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Landesbischof (i.R.) Dr.Johannes Friedrich: Predigt zum Reformationstag 2011

Predigt im Reformations-Gottesdienst 2011 als pdf-Datei

Lauf Johanniskirche 19.30 Uhr



Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde,
 
Fast könnte man heutzutage glauben, Halloween komme bei den Leuten besser an als das alt-ehrwürdige Reformationsfest.
 
Vor wenigen Jahren war Halloween bei uns nahezu unbekannt.
Jetzt ist es voll von Amerika zu uns übergeschwappt. Wie kam es dazu?
 
So wie sich einst die Blumenhändler und Floristen den Valentinstag ausgedacht haben, um in einer Zeit der Flaute das Geschäft anzukurbeln, importierte die deutsche Spielwarenindustrie 1991 „Halloween“, um ein Ausgleichsgeschäft dafür zu schaffen, dass in jenem Jahr wegen des Golfkriegs der Fasching abgesagt worden war.
Die Rechnung ist aufgegangen:
Allein für Verkleidungen machen die Deutschen jährlich zu Halloween sechzehn Millionen Euro locker. Kaum jemand weiß, was da gefeiert wird. Offenbar hat es mit grinsenden Kürbissen zu tun, und billige Händler bieten Gruselartikel für Jung und Alt feil.
Die keltischen Druiden, die Erfinder des Festes, glaubten, in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November suchten die Toten die Lebenden auf, um ihnen ihre Körper wegzunehmen.
Deswegen spukten die Menschen in jener Nacht verkleidet herum, um die Toten zu verscheuchen.
Bei Halloween heute scheint das vorrangige Ziel zu sein, andere Menschen zu erschrecken.
Trick or treat“ schreien in USA die Kinder, wenn sie lärmend umherziehen: Süßigkeiten oder Schabernack?
Damit stehen wir im Grunde näher bei der Sache der Reformation, als man denken sollte.
Angst haben und Angst eingejagt bekommen,
das gehörte zum bestimmenden Lebensgefühl der Menschen jener Zeit, in der Luther lebte.
Und es gab schon damals Geschäftemacher, die von diesen Ängsten profitierten.
Der Name des Ablasspredigers Tetzel ist heute noch bekannt.
Das, so war Luther überzeugt, müsse reformiert werden. Mit Ängsten könne man nämlich nicht leben. Das sei verkehrtes Leben.
Als Luther Anfang 20 war, beschäftigte ihn die Frage: Wie mache ich es Gott recht?
Was muss ich tun, um bei Gott ein positives Image zu haben?


Aus Zeugnissen von Zeitgenossen wissen wir, wie ernsthaft er versuchte, Gott wohlgefällig zu sein. Allem Irdischen wollte er entsagen und nur und ganz und gar für Gott leben.
Darum hungerte er, bestrafte er sich selbst für sündige Gedanken, verzichtete er auf jegliche Bequemlichkeit – alles, um sich ganz auf Gott hin einzustellen.
Um dieses Ziel besser zu erreichen, ging er schließlich ins Kloster, ins Augustinerkloster nach Erfurt.
Wie kriege ich einen gnädigen Gott?
Wie mache ich es Gott recht?
Das hat ihn bewegt.
Ist das noch unsere Frage?
So hat auch Papst Benedikt gefragt, als er im kleinen Kreis in Erfurt im Augustinerkloster uns gegenüber saß.
Ist das noch unsere Frage?
Oder fragen wir nicht eher: Wie bin ich anderen Leuten recht?
Sind Luthers Fragen noch unsere Fragen?
Luther beschäftigte sich intensiv mit der Bibel.
So las er schließlich auch den Römerbrief. Er studierte ihn Vers für Vers und kam zu der Einsicht:
Wir haben ja ein ganz falsches Bild von Gott!
Es ist gar nicht so, dass Gott mit uns abrechnet.
Es ist ja gar nicht so, dass Gott
en Menschen nach seinem Tun und Unterlassen beurteilt und
ihn bestraft, wenn er sich schuldig gemacht hat oder ihm etwas schuldig geblieben ist.
Kein Mensch schafft das wirklich, Gott recht zu sein.
Ja – und: Wir müssen das auch gar nicht.
Der Mensch ist Gott recht
ohne des Gesetzes Werke
allein durch den Glauben.
Also
nicht durch das, was er tut und leistet, sondern als Glaubender,
der mit leeren Händen vor Gott tritt und auf ihn sein ganzes Vertrauen setzt.


