weder individuell noch gesellschaftlich  - zumindest mittel- bis langfristig –  Gewalt nur durch Gegengewalt bekämpfen.  Überwachung der Einhaltung von Gesetzen  und Strafrechtspflege  sind für komplexe Gesellschaften unerlässlich, vermögen jedoch für sich allein Gewalttaten nicht dauerhaft zu beseitigen. Dies gilt für die zunehmende Jugendgewalt, die mit einer Verschärfung der Gesetze nicht in den Griff zu bekommen sein wird, genauso wie für die Kriege im Irak, in Afghanistan und auf dem afrikanischen Kontinent. Den Täter, den Feind als Mensch annehmen, mit ihm ins Gespräch kommen und im Gespräch bleiben, kann dagegen dauerhaft Gewaltfreiheit und Frieden fördern und herbeiführen. Dies mag im Einzelfall kurzfristig nur schwer umsetzbar sein, muss jedoch bei allen Bemühungen gegen Gewalt handlungsleitend sein.
 
Zum anderen beschädigt die Logik der Gewalt auch unsere seelische Unversehrtheit. Gewalt verletzt, verunsichert, verhärtet, das Opfer wie den Täter, der – wie Elija – mit der Angst vor Gegengewalt und seinem Gewissen zu kämpfen hat. Wenn wir heilsein wollen, müssen wir uns der Logik der Gewalt entziehen. Dies ist die Botschaft des Paradoxon Jesu, der uns dadurch die Haltung unseres Gottes zur Gewalt übermittelt.
 
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Amen.
 
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.
 
Amen.

Fastenpredigt von Fr. Berlinghof

Liebe Gemeinde,
 
als ich meine Einladung zur heutigen Fastenpredigt las, war dort die Frage formuliert, was sagt Ihnen als Christin dieser Bibeltext persönlich ? Und in mir kamen Erinnerungen an meine Jugend, an meine Kindheit und Erziehung, an meine Familie hoch, in der es gar nicht selbstverständlich war, dass ich zum christlichen Glauben finden würde und ich mich für eine Zugehörigkeit zur evang.-lutherischen Kirche entscheiden würde.
Mein Vater war und ist bekennender Atheist, dessen wichtigstes Erziehungsziel es war, seine Töchter vor der verdummenden Wirkung der Religionen zu bewahren. Wir wurden dazu erzogen kritisch gegenüber Macht- und Herrschaftsansprüchen religiöser Führer und Agenturen zu sein. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich mit ungefähr sieben Jahren zum ersten Mal mit meinem Vater in der Lorenzkirche war und er mir etwas über Kirchenkunst, Epochen und Kirchengeschichte erzählte und mich fragte, ob mich diese Kirche beeindrucken würde. Ich sagte ja, sehr! Ich fände sie schön! Darauf meinte mein Vater, dass diese wunderschöne Kirche auf der Grundlage mittelalterlicher Ausbeutung errichtet worden sei, dass dies „Blutstein“ sei und vor allem Kinder der Leibeigenen in Hunger, Elend und Unterdrückung leben mussten, damit Kirche ihre mittelalterliche Machtdemonstration finanzieren konnte. Mein Vater vermittelte mir damals mich vor Theologen ganz besonders in Acht zu nehmen. Sie würden Moralregeln aufstellen, anderen Schuld und Sühne predigen, damit Minderwertigkeitskomplexe schüren und sich für die Unterdrückung der Mädchen und Frauen stark machen, selbst aber, würden sie ihre eigene kollektive Schuld als Kirche niemals eingestehen. Und er spannte einen langen Bogen der Kriminalgeschichte des Christentums von der Hexenverfolgung bis hin zur Rolle der Deutschen Christen im Nationalsozialismus. Seine Botschaft an mich war glasklar: Weil wir in unserer Familie die Menschenrechte wahren, gerade deshalb werden wir keine Christen sein. Die Kirche wäre nicht meine Heimat und kein Platz an den ich, seine Tochter hingehören würde.
Bibellesen war mir bis zu meiner Pubertät daher etwas Fremdes. Wir hatten auch keine zu Hause. Als ich älter wurde, hatte ich beschlossen, dass ich nicht ablehnen könnte, was ich gar nicht kenne. Also kaufte ich mir von meinem Taschengeld meine erste Bibel, die ich heute dabei habe und aus der ich Ihnen den heutigen Predigttext vorlesen werde. Ich fing an mit den Augen meiner Erziehung und meiner damaligen Erfahrungswelt die Bibel zu lesen. Mein Ziel war klar. Ich wollte die Bibel mal eben durchlesen. Das Bibellesen und Verstehen war auf diesem Hintergrund für mich sehr schwer.... ich fing Vorne an und fand` s schlichtweg langweilig... dann versuchte ich es von Hinten nach Vorne... wir saßen damals im Chaihaus des Komm. Bagwan war gerade „in“ und viele verehrten Gurus aus Indien und ich las „Offenbarung des Johannes“.... und dachte nach einer Weile, meiner damaligen Erfahrungswelt folgend... der hat einfach zu viel gekifft und ist auf einem „Tripp hängengeblieben“, deshalb schreibt der so wirres Zeugs.... anders konnte ich mir damals diese Bildsprache nicht erklären.... dann versuchte ich es mal mit der Mitte der Bibel.... Bergpredigt.... fand ich gut.... passte irgendwie zur damaligen Hippiebewegung ...love and peace and happyness....Die Frage gibt es Gott oder nicht und ist er oder sie oder es wichtig für den Sinn meines Lebens und was ist denn überhaupt der Sinn meines Lebens? Diese Frage und dieses Suchen ließ mich lange Zeit nicht los. So gründete ich mit anderen im Komm, einem selbstverwalteten Jugendzentrum die Gruppe ESRA. Wir experimentierten damals einfach mal. Was passiert denn, wenn wir beten?...Wenn wir von Wundern in der Bibel durch Segnung und Handauflegung gelesen hatten, dann hatten wir das damals einfach auch mal ausprobiert... Wir waren überzeugt Gott existiert und wir würden nun Gotteserfahrungen gewinnen können.
Im „Komm“ begegnete ich dann eines Tages dem ersten Ladenpfarrer Andreas Ebert aus der damaligen, neu gegründeten Basisgemeinde LOLA. Der Ladenpfarrer Andie hatte von uns gehört und kam zu uns ins Komm– nicht wir zu ihm in die Kirche.... Der Ladenpfarrer Andreas Ebert stellte sich damals unserem spirituellen Suchen und auch all unserer Kritik, die wir alle ganz massiv an der institutionalisierten Staatskirche hatten. Er und unsere damaligen Ladengottesdienste haben ganz entscheidend meinen Zugang zur Bibel bis heute geprägt und auch überhaupt ermöglicht.
 
Diese Erinnerungen kamen mir, als ich die Frage las, was sagt mir der Bibeltext zu Fastenzeit unter dem Thema „Auge um Auge, Zahn um Zahn, die Gewalt in unserer Gesellschaft.“
 
Ich habe in dieser langen Zeit der Auseinandersetzung und Suche die Erkenntnis gewonnen, dass wir andere Religionen, andere Kulturen und Epochen nur aus sich selbst heraus verstehen können. Wir müssen versuchen, die eigene Brille unserer Kultur und Sozialisation abzunehmen.
 
Jesus greift in unserem Bibeltext die Pharisäer an, eine von vielen Strömungen und Richtungen der damaligen Judentümer...“jüdischer Pharisäer“ dieser Begriff steht in unserer heutigen Kultur beinahe im Rang eines Schimpfwortes.... es ist jedenfalls kein Kompliment, wenn uns jemand vorwirft ein „Pharisäer, ein Jude“ zu sein.
 
Nehmen wir also unsere abendländisch, eurozentrische Brille der Interpretation des Pharisäertums ab und fragen uns schlicht: Wer waren Sie und was wollten Sie? Die Pharisäer waren zur Zeit Jesu eine, vom Volk sehr geschätzte Laienbewegung, die sich besonders dafür einsetzen, dass die Gesetze, wie sie in den Büchern Mose stehen, genau eingehalten wurden – denn sie bezeugten engagiert, dass es ein gelingendes Leben nur im Schutzraum der Gebote Gottes geben kann. Deshalb sonderten sie sich streng von allen ab, die sich nicht an diese Gesetze und Gebote hielten. Pharisäer bedeutet übersetzt „die Abgesonderten“. Diese „ Absonderung“ hieß aber nicht, dass sie sich von den Menschen fernhielten – im Gegenteil. Man traf sie überall. Wie Jesus waren sie Mitten unterm Volk, das damals unter der Römischen Besatzung zu leiden hatte. Aus Liebe zu Ihrem Volk versuchten sie , wo sie nur konnten, Gottes Geboten Geltung zu schaffen und so auch die Identität ihrs Volkes unter Römischer Besatzung zu bewahren. Weil sie sich gut in den Büchern des Moses auskannten, nannte man sie auch „Schriftgelehrte“.
 
Zum Konflikt zwischen diesen Schriftgelehrten und Jesus kam es erstmal ganz banal auch deshalb, weil beide im Unterschied zu Sadduzäern und Zeloten sehr, sehr Nahe am Volk waren - man begegnete sich schlichtweg.
 
In unserem heutigen Bibelwort, geht dem ganzen ein Konflikt voraus, der Konflikt um das Einfinden in die Sabbathruhe und das halten des Schabath. Jesus hatte gerade am Sabbath geheilt und damit Volksmassen begeistert. Seine Jünger hatten Hunger gehabt, Ähren abgerissen und gegessen.
 
Das machte ihn und seine Jüngerinnen und Jünger in den Augen der Pharisäer unglaubwürdig. Wie kann einer im Namen Gottes Wunder vollbringen, wenn er sich selbst nicht an die schützenden mosaischen Gesetze und Gebote hält und sie sagen ihm daher: Gib uns ein Zeichen.!
Jesus sagt darauf nicht nur einfach: Nein! Er lässt sich aus sie ein und geht mit Ihnen in den Konflikt und greift sie massiv an. Je nachdem welche Bibelübersetzung wir lesen, provoziert er sie als „böse, ehebrecherisch, untauglich und treulos“  
 
Er, der Jude Jesus wirft anderen Juden vor, sie würden mit ihrer normativen Zwanghaftigkeit das Bündnis mit Gott nicht halten, sondern gerade dadurch brechen. Mit dieser paradoxen Intervention kommen wir auf den Kern. Was macht ein Bündnis zwischen Gott und seinem Volk aus? Was macht ein Bündnis zwischen Individuen, der Bund der Ehe aus? Was macht heute meine persönliche Verbundenheit und Bindung mit Jesus aus? Sind wir hier vor Ort als christliche Gemeinde Verbündete im wahrsten Sinne des Wortes?
 
Wenn wir unsere gegenwartsbezogenen Brille aufsetzen, dann haben wir hier ein „Bündnis für Familie“ oder ein „Bündnis für Arbeit“. In unserer realen, christianisierten Kultur, leben wir überwiegend nicht den „Bund fürs Leben“, sondern zunehmend die serielle Monogamie, wie SoziologInnen es nennen , will heißen, wir sind jeder/m neuen Ehepartnerin/partner auf´ s Neue treu und die Kirche benötigen wir als romantisches Setting.... Bündnisse für Arbeit oder Familie sind eher lose Zusammenschlüsse, man bekennt sich zu einem Wert, angeblich christlich z.B. dem der Familie oder man bekennt sich bei zunehmender Arbeitslosigkeit und Armut erneut zum Recht des Menschen auf Arbeit , Existenzsicherung und Gesellschaftliche Teilhabe.... Bündnisse im wirklichen Sinn sind sie nicht....sie sind eher unverbindliche Zusammenschlüsse, ein gewisses „Gutmenschentum“ ist zur Zeit einfach „in“ und gehört zur Imagepflege einfach dazu... niemand würde ernsthaft z.B. jetzt im Wahlkampf sagen, das er gegen Familie ist... für Familie und Familienfreundlichkeit und auch irgendwie für Menschenrechte sind alle und das Menschenrechte auch Frauenrechte sind, ist solange in Ordnung, solange eine tatsächliche Umsetzung nicht verbindlich, konkret und wirksam sein soll.
 
