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Lisa Nikol-Eryazici am 12.9.10 Johanniskirche und Kotzenhof

Thema: Unser Glaube, konfrontiert mit Katastrophen und Unglücksfällen wie in Lillinghof
Liebe Gemeinde,
an Katastrophenmeldungen sind wir gewöhnt: Erdbeben in Haiti mit Hunderttausenden Toten, Flutkatastrophe in Pakistan, Millionen Menschen haben ihre Heimat verloren, Tausende sind gestorben, die Ernte ist kaputt, der Zunami in Thailand und umgebenden Regionen, ein schrecklicher Autounfall dort, eine Katastrophe hier. Wir hören diese Meldungen, sehen die Bilder in den Medien, setzen uns damit auseinander, spenden vielleicht, aber dennoch bleibt das Leid relativ weit von uns entfernt, ist eher ein Produkt im Kopf.
Wenn aber ein Unglück plötzlich ein Gesicht bekommt, wenn es uns nahekommt, wenn es bei uns war, wenn wir auch dort hätten sein können, wenn Menschen, die wir kennen, davon betroffen sind, wenn Menschen, die wir kennen und schätzen, verletzt und vielleicht sogar gestorben sind, dann ist es nicht mehr nur ein Produkt im Kopf, dann ergreift es uns als ganze Menschen und berührt und erschüttert unser Innerstes. Vielen Menschen ist es so gegangen in diesen Tagen, die als Besucher in Lillinghof waren, die vielleicht gar nicht da waren, aber die Jahre zuvor, die wissen, wen dieses Unglück getroffen hat und was noch hätte passieren können, wenn dieses Drahtseil nicht gehalten hätte. Wir merken, wie zerbrechlich unser Leben ist, wie es sich von heute auf morgen verändern kann – nicht nur irgendwo in der Welt, nein, hier bei uns in Lauf, in unserem Bekanntenkreis, bei unseren Nachbarn, bei uns.
Auch uns als Christinnen und Christen erschüttert es. Wir müssen Antworten geben, wenn wir gefragt werden, ob es Gott ist, der solch schreckliche Unglücke für uns Menschen vorsieht, oder zumindest nicht verhindert. Warum muss eine noch junge Frau sterben, die mitten im Leben stand, warum gerade sie?
Auch wenn diese Fragen nicht immer offen formuliert werden, so sind sie doch im Hintergrund da, immer wieder und sie machen ja auch uns zu schaffen, da wir ja ein ganz anderes Bild von Gott haben, als den Beschützer, als den Retter, als den, der uns aus allen Fasern seines Daseins heraus liebt.
Was können wir sagen? Wie lässt sich vor dem und über den dreieinigen Gott verantwortlich reden angesichts solcher Katastrophen?
Drei biblische Texte sind mir wichtig. Der erste steht im Lukasevangelium (Lk 13, 1-9). Er erzählt über ein Unglück mit 18 Toten, die unter einem einstürzenden Turm begraben wurden. „Was sagst du dazu, Jesus?“, fragen die Menschen. „Warum gerade die? Was haben diejenigen getan, denen das geschehen ist? Warum hat Gott sie gestraft?“ Und Jesus antwortet: „Diese 18 sind nicht schuldiger gewesen als alle anderen Menschen, die in Jerusalem wohnen. Ich sage euch: Nein, denkt das nicht, sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.“
Wie gehen wir mit so einer Katastrophe wie in Lillinghof um? Wir brauchen nur in die Bildzeitung zu schauen. Wir suchen Schuld und Schuldige. Der Pilot hatte schon einmal einen Unfall, könnte man nicht doch ihm diese Schuld aufbürden – dann wüsste man wenigstens wohin mit seiner Ohnmacht und Wut. Oder wurden die Sicherheitsvorschriften wirklich beachtet?  Deutlich ist: wir können Schreckliches kaum ertragen, ohne es zu erklären, und am besten erklärt sich etwas, indem wir Schuld und Schuldige finden.
Nein, sagt Jesus zu uns, den Zuschauenden. Er spricht hier  ja nicht mit Verletzten oder Angehörigen von Opfern. Er spricht hier in diesem Abschnitt zu Menschen wie uns. Die das alles aus einiger Entfernung mitbekommen haben, die Radio hören, Fernsehbilder sehen, Zeitung lesen – und dann entsetzt sind und nach Schuld und Schuldigen suchen, um mit ihrem Grauen zurecht zu kommen. Nein, sagt Jesus, wir alle sind mit hineingenommen. Denkt ihr, ihr lebt so, dass euch nichts passieren kann? Denkt ihr, ihr seid sicher? Überlegt nur, was ihr anderen schuldig geblieben seid. Bedenkt, was ihr hättet tun können und was ihr getan habt. Macht euch klar, dass es ein Wunder ist, dass ihr lebt. Tut Buße, kehrt um, seht ein solches Unglück als Anfrage an euer eigenes Leben.
Was aber heißt dann Buße? Es heißt nicht, moralischer, perfekter, technisch gesicherter zu leben, um auf die anderen zeigen zu können: wir sind besser als ihr, uns passiert das nicht. Es heißt nicht, sein zu wollen wie Gott. Umkehr heißt zweierlei: Wendet euch zu dem Gott des Weingartens und: dabei ändert ihr euch.
Am Ende dieses ersten Textes steht das Bild vom Weingärtner, der noch ein Jahr erbittet für seinen Feigenbeim, um zu graben, zu düngen, zu gießen. Damit die Umkehr beginnen kann. Damit neue Triebe wachsen. Damit Knospen aufspringen. Und der Baum Früchte bringt. Wer für andere sorgt, wer teilt, wird reicher. Ja, ein solches Unglück soll Ansporn für uns sein, unser eigenes Leben wieder neu auszurichten, auszuloten, was wirklich wichtig ist im Leben, unseren Blick hinzuwenden zu denen, die uns brauchen und uns die Zeit dafür zu nehmen, was uns und dem Leben dient.
Dann stehen der Weingärtner und sein Herr mit uns unter diesem Baum, denken an die schweren Zeiten und freuen sich an der neuen Pracht.
Aber was ist das für ein Gott, dieser Weingärtner-Gott? Warum lässt er den Baum denn nicht gleich blühen? Warum lässt er den Turm erst umfallen? Wie kann er eine solche Katastrophe zulassen.
Der zweite Text, der mir wichtig ist, umfasst die beiden Schöpfungsgeschichten am Anfang der Bibel. Wir lesen sie normalerweise so: Gott hat die Welt geschaffen. Alles, was ist, ist durch ihn, durch eine nicht mehr zu hintergehende Macht hervorgebracht. Und alles, was ist und geschieht, ist und bleibt von dieser Macht abhängig. Und weil Gott „immer und überall handelt, wo etwas ist, zu jeder Zeit und an jedem Ort, erscheint er als großer göttlicher Mechaniker und es stellt sich die Frage: Wie kann er Katastrophen zulassen?
Aber die biblischen Texte lassen sich auch anders lesen. Weniger rationalistisch und mechanistisch, dafür aber realistischer und dem biblischen Denken angemessener. Den Schöpfungsberichten geht es nicht um eine abstrakte Allmacht Gottes. Gott reagiert auch auf das Geschaffene. Kaum ist es da, führt es ein Eigenleben. Von Anfang an folgt es Naturgesetzen und Ordnungen, die Gott respektiert, die er mit Wohlgefallen anschaut und auf die er wiederum eingeht. Schon am Vorgang der Schöpfung kommt es zu einem Zusammenwirken von göttlichen und menschlichem Handeln, wenn Gott regnen lässt und der Mensch anbaut, wenn die Erde das Getier hervorbringt, wenn die Himmelskörper den Tag- und Nachtrythmus bilden. Wenn nicht nur Gott benennt, sondern auch dem Menschen diese fundamentale Aufgabe und Macht zukommt. Gott reagiert auf Erfahrungen des Menschen: nicht weil es seinem immer schon vorhandenen abstrakten Plan entspricht, sondern weil Gott die Not und Einsamkeit des Menschen sieht, schafft er den Menschen als Mann und Frau. Nein, Gott ist nicht die alles bestimmende, selbstgenügsame und mit sich selbst zufriedene Macht; Gott sucht das Gegenüber, nimmt es wahr, schätzt seine Eigenaktivität – oder wendet sich davon ab: Gott geht auf die Bedürfnisse des von ihm Geschaffenen ein und lässt sich in seinem Handeln dadurch bestimmen – oder zieht sich enttäuscht von seinem Geschöpf zurück. Erst als er erkennt, dass der Mensch anstrebt zu werden wie Gott, kommt es zum Neuanfang des Menschen außerhalb des Paradieses. Als die Menschen mit ihrem Turm von Babel Gott erreichen möchten, zerstreut er ihre Sprache, um sie vor sich selbst zu schützen. Gottes Wirken ist nicht statisch, von Anfang im Plan, die Menschen sind selbsttätig, ja sogar die Schöpfung als solche hat eine eigene Aktivität und ein Blick in die weiteren Kapitel der Bibel zeigt, dass er immer wieder neu und auf neue Weise auf Handlungen der Menschen reagiert – immer im Bestreben, sie doch zu ihrem Heil, zu ihrem Platz als seine geliebten Geschöpfe zurückzuholen. Es ist unglaublich, was die Menschen an Kreativität hervorbringen, doch sie gehen in ihrem Streben nach vorne, nach oben, nach Autonomie auch gewaltige Risiken ein. Wir alle wissen, wie viele Opfer der Autoverkehr jedes Jahr hervorbringt, wie viel auch – bei aller Faszination – bei Flugschauen schon passiert ist.
Wir und alles Geschöpfliche sind Gott als Partner, nicht als Marionetten, als Sklaven gegenübergestellt und er ist nicht eine Zaubermacht, die die Naturgesetze überrollt und Leid oder Katastrophen verhindert, sondern die Kraft, die auf ein Miteinander mit allem von ihr Geschaffenen angelegt ist, die Kraft, die in der Schwachheit mächtig ist und aus Not und Tod heraus neues Leben schaffen kann.
Diese Erfahrung ist in Jesu Leben, Sterben und Auferstehen ganz menschlich und erlebbar geworden. Ja es ist eine der größten Geheimnisse und Schätze, die unser Glauben birgt, dass der Tod eben nicht das Ende ist, sondern dass das Leben stärker ist. Und das gilt auch für den Tod im Übertragenen Sinn, für alles, was leblos, festgelegt, lieblos, starr vor Angst, vor Schrecken, vor Schuld geworden ist. Auch hier zeigt uns Jesu Weg, dass es Leben aus dem Tod heraus gibt. Wie der Feigenbaum, der noch wachsen und blühen kann, wenn man ihm eine Chance gibt.
Eine dritte biblische Geschichte kommt mir ihn den Sinn, wenn ich an schreckliche Unglücksfälle wie in Lillinghof denke: Wer zurückblickt und auf die Katastrophe schaut, wird zur Salzsäule, erzählt die Geschichte über Lot und seine Frau. Ja, eine Katastrophe kommt über die Stadt, in der Lot und seine Frau gewohnt haben, sie können sich retten. Doch statt nach vorne zu schauen, dreht Lots Frau sich um und – nur ein Satz ist darüber erwähnt – wird zur Salzsäule. Oft ist dieses Erstarren als Strafe gewertet worden, aber es ist nicht Strafe, sondern es ist die Erfahrung, dass der Anblick von Schrecklichem, das sich darin Festhaken einen versteinern lassen kann. Weil er bannt, weil er auf das Schreckliche fixiert und verhindert, dass das Rettende noch in den Blick kommt.
Heißt das jetzt: Dreht euch nicht um, ihr Christinnen und Christen? Tut einfach so, als sei nichts passiert? Schaut immer schön nach vorne, es geht schon irgendwie weiter?
Ganz bestimmt nicht. Doch unser Blick soll sich nicht im Grauen festhalten, wenn wir es zu sehr in den Mittelpunkt lassen, dann weckt es Furcht und Mitleid, eben auch Furcht um uns selbst und Selbstmitleid. Das kann handlungsunfähig machen, uns bannen. Wenn Jesus im
 Lukasevangelium den Menschen, die vor Schreck über den Turmeinsturz paralysiert dastehen, sagt: Kehrt um, dann heißt das wörtlich übersetzt auch „dreht euch um!“ Lasst euch vom Unheil nicht überwältigen, sondern schaut auf Gottes Verheißung. Hier ist unsere Kraftquelle. Hier ist der Ort, von wo aus wir uns orientieren und tätig werden können. Von hier aus werden wir, verheißt uns Jesus, statt zur Salzsäule zu erstarren zum Salz der Erde.
Lillinghof ist kein anonymes Unglück weit von uns entfernt, viele von uns kennen Menschen, die betroffen sind. Deshalb möchte ich Sie wirklich auffordern, gehen Sie auf sie zu, sprechen Sie sie aktiv an, hören sie zu. So lasst uns alle miteinander leben als eine Gemeinschaft, die weiß und weitergibt, dass bei Gott das Leben und die Liebe stärker ist als der Tod.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Stefan Alexander, kath.Pfarrer, Pfingsten, 24.Mai2010 Johannis-Kirche