Es war diese Bibelstelle vom Apostel Paulus - Römer 3, Vers 28 -, der letzte Vers aus der Epistellesung, die wir eben gehört haben, an der Luthers reformatorische Grunderkenntnis reifte:
Paulus schreibt:
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“.
1522, als Luther das Neue Testament ins Deutsche übersetzte, schrieb er an den Rand neben unseren Vers:
Merke: Dies ist das Hauptstück der ganzen Heiligen Schrift“.
Luthers Erkenntnis war:
Wir haben ein völlig falsches Gottesbild.
Es geht gar nicht darum, wie ich es Gott recht mache, sondern dass ich Gott recht bin.
Gott ist mir gewogen, weil er nicht auf meine Taten und Untaten schaut, nicht meine Schuld in die Waagschale wirft, sondern weil er auf Jesus Christus und dessen Tat blickt.
Und von Christus fällt sein liebevoller Blick auf uns, denen in der Taufe versprochen ist:
Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Im profanen Leben ist es oft anders. Da bin ich nur etwas wert, wenn ich auch etwas leiste.
Und Schuld wird manchmal nicht verziehen.
Umso wichtiger ist es, dass bei Gott andere Maßstäbe gelten.
Das Angebot Gottes ist Barmherzigkeit.
Die Chance des Glaubens ist, dass ich eine Alternative habe, wenn die Welt gnadenlos ist.
Es gelten eben nicht nur die Gesetze dieser Welt, sondern auch die Maßstäbe Gottes.
Bei ihm finde ich
Entlastung,
Ermutigung,
Vergebung,
Angenommen sein – ohne Bedingung.
Wenn ich zu versinken drohe unter den Ansprüchen und Forderungen der anderen und unter ihren Vorwürfen, dann darf ich wissen:
Aber bei Gott bin ich kein Versager. Der steht zu mir.
So halten wir dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ – das ist nicht nur für Luther zum entscheidenden Schlüsselwort geworden.
Es ist ein Satz für alle, die eine Last auf ihrer Seele mit sich herumschleppen.
Vergeben die Schuld.
Seine Liebe zählt,
nicht mein Tun.
Gott spricht dich und mich frei, weil Christus für mich und dich am Kreuz gestorben ist,
damit wir frei von der Last der Schuld und frei von dem Zwang leben, uns unser Ansehen bei Gott aus eigener Kraft verdienen zu müssen.
Und er traut uns zu, dass wir den anderen Menschen annehmen, der an uns schuldig geworden ist, wie Gott uns angenommen hat. Wie gelangt man zu so einer Lebensperspektive? Im Grunde genommen nur so, dass man die Botschaft unseres Predigttextes immer wieder hört und sich ihr anvertraut, im Gebet und in der Feier des Gottesdienstes.
Halloween ist wie vieles, das uns in Angst und Schrecken versetzen will, lediglich Mummenschanz.
Die grinsenden Kürbisse sind hohl, es ist nichts drin und nichts dahinter.
Dass die Geschäftemacher Halloween am Leben halten, ist verständlich.
Auch zu Luthers Zeit waren die Geschäftemacher daran interessiert. Angst öffnet stets den Geldbeutel.
Da hat sich nichts seit Johann Tetzel geändert.
Aber leben kann man damit nicht. Darum wird das Reformationsfest Halloween überdauern, nicht umgekehrt.
Denn das Reformationsfest ist die jährliche Einladung, sich unseres Glaubens zu vergewissern und darüber nachzudenken, was das Leben frei macht.
Gott sei Dank, können wir heute, am Reformationstag 2011, auch die Mottenkiste der konfessionellen Polemik in der Rumpelkammer lassen.
Markige Breitseiten gegen den Papst oder die katholische Kirche
haben vielleicht für die Medien einen gewissen Unterhaltungswert, verdunkeln aber nur die Wahrheit.
Katholiken und Evangelische verbindet weit mehr als sie trennt.
Das haben wir spätestens heute vor 12 Jahren gelernt, als in Augsburg der Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre vom Vatikan und vom Lutherischen Weltbund unterschrieben wurde.
Es war übrigens der letzte Tag, an dem ich noch nicht Bischof war, so wie es heute der letzte Tag ist, an dem ich Bischof bin. Damals war es der letzte Tag der Bischofszeit meines unvergessenen Vorgängers Herrmann von Loewenich.
In diesem wichtigsten Artikel, mit dem nach Martin Luther unser Glaube steht und fällt, trennt uns nichts mehr.
Das hat der Papst vor 5 Jahren in Regensburg deutlich gemacht, das hat auch sein Besuch in Erfurt deutlich gemacht.
Und so singen wir heute das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ auch nicht als protestantische Trutzhymne, sondern um unser Gottvertrauen zu bezeugen.
Wie man dieses Vertrauen auf Gott schon als Kind lernen kann, das hat mir übrigens der Liedermacher Reinhard Mey gezeigt.
Er hat auch eine Ballade mit dem Titel „Zeugnistag“ geschrieben. Leicht gekürzt geht sie so:
Ich denk, -- ich muss zwölf Jahre alt gewesen sein. -
Und wieder einmal war es Zeugnistag. --
Nur diesmal, dacht’ ich, bricht die Schule –
samt dem Dachstuhl ein, ---
als meines weiß und hässlich vor mir lag.
Dabei war’n meine Hoffnungen keineswegs hochgeschraubt,
ich war ein fauler Hund und obendrein
höchst eigenwillig. –
Trotzdem hätte ich doch nie geglaubt,
so ein totaler Versager zu sein.
So, jetzt ist es passiert, dacht ich mir, jetzt ist alles aus,
nicht einmal eine Vier in Religion.
O Mann, mit diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus,
sondern allenfalls zur Fremdenlegion.
Ich zeigte’s meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie,
schön bunt, sah nicht schlecht aus, ohne zu prahlen.
Ich war vielleicht, ne Niete in Deutsch und Biologie, --
dafür konnt’ ich schon immer ganz gut malen.
Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus. -
Die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt.
Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus,
so stand ich da, allein, stumm und geknickt.
Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück,
voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon -
die Maulschelln für den Betrüger,
- das missratene Stück –
„diesen Urkundenfälscher, Ihren Sohn!“, -
„diesen Urkundenfälscher, Ihren Sohn“.
Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an
und sagte ruhig: „Was mich anbetrifft,
so gibt es nicht die Spur eines Zweifels daran,
das ist tatsächlich meine Unterschrift.“
Auch meine Mutter sagte: „Ja, das sei ihr Namenszug,
gekritzelt zwar, doch müsse man verstehn,
dass sie vorher zwei schwere Einkaufstaschen trug.
Dann sagte sie: „Komm, Junge, lass uns gehn.“
„Komm, Junge, lass uns gehn.“