Jesus wirft denn Pharisäern vor, dass sie mit ihrem Predigen von Normen und Werten, von Geboten und Spielregeln gerade das brechen, was sie doch eigentlich erhalten wollten, das Bündnis mit Gott.
 
Brauchen wir in unserer Gesellschaft nicht Normen und Werte, Spielregen und Gebote? Predigt Jesus Anarchie?
 
Bei der Kernfrage, was das eigentliche Bündnis mit Gott ausmacht, wie wir wirklich mit unserem Gott verbunden sind, wie wir als Gemeinde, als Schwestern und Brüder in Lauf wirkliche Verbündete sind, diese Frage beantwortet Jesus mit dem Verweis auf Jona. „ So wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauche des Fisches war, so würde er drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein. Wir erinnern uns, dass Jona zwei Krisen durchlebte, die erste als er seine Berufung nicht annehmen wollte, die Menschen von Ninive zur Umkehr, zur Abkehr ihres gewalttätigen Lebens aufzufordern....ein Fremdling, der sich unter einem fremden Volk unbeliebt macht durch Moralpredigt –keine wirklich prickelnde Option .... die zweite Krise durchlebte Jona, als Gott mit Vergebung und Barmherzigkeit gegenüber dem Volk von Ninive reagierte.... „sie hatten es nicht anders gewusst“, teilt er Jona mit, aber sie waren bereit Volk und Herrscher mit samt ihren Tieren, also die gesamte Gesellschaft Buße zu tun und ihren Lebensstil und -wandel grundlegend zu ändern. Das befriedigte Jonas Strafbedürfnis nicht....Jona wollte Strafe sehe und erleben statt Gnade, Vergebung und Barmherzigkeit Gottes gegenüber diesen Sünderinnen und Sündern. Jona wollte Blut fließen sehen.
 
Jesus nimmt diese Botschaft auf und er sagt zu den Pharisäern diese Unwissenden aus Ninive, die Buße getan haben, sie werden der Maßstab sein und zugleich sagt er Ihnen, das er Jesus mehr sei als Jona.
 
Jesus kannte keine Straf- und Rachebedürfnisse uns gegenüber. Jesus hat am Kreuz unserer Schuld, unsere Unterlassungen und unsere gelebte Unverbindlichkeit auf sich genommen und damit den Bund zwischen uns und Gott ganz neu errichtet und hergestellt. Auf dieser Basis der Liebe und Barmherzigkeit, auf der Basis dieser Vergebung hat das Zeitalter des Messias, das uns Gerechtigkeit und Befreiung bringen wird begonnen. Zentral wird es nicht sein, wie wir christliche Werte und Normen definieren und  propagieren – wohlmeinend und mit guter, pharisäischer Absicht. Wirklich wichtig ist, wie wir in tatsächlicher Herzensverbindung mit unserem Gott stehen und wie wir eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus finden. Wir leben in einer Zeit der wiedererstarkenden religiösen Fundamentalismen und Glaubenskriege. Islamistische Fundamentalisten befinden sich im heiligen Krieg, Georg Bush handelte angeblich im Auftrag Gottes, als er Auge um Auge und Zahn um Zahn die „ Achse des Bösen“ in Irak bombardierte. In diesem neuen Glaubenskrieg starben und sterben immer noch Tausende von Menschen. Jüdische Zionisten errichten in Israel eine Mauer gegen Palästineser, die wiederum sich selbst und andere als religiös motiviert Gotteskrieger in die Luft sprengen. Wir erleben ganz neu einen ideologischen Missbrauch des Namen Gottes, eine postmoderne Form des Glaubenskrieges. Heute lesen wir aktuell in der Zeitung, das die türkische Armee in Nordirak einmarschiert, um die Kurden zu bekämpfen. Ich lese dies mit größter Besorgnis !!! Daher wünsche ich uns allen eine wahrhaft christliche Begegnung als wirkliche Verbündete in Liebe, Gnade und Barmherzigkeit.
Amen!   

Fastenpredigt vom 10.02.2008 in der Johanniskirche

 Fastenpredigt Jakobusbrief 1,12-18
 
Lieber Jakobus, wer immer du auch bist – unsere Theologen sind sich da nicht einig - manche glauben sogar du bist der leibliche Bruder unseres Herrn Jesus.
Lieber Jakobus, danke für deinen Brief, den du uns hinterlassen hast. Du wirst dich wundern: 2000 Jahre später haben wir gerade im Gottesdienst aus ihm vorgelesen. Heute soll ich zu deinem Brief predigen und zusammen mit den Christen in Lauf nachdenken, was er uns zu sagen hat. Gleichzeitig soll ich noch erzählen, wie es heutzutage im Jahre 2008 mit der Gewalt bei Jugendlichen ist.
Dabei ging es bei deinem Brief ja um etwas ganz anderes, nämlich um Eure Enttäuschung als Jerusalemer Gemeinde. Ihr habt damals ja geglaubt, dass Jesus bald wiederkommt - und habt darauf Euer ganzes Vertrauen gesetzt, und dann kam Jesus nicht zu Euch zurück. Ich weiß nicht, ob Ihr verfolgt wurdet oder ob Ihr Gewalt und Repressalien zu fürchten hattet. Aber es ist bekannt, dass es Spannungen zwischen Armen und Reichen in neurer Gemeinde gab. Jedenfalls haben manche von euch an Gott gezweifelt, manche haben sich überlegt, ob sie ihr Vertrauen nicht vergeblich auf Jesus gesetzt hatten.
In deinem Brief machst du ihnen Mut, ganze Sache mit Gott zu machen, sich 100-prozentig auf Ihn zu verlassen und schreibst im Vers 12
..... „Selig der Mann, dessen Glaube Festigkeit bewahrt, wenn die Welt und sein eigenes Herz ihm zu beweisen suchen, er täusche sich in seinem Vertrauen zu Gott. Er wird den Kranz des Siegers empfangen, das ewige Leben, das Gott denen versprochen hat, die ihn lieben.
Manche aus eurer Gemeinde sind noch weitergegangen und haben sich gefragt. Wer ist schuld an unseren Anfechtungen? Ist es Gott, der unseren Glauben auf die Probe stellt? Ist er es, der uns in Anfechtungen führt? Lässt Gott es zu oder macht er es sogar, dass wir angefochten werden?
Deine Position war deutlich, wenn auch andere Apostel deiner Zeit das nicht so sahen: Du hast ganz schön dagegen gewettert:
„Niemand sage, der Glaube werde durch Gott gefährdet, denn Gott selbst gerät nicht in die Gefahr, Böses zu tun, und er selbst gefährdet niemanden.“
Weißt du Jakobus, wir in Lauf haben dieses Problem nicht: wir werden als Christen nicht verfolgt, wir haben keine Nachteile zu fürchten. Und die Frage, ob Gott einen in Versuchung führt oder nicht – diese theologische Frage interessiert vordergründig niemanden.
Wir haben andere Probleme.
Von einem möchte ich Dir heute erzählen. Es geht um unsere Jugend.
Wenn du heute leben und manchen Politiker hören würdest, dann käme es dir so vor, als gäbe es im Jahr 2008 nur kriminelle junge Leute. Aber dem ist natürlich nicht so. Ich bin Rektorin einer Hauptschule, wo über 340 Jugendliche im Pausenhof und im gleichen Schulhaus mit 300 Grundschülern zusammen sind. Da geht es relativ friedlich zu - von den normalen Streitigkeiten unter Kindern mal abgesehen, aber die gab’s zu deiner Zeit, Jakobus, sicher auch schon, oder?
Und doch hat sich etwas verändert, übrigens in allen Schularten.
Einzelne Jugendliche sind tatsächlich viel brutaler und gewaltbereiter geworden, haben keine Hemmungen, andere zu verletzen; da wird weitergetreten, selbst wenn der andere am Boden liegt –Tabus wie früher gibt es nicht. Auch fremdes Eigentum wird kaputtgemacht, mutwillig zerstört, ohne ersichtlichen Anlass. Und viele haben kein Unrechtsbewusstsein, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist.
Was sich noch verändert hat, dass es aus scheinbaren Nichtigkeiten zu Gewaltakten kommt. Da schaut einer komisch ... und schon ist ein Streit im Gang.
Wie gesagt, es sind nur einige junge Leute, die wirklich große Probleme haben, mit ihren Aggressionen klarzukommen. Sie richten ihre Aggression gegen Mitschüler oder gegen Sachen wie Toiletten, aber manchmal auch gegen sich selbst: Sie ritzen sich an den Armen, bis es blutet oder wollen beim Komasaufen erste sein.
Warum werden Jugendliche gewalttätig und tun Dinge, die absolut nicht in Ordnung sind? Wie kommt es zu schlimmen Taten? Wer ist schuld? die Jugendlichen?, die Schule, die Eltern, die Gesellschaft oder gar Gott?

Du Jakobus  kommst in deinem Brief auch darauf zu sprechen, wie es zu bösen Taten kommt – Entschuldige, wenn dein tolles Griechisch in einer sehr modernen Übersetzung zitiert wird. Da heißt es im Vers 14 und 15:


Was dazu verführt, Mist zu bauen


„V14/ Wenn wir verführt werden, dann kommt das immer aus uns selber raus, aus unseren eigenen inneren Wünschen und Gedanken. V15/ Geben wir dem nach, dann kommt nach dem Wunsch die böse Tat. Und die Konsequenz aus der Tat ist der Tod.“
„Was dazu verführt, Mist zu bauen“ kommt aus dem Herzen des Menschen - behauptest du.
Einerseits gebe ich dir recht.
Auch wenn wir keine Mörder sind: Unser Herz ist manchmal eine Mördergrube.
In unseren geheimsten Gedanken haben wir alle schon mal gedacht: „Ich könnt ihn umbringen!“ oder „Der gehört „gschlagn“!!!“ Da müssen wir alle froh sein, dass wir noch eine Hemmschwelle hatten, dass es nicht zur bösen Tat oder gar zum Tod gekommen ist.
Andererseits Jakobus, machst du dir es da nicht ein wenig einfach? Ist es nur ein individuelles Problem?
Vielleicht muss ich Dir erzählen, wie es bei uns in Deutschland aussieht im Jahre 2008-
da gibt es vieles, womit Du in der Jerusalemer Gemeinde so um 50 nach Christus nicht konfrontiert warst!
 
Du siehst, Jakobus, Gewalt von Jugendlichen ist nicht nur ein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem. Und Gewalt ist nur ein Symptom einer gesellschaftlichen Krise, und auch einer religiösen Krise, die viel tiefer greift als wir es ahnen.
Weißt du Jakobus: Dass Kinder keinen Bock haben, sich aufgeben, dass Jugendliche keine Ziele verfolgen, keinen Sinn in ihrem Leben sehen, ihren Platz finden in der Gesellschaft nicht finden - das ist in meinen Augen ein ebenso schlimmes  Problem wie Gewalt und vielleicht sogar eine der Ursachen!
 