(Lesung: Apg 2, 1-11) 
Es muss vor etwa 20 Jahren gewesen sein. Unsere Nachbarn waren das erste Mal in Norddeutschland, an der Küste oben.
In einem Landgasthaus wollten sie etwas bestellen. Den Dolmetscher hat man kommen lassen: "Speaken you English? Parlez vous français?"
An dieser Stelle ist unsere Nachbarin dann ausgerastet. Und voller Unverständnis und Wut hat sie in bestem Fränkisch gerufen: "Herr Gott noch mal, mir sin’ doch a Deutsche!"
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Deutsche und Deutsche - und vor allem Deutsch und Deutsch -, das ist halt schon zweierlei. Man kann die gleiche Sprache sprechen und wird trotzdem kein bisschen verstanden.
Und das muss jetzt nicht einmal zuerst an den regionalen Unterschieden, an unterschiedlichen Dialekten, liegen. Man kann das reinste Hochdeutsch sprechen und kein Mensch versteht etwas.
Verstehen Sie immer alles, was Ihnen Ihr Arzt erklärt oder auf den Beipackzetteln der Medikamente steht? Bei den vielen Fremdworten blick ich in den seltensten Fällen wirklich durch. Und ein Computerhandbuch, die Bedienungsanleitung vom Videorecorder, sie mögen in bestem Deutsch geschrieben sein, kapieren tu ich sie oftmals nicht richtig. Und es gibt ja sogar Untersuchungen, die belegen, dass ein Großteil der Bundesbürger die Nachrichten, die Tagesschau im Ersten etwa, über weite Strecken hinweg nicht wirklich versteht.
Um sich wirklich verständlich zu machen reicht es noch nicht aus, dass man die gleiche Sprache spricht. Und das scheint ein Problem zu sein, das in den letzten Jahrzehnten eher größer als kleiner geworden ist.
Eltern verstehen ihre Kinder nicht mehr, von den Großeltern ganz zu schweigen. Die Grenzen innerhalb der einzelnen sozialen Schichten und unterschiedlichen Milieus sind offenbar so dicht, dass man die Sprache, die man dort spricht, in einem anderen Milieu schon gar nicht mehr versteht. Auch die Jugendsprache oder die Abkürzungen beim Computerchat oder der SMS ist jemanden, der ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat immer wieder ein großes Rätsel.
Wenn sich das schon in wenigen Jahrzehnten in unserer Gesellschaft herausbilden konnte, um wie viel mehr muss das wohl für einen Bereich gelten, in denen man über Jahrhunderte hinweg kaum irgendwelche Kontakte pflegte. Zig Generationen waren es schließlich, die jeden Kontakt beinahe peinlich genau vermieden haben: den Kontakt zwischen den christlichen Konfessionen nämlich. Die älteren unter Ihnen erinnern sich sicher noch daran: es galt ja sogar als Sünde, eine katholische, bzw. andersherum, eine evangelische Kirche auch nur zu betreten.
Ist’s da wirklich so verwunderlich, dass sich in den unterschiedlichen christlichen Konfessionen ganz unterschiedliche Ausdrucksweisen und ganz unterschiedliche Sprachen entwickelt haben? Nimmt es einen da wirklich Wunder, dass wir uns weithin ganz einfach nicht mehr verstehen?
Da haben die einen wie die anderen das Gefühl, dass der jeweils andere etwas ganz anderes sagen, meinen und letztlich damit auch glauben würde. Tiefe Gräben, ganz unterschiedliche Auffassungen und diametral entgegengesetzte Glaubenslehren würden da vertreten. Wenn wir aber genau hinschauen, davon bin ich ganz tief überzeugt, werden wir am Ende entdecken, dass diese Unterschiede vor allem darin liegen, dass wir mittlerweile Sprachen sprechen, die wir ganz einfach gegenseitig nicht mehr verstehen.
Wir verwenden vielleicht die gleichen Worte, gebrauchen ähnliche Formulierungen - dahinter aber verbergen sich mittlerweile oftmals ganz andere Bedeutungen.
Zwischen den unterschiedlichen christlichen Kirchen gibt es inzwischen - bedingt durch die langen Jahrhunderte der Sprachlosigkeit -, eine Sprachverwirrung, die dem Sprachengewirr des alttestamentlichen Babel gar nicht so fern zu sein scheint.
In diesen beiden Tagen feiern wir Pfingsten. Wir feiern den Geist Gottes, den Geist, der die Grenzen der Sprachen überwunden hat, der Verstehen gelehrt hat und Menschen zueinander führte, indem er ihnen die Herzen aufgeschlossen hat. Wir feiern den Geist des Verstehens und der Überwindung aller Sprachgrenzen.
Um diesen Geist bitte ich heute. Ich bitte ihn, um die Überwindung der Sprachverwirrung zwischen den christlichen Kirchen.
Es ist das größte Ärgernis, das die Geschichte der Christenheit begleitet, dass Christen, nicht weil sie nicht konnten, sondern weil sie nicht wollten, den Kontakt untereinander über Jahrhunderte hinweg vermieden haben. Christus will, dass alle eins sind und allem voran, dass seine Kirche eins ist. Darum müssen wir uns mühen. Und wir müssen alle Schritte, die nötig sind, aufeinander zugehen. Und zuallererst bedeutet das, dass wir einander wieder verstehen lernen müssen. Was meint der andere? Wovon spricht er? Und was denkt er? Und warum sagt er Dinge so und nicht anders?
Damit das alles aber überhaupt gelingen kann, dazu braucht es ein Klima, das frei sein muss von Argwohn, das geprägt sein muss, von gegenseitigem Vertrauen. Wir müssen aufhören davon auszugehen, dass andere Formulierungen und andere Ausdrucksweisen immer gleich heißen müssen, dass hier jemand nicht nur anders, sondern auch falsch glauben würde. Wir müssen dem, der als Christ in einer anderen Konfession glaubt, zuerst einmal unterstellen, dass er vermutlich das Gleiche meint wie wir. Dann nämlich haben wir die Chance zu entdecken, dass wir Dinge lediglich anders zum Ausdruck bringen, dass wir uns - vielleicht von verschiedenen Seiten - ein und derselben Sache nähern, die wir mit unterschiedlichen Worten beschreiben, aber ein und dasselbe meinen. Dann können wir neu realisieren, dass wir ein und demselben Gott glauben und gemeinsam zu Jesus Christus gehören.
Möge der Geist des Pfingstfestes wirken, dass wir wieder neu entdecken, wie wir zwar in unterschiedlichen Sprachen, aber dennoch nichts anderes, als Gottes große Taten verkünden.
Amen.