Ich hab’ noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor’n
und lernte widerspruchslos vor mich hin,
Namen, - Tabellen, - von hinten und von vorn –
dass ich dabei nicht ganz verblödet bin! ---


Nur eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt,
die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt, -
ganz gleich, was du auch ausgefressen hast,
ganz gleich, was du auch ausgefressen hast.


So, wie Reinhard Mey das in seinem Lied erzählt,
wie seine Eltern ihn in dieser Situation aus der Patsche herausholen, ist die Sache mit Gott.
Gott ist kein Angstmacher und auch nicht der Rächer der bösen Tat,
sondern der Gnädige, der Barmherzige, der mich bedingungslos liebt und
der mir aus Liebe aus der Patsche hilft.
Gnade ist freilich nicht, wie manche Leute meinen, ein Freibrief, um dummes Zeug zu tun, weil Gott ja eh gnädig ist.
Reinhard Mey sagt:
Das war eine Lektion, die er sich gemerkt habe.


Du bist aller Dinge bei Gott frei durch den Glauben; aber bei den Menschen bist du jedermanns Diener durch die Liebe“, schreibt Luther.
Gottes Gnade macht uns frei. Der gnädige Gott aber stiftet uns an zur Änderung des Lebens: dass wir anderen Menschen, die uns brauchen in Liebe zu Diensten sind.
Wie wäre es, wenn wir die Barmherzigkeit Gottes an andere Menschen weitergeben, indem wir sie nicht auf ihre Schuld festnageln, sondern ihnen verzeihen,
sie nicht nach ihren Taten und ihrer Leistung bewerten,
sondern ihnen Vertrauen schenken, sie ermutigen und motivieren?
Diese Änderung des Lebens ist nicht Voraussetzung dafür, dass wir Gott recht sind,
sie folgt nach, wenn wir die Botschaft vom gnädigen Gott in unser Leben zulassen.
Weil wir vor Gott nicht für und um uns selbst besorgt sein müssen, haben wir die Hände frei, um uns um den Nächsten und seine Not zu kümmern.