Eigentlich müssten wir vorher ansetzen, bevor Kinder so entmutigt und frustriert sind, dass sie gewalttätig werden. Denn Gewaltprävention ist besser als Strafe!
Und da Jakobus – spricht mich ein Satz in deinem Brief besonders an. Du schreibst:
„So sind wir neue Menschen geworden: seine -  Gottes -  Kinder! Denn er wollte uns den höchsten Rang geben unter allen seinen Geschöpfen.“
Unsere Kinder und Jugendlichen haben - so wie wir - den höchsten Rang unter allen Geschöpfen.
Das sollten wir als Eltern, Großeltern, Lehrer, Jugendleiter, Pfarrer Gemeindeglieder immer wieder aussprechen, zusprechen:
Du, Simone,  bist wertvoll! - Florian, Du bist wichtig! Tony, Du bist ein geliebtes Kind Gottes! Sarah, das hast Du echt gut gemacht! David, Gott hat einen Plan für Dein Leben!
Wir sollten diese Wertschätzung aber nicht nur immer wieder aussprechen, sondern auch durch konkrete Hilfen und Angebote vermitteln, um Gewalt vorzubeugen.
 
Sieben Impulse zur Gewaltprävention und – das sei in der Fastenzeit erlaubt - gleichzeitig Anfragen an uns Christen!
1.Impuls: Vorbild sein
„Ein Vorbild dringt tiefer als Worte“
Erinnern Sie sich an den foulenden Fußballspieler?
Jugendliche beobachten sehr genau, welche Werte wir ihnen vorleben, nicht mit Worten, sondern mit Taten.
Sie schauen genau hin, welche Fernsehsendungen wir anschauen. Fernsehfasten, Ablehnung von rassistischen, gewaltverherrlichenden Programmen z.B. durch Leserbriefe an die Programmredaktionen wären ein möglicher Schritt gegen Gewalt.
Letzte Woche fand ein Elterngespräch statt, weil einer unserer Schüler andere ständig bedroht und schlägt. Der Vater schüttelte den Kopf  und sagte dann: „Da wo ich herkomme, wäre das nicht passiert – da hätte ich ihm.....– aber in Deutschland darf man das ja nicht.“ Ein Vorbild dringt tiefer als Worte! Schläge sind kein Erziehungsmittel. - Ein geschlagenes Kind schlägt andere!
Anfrage: Sind wir Erwachsenen gewaltfrei  in unseren Worten, Taten und  Gedanken?
 
2. Impuls: Kindern Zeit und Aufmerksamkeit schenken
Am letzten Sonntag gingen mein Mann und ich spazieren und wir sahen viele Familien mit kleinen Kindern unterwegs. Die Eltern verbrachten ihre Zeit mit ihren Kindern, obwohl sie vielleicht lieber einen Nachmittagsschlaf gemacht hätten. Sie lachten, hatten Spaß, haben Tiere beobachtet und gemeinsame Erfahrungen gemacht. Ein kleiner Schritt zur Gewaltprävention!
Außerhalb des Elternhauses soziale Erfahrungen mit Gleichaltrigen machen in der Krabbelgruppe, in der Jungschar, im Kindergottesdienst, bei Abenteuerland oder bei TenSing  - auch hier wird Kindern Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt. Gewaltprävention. Aber es fehlen Mitarbeiter!
Anfrage: Wer engagiert sich hier als Mitarbeiter?
 
3. Impuls: Für Jugendliche da sein in der Kirchengemeinde
Als ich jung war, gab es eine Jugendleiterin, die sich für uns Pubertierende Zeit nahm und durch manche Höhen und Tiefen begleitete, uns herausforderte, ermutigte, kritisierte, provozierte, uns mit Gott bekannt machte.
Anfrage: Wo finden junge Menschen in unserer Gemeinde zuverlässige Menschen, die sie in der Pubertät begleiten?
Auf Freizeiten, wo soziale Haltungen in einer Gruppe Gleichaltriger eingeübt werden, lernen viele zum ersten Mal soziale Kompetenzen, die sie als Einzelkind oder in der Kleinfamilie nie lernen können. Versuche der Gewaltprävention.
Anfrage: Warum finden in unserer Kirchengemeinde keine Freizeiten  für Jugendliche statt? Warum gibt es nur drei Jugendgottesdienste pro Jahr?
 
4. Impuls: Zusammen mit Jugendlichen Sinnvolles tun
Es geht bei Heranwachsenden nicht nur um Spaß! Jugendliche wollen und sollen ihren Platz in der Gesellschaft und in der Gemeinde finden. Und da darf man ihnen auch was zumuten!
Jugendliche erfahren durch Herausforderungen, dass sie echt gebraucht werden. Die Christbaumaktion des CVJM oder die Babysitterinitiative der Kolpingjugend z.B. zeigen jungen Leuten: „Wir brauchen dich!“
Bei der Verabschiedung unseres CVJM Missiopointsekretärs Mark Nockemann war ich begeistert, wie junge Leute diesen Abend selbstständig vorbereitet, charmant moderiert, liebevoll und kreativ gestaltet und souverän durchgeführt haben.
In der Schule fällt mir auf, dass viele schwierige Jungens – die mit Unterricht nicht viel am Hut haben - oft im Praktischen, Handwerklichen fit sind: Wir sollten phantasievoller nach Einsatzmöglichkeiten in der Gemeinde Ausschau halten, wie es z.B. Georg Maußner mit seinem Aufbauteam in der Christuskirche immer wieder versucht.
Anfrage: Wer hat gute Ideen? Wer setzt sich ein?
 
5. Impuls: Kritisch gesellschaftliche Trends hinterfragen!
Ich bin dafür, dass Kinderkrippen gebaut werden, weil sie nun leider mal benötigt werden. Aber ich find es schlimm, dies als große pädagogische Errungenschaft hin zustellen, wenn 2 Erzieherinnen auf 12 Kleinkinder kommen. Im Magazin der Pegnitzzeitung stand dazu vor 14 Tagen ein äußerst mutiger Artikel eines Gehirnforschers und eines Kinderpsychiaters der Uni Erlangen, die beide auf die Bedeutung von stabilen Bezugspersonen in den ersten Kinderjahren hinwiesen.
Durch das Eltergeld seit letztem Jahr wird es Eltern ermöglicht, in den ersten Jahren beim Kind zu sein - das finde ich gut.
Anfrage: Doch wer unterstützt Väter und Mütter moralisch und praktisch?
 
6. Impuls: Mut zur Konsequenz in der Erziehung
„Eltern müssen auch mal unbequem sein – Jugendliche wollen ein Stopp“ .Das fordert die Leiterin des Deutschen Kinderschutzbundes Nürnberg.
Gilt - und das steht übrigens auch bei dir Jakobus - dass unser JA ein JA ist und unser Nein ein Nein? Oder heißt es: Nein, -  nerv mich halt  nicht -  na meinetwegen!“? Klare Ansagen schenken Geborgenheit und sind unheimlich wichtig.
Auch in der Schule ist konsequente Erziehung anstrengend. Wir versuchen konsequent zu handeln, Regelverstöße zu ahnden und logische Strafen zu verteilen. Wer z.B. die Toiletten verschmutzt, muss sie am Nachmittag sauber machen.
Unsere Schüler müssen lernen, dass sie mit den Folgen ihres Handelns konfrontiert werden.
Anfrage: Wollen wir bei Kindern nur beliebt sein oder haben wir den Mut zu erziehen?
 
7. Impuls: Politische Verantwortung anmahnen
Professor Kerner vom Kriminologischen Institut in Tübingen hat festgestellt, dass ein durchstrukturierter Tag mit viel Arbeit und Sozialkontakten hilft, kriminelle Karrieren zu beenden. „Liebe und Job stoppen Täter“ hieß die Überschrift in der PZ und Mehrfachtäter haben ausgesagt: „Es hilft mir voll weiter, dass meine Eltern stolz auf mich sind.“  -------„Das Arbeiten bringt mir am meisten.“
Gewaltprävention hieße dann, jedem jungen Menschen einen Ausbildungsplatz und Arbeit zu geben.
Unsere katholische Mitchristen in Lauf praktizieren seit 2 Jahren ein Beispiel für gelebten Glauben, der sich in konkreten Hilfen auswirkt: Sie bieten Begleitung und kostenlose Nachhilfe für unserer 8. Klässer an, damit unsere Schüler bessere Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben.
Anfrage: Ist die Wirtschaft bereit, Ausbildungsplätze anzubieten?
 
Was meinst du Jakobus: Werden wir es also schaffen, die Gewalt einzudämmen, den Teufelkreis des Negativen zu durchbrechen, unseren Jugendlichen Perspektiven und Sinnerfüllung anzubieten?
Manchmal resigniere ich, manchmal erscheint es zu anstrengend, manchmal scheinen die negativen Kräfte zu stark.
Mitten hinein in die dunkle Beschreibung vom Teufelskreis des Bösen höre ich weiter in deinem Brief:
„Alles, was Gott uns gibt, ist gut und vollkommen. Er, der Vater des Lichts, ändert sich nicht; niemals wechseln bei ihm Licht und Finsternis. Aus seinem freien Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit, die gute Nachricht, ein neues Leben geschenkt, damit wir als die ersten unter seinen Geschöpfen ans Ziel gelangen.“
Die Teufelskreise der Gewalt, unsere gesellschaftlichen Realitäten, unsere Fesseln sind nicht die einzige Realität auf Erden. ER, der ewige Schöpfergott, der unveränderlich feststeht, richtet das Wort an uns und sagt uns, wer ER ist und was ER tun will.  ER zeigt uns seine Realität: ER ist größer als unsere Finsternis. ER sorgt sich um uns Menschen, um unsere Jugendlichen. ER will, dass unser Leben gelingt, dass wir ans Ziel, an Sein Ziel gelangen.
Er will eine Beziehung zu uns aufbauen. In Jesus bietet er ein neues Leben an,
Gott will, dass wir an Sein Ziel gelangen!
 
Danke Jakobus, dass du uns diese Vision in deinem Brief vor Augen stellst!
Das ist Zuspruch für jeden.
Das ist Anspruch an uns, unseren Glauben zu Taten werden zu lassen.
Und dazu helfe uns Gott!
Amen
Und der Friede Gottes der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen in Christus, Jesus unserem Herrn.
 
Die (kursiv geschriebenen) Bibelzitate stammen aus modernen Übersetzungen:
Hoffnung für alle, Zink, Volx-Bibel, Die gute Nachricht
 
Gerne diskutiere ich mit Ihnen über dieses Thema oder freue mich über Ihre Gedanken und Impulse!
 
Ursula Höcht
Email:  ursula.hoecht(at)gmx.de

Predigt des Mitarbeitergottesdienstes am 7.10.2007

Mt. 25, 14-30
 
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Gemeinde,
 
einen knüppelharten Text hat die aber heute für uns herausgesucht! Ist vielleicht ihr erster Eindruck. Von Gott als hartem Mann ist da die Rede, der von seinen Mitarbeitern viel fordert und auch hart bestraft, von Leistung und Gewinn bringen und am Ende die Erkenntnis: Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, dem wird auch noch das, was er hat, genommen werden!
Ein solcher Text für einen Mitarbeitergottesdienst, der doch motivieren soll, das anerkennen soll, was an Wunderbarem in unserer Gemeinde geschieht?
Dennoch bin ich an diesem Mitarbeiter-Gleichnis hängen geblieben beim Suchen nach einem passenden Predigttext für heute, Texte, an denen man sich reiben kann, sind besonders interessant und auch lohnenswert, sich mit ihnen näher zu beschäftigen.
 