Fastenpredigt Christian Mayer, Johannis-Kirche 8.März2010

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.


Den heutigen Predigttext finden Sie bei Markus, Kapitel 12, Verse 41-44
Das Opfer der Witwe.
4l 'Als er gerade dem Opferkasten gegenübersaß, beobachtete er,
wie das Volk Münzen in den Opferkasten legte. Viele Reiche legten
viel hinein. 42 ' Es kam auch eine arme Witwe und legte zwei Heller,
das ist so viel wie ein Pfennig, hinein. 43 'Da rief er seine Jünger herbei
und sprach zu ihnen: ,,Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe
hat mehr hineingelegt als alle, die in den Opferkasten einlegten.
44 'Denn diese alle haben von ihrem Überfluss hineingelegt; sie aber legte
von ihrer Armut alles hinein, was sie hatte, ihr ganzer Lebensunterhalt.'
 
Liebe Gemeinde,
 
eine nette harmlos daherkommende Geschichte aus der Bibel wie man meint. Es besteht keine Notwendigkeit zwischen älteren und moderneren Übersetzungen auszuwählen und sich lange Gedanken über die Interpretation zu machen, meint man.
 
Wenn ich Sie jetzt fragen mit wem Sie sich in dieser Geschichte identifizieren, oder besser, wenn ich wie heute üblich ein Meinungsforschungsinstitut beauftragen würde Sie zu fragen mit wem Sie sich in dieser Geschichte identifizieren, dann kommt wohl heraus, dass wir alle auf der Seite der armen Witwe stehen.
 
Die Reichen, das sind „die da Oben“ , die skrupellosen Unternehmensführer, die
Hedgefonds-Manager, die Politiker und zurzeit besonders die Banker. Jetzt tun wir den „Reichen“ im Bibeltext wahrscheinlich auch noch Unrecht, denn das waren ja trotzdem noch „Gute“, die etwas und zwar gar nicht wenig gegeben haben.
Das kann man von den letztgenannten, vor allem von den Banken nicht behaupten. Die alte Börsenweisheit: „Tröste dich, dein Geld ist nicht fort,  es hat nur ein Anderer“ stimmt leider nicht mehr. Das Geld ist fort. Und zwar in unvorstellbarer Dimension und mit der Folge, dass die Welt global in eine schlimme Krise gestürzt wurde.
Was ist da eigentlich passiert ? Eine genaue, wissenschaftlich fundierte Analyse würde hier und jetzt zu weit führen. Grob kann man es aber so beschreiben: Ein Großteil der vor allem global agierenden Banken war zum Schluss nur noch ein Spielkasino mit einem lästigen Anhängsel namens Kundengeschäft.
 
Nationale und globale Aufsichtsgremien, soweit vorhanden, die Politik und natürlich das Management der Banken haben versagt. Niemand hat es gewagt, das sich immer schneller drehende Roulettrad aufzuhalten. Die Spieltische der Banker waren Derivate und Finanzinnovationen, deren Nebenwirkungen nur ganz klein oder gar nicht im Beipackzettel beschrieben waren. Nicht das diese Instrumente generell zu verteufeln wären, doch kommt es wie in der Medizin auf die Dosis an.
 
Es spricht nichts dagegen, wenn Banken einen Teil Ihres Eigenkapitals zur Verbesserung des Gesamtergebnisses auch riskanter anlegen. Genauso wenig wie es verwerflich ist wenn Privatkunden einen Teil Ihres Anlagekapitals in beispielsweise Aktien anlegen. Aber das was für private Anleger eine goldenen Regel sein muss, nämlich niemals mit geliehenem Geld zu spekulieren, muss auch für Banken gelten. Bestehende Regelungen hierzu wurden durch scheinbar besonders clevere Ideen ausgehebelt, so dass manche Banken das hundertfache und mehr ihres Eigenkapitals verspekulieren konnten.
 
Besonders verwerflich war, dass viele dieser Anlagen so umverpackt und umettiketiert wurden, dass am Schluss ein Stempel „AAA-Rating“,  also „allerbeste Bonität, geringes Risiko“ darauf gemacht wurde.
 
Ich habe nie verstanden wie es funktionieren soll, wenn man tausende schlechter Kredite in einer Anleihe zusammenfasst, dass dann die Anleihe risikofrei sein soll. Die internationalen Märkte sahen das anders. Und es hat ja jahrelang gut funktioniert. Auch wenn doch keiner so naiv sein konnte zu glauben, dass man für das gleiche angeblich niedrige Risiko ein mehrfaches der üblichen Rendite bekommt. Zum Schluss ist die Blase dann geplatzt mit den uns allen bekannten Folgen.
Die Bayerische Landesbank hat dann mit dem Kauf der Hypo Alpe Adria noch eins drauf gesetzt. Wobei hier abzuwarten bleibt , ob neben der Dummheit der Handelnden nicht auch noch kriminelle Energie ans Tageslicht befördert wird.
An dieser Stelle möchte ich Sie aber dennoch bitten was das Thema Banker betrifft zu differenzieren.
 
Alleine in Deutschland arbeiten ca. 700000 Beschäftige direkt im Bankensektor. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland ein 3 Säulen Modell, bestehend aus dem öffentlichen Sektor (Sparkassen), dem privaten Sektor (Großbanken) und den Genossenschaftsbanken haben.
Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken vor Ort waren und sind der große Stützpfeiler des Bankensystems in Deutschland. Noch vor ein paar Jahren - im sich globalisierenden Umfeld als veraltet verspottet und den Großbanken im Weg - hat sich jetzt herausgestellt, dass der öffentliche Auftrag der Sparkassen und der gelebte Geist eines Friedrich Wilhelm Raiffeisen krisenfest sind.
 
Über den Gewinn, den die Raiffeisen Spar + Kreditbank erwirtschaftet hat ein Herr Ackermann bis vor kurzem noch gelächelt. Immerhin wir haben einen Gewinn erwirtschaftet und das müssen wir auch zur langfristigen Existenzsicherung. Aber das steht bei uns nicht im Vordergrund. Das Wohl unserer Mitglieder zu mehren ist unser Auftrag. Die Sicherung von über 100 Arbeitsplätzen vor Ort und natürlich kompetenter Ansprechpartner unserer Kunden zu sein. Wir haben die Krise, bei der wir im Übrigen keinen Cent verspielt haben, genutzt uns auch Gedanken über die ethischen Grundlagen unseres Handels zu machen. Als Ergebnis steht die Ausrichtung auf  Nachhaltigkeit. Begonnen durch die energetische Sanierung unserer Hauptstelle, der Einführung unserer Prima-Klima-Sparcard und des damit verbundenen Prima-Klima-Kredits wollen wir den Weg hin zu ganzheitlichen und nachhaltigen Anlage- und Kreditprodukten weitergehen.
 
Unternehmen brauchen ethische Grundlagen für ihr Handeln.
 
Dies gilt allerdings auch für ihre Kunden.
 
Ist es gerechtfertigt immer nur über die „da Oben“ zu schimpfen !?
Was ist mit unserer Gier, mit unsere „Geiz ist Geil“ -Mentalität. Haben wir die „da Oben“ nicht auch dazu gezwungen sich dermaßen daneben zu benehmen, haben wir Ihnen nicht zumindest das passende Umfeld bereitet ?
Und noch deutlicher: Was haben wir eigentlich aus der Krise gelernt ?
Bisher nicht viel wie es aussieht. Der Spielkasinobetrieb wurde wieder aufgenommen. Bankenaufsicht und Politik inszenieren sich pressewirksam, der Verbraucherschutz hat über Nacht ein paar neue Regeln aufgestellt, mit der Folge das jetzt Kunden bei einer Anlageberatung mehr unterschreiben müssen als vor einer Herzoperation.
Aber das Grundübel bleibt. Die Beschränkung der Kasinopapiere, vor allem auf internationaler Ebene lässt auf sich warten und Aufsichtsratsposten in Landesbanken werden weiter an Amateure vergeben.
 
 
Globalisierung – ein Begriff der immer negativer besetzt durch die Schlagzeilen rauscht und mit der Krise eng verbunden ist. Doch Globalisierung ist nichts was wir uns aussuchen könnten. Globalisierung ist eine Realität der wir uns stellen müssen. Und das es auch positive Möglichkeiten gibt sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen zeigt der hier in Lauf betriebene „Eine-Welt-Laden“. Globalisierung an sich ist auch nichts schlechtes, eher die unter diesem Deckmantel eingeschleppte Amerikanisierung mit der wir in den letzten Jahren überschwemmt wurden. Amerika hat Werte und keine Bedenken diese aggressiv zu verbreiten. Persönlicher Profit, immer der Beste zu sein  und keine Grenzen zu kennen gehören dazu und widersprechen unserem gesellschaftlichem Konsens einer sozialen Marktwirtschaft.
 