Die Frage nach dem gnädigen Gott– nur Luthers Sache?
Gewiss unser aller Sache, seien wir katholisch oder evangelisch, seien wir der Papst oder Gemeindeglied in Lauf.
Ich wünsche uns, dass wir persönlich zu dieser Erfahrung gelangen.
Uns gilt als Christinnen und Christen die vorbehaltlose Liebe Christi.
Gott sei Dank. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 

Predigt Pfarrer Beck 31.7. Johanniskirche

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Stilles Gebet
 
Text:
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen
Eph 2,19
Predigt als pdf-Datei

Gebetsgottesdienst für Gesunde und Kranke ChristusKirche 17.Juli 2011

Predigt Pfarrer Hofmann am Sonntag nach Himmelfahrt 2011

Diese Predigt können Sie hierunter als mp3-Datei herunterladen:

Oekumenische Bibeltage 2011 mit: Dr.Manfred Böhm

Gerechtigkeit, Solidarität und Menschenwürde:
  Ermutigungen zum Handeln
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  Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
Gott erkennen zu wollen, ist eine Grunddimension religiöser Existenz. Dabei meint Gotteserkenntnis keinen rational-abstrakten Erkenntnis-vorgang, sondern ein auf existentieller Erfahrung beruhendes Vertrauensverhältnis: Wir wollen Gottes Nähe spüren, merken, was er von uns will und uns in seiner Nachfolge wissen. Es geht nicht vorrangig um den Kopf, vielmehr ums Herz.
Der Prophet Jeremias gibt eine Antwort auf dieses Bedürfnis. Interessant ist erst mal, was Jeremias außer Acht lässt. So muss man, um Gott zu erkennen, bei ihm nicht Theologie studiert haben, also quasi zu Hause sein in Schrift, Tradition und Liturgie. Man muss auch keine Crash Kurse in Meditation oder christlicher Spiritualität absolviert haben. Katechismuswissen ist offenbar nicht vonnöten.
„Dem Armen und Schwachen verhalf er zum Recht, heißt nicht das, mich wirklich erkennen?“ Das bedeutet:
Jede und jeder von uns kann also sofort damit beginnen. Gott erkennen heißt nämlich nicht mehr und nicht weniger, als dass jede und jeder von uns in seinem Verantwortungsbereich für die Armen und Schwachen eintritt. Und dass wir als Christen uns gemeinsam einmischen und stark machen für die Armgemachten und an den Rand Gedrängten. Im Sozialwort der beiden Kirchen „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ von 1997 wird dies in einer sehr treffenden Formulierung deutlich gemacht: „Die Kirchen leben und wirken mitten in der Gesellschaft und nehmen deshalb an ihren Umbrüchen und Entwicklungen teil. Sie werden dabei von ihrer Berufung zur Solidarität mit den Armen geleitet und folgen der Bewegung Gottes, der sich vorrangig den Armen, Schwachen und Benachteiligten zugewandt hat, damit alle `Leben in Fülle haben´“(248)
 
Der Gerechtigkeit, dem Frieden, der Solidarität und der Menschenwürde zum Durchbruch zu verhelfen, heißt aber, es unter den Vorzeichen des gegenwärtigen neoliberalen Kapitalismus zu tun.
 