Also, schauen wir uns das Gleichnis näher an:
Von drei Menschen, von drei Mitarbeitern, wird uns erzählt. Jeder von ihnen bekommt etwas anvertraut: der eine 5, der andere 2 und der letzte ein Geldstück. Im griechischen heißt das Talanton und es klingt das uns bekannte Wort Talent an.
Das könnte für uns eine Einstiegsmöglichkeit sein, diesem Geschehen näher zu kommen. Da hat einer viel bekommen, ein Multitalent sozusagen. Und mögen diese Multitalente auch nicht so reich gesät sein, es gibt in unserer Umgebung immer solche, die vieles können, die einfach ganz viel Möglichkeiten sehen, sich im Leben mit ihren Gaben einzubringen und auch die entsprechende Anerkennung zu bekommen. Und wer so beschenkt ist, dem fällt das Leben leicht, der kann ohne Mühe daraus etwas machen, hat damit auch viel von seinem Leben. Er ist ein Gewinn für andere und hat Gewinn für sich selbst davon. Aus 5 Talenten werden 10 und hätte er noch mehr Zeit gehabt, es wären sicherlich noch mehr daraus geworden. Solche Multitalente zum Segen vieler gibt es auch in unserer Gemeinde.
Und dann ist da der zweite, der zwei Geldstücke bekommen hat. Nicht so viel, aber doch ein Anfang, aus dem man etwas machen kann. Eher Durchschnitt, nicht zu viel an Gaben, aber auch nicht zu wenig an Gaben. Angesehen ohne herausgehoben zu sein, so möchte ich diese Person einmal beschreiben. Es ist ein Mensch, der seine Grenzen kennt, aber nicht begrenzt, er hat Möglichkeiten, das eigene Leben und das Leben in der Gemeinde zu gestalten und daraus mehr zu machen. Auch er verdoppelt beim Einsatz der Gabe letztlich das zu Beginn erhaltene.
Und schließlich ist da der dritte. Ein Geldstück bekommt er – aus seinen Augen vielleicht „mehr nicht“. Mit dieser einen Gabe soll er nun leben. Was ist das schon? Nichts, wenn man dagegen all die anderen anschaut, was die alles können, was die alles auf die Beine stellen, was die alles zurückbekommen. Und ich, was bin ich dagegen? Klein, mickerig, unbedeutend. Und da ist auch noch dieser Hausherr, der wiederkommt und etwas sehen will. Grauselige Vorstellung, wenn der wiederkommt und nichts vorfindet. Und so nimmt der dritte Knecht sein Geldstück und vergräbt es. Wegpacken, es nicht sichtbar werden lassen, dann kann es mir niemand nehmen, dann ist es nicht verlierbar, nicht angreifbar, dann kann ich es am Ende unversehrt herausholen und wieder vorweisen.
Eigentlich tut er nichts Falsches. Es gibt keine Anweisung, also riskiert er nichts, sondern tut das, was zu seiner Zeit wahrscheinlich die höchste Sicherheit versprach. Denn auf einer Bank war es damals bei Weitem nicht so sicher wie heute. Der dritte Knecht hat subjektiv eigentlich alles richtig gemacht und wäre doch eigentlich zu loben. Er spekuliert nicht und spielt nicht, er gibt auch nicht alles den Armen oder gönnt sich selber mal was Gutes. Er hortet.
Sein Verhalten ist davon geprägt, bloß nichts falsch zu machen. Denn davor hat er Angst. Deshalb lässt er lieber alles beim Alten, vergräbt sein Talent.
Genau dieses Verhalten bringt seinen Herrn auf die Palme.
So wie Geld an sich wertlos ist, wenn es nicht eingesetzt wird, so wird ein von Gott geschenktes Talent, eine Begabung wertlos, wenn sie nicht eingesetzt wird. Dieser Mensch begrenzt sich selber und sein Potential. Jesus will mit seinem Gleichnis den Menschen helfen, da herauszukommen. Es klingt recht hart, ja fast brutal, aber nur so scheint er diesen Menschen aufrütteln zu können. Du bist ein harter Mann, so hat dieser Mensch gesagt, du bist ein harter Mann und ich hatte Angst. Ja und genau diese Angst hat dann dazu geführt, dass dieser Mann sein Talent vergraben hat. Er konnte es zurückgeben, keine Frage, aber hat eben damit sich selber vergraben, vergraben in dem ewigen: Ich bin zu wenig, ich habe zu wenig und das Schicksal ist ungerecht. Ein Leben, das so unter Vorbehalt und inneren Stimmen geführt wird, bleibt leer, bleibt ein lebendig vergrabenes Leben.
Jesus erzählt uns solche Gleichnisse nicht, um einen solchen Zustand festzuschreiben und Menschen, die so handeln zu verurteilen. Nein, er will Menschen aufrütteln, ihnen Mut machen, dahin führen, das eigene Leben neu zu sehen, es zu verändern, es in einen neuen Zusammenhang zu bringen.
Ich kann die Botschaft dieses Gleichnisses für mich persönlich sehr gut nachvollziehen.
Wenn ich so nachdenke war vor vielen Jahren mein Eintritt in unsere Jugendgruppe damals in meinem Heimatort Erbendorf und mein Engagement darin tatsächlich lebensentscheidend. Denn hier war in der Gemeinschaft, in unserer Auseinandersetzung mit der Bibel, mit den Worten Jesu, der Ort, wo ich nicht nur viele neue Impulse für mein Leben bekommen habe, sondern wo ich auch ganz neue Begabungen und Seiten meines Lebens entdecken konnte, die tatsächlich bis dahin vergraben waren, nicht zum Zuge kamen. In der Mitarbeit in der Gemeinde Jesu Christi bin ich auch selber gewachsen und habe mich selber stärker gefunden.
Ich denke, das ist eine Erfahrung, die viele von ihnen teilen, an welcher Stelle auch immer hier in unserer Gemeinde mitarbeiten und Verantwortung übernehmen. Unsere Stadt, unsere Gemeinde in der Nachfolge Jesu mitgestalten zu können das zehrt nicht nur aus, ist nicht nur ein zusätzlicher Arbeitsbereich neben vielen anderen Pflichten, die ich zu erfüllen habe, sondern er baut mich auch auf, lässt mich wachsen, lässt mich zu dem, zu der werden, die ich in Gottes Augen schon immer war. Im letzten Magazin 66, das der Pegnitz-Zeitung beiliegt, stand eine Statistik, die das bestätigt. Dort hieß es, wer sich im Alter ehrenamtlich betätigt, sich einbringt, leidet viel weniger an Depressionen und anderen Krankheiten als die, die sich zurückziehen.
 
Vielleicht ist es interessant auch für uns, einmal die Frage zu stellen: Wer in der Geschichte bin ich? Der mit den vielen Talenten, der mit der Durchschnittsbegabung, der, der eigentlich Angst hat, das, was er an Potential hat, wirklich einzusetzen, der sich nicht so recht traut, „das kann ich ja eh nicht!“? Manchmal haben wir ja Anteile von allen Knechten in uns.
In der Geschichte wird ja überhaupt nicht gewertet  zwischen den fünf , zwei oder einen Talent. Alle haben ihren Anteil am Ganzen, ganz egal wie hoch der Einsatz ist. Nicht nur der oder die, die mit fünf Jobs in der Gemeinde wuchert, daneben Beruf und Haushalt managt, ist der vom Herrn belobigte. Nein, es ist nicht eine Frage der Quantität, es ist eine Frage, wie wir mit unseren Begabungen und mit unserem Potenzial im Leben umgehen. Verschütte ich es, versuche ich nur zu funktionieren, wie die anderen es von mir erwarten oder spüre ich, wo mein Herz wirklich schlägt, wo mein Platz ist in diesem großen Ganzen, wohin Gott mich begabt hat? Jesus hat dieses Gleichnis erzählt, um Menschen wirklich zu sich selbst zu führen. Er will sie wegführen von dem Urteil: wie stehst du da, wenn du dich mit diesem und jenem vergleichst, wenn du falschen Erwartungen hinterherläufst? Nein, es geht um das Urteil Gottes, das von all diesen Maßstäben und Erwartungen, die andere an mich stellen, unabhängig ist. Es geht letztlich darum, sich selbst zu entdecken, sich selbst als wichtig anzuerkennen mit dem, was Gott uns mitgegeben hat. Und jeder hat seine, ihre Begabung, Begabungen, das ist auch ausgedrückt in diesem Gleichnis.
 
Und das kann – auch von der Lebensphase, in der man gerade steckt, von der eigenen Befindlichkeit, von den eigenen Interessen ganz unterschiedlich sein. Es gibt Menschen unter uns, die wirklich ganz viel Potential haben, auch Lust auf eine Aufgabe hätten, aber sich einfach nicht trauen, von sich aus ein Amt, eine Verantwortung zu übernehmen. Ich erlebe oft, dass, wenn man sie dann anspricht, Mut macht, das den letzten Anstoß gibt. Und es gibt auch die unter uns, die nach langen Jahren vielleicht sich mit dem Gedanken tragen, ein Ehrenamt abzugeben, aber aus Verantwortungsbewusstsein oder anderen Motiven sich nicht trauen, dies deutlich zu machen. Man darf auch guten Gewissens ein Ehrenamt wieder aufhören, weil es einfach nicht mehr passt, weil es zuviel ist. Das ist uns auch, allen Pfarrerinnen und Pfarrern einmal wichtig zu sagen. Es ist nicht so, oder darf nicht so sein, dass wenn man einmal der Gemeinde den kleinen Finger hinhält, sie gleich die ganze Hand will.
Und doch steckt in dem Gleichnis die Erkenntnis, dass man sein Leben und seine Bestimmung verfehlt, wenn man seine Begabung vergräbt, wenn man nichts einsetzt und sein Leben in allem nur absichern will, sich klein macht, weil man Angst hat.
So ist unser Gleichnis also wirklich eine Mutmachgeschichte. Sie soll Mut machen zum Engagement, Mut machen, der Verheißung zu glauben, Mut machen, sich selbst als Gottes Hausverwalter zu finden.
Ich bin froh, dass es in unserer Gemeinde so viele Menschen gibt und dass heute auch wieder so viele neue eingesegnet werden, die sich Mut machen lassen, ihre Begabungen in den Dienst Gottes stellen und damit an ihrem Ort, mit ihrer Fähigkeit mitarbeiten am Reich Gottes, an der Umsetzung von Gottes gutem Willen für unsere Welt.
 
Und noch einen Aspekt lese ich aus diesem Gleichnis heraus, der sich an uns alle als Gemeinde richtet.
Denn nicht zufällig hat Matthäus dieses Gleichnis vom Herrn, der für lange Zeit außer Landes geht und seinen Knechten sein gesamtes Vermögen übergibt, seiner Gemeinde erzählt.. Die ersten Christen, die sind nämlich in ein Loch gefallen, als sie spürten, so schnell wie wir es allen erzählt haben, kommt sie nicht die neue Welt. Die Hoffnung, die wir uns und anderen gemacht haben, dass wir Jesus einmal sehen werden, dass bald alles anders sein wird, die können wir nicht erfüllen. Man muss sich einrichten, in dieser Welt zu leben, in dieser Welt als Christ zu leben. Wie kann das gehen? Das kann nur so gehen, dass man das eigene Christsein ernst nimmt. Dass wir Christen wahrnehmen, welches große Vertrauen Gott in uns setzt, indem er uns sein gesamtes Vermögen zur Gestaltung überlässt. Das ist ein toller Zuspruch: Ihr könnt es, aber es ist auch eine große Herausforderung. Und es wäre die falsche Antwort darauf, wenn wir so darauf reagieren würden wie der dritte Knecht: Lasst lieber alles beim Alten, wartets mal ab, wer weiß, ob das, was ihr tut, Gott eigentlich will. Bedenkt auch die andere Seite, Gott ist ein harter Herr, der verlangt mehr als ihr ihm bieten könnt. Der erntet auch noch dort, wo nichts wächst, macht keinen Fehler, begnügt euch mit dem, was ist und unternehmt ja nichts, was auffällig wäre. Warten wir ab, bis der Herr wiederkommt. Ein trostloser Glaube würde hier praktiziert. Trostlos deshalb, weil er mit Angst besetzt ist, weil aus ihm Resignation spricht und einfach vieles, was Wachsen im Glauben unmöglich macht.
Auch wir als Kirche heute spüren, es wird anders, da kommt etwas auf uns zu. In unserer postmodernen Zeit, wie sie genannt wird, bleibt nichts mehr wie es war. Bei vielen ist die Stimmung da, uns schwimmen die Felle davon. Genauso wie in Politik und Gesellschaft lange Zeit alle dachten, dass die Steuer, Renten und Krankenkassenzahler einfach so nachwachsen, haben manche in den Kirchen gedacht, wir lassen alles wie es ist, die Christen, die kommen schon von ganz allein, auch wenn Menschen austreten, wenn sich Gesellschaft verändert. Es wird schon.
Doch wir wissen, dass es nicht so ist. Und wir wissen, dass wir aktiv werden müssen und es nicht reicht, das Ererbte, die Tradition aus Angst, aus einem Sicherheitsdenken heraus, nur zu bewahren. Leben, Zukunft muss gestaltet werden.  Das Evangelium weiß das. Was braucht ihr denn: jedem und jeder von euch hat Gott etwas zugesagt. In jeden und jede von euch hat Gott sein Vertrauen gesetzt und euch und uns die Welt, die Menschen und die Kirche anvertraut. Macht was draus, hat er gesagt. Geht in alle Welt und gewinnt die Menschen für meine Sache, tauft sie und erzählt weiter, was ihr von mir wisst und haltet euch an das, was ich euch gesagt habe.
Es geht tatsächlich auch ganz konkret darum, wo wir unser Geld und Potential und unsere Kraft einsetzen als Gemeinde Jesu Christi im 21. Jahrhundert hier bei uns in Lauf.
Immer wieder sind Menschen, sind Gemeinden auch neue Wege gegangen und haben mit den Pfunden auf wunderbare Weise gewuchert, die Gott uns übertragen hat. Wir müssen die Menschen dort erreichen und abholen, wo sie stehen und wir brauchen dabei nicht ängstlich oder zaghaft zu sein, denn das, was wir als Schatz in Händen haben ist viel.
 