Uns fehlt das Selbstbewusstsein diese von der Nachkriegsgeneration hart erarbeiteten Werte gegen unmenschlichen Kapitalismus und Profitgier zu verteidigen.
Ein deutsches Problem. Auf etwas stolz zu sein ist bei uns verpönt. Dabei haben wir allen Grund auf  die Errungenschaften der sozialen  Marktwirtschaft stolz zu sein und die Verpflichtung diese Werte auch zu verteidigen.
 
Zurück zu uns in Lauf. In meiner täglichen Praxis mehren sich wieder die Anfragen nach exorbitanten Renditen. Das Zinsniveau ist derzeit historisch niedrig um der Wirtschaft die Chance zu geben wieder auf die Füße zu kommen, mit der Folge das eben auch realistische Anlagezinsen sich im unteren 1 Prozentbereich bewegen.
Das dies für viele Anleger unbefriedigend ist verstehe ich. Was ich allerdings nicht verstehe sind Fragen, ob denn die Isländischen Banken, die im Endeffekt ja die Spargelder doch zurückbezahlt haben nicht wieder mit attraktiven Angeboten im Markt sind. Oder warum wir den nicht soviel Zinsen zahlen wie manche Großbank. Wenn ich dann erwidere, dass diese das Geld brauchen um den Spielkasinobetrieb wieder anfahren zu lassen und mit den von uns allen finanzierten Bürgschaften die Neukundengewinnung leicht subventionieren können, statt dem Staat die zustehende Verzinsung für das Geld unserer Bürger zukommen zu lassen ernte ich meist nur ein müdes Lächeln.
Beim eigenen Vorteil sind alle ethischen Grundsätze schnell vergessen. Dann benehmen wir uns gerne wie die „Reichen“ in unserem heutigen Predigttext und denken uns die arme Witwe ist doch selber Schuld.
 
„Gebt dem Kaisers, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist !?
 
Geben wir denn überhaupt noch etwas, oder konsumieren wir nur noch ?
 
Vor 10 Jahren habe ich noch behauptet, dass man, wenn man 30 Leute um sich schart, jeden beliebigen Verein, Verband, Organisation, oder Partei in Lauf übernehmen kann. Heute gilt dies nicht mehr. Es reichen 10 Personen.
Bei der Haushaltssitzung der Stadt Lauf, bei der es um eine historische Neuverschuldung der Stadt und entscheidende Weichenstellungen für unsere Zukunft ging, waren gerade einmal 3 Bürger anwesend, einen davon habe ich auch noch dazu gezwungen. Die Wahlbeteiligungen, egal auf welcher Ebene, sind auf historische Tiefststände gesunken. Wir begründen das mit Politik- und Politikerverdrossenheit.
 
Liebe Gemeinde,
wir müssen uns aber nicht wundern, wenn bei denen „da Oben“ auch so etwas wie Bürgerverdrossenheit einsetzt. Ständige, vor allem in den Medien inszenierte Kritik, ohne Anregungen und Engagement sind die Regel. Politik wird auf die unerträglichen Polittalks bei Maischberger & Co. reduziert. Die höchste Form politischen Engagements beschränkt sich dann darauf, während so einer Politsendung auf den Krimi beim nächsten Sender weiterzuzappen.
 
Wir alle sind aufgefordert uns vor Ort einzusetzen und Verantwortung für unsere Zukunft und die unserer Kinder zu übernehmen, egal bei welcher Organisation, Verein oder Partei.
 
Wir müssen uns klar darüber sein, dass jede Entscheidung von uns Einfluss auf unsere direkte Umgebung hat, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht.
 
Es scheint verlockend Bücher bequem im Internet zu kaufen. Wenn wir genau überlegen, was wir da tun, werden wir feststellen, dass dies überhaupt keinen Sinn macht. Bücher unterliegen in Deutschland der Buchpreisbindung. Es ist also noch nicht einmal billiger im Internet, aber wir zerstören ohne Not die Einzelhandelsstruktur und damit Arbeitsplätze vor Ort, die auch im Nirwana des Internets nicht ersetzt werden.
 
Elektrogeräte im „Geiz ist Geil“ - Markt zu kaufen mag kurzfristig gesehen billiger sein, aber eben auch auf Kosten von Arbeitsplätzen und Lebensqualität. Fordern wir stattdessen von unseren Einzelhändlern für das Mehr an Preis ein Mehr an Leistung im Service, bei der Beratung und bei Problemen. Wir werden sehen, dass sich das langfristig nicht nur für die Gesellschaft, sondern auf für uns selbst auszahlt.
 
Zukünftig wird es möglich sein regionale Produkte unserer Landwirte im Dorfmarkt Simonshofen, einem höchst unterstützenswerten Projekt, einzukaufen. Die Diskussion um die nicht mehr überlebensfähigen Preise unserer Milchbauern hat gezeigt, wie wichtig es ist sich von ruinösen und undurchsichtigen Märkten abzukoppeln und den heimischen Produkten einen reellen Markt mit reellen Preisen einzurichten.
 
Arbeitsplätze in Lauf vernichten wir auch, wenn wir unsere Reisen im Internet buchen, Kleidung im Factory-Outlet kaufen, oder unser Geld bei den mit Lockangeboten werbenden Direktbanken anlegen.
 
Schlimm genug wenn wir dies alles, sei es aus Gedankenlosigkeit oder Geiz tun.
Noch viel schlimmer aber ist es, wenn wir es versäumen, unseren Kinder, für die der Umgang mit dem Internet heute eine Selbstverständlichkeit ist, mit der sie groß werden, keine Werte zum Umgang mit diesem Medium auf den Weg geben. 
Gesellschaft ohne Werte !?
Ich glaube nicht, dass wir eine Gesellschaft ohne Werte sind.
Wir haben Werte.
Gerade wir Christen haben Werte. Wir müssen sie nur anwenden.
Wir können nicht erwarten, dass die „da Oben“ uns Werte vorgeben und vielleicht auch vorleben. Wir und gerade wir Christen sind verpflichtet uns auf unsere Werte zu besinnen und zu handeln.
Ohne Furcht und Scheu, haben wir doch einen Gott, der uns Fehler zugesteht und verzeiht. Was uns nicht verziehen wird ist Trägheit, Tatenlosigkeit und Gejammer.
Dabei ist es nicht notwendig die große Revolution auszupacken. Kleine aber dauerhafte Veränderungen unseres Verhaltens - unseres Verhaltens - nicht das Anmahnen bei Anderen sich zu verändern -  reichen, um dauerhaft wieder unsere Werte in den Vordergrund unseres Handels zu stellen.
Keiner verlangt von uns, dass wir uns so altruistisch wie die alte Witwe im Predigttext verhalten. Aber unserer Gesellschaft wäre schon viel geholfen, wenn wir uns wenigstens  wieder anstrengen würden ein bisschen zu geben.
Und wenn wir uns ändern, kommen auch die „da Oben“ auf Dauer nicht daran vorbei auch sich zu ändern.
Amen. 

Fastenpredigt Bezirksrat Fritz Körber, Johannis-Kirche 28.Feb.2010

zum Thema: „Gesellschaft ohne Werte“?
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Der Herr segne unser Reden und Hören – Amen!
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht bei Jesaja 5, Vers 1 - 7
Gleichnis vom unfruchtbaren Weinberg       
 1Singen will ich für meinen Liebsten,
ein Lied meines Freundes von seinem Weinberg:
Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fruchtbaren Höhe.
 
 2Er grub ihn um und reinigte ihn von Steinen
und bepflanzte ihn mit edlen Reben.
Er baute einen Turm in seiner Mitte, er grub eine Kelter darein
und wartete, dass er gute Trauben brächte, aber er brachte sauere.
  3Nun richtet, ihr Bürger Jerusalems, ihr Männer Juda's,
zwischen meinem Weinberg und mir!

 4Was hätte man noch tun sollen an meinem Weinberg,
das ich nicht tat? Warum hat er denn sauere Trauben gebracht,
während ich hoffte, er werde gute bringen?
 
 5 Gebt acht! Ich will euch sagen,
was ich mit meinem Weinberg tun will!
Abreißen will ich seine Hecke, dass er verwüstet wird,
einstürzen will ich seine Mauer, dass er zertreten wird.
 
  6Verwildert soll er liegen, nicht beschnitten und behackt.
Dornen und Disteln sollen wuchern, und den Wolken will ich gebieten,
ihn nicht mit Regen zu feuchten.
 