Zunächst sollten wir da mal die Frage klären, wozu denn die Wirtschaft überhaupt da ist. Das ist bis heute eine erstaunlich selten gestellte Frage, wobei die Antwort bis zur Finanzmarktkrise, oft unreflektiert, klar auf der Hand lag. Die Wirtschaft sei dazu da, hieß es, um Gewinne zu machen und damit die Aktionäre zu beglücken.
Mit der Kath. Soziallehre im Hintergrund sehen wir die Sache ein bisschen anders. Im Bild ausgedrückt, ist die Wirtschaft die Magd, die dafür Sorge zu tragen hat, dass jeden Tag pünktlich um 12.00 Uhr mittags die Suppe am Tisch steht. Sie hat, um im Bild zu bleiben, weder darüber zu entscheiden, wer alles am Tisch sitzen darf und auch nicht, wer wie viel auf den Teller bekommt. Das ist Sache der Herrschaft, also wohl der Politik. Also: Die Wirtschaft hat die Aufgabe, die materiellen Lebensgrundlage für alle Menschen der Gesellschaft zu sichern, nicht nur für die der oberen Zehntausend. Denn alle Menschen sollen in die Lage versetzt werden können, ihr Leben zu entfalten.
Die Wirtschaft hat also für die Menschen da zu sein und nicht die Menschen für die Wirtschaft. Damit kommt der Arbeit im Wirtschaftsprozess der Vorrang vor dem Kapital zu. Kapital ist immer nur tote Stofflichkeit. Arbeit wird aber von Menschen geleistet und drückt damit die menschliche Würde aus.
 
 
1. Plädoyer für gute Arbeit
 
Gute Arbeit braucht eine angemessene Bezahlung.
Die Kath. Soziallehre spricht in diesem Zusammenhang vom gerechten Lohn. Wer arbeitet, muss davon auch in Würde leben können.
In der Enzyklika Laborem Exercens (1981) wird ein wichtiges Kriterium für den gerechten Lohn genannt:
“Die gerechte Entlohnung für die Arbeit eines Erwachsenen, der Verantwortung für eine Familie trägt, muss dafür ausreichen, eine Familie zu gründen, angemessen zu unterhalten und ihr Fortkommen zu sichern“.
Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Und wenn man dieses Kriterium ernst nähme, dürfte es keinen Niedriglohnbereich geben und die Forderung nach einem Mindestlohn wäre überflüssig.
Dass Millionen Menschen bei uns mit Niedrig- und Niedrigstlöhnen abgespeist werden, dass sie trotz Arbeit mit ihren Verdienst nicht über die Runden kommen, ist ein nicht hinzunehmender Skandal.
Gute Arbeit braucht unbefristete Arbeitsverträge.
Sicherheit ist eines der fundamentalsten menschlichen Bedürfnisse. Wird dieses nicht befriedigt, können wir uns nicht entfalten. Unsere soziale Bindungsfähigkeit, sprich Fähigkeit zu Solidarität wird empfindlich gestört, weil wir zuviel Energie in die Sicherung unserer existenziellen Bedürfnisse stecken müssen.
In der schon zitierten Enzyklika „Rerum novarum“ von 1891 heißt es dazu:
„Gesetzt, der Arbeiter beugt sich aus reiner Not oder um einem schlimmeren Zustand zu entgehen, den allzu harten Bedingungen, die ihm nun einmal vom Arbeitsherrn oder Unternehmer auferlegt werden, so heißt das Gewalt leiden, und die Gerechtigkeit erhebt gegen einen solchen Zwang Einspruch“. (RN 34).
Mit anderen Worten: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind eine moderne Form der Gewalt, die die Betroffenen davon hindert, ihr volles Menschsein zu entfalten.
Gute Arbeit braucht betriebliche Mitbestimmung, denn sie gehört zur Würde des arbeitenden Menschen.
„Man darf Produktionsmittel nicht gegen die Arbeit besitzen, man darf sie auch nicht um des Besitzes willen besitzen, denn der einzige Grund, der ihren Besitz rechtfertigt, ist dieser der Arbeit zu dienen“ so Papst Johannes Paul II 1981.
Daraus folgt eine ganz bestimmte Sichtweise des Unternehmens, die sich von der heute üblichen unterscheidet.
Ein Unternehmen ist nicht in erster Linie ein Vermögensgegenstand, ein Sachmittelapparat zu Erzeugung von Gütern, sondern zuallererst ein Sozialgebilde, die Gesamtheit der im Unternehmen handelnden Menschen und Menschengruppen. Vom Menschen her wird also das Unternehmen beurteilt. Wer im Unternehmen was zu sagen hat, definiert sich nicht über das Eigentumsrecht, sondern über die Dazugehörigkeit. Mitbestimmung ist die logische Konsequenz dieser Sicht. Dabei geht es der Katholischen Sozialverkündigung um qualitativ mehr Mitbestimmung als in der bisherigen Betriebsverfassung möglich ist.
Die „Forderung nach…..Mitbeteiligung“ gilt „weit über eine Teilnahme an den Früchten der Arbeit hinaus – auf der Ebene der Planung der Initiativen und der Verantwortlichkeiten“ (Libertatis Conscientia 1986, 86). Die Katholische Soziallehre hat letztlich die Vision der Wirtschaftsdemokratie nicht aufgegeben.
 