Ja, in diesem Evangelium geht es wirklich zur Sache. Es geht um Talente im doppelten Wortsinn es geht um Geld und um Begabungen um das, was wir aus unserem Leben und  um das, was wir als Menschen, als Christen mit der Welt, die uns geschenkt und anvertraut ist, machen. Und es geht darum, dass wir als Kirche wirklich mit all unseren uns von Gott anvertrauten Pfunden wuchern und sie nicht irgendwo wegschließen oder vergraben.
So steckt in diesem Evangelium Zuspruch und Anspruch in einem.
 
Voll mit all den Gedanken aus diesem Gleichnis sehe ich Sie, euch alle. Ihr seid der Reichtum unserer Gemeinde. Ihr haltet so viel an Pfunden und Talenten in eueren Händen, dass ich heute gar nicht fertig würde, wenn ich euere verschiedensten Begabungen und Engagement aufzählen würde: Das fängt bei der Arbeit in unseren Gremien an, beim Kirchenvorstand, den Ausschüssen, geht über die Lektoren und gottesdienstlichen Dienste, die Besuchskreise, die Chöre hin zu den vielen Gruppen und Kreisen, Alte und Junge, die durch euer Engagement Anteil an der Liebe Gottes bekommen haben. Jeder setzt sein Pfund, sein Talent ein und im Miteinander wird es ein lebendiges Geflecht, das uns selber hält und wachsen lässt, das aber seine Wirkkraft durch Gottes Geist weit über uns hinaus in unsere Gesellschaft und Welt hinein entfaltet. Ja viel an Segen, viel an Liebe, viel an innerem und äußerem Wachstum durften wir erleben. Und dazu bin ich euch und Gott sehr dankbar.
Amen.

Predigt für das Erntedankfest am 30.9.2007

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
 
 
 
Stilles Gebet
 
 
 
Text: Matthäus 6, 19-23
 
 
Liebe Gemeinde,
 
 
Ein reich gedeckter Tisch, der sich da vor uns ausbreitet. Erntedankfest – der Tag, an dem wir Gott für unser Leben danken und für alles, was wir in diesem Jahr an gutem erlebt und erfahren haben.
 
Und dann dieser Predigttext: Sammelt euch keine Schätze auf Erden.
Ist das nicht wieder einmal typisch, liebe Gemeinde? Da wollen wir uns gelassen zurücklegen und genießen, anschauen, wofür wir dankbar sein können – noch einmal das Jahr vor unserem inneren Auge vorbei gehen lassen – und sagen: ja es war da viel Gutes dabei – und dann kommt dieses Wort von Jesus, das uns schon wieder ein schlechtes Gewissen machen will, weil wir so viel haben und andere so wenig, weil wir im Reichtum leben und viele andere Menschen auf der Erde nicht.
Heißt das, liebe Gemeinde, wir gehen mit einem eher schlechten gewissen nach Hause, weil wir auf der einen Seite natürlich dem Wort Jesus folgen wollen – aber auf der anderen Seite unser Leben nicht grundlegend ändern können?
Ist das nicht an diesem fröhlich festlichen Tag ein etwas sperriger Text? Wir wollen doch Danken und Loben und jetzt sollen wir uns mit unserem Denken und Handeln auseinandersetzen?!
Und deshalb möchte ich sie zu einer Entdeckungsreise einladen, denn ich glaube, dieser Text, dieses Wort von Jesus will nicht mit einem schlechten Gewissen beladen, sondern zu einem neuen Blick auf unser Leben einladen.
Schätze im Himmel – ich glaube nicht, dass Jesus damit einen Schatz der guten Werke gemeint hat, den wir uns auf dieser Erde erwerben sollten, damit wir dann vor Gott gut dastehen, sondern es geht Jesus hier eher um das, woran mein Herz hängt.
Erich Fromm hat in seinem bekannten Buch „Vom Haben zum Sein“ beschrieben, dass wir in unserer Gesellschaft sehr stark davon geprägt sind, was wir haben an Besitz, aber auch, was wir im Leben an Positionen erreichen. Danach schätzen wir die anderen ein – und uns selbst.
Ich glaube, liebe Gemeinde, der Psychologe und Verhaltensforscher Erich Fromm hat da etwas erkannt und in wissenschaftlicher Sprache zum Ausdruck gebracht, was Jesus hier meint. Es geht nicht darum, was wir besitzen, was wir in unserem Leben erreichen. Es geht darum, was dieser Besitz, was diese Lebensposition aus uns macht! Ist das unser Schatz, den wir für uns entdeckt, errungen erkämpft haben – auf den wir stolz sind und den wir um keinen Preis dieser Welt wieder loslassen wollen. Oder sind wir in der Lage zu erkennen, dass wir das alles dankbar aus Gottes Hand nehmen und uns bewusst sind, das wir das nicht nur aus eigener Kraft erreicht haben, sondern, dass das Geschenk Gottes ist?
 
Erntedankfest? –
 
Was prägt uns, was macht unser Leben aus, liebe Gemeinde? Was wir haben oder, was wir sind? Jesus ruft uns in diesem Wort aus der Bergpredigt auf, zu einem Leben, das aus der Güte Gottes lebt. Ein Leben, das eins ist mit sich selbst und Gott und nicht von Besitz, Konsum und Position gesteuert ist.
Keine leichte Aufgabe, liebe Gemeinde, denn wir haben natürlich gerne, was wir haben. Sie und ich – wir genießen doch gerne alles, was uns dieses Leben schenkt. Wie sollen wir nun diesen schmalen Grat gehen können, zwischen einem Leben, das den Wohlstand genießt und dennoch sich nicht davon abhängig macht?
Ich glaube es ist sehr schwer – und doch ganz einfach. Sehr schwer, weil ich natürlich nicht gerne auf alles, was mein Leben schön und angenehm macht, verzichte. und das macht mich ganz sicher auch abhängig, liebe Gemeinde. Aber es ist eben auch ganz einfach: Wenn Sie und ich, wenn wir uns immer wieder daran erinnern lassen, dass all das Geschenk Gottes ist. Wenn wir immer wieder dafür danken und Gott loben, dann widerstehen wir ganz einfach der Versuchung, uns vom Haben vereinnahmen zu lassen. Dann haben wir nicht die Schätze, die die Motten fressen, sondern dann feiern wir immer wieder einmal Erntedankfest – wenn wir bei Tisch für das Essen danken, wenn wir uns morgens oder abends Gott anvertrauen und für diesen Tag und für dieses Leben danken. Und heute, an Erntedankfest lassen wir uns natürlich in ganz besonderer Weise daran erinnern und loben danken Gott für alles, was er uns schenkt.
Als ich soweit gekommen war, in meinem Nachdenken über diesen Predigtext, liebe gemeinde, da wurde mir wieder einmal neu bewusst, dass Jesus uns, seine Nachfolger zu einer ungeheuren Freiheit einlädt –zu einer Freiheit, die wir manchmal an ganz besonders eigenständigen Menschen bewundern. Jesus lädt uns ein zur Freiheit von den Trends und Mode-Erscheinenungen, er lädt uns ein zur Freiheit von dem mächtigen Lebensbegleiter der öffentlichen Meinung und er will uns zu eigenständigen, zu freien Menschen werden lassen, die zu sich selbst stehen können und nicht einem Bild nach laufen müssen, das andere für uns entwerfen, das der Leistungsdruck von uns fordert, zu einem Bild, das wir auch manchmal von uns selbst entwerfen, damit wir anerkannt und beliebt sind. Damit wir ein rolle spielen können in dieser Welt
Nein – liebe Gemeinde! Jesus lädt uns ein zu einer Freiheit, die aus der Bindung an ihn kommt.
Wer sein Leben darauf gründet, der wird erkennen, dass er zu sich selbst kommt und damit ein ganzer Mensch wird. Ein ganzer Mensch, damit meine ich ein Mensch, der mit sich und seiner Umwelt im Gleichgewicht ist. Ein Mensch, der zu sich ja sagen kann, zu seinen strahlenden Seiten, die jeder, Sie und ich liebe Gemeinde natürlich gerne zeigen und ein Mensch, der auch von seinen dunklen Seiten weiß und auch diese Seiten akzeptiert, sie nicht verdrängt, sondern ja sagt dazu, dass sie auch zu mir gehören und dass sie ein Teil von mir sind. Das ist sicher nicht immer einfach, denn meine schwierigen Seiten, meine dunklen bereich verstecke ich gerne und lasse sie nicht sehen. Aber ich glaube, Jesus lädt gerade hier dazu ein, ein ganz Mensch zu werden, damit ich mich ganz annehmen kann, weil ich weiß, ich bin als ganzer Mensch angenommen von Jesus Christus, angenommen als Sünder, der dennoch geliebt ist und dem Christus den Weg zu Gott ebnet.
Wenn ich aus diesem Blickwinkel erntedankfest feiere, dann wird mein Blick auf einmal weit und groß, denn ich danke nicht nur für die Gaben, die ich genießen darf, sondern ich lasse mich daran erinnern, dass Gott mir durch Jesus Christus die Möglichkeit schenkt, ein ganzer Mensch zu werden – und das, liebe Gemeinde, das ist ein Schatz, den ich nicht für alle anderen Schätze eintauschen möchte – Sie doch auch nicht?!
 
Und der Friede Gottes...