 7Gottes, des Herrn, Weinberg ist das Haus Israel,
die Männer Judas sind seine Pflanzung, an der sein Herz hing.
Er wartete auf Rechtspruch und sieh da: Rechtsbruch!
Er wartete auf Gerechtigkeit und sieh da: Schlechtigkeit.
"Im Gleichnis vom Weinberg erzählt der Prophet Jesaja, dass sein geliebter Freund einen Weinberg mit edlen Reben anlegte. Sie brachten aber nur schlechte Trauben hervor. Deshalb beschloss er, ihn verwüsten zu lassen. "Disteln und Dornen sollten darauf wachsen" (Jesaja 5,6).
Gott, der Weinbergbesitzer, liebt seine Menschen - die Reben. Er schenkt ihnen Leben, Nahrung und Pflege und erhofft sich von ihnen Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Die Menschen aber gehen den falschen Weg. Er zürnt ihnen und richtet: Dem Weinberg droht das Verderben.
Ich habe diese Verse dreimal, ja fünfmal gelesen und habe dabei erkannt, dass mit dem Weinberg eigentlich wir alle gemeint sind, unsere Welt, unsere Gesellschaft, unsere Kirche. Dieser Weinberg soll Frucht bringen, süße Trauben, der Herr wartet darauf.
Wenn wir im Gottesdienst biblische Texte hören, dann einmal, weil es zum Gottesdienst dazu gehört, dass biblische Texte gelesen werden, dann aber auch, weil der Gottesdienst der Ort ist, an dem wir Hilfe und Kraft für unser tägliches Leben erhalten.
Die Texte sollen lebendig werden. Dabei stehen für mich folgende Fragen im Raum: Wie ist der Mensch und wie lebt der Mensch, wie lebt unsere Gesellschaft vor Gott?
Wie kommt das Wort „Sozial“ im Alltag der Menschen vor, auch bei denen, die unter der Kanzel sitzen? Sexuelle Gewalt um uns, in den Nachrichten des Tages, Gewalt auf der Straße, Gewalt in uns?
Fragen über Fragen und Themen für die heutige Predigt?
 
Liebe Gemeinde,
heute am 28. Februar 2010 auf den Tag genau, ist es
13 Jahre her, seit die Evangelische Kirche in Deutschland und die Katholische Bischofskonferenz unter dem gewichtigen Titel
„Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit – Gemeinsames Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland“
ein gut hundertseitiges Büchlein der Öffentlichkeit übergeben haben. 
 
Es war nicht nur ein gewichtiger Titel, es war und ist auch ein gewichtiges Werk. Ich bin überzeugt, dass spätere Zeiten  - wenn es denn eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit geben wird  - dieses Dokument als eines der wichtigsten sozialethischen Werke des ausgehenden 20. Jahrhunderts würdigen werden.
 
Und ich bin überzeugt, dass sich der Blick in dieses Büchlein auch heute, dreizehn Jahre danach, noch lohnt.
 
Deshalb möchte ich in meiner heutigen Predigt aus diesem „Sozialwort der Kirchen“ ein paar wesentliche Aussagen aufgreifen und diese aus meiner Sicht kurz beleuchten.
Natürlich werde ich vor allem über den kirchlichen Tellerrand schauen und skizzieren, wie sich die derzeitige Krise, wie sich die Gerechtigkeitsdiskussion in Wirtschaft und Politik, vor allem aber wie sich diese Krise bis hinein in Gesellschaft und unsere Familien entwickelt hat.
 
Wer aufmerksam Nachrichten und die Tagespresse verfolgt, wird feststellen: Unsere Märkte sind global und entgleiten der nationalen Regulierung, Profit und Wachstum schaffen keine Arbeit mehr, und immer mehr Menschen sehen sich auf Dauer ausgegrenzt.
 
Und selbst die Kirchen sind in Versuchung, angesichts immer knapperer Ressourcen in Kategorien der Knappheitsökonomie zu denken.
 
Sie spüren als kirchensteuerfinanzierte Großorganisation die Einkommenseinbußen breiter Bevölkerungsschichten und die Steuerflucht der Wohlhabenden.
 
Sie merken in ihrer Sozialarbeit die sich verschärfende Lage von Menschen am Rande der Konsumgesellschaft und müssen sie als diakonische Aufgabe annehmen.
 
 
Sie nehmen als familienorientierte Lebensbegleiter die kritische Situation und das Armutsrisiko von Familien wahr und müssen als moralische Instanz  angesichts der zunehmenden Armut und Gewalt über die Frage der Zukunftsfähigkeit dieser Gesellschaft nachdenken.
 
Das Wort der Kirchen ist sicher kein alternatives Sachverständigengutachten und sicher auch kein Ersatz für den Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung.
 
Sie betrachten es aber als besondere Verpflichtung, dem Anliegen jener Gehör zu verschaffen, die im wirtschaftlichen und politischen Kalkül leicht vergessen werden, weil sie sich selbst nicht wirksam artikulieren können.
 
Wir alle wissen, die Wirtschaftskrise hat unser Land gebeutelt und das Vertrauen in „die da oben“ gründlich erschüttert.
 
Ob Politiker oder Banker, alle sind für diese Krise in ihrer Weise verantwortlich und jeder versucht nun auf seine Weise, die Wege aus der Krise zu finden und möglichst die Verantwortung auf andere zu schieben.
 
Aber sind es wirklich  nur „die da oben“, die diese Krise ausgelöst haben, mit ihrer Gier und Verantwortungslosig-keit, oder sind es nicht auch die, die diese Profite wollten und suchten?
 
Kann diese Krise für uns Anlass sein, die Werte in unserer Gesellschaft, die Werte von Familie, von Zusammenleben und Nächstenliebe wieder einmal auf den Prüfstand zu stellen und gemeinsame Werte zu suchen und zu
verwirklichen, oder sind wir bereits wieder im Alltagstrott angelangt?
 
Welche Antwort finden wir als Christen zu dieser Wertefrage? Sind wir vielleicht zu leise geworden und wird unser Ruf nach Verantwortung und Solidarität nicht mehr gehört und angenommen?
 
Der Freund mit dem Weinberg hat alles getan, damit der Wein gedeiht. Steine wurden aus dem Weg geräumt, der harte Boden wurde umgegraben und gelockert. Die Arbeit war mühselig und schweißtreibend.
 
Beste Reben wurden angebaut. Alles wurde getan um eine gute Ernte zu haben. Selbst ein Turm, eine Art Wachturm wurde zum Schutz errichtet. Doch was für eine Enttäuschung für den Weinbergbesitzer.
An nichts aber auch gar nichts hat es gefehlt: Liebe, Arbeit, Hingabe alles war da, doch der Weinberg brachte nur schlechte Früchte.
 
Der Weinberg wird bestraft. Zuwendung und Hingabe hat er verwirkt. Er wird zuwachsen und als letztes wird auch noch Wasserlosigkeit prophezeit. Brach soll er liegen und dem Unbill der Natur soll er ausgesetzt sein.
 
Doch Gott, der Weinbergbesitzer, liebt seine Menschen - die Reben. Er schenkt ihnen Leben, Nahrung und Pflege und erhofft sich von ihnen Menschlichkeit und Gerechtigkeit.
Die Menschen aber gehen den falschen Weg. Er zürnt ihnen und richtet. Dem Weinberg droht das Verderben. Es herrscht Unmenschlichkeit und Rechtsbruch.
Und wie ist das heute mit uns, mit unserer Gesellschaft?
In den letzten 20 Jahren ist mit dem Reichtum zugleich die Armut in Deutschland gewachsen.
 
Häufig kommen bei bedürftigen Menschen mehrere Belastungen zusammen, wie etwa geringes Einkommen, ungesicherte und zudem schlechte Wohnverhältnisse, hohe Verschuldung, chronische Erkrankungen, psychische Probleme, lang andauernde Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung und unzureichende Hilfen.
Ich habe 27 Jahre lang am Sozialamt der Stadt Nürnberg und in meinen Armenküchen in Charkiw unglücklichen Menschen zugehört, Gebrochenen und Verstoßenen, Entwurzelten und unter die Räder Gekommenen, Kranken, Alten, Einsame und  Minderbemittelte.
 
Ich habe aber auch Menschen zugehört, die alles hatten, was sie sich wünschten, und die sich kaufen konnten, wovon sie träumten, und doch todunglücklich sagten: „Das gibt mir alles nichts mehr. Ich habe alles satt.“
Verwöhnte Kinder des Wohlstands?
Innerlich zerbrochen und ausgebrannt?
Bis in den kleinsten Zeh spüren sie, dass Reichtum nicht glücklich macht.
 
Neue Strukturen müssen her. Ganz recht.
Aber Strukturen hängen nicht irgendwo in der Luft.
Sie werden von Menschen gemacht, in Gesetzen und Vorschriften festgelegt. Oft sind ihre Grundlagen  nicht mehr als gegenseitiges Misstrauen, Habsucht und Gier.
 
Bevor wir aber neue Strategien entwickeln, müssen wir uns zuerst damit auseinandersetzen, was die Ursachen für die Fehlentwicklung sind, die uns derzeit so herausfordern.
Die Krise ist ja nicht nur ökonomischer Natur, sie ist auch eine geistige. Ihre eigentlichen Wurzeln sind in falschen Wertvorstellungen zu suchen.
 
Unter Wertvorstellungen verstehe ich beispielsweise, welche Einstellung man hat zu Themen wie soziale Verantwortung und Eigenverantwortung zum Missverhältnis in unserer Gesellschaft zwischen Rechten und Pflichten, zum wachsenden Anspruchsdenken gegenüber Staat und Solidargemeinschaft und zur Notwendigkeit sozialen Verhaltens.
 
Täglich dringen menschlicher Wahnsinn durch Presse, Funk und Fernsehen in alle Wohnungen, eine beinahe tödliche Dosis von Gewalt und Unrecht, von Terror und Zerstörung.
 
Und es macht betroffen, dass Woche für Woche Hundertschaften von Polizeibeamten, zertrümmerte Fensterscheiben, herausgerissene Sitze und Kopfstützen in Zügen zu einem ganz normalen Fußballspiel gehören.
 