 
2. Der Schutz des arbeitsfreien Sonntags
Nicht wenigen in unserem Land ist der geschützte Sonntag ein Dorn im Auge. Unternehmen, die ihre Maschinenlaufzeiten ausweiten wollen, Discounterketten, die rund um die Uhr verkaufen und Gewinne abschöpfen wollen, aber auch Kunden, die den Sonntag zum Wocheneinkauf nutzen wollen – all jenen ist der konsum- und produktionsfreie Sonntag ein verlorener Tag, dessen Zeit man effektiver als bisher nutzen sollte.
 
Wie war das mit dem gemeinsamen Ruhetag in der Woche einmal gedacht? Warum wurde er eingeführt?
Dazu müssen wir weit zurückblenden. Der heutige Bibeltext hilft uns dabei. Das Sabbatgebot, wie wir es im Text gehört haben, wird hier in seiner ursprünglichen Bedeutung erfahrbar. Es geht von Anfang an um den Schutz des arbeitenden Menschen.
Das hebräische Wort „sabbat“ heißt wörtlich übersetzt „aufhören“. „Gedenke des Sabbats“ ganz direkt wiedergegeben heißt dann: „Denke an das Aufhören. Halte es heilig!“ Der Grund dafür wird auch gleich mitgeliefert: Die Menschen sollen sich gemeinsam daran erinnern, dass sie einst selbst Sklaven waren und von Gott aus der Sklaverei befreit worden sind. Das geht aber nur, wenn sie mit der täglichen Plackerei aufhören und innehalten, wenn sie sich also nicht erneut versklaven lassen von der Arbeit. Die kürzeste Definition von Religion heißt demzufolge „Unterbrechung“, wie es der Theologe J. B. Metz formuliert.
 
Mit dem Sabbat kam ein ganz neues Verhältnis von Arbeit und Muße in die Welt. Sechs Tage in der Woche arbeitete Israel. Ganz Israel. Es gab keine Oberschicht, die der Arbeit enthoben war. Sechs Tage lang plagten sich alle, der Gutsbesitzer ebenso wie die Knechte und Mägde.
Das ist übrigens anders als es dann später die Römer praktizierten und wie wir es vielleicht eher kennen. Dort arbeitete die Unterschicht rund um die Uhr, ohne wirklichen Ruhetag. Gleichzeitig gab man sich in der Oberschicht der endlosen, vollkommen arbeitsfreien Muße hin.
In Israel arbeiteten alle und alle, auch die Knechte und Mägde unterbrachen die Arbeit am 7. Tag.
Der Sabbat ist damit der Tag der Freiheit von der Sklaverei durch Arbeit, Leistung und Hetze, der Widerstandstag gegen die Diktatur der Geldvermehrung. Es ist der Tag der Besinnung auf die menschliche Würde.
 
Ruhe ist allerdings kein Plädoyer fürs bloße Faulenzen, für leeres Nichtstun oder – ins heute übertragen – für blinden Freizeit- und Konsumaktivismus. Der Sabbat ist eine bewusste Ruhezeit, ein zweckfreier Raum innerer und äußerer Freiheit, der den Menschen allen Ansprüchen durch Dritte entzieht und diese Befreiung und Erleichterung bewusst macht.
Und es ist eine Unterbrechung für alle. Das ist ein wichtiger Aspekt. Es geht nicht darum, dass jeder Einzelne von Zeit zu Zeit irgendwann zur Ruhe kommt. Dem Sabbatgebot geht es um eine kollektive, alle umfassende Unterbrechung der Arbeit. Das ist die notwendige Voraussetzung, um miteinander Beziehung, Austausch und Begegnung pflegen zu können.
 