Predigt anlässlich der Jubelkonfirmation am 20.5.07

Predigt für die Jubelkonfirmation 2007 20.5.2007  
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herren Jesus Christus  
Liebe Gemeinde, und vor allem heute natürlich liebe Jubilare
 
der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Sie haben diesen Psalm sicher auswendig lernen müssen – wie die heutigen Konfirmanden auch.
Und vielleicht kommen Ihnen ja bei diesen Worten die Erinnerungen an den damaligen Konfirmandenunterricht. Bei einem Geburtstagsbesuch hat mir die Jubilarin erzählt von den riesigen Händen einer der damaligen Laufer Pfarrer – und auch daran, dass die zwischen durch schon mal ausgerutscht sind.
Heute ist Zeit der Erinnerung, heute ist der Tag, sich die Zeiten damals wieder vor Augen zu führen und sich gegenseitig an die lustigen und schwierigen Momente zu erinnern, die Gesichter von damals aus dem Rucksack der eigenen Lebensgeschichte hervor zu holen  .
Wie war das damals zu Ihrer Konfirmation?
1937 – vor 70 Jahren hat Sie wahrscheinlich der Besuch Mussolinis in München weniger berührt – schon eher vielleicht, dass Hanna Reitsch den ersten deutschen Hubschrauber zu einem Weltrekord mit 108,9 km/h geflogen hat – oder vielleicht die Katastrophe des Luftschiffes Hindenburg in Lakehurst – oder eher, dass Angehörige der Hitlerjugend am Samstag schulfrei bekommen? Oder noch viel mehr, wie es jetzt weitergeht mit dem Beruf nach der Schule?
Wie war es denn, als sie Konfirmation gefeiert haben, liebe Diamantenen Konfirmandinnen und Konfirmanden? ?
Vor 60 Jahren – Der Krieg ist zwei Jahre vorbei. Was war damals für sie wichtig?
Die Kältewelle, die ganz Mitteleuropa erfasste und zu Temperaturen von über minus 20 Grad führte? Oder war es die Aufhebung des heiratsverbotes zwischen Deutschen und besatzungsamerikanern – nein, ich glaube eher nicht. Vielleicht hat Sie da schon mehr interessiert, dass im Mai das erste Motorradrennen nach dem Krieg auf dem Norisring ausgetragen wurde? Oder war es doch eher die Sorge, dass die Konfirmation ein schönes Fest wird und die Frage ob der Vater vielleicht doch rechtzeitig aus der Gefangenschaft kommt?
Wie war es denn, als sie Konfirmation gefeiert haben, liebe Goldene Konfirmandinnen und Konfirmanden?
Vor 50 Jahren? Der Krieg ist seit 12 Jahren vorbei. Was war für Sie wichtig? Dass Borussia Dortmund nach einem Sieg über den HSV deutscher Meister wird, oder dass die ersten 100.000 Bundeswehrsoldaten einrücken – oder, dass der Bundestag ein gesetz über die Gleichberechtiugung von Mann und Frau verabschiedet? Oder war es vielleicht doch die Blonde aus der dritten Reihe?
Und wenn dann die Erinnerungen lebendig geworden sind dann kommt die weitere Frage – und – wie geht es dir heute? Was hast du eigentlich gemacht seit damals? Un dann gibt es auch wieder viel zu erzählen, von den Wegen, die sie seit Ihrer Konfirmation gegangen sind.
Und wie waren diese Wege?
War der Herr Ihr Hirte in diesen Jahren, seit Sie vor diesem Altar Ihr Bekenntnis zu Jesus Christus abgelegt haben? War Ihr Weg wirklich ein weg auf grünen Auen und auf der rechten Strasse, seit Sie hier vor dem Altar gekniet sind und den Segen Gottes für Ihr weiteres Leben erhalten haben?
Oder ging es für Sie immer wieder auch in die finsteren Täler, von denen unser Psalm 23 ja auch spricht
Und wenn ich Sie das so unverblümt frage, dann meine ich nicht in erster Linie, ob Sie zu Wohlstand gelangt sind und ob Ihr Leben ganz glatt verlaufen ist.
Wenn das so wäre, dann beglückwünsche ich Sie herzlich und dann wäre heute ein guter Tag, um Gott dafür zu danken.
Aber Leben verläuft nicht so, wie wir es uns als Konfirmanden vorstellen und wünschen.
Da gibt es die grünen Auen, zauberhaften Strecken auf dem Weg durchs Leben, wo nur die Sonne scheint und wir frisches Wasse für unser Leben bekommen, auf denen wir glücklich und zuversichtlich gehen. Ich stelle mir vor, Sie erinnern sich an viele solcher Lebensabschnitte.
Und dann kommen auch die anderen Wegstrecken, da, wo es hinuntergeht in tiefe Täler. Wo Sie vielleicht kaum mehr zu Atem gekommen sind, weil die Berge der Sorgen Sie zu erdrücken drohten, wo Sie gedacht haben: jetzt geht es nicht mehr weiter.
Ich stelle mir vor, auch solche Wege mussten Sie hinter sich bringen. Haben Sie auf den Höhen – und – in den tiefen Tälern erfahren und gespürt, dass Gott mit Ihnen geht?, dass er Ihnen die Kraft gegeben hat, den nächsten Schritt zu wagen, dass er Ihnen den Mut gegeben hat, weiterzugehen, auch wenn Sie nicht wussten, wie es weiter gehen soll? Haben Sie seine Liebe erfahren, wie einen schützenden Mantel, auch wenn das Leben für Sie eiskalt war? Ist die Geschichte Gottes mit Ihnen so weitergegangen, liebe Jubelkonfirmandinnen und Konfirmanden? Dann ist heute ein guter Tag, sich daran zu erinnern, dass Gott treu ist  -  und ihm dafür zu danken.
 
Aber vielleicht haben Sie das nicht so erlebt. Vielleicht sah Ihre Geschichte eher so aus, dass Sie alleine auf den Höhen des Lebens und in den tiefen Tälern gegangen sind.  
Vielleicht sind der Segen Gottes und die Konfirmation nur Erinnerung und hatte keine Bedeutung für Ihren weiteren Lebensweg.
Vielleicht haben Sie sich manchmal sogar von Gott und der Welt verlassen gefühlt – alleine auf sich gestellt.
Und doch sind Sie heute gekommen, um sich zu erinnern, um alte Weggefährtinnen und Gefährten zu treffen.
Dann ist heute ein guter Tag – ein guter Tag Ihre Geschichte mit Gott  weiter zu schreiben. Denn jetzt gleich, nach der Predigt werde ich Sie alle bitten nach vorne zu kommen, in den Altarraum. Ich werde Ihre Namen nennen. Und ich werde Ihnen wieder den Segen Gottes zusprechen – wie damals bei Ihrer Taufe, wie damals bei Ihrer Konfirmation.
 
Er bereitet vor mir einen Tisch, im angesicht meiner Feinde. Er salbt mein haupt mit Öl und schenkt mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar
 
Ja, liebe Gemeinde, Gott steht zu uns, auf der grünen Aue und beim frischen Wasser – und in den finsteren Tälern unseres Lebens. Gott sei Dank! Gott steht zu seinem Segen! Gott sei Dank! Er will unser Leben begleiten und tragen. Er will die Geschichte unseres Lebens mit seinem Stift schreiben und der ist nicht zu Ende, wenn unser Leben zu Ende geht.
Gott ist treu wie ein guter Hirte – auch über unser Lebensende hinaus.
Und deshalb, liebe Festgemeinde ist heute so ein festlicher und fröhlicher Tag, denn wir feiern, dass Gott mit uns ist in guten und in bösen Tagen und nichts kann uns von ihm trennen.
Amen

Jahreslosung 2006 von Pfarrer Kübler

 

Predigt zur Jahreslosung 2006 Jos.1,5b anhand der Illustration von Barbara Trapp


 
„Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ (Jos.1,5b)
 