Doch wer bei diesem Thema nur Strukturen verändern will, wird in Wirklichkeit nichts verändern, und er kämpft gegen Windmühlen wie Don Quijote.
 
Das Haus, in dem wir wohnen, ist in den Fundamenten angebrochen.
 
Es genügt nicht, ein bisschen am Dach herumzuflicken oder die Fassade mit frischer Farbe zu tünchen.
Die Fundamente unserer Gesellschaft müssen erneuert werden.
Denn unsere Gesellschaft leidet an einem schweren Herzinfarkt. Sie gehört auf die Intensivstation.
 
Im Normalfall würden wir sagen, der Weinberg hat nicht das Seine getan. Er hat nicht zurückgegeben, was er empfangen hat. Der Weinberg wird bestraft.
Der Schutz wird ihm genommen, jeder erhält Zutritt.
 
Er wird zuwachsen mit Unkraut und Disteln, er wird zertreten und missachtet. Man könnte auch sagen, der Weinberg wird aufgegeben. Wer nicht bereit ist, etwas zurückzugeben, der hat keine Zuwendung verdient.
 
Das ist durchaus menschlich und wenn wir ehrlich sind,
wir handeln so jeden Tag. Doch muss Gott wirklich alles akzeptieren, was wir Menschen so tun?
 
 
 
Wie ist der Mensch? So lautet doch die zweite Frage!
Und da wird uns gesagt, dass Rechtsbruch und Schlechtigkeit das menschliche Sein bestimmt.
 
Der gute Lebensraum wird von uns Menschen ungenutzt gelassen, wir wollen selber bestimmen, was gut und richtig ist. Wie viele Götter beten wir an, von denen wir nichts erwarten können für unser Leben, so sehr wir ihnen huldigen durch Geld, durch Leistung, durch Arbeit, durch blinden Gehorsam?
 
Wie oft haben Menschen mit dem Namen Gottes Unheil gestiftet und menschliche Anliegen vergöttert statt nach dem Wohl der Menschen zu fragen?
 
Für mich jedenfalls ist die Frage nach anderen Werten, nach einer christlichen Weltanschauung ist die Frage nach dem Herzen in unserer Gesellschaft, nach dem Grad der Menschlichkeit in unserem politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhalten.
 
Nicht im Wohlstand oder in der Wissenschaft oder
in der Technik liegt das große Problem für das Zusammenleben der Menschen heute.
 
Die Uhr braucht nicht zurückgestellt werden.
Kein vernünftiger Mensch verkennt den Wert
von Wohlstand, Wissenschaft und Technik.
 
Der technisch-wissenschaftliche Fortschritt und die geistige Entwicklung des Menschen sind auseinander geraten. Der Abstand dazwischen wird immer größer, beängstigend groß.
 
Der Mensch hat sich fast ausschließlich mit seinem materiellen Fortschritt befasst. Nun wird er zum Opfer seiner eignen Schöpfung.
 
Gefangen in dem eigenen Gewirr von Apparaturen, verstrickt in dem selbstgeknüpften Netz von Methoden, Programmen und Strukturen wird er nun selbst programmiert, manipuliert und zum Luxussklaven degradiert in einer Welt voller elektronischer Wunder.
 
Der Kontakt von Mensch zu Mensch ist in der kalten Verwaltung gestorben, sie hat Menschen zu Nummern auf dem Rücken von Aktenordnern gemacht, zu Codes auf Magnetbändern.
 
Doch mit alledem und dem Wohlstand erschienen auch die Mediziner und Psychiater.
Wenn ich heute schon junge Menschen scharenweise zu ihnen ziehen sehe, so denke ich zwangsläufig an einen Gerichtsvollzieher.
 
Unsere Gesellschaft ist innerlich bankrott.
Ärzte können zwar hin und wieder helfen, aber meistens sind sie machtlos gegen die tiefen Wunden und Ursachen von Stress, Lebensüberdruss und Verzweiflung.
 
Moderne Menschenreparaturbetriebe wie Beratungs-stellen, Versorgungszentren, Sozialstationen, Kurheime und Kliniken erleben heute Hochkonjunktur.
 
Sie arbeiten und arbeiten, aber sie schöpfen Wasser
mit einem Sieb und viele der Patienten fliehen vor der geistigen Leere erneut in den materiellen Überfluss.
 
Der unmenschliche Fortschritt führt zur Auflösung der natürlichen Lebensgemeinschaften.
 
Ehe und Familie werden nicht selten demontiert, bis nichts mehr übrig bleibt als zwei Menschen, die arbeiten gehen,
im Selbstbedienungsladen essen und sich nichts mehr zu sagen haben.
 
Da erleben Jugendliche die Familie nicht mehr als Schutz und Geborgenheit. Sie laufen davon, brechen aus – um sich, wie sie sagen: selbst zu verwirklichen – und meinen damit häufig einen Lebensstil, der wenig Rücksicht auf andere nimmt.
 
Erziehen heißt für Verhältnisse und Atmosphäre sorgen, worin ein Mensch gedeihen kann; heißt von Generation zu Generation Werte übertragen, die dem Leben Sinn, Richtung und Ziel geben.
 
Erziehen heißt Menschen nahe bringen, mit Herz zu leben; heißt sie zu Liebe für den Mitmenschen befähigen, vor allem für Menschen, die in Not sind und Hilfe brauchen; heißt Staunen, Ehrfurcht, Begeisterung wecken für die Natur und alles was lebt.
 
Erziehen heißt das Beste von sich selbst weitergeben
und im eigenen Leben verwirklichen, was man anderen lehren will.
 
Wer keine Wurzeln hat, kann nicht überleben!
Unser Gemeinwesen hat Bestand durch die Beachtung der 10 Gebote. Wer aber das Christuskreuz im Klassen-zimmer als störend empfindet, kappt für mich alle christlichen Wurzeln einer tragfähigen Gemeinschaft.
Und ich bleibe im Bereich unserer Schulen:
Ein Mensch ohne Bildung ist wie ein Spiegel ohne Politur.
Deshalb ist es dringend nötig unser Bildungswesen zu vermenschlichen.
 
Unsere Schulen sehen unsere Kinder als einen Computer an, der gefüttert werden muss. Schulen und Universitäten müssen auf die Bildung der ganzen menschlichen Person abgestimmt werden und nicht allein auf die grauen Gehirnzellen.
 
Der Verstand ist nicht das einzige Erkenntnisvermögen.
Für den Aufbau einer neuen Gesellschaft sind die Entwicklung des Gefühlslebens und die Kultur des Herzens von größter Bedeutung.
 
Die Medien können wegen Ihrer Informationsaufgabe düstere Dinge wie Gewalt und Verbrechen und Exzesse sinnlicher Gier nicht verschweigen.
 
Aber die Menge solcher Veröffentlichungen und Sendungen sprengt heute jedes Maß. In allen Farben und Details bekommt man täglich alle Skandale unserer kleinen und großen Welt geboten.
 
Es drängt sich der Eindruck auf, als ob das Leben aus nichts anderem bestehe, als ob Laster das Normale und Gemeinheit das Gewöhnliche seien.
 
Eine einseitige Information wird zur falschen Information. Journalisten, Kameraleute dürfen das Wertvolle,
das Erfreuliche, die guten Seiten des Menschen nicht unterschlagen, sonst unterschlagen sie die Wahrheit.
 
Auf sozialem Gebiet sind Bürokratisierung und Professio-nalisierung eine besondere Gefahr.
Wo die Sorge für den Menschen von riesigen Behörden und Organisationen übernommen wird, besteht die Gefahr, dass eine komplizierte Verwaltungsmaschinerie über den Menschen in Not herrscht, für wen und unter welchen Voraussetzungen und in welcher Weise gesorgt zu werden hat.
 
Wo Vorschriften wie dichtes Gestrüpp alles überwuchern und Menschen sich in einem Urwald von Zuständigkeiten verirren, verkehrt sich die organisierte Hilfe ins Gegenteil.
 
Wenn Sachverständigkeit zu Unpersönlichkeit verführt,
ist zu befürchten, dass das Interesse derer, die an Sozialarbeit verdienen, wichtiger wird als das Interesse derer, denen durch Sozialarbeit gedient werden soll.
Überall muss das Herz sichtbar und spürbar werden,
durch die Aktendeckel hindurch, in allen Verwaltungs-vorgängen, hinter allen Schaltern, in den Kranken-häusern und Heimen, damit unser sozialer Fortschritt ein menschlicher Fortschritt wird.
 
Politik ist die Schöpfung des Menschen so wie Kunst und Wissenschaft. Politik ist eine der höchsten Äußerungen
des Menschen als kulturschöpferisches Wesen.
Sie soll dem einzelnen helfen, in der Gemeinschaft glücklich leben und zur vollen Entfaltung zu kommen.
 
Gute Politik nimmt Rücksicht auf den Menschen.
Bei der Ausarbeitung von Gesetzen, bei der Einrichtung von Institutionen, bei der Aufstellung von Plänen hat gute Politik vor allem die Kleinen, die Schwachen, die Unterstützungsbedürftigsten im Blick.
 
Doch nicht nur Armut sondern auch Reichtum muss ein
Thema der politischen Debatte sein. Umverteilung ist gegenwärtig häufig Umverteilung des Mangels, weil der Überfluss auf der anderen Seite geschont wird.
 