Ein gutes, Mut machendes Wort, das uns im neuen Jahr begleiten soll!
Ursprünglich ist es gerichtet gewesen an Josua, den damaligen Führer des Volkes Israel. Es war eine äußerst spannende Zeit für Israel und Josua. Das Volk stand vor den Toren des versprochenen Landes Kanaan. Bis hierher hatte sie Gott geführt. In abenteuerlicher Flucht waren sie der Weltmacht Ägypten entkommen. Am Berg Sinai empfingen sie das Gesetz, Gottes Gebote. Auf ihrem schweren, langen Zug durch die Wüste konten sie etliche Kämpfe überstehen. Jetzt sind sie kurz vor dem Ziel. Aber der Mann, der sie geführt und geleitet hat, der große Mose, ist tot. Er war der Mittler, der Gewährsmann für die Nähe Gottes zum Volk gewesen. Jetzt aber, wo sie schon hinüberblicken können auf die andere Seite des Tales ins versprochene Land, jetzt ist er nicht mehr da. Und ein dicker Brocken steht noch bevor: Das Land muss erobert und eingenommen werden. Wird das Unternehmen doch noch scheitern? Nein. Gott hat die Sache fest im Griff. Er beruft einen frommen und kampferprobten Mann als neuen Führer des Volkes: Josua. Er bekommt die Aufgabe, das ganze Land für Israel zu erobern. Er ist jetzt der Chef, Moses Nachfolger. Er soll es schaffen.
Diese große Aufgabe wird einen Berg von Problemen und Schwierigkeiten mit sich bringen. Aber Gott spricht das erste Mal direkt zu ihm in dieser Situation und sagt, Josua solle getrost und unverzagt, ohne Furcht, ohne Grauen, ohne Angst dieses gefährliche Projekt angehen.
Ich denke mir: Wir müssen im neuen Jahr zwar kein Land erobern oder ein ganzes Volk leiten. Wahrscheinlich stehen wir auch nicht gerade vor etwas großartig Neuem oder großen Umwälzungen. In vielen Dingen geht es halt so weiter wie bisher. (Außer die Fußball-WM natürlich...) Dennoch warten Herausforderungen, Probleme, Schwierigkeiten durchaus auf uns im neuen Jahr. Auf viele wartet ein Berg Arbeit, der bewältigt werden will. Wir kommen unter Druck und Stress. Manch einer hat Angst, dem Leistungsdruck in der Firma nicht mehr gewachsen zu sein. Wer weiß, was die unsichere Wirtschaftslage für den einen oder anderen persönlich im nächsten Jahr bedeutet. Manch einen drücken Schulden. Ein anderer fragt: Wie wird es weitergehen in meinen Beziehungen zum Ehepartner, zu den Kindern, zu den Eltern, Freunden, Kollegen? Werde ich gesund bleiben? Was macht meine Krankheit? Wie werden die Diagnosen ausfallen? Muss ich noch mal operiert werden? Werde ich Silvester 2007 noch erleben?
Das neue Jahr wird auch für uns Probleme und Herausforderungen bringen. Da bin ich sicher. Es liegt vor uns wie ein Land, das wir erobern und einnehmen müssen.
                 Ich lade Sie ein, jetzt einen Blick auf das Bild zu werfen, das hier abgebildet ist. (Im Pfarramt können Sie es als Buchzeichen bekommen!) Häuser befinden sich da recht wackelig und schief an der Kante zu einem Abgrund. Und ich frage mich: Ist unser Leben nicht auch so wackelig wie diese Häuser? Sind die Dinge, die wir in unserem Leben so aufgebaut haben nicht letztlich genauso wackelig? So fest, wie es auf den ersten Blick immer ausschaut, ist doch alles gar nicht! In Wahrheit ist doch alles wackelig: Jederzeit kann eine Krankheit zuschlagen oder sich ein Unfall ereignen. Eine grob falsche Management-Entscheidung – und die Firma muss in Insolvenz; der Arbeitsplatz ist futsch! Was passiert, wenn sich mein Partner in jemand andern verliebt? Oder wenn ich mich in jemand andern verliebe? Eine Unachtsamkeit – und mein Haus geht in Flammen auf! Existenzen können über Nacht zerstört sein.
Ist diese Bild nicht zutiefst realistisch? Das Leben, das wir aufgebaut haben, alles, was dazugehört, ist ziemlich wackelig, gefährdet und ganz nah am tiefen Abgrund?! Auch der Bauplatz hilft im Einzelfall nicht. Wenn Sie genauer hinschauen, sind alle Häuser schief und gefährdet. Auch das Einigeln im eigenen Haus hilft nicht, rettet nicht vor dem Abgrund. So ist unser Leben, nicht wahr?
Übrigens, auch die Kirche ist gefährdet. Kein Wunder, sie ist ebenfalls Teil dieser Welt. Selbst hier ist manches wackelig. Ich denke an die angespannte Finanzsituation unserer Landeskirche. Arbeitsplätze und Gebäude müssen unterhalten werden und das wird immer enger. Ich denke auch an die Konflikte, die in der Kirche immer wieder ausbrechen, oder wo Menschen von der Kirche enttäuscht wurden, wo gut gemeinte Vorhaben scheitern.
So ist eben unsere Situation als Menschen in dieser Welt. Wir leben ein insgesamt unsicheres und wackeliges Leben.
Angesichts dessen tut es uns sehr gut, diese Jahreslosung zu hören. Gott sagt uns allen zu, dir und mir, wie damals dem Josua: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ Ich darf wissen: Was auch immer geschehen wird in diesem Jahr – und im Extremfall kann es auch sehr dick kommen: Mein Gott ist dabei; er lässt mich nicht allein. Er steht mir bei!
ER – der Herr und Gott der ganzen Welt, der Schöpfer der Welt, der einen guten Plan für mein Leben hat – macht mein Leben gut.
Liebe Gemeinde, wir haben nicht einen Gott, der halt nur dafür gesorgt hat, dass es uns gibt, der uns ein paar Gebete und christliche Werte an die Hand gab und sagte: „Nun macht mal schön alles richtig. Wenn ihr euch bis zu eurem Tod brav verhaltet, kriegt ihr eine Belohnung.“ Nein, unser Gott will dabeisein mit uns und auch mit der Welt. Er lässt uns nicht im Stich, erst recht nicht in unsern Schwierigkeiten und Problemen.
Selbst wenn wir ihn fallen lassen sollten, er tut es nicht mit uns. In Jesus ist er am Kreuz gestorben für uns, er hat sich mit uns versöhnt, er ist auferstanden und gibt uns eine neue Chance – immer! Er hat uns erlöst, weil er nicht mitansehen kann, wie wir unser Leben in den Abgrund fahren. Wir dürfen leben und müssen nicht fallen. In der Taufe hat er uns das ganz persönlich zugesagt.
„Ich lassen dich nicht fallen und verlasse dich nicht!“ – Es kann ja gut sein, dass Sie in diesem Jahr an kritische Punkte kommen. Dann denken Sie daran und vertrauen darauf: Auf Gott ist Verlass! Er liebt Sie. Und er will auch Ihr Leben gut machen. Vielleicht tritt nicht das ein, was Sie sich wünschen, eine Krankheit wird nicht geheilt, eine Beziehung geht doch zu Bruch. Aber Sie haben niemals ausgespielt. Sie bleiben immer geliebt von Gott und von ihm gehalten. Sie haben immer Leben vor sich!
An dieser Stelle passt die schöne und bekannte Geschichte von den Spuren im Sand: Da geht einer im Traum am Meer entlang mit dem Herrn Jesus Christus. Und vor seinen Augen tauchen Abschnitte aus seinem Leben auf. Für jeden dieser Abschnitte entdeckte er 2 Paar Schritte im Sand. Die einen gehörten ihm, die anderen seinem Herrn. Beim letzten Bild stellte er aber fest, dass oft nur ein Paar Schritte zu sehen war. Das verwunderte ihn und er fragte den Herrn: „Als ich die damals alles, was ich hatte, übergab, um dir zu folgen, da sagtest du: Ich bin immer bei dir! Doch in den tiefsten Nöten meines Lebens, gerade da sehe ich nur ein Paar Spuren im Sand. Warum hast du mich gerade da verlassen, wo ich dich so verzweifelt gebraucht hätte?“ Der Herr nahm seine Hand und sagte: „Liebes Kind, nie ließ ich dich allein, schon gar nicht in den Zeiten, in denen es dir schlecht ging. Wo du nur ein Paar Spuren erkennst, da habe ich dich getragen.“
Liebe Gemeinde, so ist Gott! Er verlässt uns bestimmt nicht, selbst wenn wir es meinen. Auch die Künstlerin hat das in das Bild eingearbeitet. Die dunklere blaue Schattierung deutet das Kreuz an und den gekreuzigten Christus am Kreuz. Auch das Bild betont also: Jesus ist dabei, er trägt uns, ist solidarisch mit uns in unserem unsicheren, wackeligen Leben. Er lässt uns sogar in der schlimmen Schuld und im Sterben nicht allein. Es gibt schlichtweg keine Situation, in der er nicht bei uns sein kann.
Ja, es ist wahr: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“ – „Ich bin dir nahe. Ich bin bei dir – immer.“
Ich selber habe im vergangenen Jahr das in schwierigen Zeiten auch immer wieder so erlebt. Genauso geht mein Gott auch im neuen Jahr mit mir und mit Ihnen. Nie mehr müssen wir denken: Wir sind einsam, keiner hört unsern Frust und unsere Mutlosigkeit. Nein, ER, unser Gott ist dabei. ER ist immer da, er hört uns immer, er kennt unser Herz. Und er befindet sich mit seiner Liebe längst schon da, wo wir im neuen Jahr erst noch hinkommen.
ER ist da im neuen Jahr, in dem Land, das wir einnehmen und erobern müssen. Und das soll uns viel Kraft und Zuversicht geben für 2006:
Ich lade Sie ein, diesem Gott und seiner Zusage Vertrauen zu schenken. Und das heißt auch, dass Sie sich mit diesem Wort oder anderen Zusagen aus der Bibel immer wieder beschäftigen. Denn diese großartigen Zusagen unseres Gottes erreichen uns nur dann auf Dauer und werden wirksam, wenn wir sie auch immer wieder an uns heran lassen. Gottes Zusagen sind keine Automatik, die sich von selbst erledigt. Es geht nicht zu meinen: „Wunderbar, Gott, dass du mir das alles zusagst, dann kann ich im neuen Jahr machen, was ich will. Und wenn´s mir einfällt, komme ich gerne auf dich zurück.“
Lassen Sie es mich so sagen: Gottes wunderbare Zusagen leben davon, dass wir in Gottes Einflussbereich bleiben. Wir brauchen einen dauerhaften Kontakt mit ihm im Gebet, im Bibellesen, durch den Besuch im Gottesdienst usw.  Nur so bestimmen seine Zusagen unser Leben. Nur so wird unser Vertrauen darauf ständig angefacht.. Nur dann können die Zusagen ihre Wirkung entfalten, uns Mut machen, uns innerlich aufbauen und stärken. Es geht um die Frage, von was wir uns prägen lassen im neuen Jahr. Von den Sorgen und Ängsten bei allen Herausforderungen und Problemen, bei all den Wackeligkeiten? Oder von der Stimme dieses guten Gottes, der mit uns gehen will und der sagt: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.“
Es wäre schön, wenn Sie diesen Spruch sich an einer Stelle aufschreiben, wo Ihr Blick oft draufgeht, oder vielleicht auch als Buchzeichen verwenden oder auswendig lernen, um ihn immer parat zu haben. Dann begleitet er Sie wirklich das ganze Jahr über.
Ich schließe mit einem kleinen Gedicht:
Nun lasst getrost uns gehen ins neue Jahr hinein!
Ob Stürme uns umwehen, wir stehen nicht allein!
Du stehst uns ja zur Seite und führst uns jeden Schritt!
Durch alle Dunkelheiten gehst du getreulich mit!
 
Amen
 
Pfr. Armin Kübler
 

Predigt zum Mitarbeitergottesdienst am 16.10.2005

Predigttext: Lukas 15, 1 – 7
 
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, liebe Gemeinde,
es ist eine wunderschöne Geschichte: das Gleichnis vom verlorenen Schaf und auch eine Mitarbeitergeschichte.
Jesus erzählt da von einem wuscheligen Wollbündel. Eines Tages dachte es: „Ich gehe weg, gehe auf Wanderschaft, ich will selber etwas erleben.“ Dabei verirrt es sich. Als der Schäfer bemerkt, dass eines seiner Schafe fehlt, lässt er die 99 anderen in der Herde stehen und kümmert sich ganz um dieses eine verirrte Schaf. Er sucht und sucht und hört nicht auf zu suchen, bis er es schließlich findet. Er hebt es auf und stemmt es auf seine Schultern. Vielleicht ist es auch verwundet und war in einer Dornenhecke blutig geworden. Der Hirte trägt es zur Herde zurück. Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen, und sie feiern ein Fest, weil das verirrte Schaf wieder gefunden und zurückgekehrt war. Und Jesus sagt: „Genauso freut sich Gott über einen Verlorenen, Verirrten, der zu ihm zurückgekehrt ist.
Ich gestehe, mich begeistert diese Geschichte immer wieder, weil hier etwas deutlich wird von der irrsinnig großen Liebe, die Gott für uns hat. Ein verirrtes Schaf war nämlich für den damaligen Hirten ein bedeutender Teil seines Lebensunterhaltes. Darauf konnte er nicht einfach verzichten. Das bedeutet: Jeder Verlorene, jeder Mensch, selbst wenn er sich von Gott und der Gemeinde abgewandt hat, stellt für IHN, den guten Hirten, einen ernormen Wert dar. Er ist ihm kostbar. Das Argument, es seien doch noch so viele andere (99) da, zählt für ihn nicht. Gott kämpft um jeden. Er läuft hinterher. Er ist auf der Suche leidenschaftlich nach jedem Menschen, als wäre er der Einzige. Ich finde, das ist zunächst einmal ein wunderbarer Ausdruck von Gottes Liebe auch für mich, für jeden von uns. Er will mit uns zusammen sein, weil er uns liebt. Du und ich, wir können uns völlig verirren, wir können falsche Wege gehen, selbst wenn wir uns ganz weit von ihm entfernen sollten und schlimme Dinge tun sollten – ER geht dir und mir leidenschaftlich nach, weil wir ihm unwahrscheinlich wichtig und kostbar sind. In diesem Gleichnis schwingt so viel Herzblut Gottes für uns mit. Das begeistert mich!
Nun spreche ich hier auch zu vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Wir tun Dienst in der Kirchengemeinde und wir merken oft, wie dieser Dienst vielfach auf positive Resonanz stößt. Wir merken, dass wir ankommen. Aber es ist nicht immer so. Manchmal scheint es auch ganz schön schwierig zu sein. Wir schleppen unsere privaten Probleme mit. Wir sind schon von daher belastet. Und dann ist auch die Mitarbeit nicht immer das pure Vergnügen: Mit anderen Mitarbeitern meines Aufgabenbereiches gibt es Dissonanzen oder sogar Streit. Die Gruppe läuft nicht so. Ein wichtiger Mitarbeiter verlässt uns. Es geht nicht so voran. Wir stellen uns selber in Frage, werden kraftlos und fangen an, an uns zu zweifeln. Das sind Momente, in denen wir sicher nicht gleich „Verlorene“ sind, aber in denen wir uns mitunter verloren vorkommen können in unserem Dienst. Dann brauchen auch wir dieses Wort besonders: „Du bist Gott unendlich viel wert. Du bist geliebt! Sogar als Mitarbeiter! Leidenschaftlich will unser Gott dich wieder zu seiner Herde zurückführen, raus aus deiner Verlorenheit, aus deiner Kraftlosigkeit, aus deinem Frust, zurück in seine Nähe. Du sollst dich wieder ganz geborgen und geliebt wissen. Was für einen glaubensfernen Menschen gilt, gilt für dich als Mitarbeiter erst recht: Unser Gott will dir ganz nahe sein, damit es dir wieder gut geht.“
Diese Geschichte ist also auch eine wunderbare Ermutigung und Stärkung für uns manchmal schwächelnde Mitarbeiter.
Nun kommt aber noch etwas dazu, was mich an der Geschichte fasziniert: Der Blick geht hier nämlich weit über meinen Tellerrand und meine eigene Befindlichkeit hinaus:
Nicht nur ich bin ein Mensch, der das Herz Gottes bewegt! Sondern jeder Mensch ist für Gott kostbar, wertvoll und wichtig. Ein Prediger hat es einmal treffend gesagt: „ Du hast noch keinem Menschen in die Augen geblickt, der Gott nicht wichtig wäre.“ Nun sind Sie vielleicht ein langjähriger Kirchgänger und Predigthörer. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Sie jetzt denken: „Was erzählt uns der denn da ? Das ist doch nichts Neues, das kenne ich doch alles schon. Gott liebt uns, mich und die anderen – was ist daran so erwähnenswert ?“
Dazu lassen Sie mich Folgendes sagen: sicher, bejahen werden wir das alle, in der Tat haben wir das schon oft gehört. Aber ich bin mir nicht klar darüber, ob wir uns diese einfache Wahrheit wirklich zu Eigen gemacht haben. Wir realisieren ja schon schwer, dass Gott uns selber liebt. Noch weniger aber realisieren wir, dass jeder Mensch, dem wir tagaus tagein begegnen, Gott wichtig und wertvoll ist. Ob es sich um den Kassierer an der Tankstelle handelt oder um unser eigenes Kind.
Ich finde, dass uns das Gleichnis vom verlorenen Schaf aber genau diesen Blick lehren kann: Für Gott ist jeder Mensch wichtig, sogar der verlorene Einzelne, der sich von Gott entfernt hat, dem es schlecht geht, der sich verloren vorkommt, und der den guten Hirten braucht, damit er wieder gefunden, und im Himmel wieder ein Freudenfest stattfinden kann.
Jeder Mensch ist Gott so viel Mühe und seine leidenschaftliche Suche wert!
Unsere Geschichte geht aber noch einen Schritt weiter:
Der Hirte lässt die im Moment funktionierende Herde (99) stehen, um sich dem einen verirrten zuzuwenden. Was Jesus damit seinen Zuhörern sagen will, ist eindeutig: Diese Verirrten, Verlorenen, denen es schlecht geht, oder weil sie im Moment von Gott davon laufen, sie haben für ihn Vorrang, oberste Priorität!!!!
Das ist natürlich ein Verhalten von Jesus und eine Aussage, die damals schon das religiöse Establishment auf die Palme brachte. Statt mit den Zöllnern und Prostituierten (den „Halbseidenen“) hätte sich der große Rabbi Jesus doch erst einmal mit den Frommen und moralisch Sauberen abgeben sollen. Die waren jetzt auf Jesus sauer. Deshalb erzählt er ihnen dieses Gleichnis. Sie, die Etablierten, sind die eigentlichen Adressaten der Geschichte.
Lassen wir es uns auf der Zunge zergehen: Jesus hat das also den frommen Etablierten sagen müssen. Liebe Gemeinde, heute sind das wir, erst recht als Mitarbeiter unserer Gemeinde, wer denn sonst? Deshalb ist das zu allererst ein Bibelwort für uns Mitarbeiter. An uns ist dieses Wort gerichtet. Wir sollen über dieses Gleichnis in besonderer Weise nachdenken. Ich bin fest davon überzeugt, es soll eines bei uns auf alle Fälle bewirken: Auch wir sollen wie die Pharisäer damals kritisch nachdenken über uns, ob wir wirklich die Verlorenen, Verirrten, von Gott Weggelaufenen zuerst im Blick haben, bzw. Menschen, die sich aufgrund ihrer Situation verloren vorkommen. Oder haben wir dem gegenüber doch zuerst uns selber im Blick ? Das Gleichnis sagt: Diese anderen haben die Priorität – das ist eindeutig hier!
Anders formuliert: Haben wir noch hauptsächlich diesen Blick nach außen, auf andere? Oder sind wir primär nach innen orientiert? Es gibt bei uns – nicht nur bei uns, sondern in allen Gruppen, Kreisen, Organisationen – in der Tat diesen ganz natürlichen, aber problematischen Effekt, dass man sich irgendwann hauptsächlich mit sich selber beschäftigt, immer selbstzentrierter wird, auch wenn man sich einmal aufgemacht hatte, für andere da sein zu wollen. Man schafft es nicht mehr wirklich, die anderen konsequent im Blick zu behalten. Es wirkt wie ein Sog nach innen. Diese Schwerkraft nach innen ist sehr, sehr mächtig. Was sind wir nicht oft zugekleistert mit sämtlichen unserer kirchlichen Aufgaben! Immer mehr geht es um uns selber, um unsere Empfindlichkeiten und unsere Vorstellungen. Immer weniger um die da draußen, die sich in einer Hecke verfangen haben.
Das Schlimme ist: Irgendwann wird es dann ganz normal, das wir nicht mehr auf der Suche nach diesen anderen sind!!! Da stehen wir aber im Gegensatz zu dem, was Jesus uns vorgelebt und gepredigt hat. Er sagt: Die Verlorenen genießen Vorrang. Jeder Mensch ist Gott wichtig und gerade der Verlorene. Weil sie es besonders nötig haben, brauchen sie besondere Zuwendung.
Ich weiß nicht, ob wir diese Liebe Gottes im Herzen wirklich verstanden haben. Und ich nehme mich selber dabei überhaupt nicht aus. Mitten in der intensiven Arbeitswoche und in meinen Sorgen erwische ich mich dabei, wie ich jemanden als Objekt betrachte statt als Menschen, den Gott liebt. Ich kenne auch den Pharisäer in mir, der so eine unveröffentlichte Liste mit sich herumträgt, eine Liste von Leuten, die meiner Meinung nach nicht so wichtig sind. Sie wissen schon: Der an der Tankstelle, die Kellnerin, die nicht kommt, die Kassiererin im Supermarkt, die so langsam herummacht, die Frau in dem langsamen Auto vor mir, der Nachbar mit dem Hund, der ständig bellt, der lästige Penner am Hauptbahnhof, die Frau in der S-Bahn, die nach Knoblauch riecht und womöglich der Kollege in der Firma, der immer andere Ansichten hat als ich. Alles Leute, die unwichtig sind, oder ? Nein, für Gott ganz und gar nicht! Sie sind Gott alle sehr wichtig. Und deshalb sollten sie auch mir wichtig, wirklich wichtig sein.
Wo wir selber diese Liebe Gottes im Herzen haben, da können uns die Verlorenen nicht gleichgültig sein, als Christen nicht, als Mitarbeiter der Gemeinde nicht. Da beteiligen wir uns auch mit an Gottes großer Suchaktion in der Welt! Jesus sagte: „Ich bin auf die Erde gekommen zu suchen und zu retten, was verloren ist.“ Und bevor er die Erde verließ, gab er seinen Jüngern mit: „ Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“
Wir können die Geschichte vom verlorenen Schaf nicht hören wie ein Konsument, ausschließlich als Geschichte der Liebe Gottes für mich. Wir können sie nicht hören, wie ein Zuschauer, der von Ferne zusieht, was unser Gott da so mit den Verlorenen treibt. Die Liebe Gottes, wenn sie uns wirklich ergriffen hat – sie kann uns nicht kalt lassen. Sie will auch uns in Bewegung setzen, hin zu den Menschen, hin zu den Verlorenen. Dietrich Bonhoeffer hatte den Satz geprägt: „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Das ist nicht nur ein Satz für die Pfarrer. Das ist ein Satz für jeden Mitarbeiter in der Kirche.
Zunächst einmal ist es ein Satz der Bestätigung für uns, denn wir tun ja als Mitarbeiter etwas für andere, sonst wären wir keine Mitarbeiter. Toll, dass ich in einer Gemeinde Pfarrer sein darf, wo das in hohem Maße geschieht. Dennoch möchte ich gleichzeitig uns alle ermutigen, noch mehr in allen Lebensbereichen, nicht nur, wenn wir gerade Dienst tun, hinzugehen, Menschen zu suchen, die im Begriff sind, irgendwie verloren zu gehen.
Natürlich fällt uns das nicht leicht. Natürlich haben wir Hemmungen. Natürlich geht das über ein gutbürgerliches Verhalten hinaus. Sowohl wenn wir uns einem Menschen zuwenden, dem es nicht so mut geht, als auch wenn es darum geht, unseren Glauben ins Gespräch zu bringen.
Natürlich ist das auch immer ein Risiko: Ich kann im Helfen ausgenutzt werden und ich kann, was den Glauben angeht, Kopfschütteln ernten oder blöde Bemerkungen. Auch für den Hirten in der Geschichte war die Suche kein romantischer Spaziergang; das war Arbeit. Aber wenn wir losgehen hin zu den Verlorenen, werden wir auch Erfahrungen des Findens machen. Und das Ergebnis wird große Freude sein! Bei uns und bei den Betroffenen!
Wir müssten dazu nicht einmal große Verrenkungen machen. Wir müssen uns dazu nicht vorkommen wie Weltverbesserer oder wie penetrante, drängerische Missionare. Wie wäre es, wenn wir zum Beispiel bei jemanden, dem es scheinbar nicht gut geht, uns einen Ruck geben und nachfragen: „Kann ich dir/Ihnen irgendwie helfen? Möchtest du/möchten sie darüber reden?“ Oder Sie laden ihre Nachbarn, Freunde, alte Schulkameraden ein, zum Kaffee, zum Grillen, von denen Sie wissen, dass sie mit dem Glauben nicht viel am Hut haben. Sie nehmen solche Menschen in Ihrer Nähe bewusst in den Blick, beten für sie und bringen ganz zwanglos den Glauben ins Gespräch ein. Oder Sie nehmen jemanden in eine Veranstaltung der Gemeinde mit – Open door ist zum Beispiel für Kirchenfernere eine gute Möglichkeit. Im Hauskreis entscheiden Sie sich: Wir möchten immer offen sein für andere und halten einen Platz frei. Die Verlorenen haben Priorität! Toll, dass unsere Chöre nicht nur Proben machen mit Kaffee trinken und ab uns zu im Gottesdienst singen, um sich darzustellen. Sie gehen raus zu den Menschen. Vielleicht könnte das noch offensiver geschehen (Idee: exklusives Konzert für die Teilnehmer an der Nürnberger Tafel). Die Jugendband und der Jugendchor trauen sich zu, im JUZ aufzutreten. Wir verlassen dann freilich die heimelige Kuscheligkeit. Aber wir würden dann aber auch mehr mit Gott erleben! Sich an Gottes Suchaktion beteiligen – darum geht es.
Auf Veranstaltungsebene geschieht meines Erachtens in unserer Gemeinde schon sehr viel. Toll, dass sich heute Mitarbeiter wieder für einige unserer Dienste neu einsegnen lassen.
Doch ich bleibe dabei, es könnten erstens noch mehr Mitarbeiter sein. Ich glaube, dass unser Gott noch mehr Gaben dazu in der Gemeinde verteilt hat.
Zweitens könnten wir entschlossener sein, den so genannten Verlorenen in unserer Stadt in jeder Hinsicht den Vorrang zu geben. Für unseren Gott ist stets der eine weg von der Herde ganz besonders wichtig im Vergleich zu den 99 in der Herde. Das dürfen wir nie aus dem Blick verlieren! Auch in unserem Programm soll sich das niederschlagen.
Und drittens gilt das vor allem für unsere persönlichen Beziehungen zu den Menschen um uns. Auf dieser Ebene – das ist mein Eindruck – können wir noch zulegen, uns an Gottes großer Suchaktion beteiligen. Beispiele dazu habe ich oben schon gegeben.
Vergessen wir nie: Es ist Gottes große Liebe, die uns bewegt, hin zu den Freunden, Nachbarn, Kollegen, Bekannten. Wir selber profitieren von dieser Liebe und Güte Gottes an jedem Tag. Die Botschaft von der Gnade Gottes, der uns bis zum Tod am Kreuz nachläuft und durch die Auferstehung unser Leben auf eine feste, ewige Grundlage stellt – das ist die beste Botschaft dieser Welt. So hat Gott mich gefunden. Und so will er andere finden. Und er will, dass wir uns daran beteiligen, als seine Mitarbeiter in unseren Diensten und im ganzen Leben.
Amen.
Pfarrer Armin Kübler
 

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