Sicher besitzt das Wort “Gebe dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist“ noch heute für uns alle seine Gültigkeit.
Doch es muss auch für Christen selbstverständlich sein, sich am politischen Leben zu beteiligen.
 
Wir müssen durch unseren Glauben dazu befähigt werden, dass wir in der einen Hand die Tageszeitung und in der anderen Hand die Bibel halten, um beides miteinander in Verbindung zu bringen, zum Wohle der globalen Menschengesellschaft und ihrer Zukunft.
 
Die Lebenskraft einer Epoche zeigt sich nicht in ihrer Ernte, sondern in ihrer Aussaat. Doch was säen wir gegenwärtig aus für diejenigen, die nach uns kommen?
Verzehren wir nicht ständig Zukunftspotentiale um uns selbst starke Veränderungen zu ersparen?
 
Wenn alle Menschen der Welt so leben wollten wie wir,
so bräuchten wir drei Planeten.
Diese Fragen verstehe ich als Appell an das eigene Gewissen!
 
Doch  das „Gemeinsame Kirchenwort“ von dem ich eingangs sprach, ist nicht nur ein Aufruf an unsere Gesellschaft selbst, es nimmt auch die Kirchen tagtäglich in die Pflicht.
 
Deshalb dürfen Glauben und Leben, Verkündigung und Praxis der Kirche sowohl im eigenen Verhalten der Kirche wie in ihrer Botschaft nicht auseinander trieften.
Ihre Verkündigung muss sich auch darin bewähren,
dass sie Triebfeder einer gerechten und solidarischen Gesellschaftsordnung wird.
 
Im Gottesdienst muss nicht nur der Choral, sondern auch der Schrei der Armen hörbar werden und seinen Platz finden.
 
Denn wir Christen können nicht nur das Brot am Tisch des Herrn entgegennehmen, ohne auch das tägliche Brot mit anderen zu teilen.
 
Liebe Gemeinde,
hätten wir, wenn wir ehrlich sind mit uns, nicht den Zorn unseres Gottes mehr als verdient? Liebe kann doch nicht heißen, dass Gott alles akzeptiert, dass er alles gut heißt, was Menschen tagtäglich tun.
 
Auslöser seines Zornes ist unser menschliches Versagen und schlechtes Tun und das nicht Begreifen seiner Liebe und Zuwendung an uns, die wir weiter geben sollen an unsere Mitmenschen.
 
Gott will uns einen Raum, seinen Weinberg geben, auf dem wir wachsen, blühen und gedeihen können.
Er gibt uns Regeln und Hinweise an die Hand, mit denen unser gemeinsames Leben in dieser Welt gelingen kann.
 
„Bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt, einer gegen den anderen und keine Gewalt übt“, spricht der Herr.
 
Ändern heißt umkehren, eine neue Einstellung zum Leben gewinnen. Doch laufen wir nicht ständig falschen Göttern nach, wenn wir alle auf Macht und auf mehr Wohlstand setzen?
 
Nicht der Streit um die rechte Lehre, nicht um den richtigen Weg zum Frieden, sondern das persönliche glaubhafte Leben ist überzeugend und entscheidend.
 
Wenn Richter, Nobelpreisträger, Naturwissenschaftler, Jugend und kirchliche Mitarbeit und Parteien sich dafür einsetzen, dann geschehen Änderungen des Denkens und des Handelns.
Es könnten ja auch Propheten aus unseren Tagen darunter sein!
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Fastenpredigt Landrat Armin Kroder, Johannis-Kirche am 21.2.2010

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
 
Der Predigttext für die heutige Predigt steht bei Matthäus, Kap. 4, die Verse 1 -11
 
 1 Da wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, damit er von dem Teufel versucht würde.
 2 Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.
 3 Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.
 4 Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.«
 5 Da führte ihn der Teufel mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels
 6 und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben; und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.«
 7 Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.«
 8 Darauf führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
 9 und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.  10 Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.«
 11 Da verließ ihn der Teufel. Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.
Liebe Gemeinde,
 
ich freue mich, heute bei Ihnen sein zu dürfen. Ich danke für die freundliche Einladung, eine Fastenpredigt zu halten. Das ist mir eine Ehre, aber auch – wie ich gestehen muss – eine Herausforderung. Zwar ist es für mich ein Stück Alltag, zu – im weitesten Sinn – politischen Themen Stellung zu nehmen, aber von einem Bibeltext ausgehend ein Thema zu entfalten, ist schon etwas Besonderes. Als Richtschnur für die Predigt möchte ich mich an das halten, was für die Predigtreihe vorgeschlagen wurde:
 
1. Was sagt Ihnen als Christ persönlich dieser Bibeltext?
2. Was erwarten Sie von der Kirche und der Gemeinde am Ort?
 
Beim ersten Lesen ist mir der schlichte Gedanke gekommen, den Begriff „Versuchung“ aus der Überschrift des Bibelabschnitts in Google einzugeben. In wenigen Sekunden wurden über 1.2 Millionen Fundstellen auf deutschen Webseiten gemeldet. Das sind nicht wenige Einträge – aber helfen uns die Millionen Einträge bei Google durch den Dschungel der Meinungen und Meldungen. Ich meine: Nicht unbedingt.
 
Ich habe dann weitergesucht und die Stichworte „Versuchung“ und „Zitate“ eingegeben. Dabei wurden erstaunlicherweise nur vergleichsweise wenige Treffer gemeldet. Die aufgelisteten Zitate waren fast ausschließlich heiterer, fast satirischer Art, wie:
„Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!” (von Oscar Wilde)
oder ein Zitat von Ringelnatz:
„Versuchungen bekämpft man am besten mit Geldmangel und Rheumatismus.”
Diese Gedanken lassen uns vielleicht schmunzeln, helfen aber sicher nicht wesentlich, die Geschichte von der Versuchung Jesu zu verstehen.
 
Einige Gedanken zur Bibelstelle aus meiner persönlichen Sicht:
 
Die Versuchungen, denen Jesus ausgesetzt war, sind aktuell wie eh und je:
 
Die Sofortbefriedigung der Wünsche – Das Angebot, ein medialer Superstar zu werden – Das Versprechen von Macht und Reichtum.
 
Die Sofortbefriedigung der Wünsche.
Wer könnte es Jesus verdenken, wenn er nach 40 Tagen Hunger die schnelle Lösung des Problems gewählt hätte, nämlich aus Steinen Brot zu machen.
Die Sofortbefriedigung der Wünsche ist für uns heute – zumindest in Deutschland – ein riesiges gesellschaftliches Problem geworden. Viele können es sich leisten, mehr oder weniger „sofort“ ihre Wünsche umzusetzen:
Keine Lust auf Schmuddelwetter mehr – kein Problem! Fliegen wir in die Südsee ...
Keine Lust auf saisonales Wintergemüse oder Ähnliches – kein Problem! Irgendwo in der Welt ist immer gerade Sommer bzw. Erntezeit ...
Jetzt zur Winterolympiade einen neuen Fernseher – kein Problem! Mit angeblich Null – Prozent - Finanzierung und ohne Anzahlung ...
Und wenn wir uns das alles nicht leisten können? Kein Problem, dann wird halt ein Kredit aufgenommen …
Der Versuchung, alles möglichst sofort zu bekommen, sind natürlich auch Politiker ausgesetzt. Beispiel: Ich möchte natürlich gern, dass sich unsere Kinder und Jugendlichen optimal entwickeln können, dass sie nicht in Kriminalität abrutschen, weil sie vernachlässigt aufwachsen, dass Kinder nicht mehr aus ihren Familien geholt werden müssen, weil sie von ihren Eltern nicht richtig betreut werden. Ich halte das alles für dringend notwendig – und doch weiß ich, dass kein Geld und kein Gesetz da „Sofort-Abhilfe“ schaffen kann. Klug überlegte Investitionen insbesondere in die Prävention mit nachhaltigem Gepräge sind hier einem ostentativem Aktionismus deutlich vorzuziehen.
 
Und doch, denke ich, erliegt die Politik oft der Versuchung, Dinge zu tun, die den Eindruck erwecken sollen, man reagiere „sofort“ auf einen Missstand. Beispiel: Nach der Meinung vieler braucht die deutsche Wirtschaft dringend Wachstum, damit Arbeitsplätze geschaffen und die Staatsfinanzen entlastet werden – deshalb wird schnell ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ gemacht – das Problem nahezu sofort gelöst!? Ob die Gesetze, oder nicht doch deutlich andere Faktoren, wirklich in nächster Zeit Wachstum schaffen, wird sich noch herausstellen. Aber man hat etwas getan – es ist in der Presse gestanden und im Fernsehen gelaufen ..., womit ich bei der zweiten Versuchung wäre.
 
Das Angebot, ein medialer Superstar zu werden.
Wenn der Versucher Jesus auf dem Tempeldach verspricht, eine große Show zu inszenieren, ist das schon sehr verlockend – vor allem auch dann, wenn noch mit Bibelsprüchen argumentiert wird. „Wie werden die Menschen staunen, wenn Du vor allen Augen von Engeln getragen durch die Luft schwebst!  Wie werden die Menschen dich bewundern!“
Die Versuchung, Medienstar zu werden ist heute stärker als je zuvor:
Da werden junge Menschen in TV-Sendungen in zum Teil entwürdigender Weise vorgeführt, weil ihnen in Aussicht gestellt wird, ein Star zu werden.
Da werden grausige Verbrechen begangen, über die in den entsprechenden Medien ausführlichst berichtet wird, und der Täter gibt als Motiv an, er wollte eben auch einmal groß rauskommen.
Da geben Politiker vor laufenden Kameras haarsträubende Meinungen von sich – aber den Medien gefällt es und man ist wer. Nichts scheint oder ist schlimmer im Polit-Geschäft, als nicht wahrgenommen zu werden.
Als Politiker – und da schließe ich mich mit ein – ist man immer wieder in Versuchung, etwas in Szene zu setzten, damit man gut rauskommt. Natürlich sollen gute politische Entscheidungen und Aktionen auch bekannt gemacht werden – aber es gilt der Versuchung zu widerstehen, eine Show zu veranstalten unter dem heimlichen Motto: „Hauptsache jetzt ein medienwirksamer Auftritt – ob und was daraus wird, fragt hoffentlich keiner nach.“
 
Das Versprechen von Macht und Reichtum.
Nachdem der Teufel mit seinen ersten beiden Versuchungen nicht landen konnte, nun der dritte Versuch. Er verspricht Macht über alle Länder dieser Welt mit ihrem Reichtum – für fast nichts! Ich denke, für viele Menschen heute wäre das kein großes Problem: ein bisschen Anbeten und Niederfallen für Reichtum und Bequemlichkeit. Für Jesus ging es allerdings um alles. Wäre er damals eingeknickt, gäbe es heute keine Kirche, wir säßen heute hier in Lauf nicht zusammen – und die ganze Fastenzeit hätte sich ebenfalls erübrigt. Diese Versuchung zeigt für mich zweierlei: Erstens ist es nicht egal, wen wir anbeten, zweitens steckt hinter einem grandiosen Versprechen nicht immer etwas Gutes dahinter. Der Widersacher ist nicht interessiert, dass Jesus ein gutes komfortables Leben genießen kann, sondern er verfolgt nur seine eigenen Interessen.
 
Ich muss bei dieser Geschichte an die Pleite der Lehman-Bank und die darauf folgende weltweite Finanzkrise denken. Große Renditeversprechungen und nicht nur nichts dahinter, sondern für viele Menschen sogar der Verlust des Ersparten bzw. ihrer Altersvorsorge. Da demnächst ein Bank-Fachmann an dieser Stelle reden wird, möchte ich heute nicht näher darauf eingehen.
Zusammenfassend zu den Versuchungen kann man sagen: Jesus widersteht den Versuchungen, weil er in anderen Kategorien denkt. Obwohl er doch auch wirklicher Mensch war, hat er nie vergessen, wo er herkommt und wohin er gehört: Er kommt von Gott und gehört zu ihm.
Und das kann uns Heutigen ebenfalls helfen, gewissen Versuchungen zu widerstehen. Wenn wir wissen, wo wir herkommen und wohin wir gehören – an anderer Stelle im Neuen Testament heißt es: “... wes Geistes Kinder ihr seid ...“ – dann können wir auch die Kraft haben entsprechend zu handeln.
 
Im zweiten Teil meiner Betrachtungen möchte ich auf das Rahmenthema der Fastenpredigten eingehen: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist?! – Gesellschaft ohne Werte?
 
Dass viele Menschen dem Kaiser, sprich dem Staat, nicht geben, was ihm zusteht, zeigt zum Beispiel der Wirbel um die Steuersünderdatei, in der die Namen von Deutschen aufgelistet sind, die mit Hilfe von Schweizer Banken Steuer sparen wollen. Interessant, dass von Steuersündern und nicht von Betrügern geredet wird.
 
Interessant finde ich, dass sich inzwischen aus Bayern schon über 600 Bürgerinnen und Bürger (Stand Fr. 19.2.10 – Deutschland über 3000) selbst angezeigt haben. Die örtlichen Finanzämter geben natürlich keine Auskunft darüber, wer hinter den Selbstanzeigen steckt und um welche Summen es geht. In der vergangenen Woche war ein Interview in der Nürnberger Zeitung (NZ) mit einer Expertin vom Wirtschaftsprüfungsunternehmen Rödl und Partner. Laut ihren Aussagen geht es mehrfach um Beträge von bis zu 10 Millionen Euro.
 
Ich zitiere aus dem Zusammenhang:
Expertin: „...Und das glauben sie nicht, was das für Leute sind. Das sind Menschen, die sich das vom Mund absparen, bescheiden leben ein Leben lang. Und man kann sagen, je ländlicher, desto mehr...“
 
Nach diesen Aussagen gibt es also keinen Grund zu glauben, dass nur Großindustrielle oder andere Geldmagnaten dem Staat ihre Steuer nicht gönnen, sondern es sind Menschen wie Du und Ich, Anwesende „natürlich“ ausgenommen.
 
„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist ...“
 
Der Staat sagt in der Regel deutlich, was er von uns will – neben anderem natürlich auch unseren finanziellen Beitrag. Unter Vernunftgründen ist unser Steuer-Beitrag ja sinnvoll. Der Staat braucht Finanzmittel um den vielfältigen Aufgaben unseres Gemeinwesens nachzukommen. Der Staat gibt uns viel, das ist, denke ich, unbestreitbar, aber er fordert auch. Und wer den Forderungen nicht nachkommen will, dem droht er auch mit Strafe. Das ist ein nachvollziehbarer Gedanke. Und zudem sind ja wir alle in unserer Gesamtheit bei genauer Betrachtung „der Staat“.
 
Aber wie verhält es sich mit dem anderen Halbsatz „... gebt Gott, was Gottes ist“?
 
Was will Gott von uns? Und wenn wir das nicht tun, was dann?
 
Ich meine, es ist eine der Aufgaben der Kirche – im Großen, Ganzen und auf der Ortsebene – den Menschen auch zu sagen, was sie Gott zu geben haben.
 
Was ich weiter von der Kirche erwarte, ist, dass sie sich selbst treu bleibt, dass sie nicht im politischen oder religiösen Zeitgeist aufgeht. Kirche muss den Zeitgeist natürlich ernst nehmen, muss ihn aufnehmen – aber sie soll sich nicht bis zur Unkenntlichkeit vereinnahmen lassen.
 
Ich wünsche mir, dass die Kirche ihrem, heute würde man sagen, „Kerngeschäft“ treu bleibt und in ihren Bemühungen nicht nachlässt. Und damit meine ich die christliche Glaubensvermittlung. Wenn die Kirche, wenn Christen den Menschen nicht mehr vermitteln können, warum sie an Gott glauben sollen – wer dann?
 
Einen weiteren Gedankenanstoß möchte ich Ihnen geben!
 
Ich habe ihn von Christian Nürnberger, einem aus Schönberg stammenden Schriftsteller und Publizisten. Er weist in seinem Buch „Kirche –wo bist du?“ auf Folgendes schon im Jahr 2000 (!) hin:
 
Da die aktuellen Krisen ein globales Ausmaß bzw. globale Folgen haben, müsste eine Institution, die helfen könnte, ebenfalls globale Ausbreitung haben. Und das ist für ihn die Kirche. Sie gibt es in allen Erdteilen der Welt. Die Kirchen bzw. die Christen sollten sich weltweit doch zusammentun, um ihre Werte zu verbreiten!
 
Ist das eine Utopie? Vielleicht! Aber einen Versuch wäre es wert.
 
In Punkto „Werte“ gäbe es weltweit sicher Verbündete, deren Werte mit denen des christlichen Glaubens durchaus kompatibel sind.
 
So beschreibt z.B. der Inder Mahatma Gandhi die „Die sieben Todsünden der Welt“:
Reichtum ohne Arbeit,
Vermögen ohne Gewissen,
Wissenschaft ohne Humanität,
Wissen ohne Charakter,
Politik ohne Prinzipien,
Wirtschaften ohne Moral,
Anbetung ohne Opfer.
 
Für Gandhi gehört der religiöse Aspekt untrennbar zum Leben dazu. Deshalb ist für ihn ein inkonsequent gelebter Glaube ein sehr großes Problem. Er nennt es „Anbetung ohne Opfer“ – man könnte auch sagen:
 
Religion ohne Einsatz,
Glaube ohne jede persönliche Anstrengung,
Kirche und jeder Einzelne – ohne Engagement für ihren Gott und die Welt.
 
Zusammenfassend möchte ich festhalten:
 
Es gilt auch heute noch, immer wieder den verschiedensten Versuchungen zu widerstehen: der Sofortbefriedigung der Wünsche, dem Leben für die Show und dem alleinigen Streben nach Macht und Reichtum. Diesen Versuchungen entgehen wir durch einen Perspektivwechsel, in dem wir die Welt und uns einmal aus der Distanz sehen und unseren „Geschäftsbetrieb“ durch eine andere Brille sehen – von unserem Glauben und seinen Werten her.
 
 
Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist ...
 
Das, was der Staat von uns will, bekommen wir täglich zu hören – und manchmal auch sogar im Geldbeutel zu spüren.
 
Gebt Gott, was Gottes ist...
 
Ich denke, Glaube, Anerkennung, Anbetung – die vielen Möglichkeiten mit denen der christliche Glaube sich ausdrücken kann, dürfen nicht verschüttet werden durch den alltäglichen Trubel und durch täglich wechselnde Krisen aller Art.
Wenn wir Christen unseren Glauben und die damit verbundenen Werte nicht verstecken in dieser Welt, sondern offen vertreten, ist das ein guter und notwendiger Beitrag zum politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben – weltweit und hier in Lauf – und ein Beitrag zur Ehre Gottes.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.
Amen