 
3. Hartz IV und der Sozialstaat
Auch nach fünf Jahren ihrer Gültigkeit ist die sog. Hartz IV-Gesetzgebung nicht in ruhiges Fahrwasser gekommen. Nach wie vor erhitzen sich gerade an ihr die Gemüter – und zwar durchaus in fast allen politischen Lagern. Und das mit Recht!
Die strukturelle verfestigte Arbeitslosigkeit, das erkennen inzwischen immer mehr Menschen, lässt sich nicht dadurch bekämpfen, dass der gesellschaftliche Druck auf die Leidtragenden erhöht wird. Die werden dadurch in eine doppelte Opferrolle gedrängt. Sie haben die Arbeitslosigkeit zu ertragen und man gibt ihnen sozusagen obendrein noch die Schuld daran .
Da hat sich in unserem tragenden gesellschaftlichen Menschenbild etwas Grundlegendes verändert. Mit Hartz IV hat sich quasi die Beweislage umgedreht.
Wer bis dato bedürftig war, hatte Anspruch auf ausgleichende Leistungen. Jetzt ist es so, dass der Bedürftige erst einmal nachweisen muss, dass er der Unterstützung würdig ist. Der bedürftige Mensch gerät unter den Generalverdacht, er nutze den Sozialstaat aus. Und diesen Verdacht muss er erst einmal aus dem Weg räumen. Und nur wenn er sich dieser nicht selten entwürdigenden Prozedur unterwirft, wird ihm Hilfe zuteil.

Was der ehemalige Limburger Bischof Franz Kamphaus schon 2005 erkannte, stimmt auch heute noch: Hartz IV entspricht in wichtigsten Punkten nicht der sozialen Gerechtigkeit. Es lässt noch mehr Arbeitslose ihr Schicksal als Erniedrigung erfahren und lässt sie unter das Niveau eines menschenwürdigen Lebens fallen.
Hartz IV als ein staatlich inszeniertes Verarmungsprogramm für die Unterschicht widerspricht vielleicht am eklatantesten jener Vision einer solidarischen Gesellschaft, wie sie im Sozialwort der beiden Kirchen Deutschlands 1997 „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ formuliert worden ist: „In der Perspektive einer christlichen Ethik muss darum alles Handeln und Entscheiden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an der Frage gemessen werden, inwiefern es die Armen betrifft und ihnen nützt…Die biblische Option für die Armen hält an, die Perspektiven der Menschen einzunehmen, die im Schatten des Wohlstands leben und weder sich selbst als gesellschaftliche Gruppe bemerkbar machen können noch eine Lobby haben. Sie lenkt den Blick auf die Empfindungen der Menschen, auf Kränkungen und Demütigungen von Benachteiligten, auf das Unzumutbare, das Menschenunwürdige, auf strukturelle Ungerechtigkeiten.“ (107)
 
Von Augustinus gibt es den Satz: Fehlt die Gerechtigkeit, was sind Staaten anderes als große Räuberbanden? Der Sozialstaat ist der Stabilitätsfaktor schlechthin in unserer Gesellschaft. Armut, Arbeitslosigkeit und soziale Unsicherheit gefährden auf Dauer die sozialen Grundlagen unserer Demokratie.
Wenn Menschen, gerade junge Menschen, erfahren und erleiden müssen, dass sie in dieser Gesellschaft offensichtlich nicht gebraucht werden, dass ihnen das Gefühl vermittelt wird, sie liegen dem Sozialstaat als Kostenfaktoren zudem noch auf der Tasche, wie sollen diese Menschen Vertrauen und Respekt in das politische System dieser Gesellschaft entwickeln.
Oder um es mit den Worten von Heribert Prantl, Ressortchef für die Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung zu sagen: „Sozialstaat und Demokratie gehören zusammen, sie bilden eine Einheit. Wer den Sozialstaat beerdigen will, der muss also ein Doppelgrab bestellen.“
 
Liebe Schwestern und Brüder,
wir sind am Ende dieser Reihe zum Thema Gerechtigkeit in der Bibel angelangt. Und es wurde Ihnen einiges abverlangt. Manches war Ihnen vielleicht schon bekannt, anderes war für Sie ungewohnt. Und vielleicht hat sie sogar das eine oder andere geärgert und fragend zurück gelassen.
Ich sage: Gut so!
Die Bibel mit ihrer Gerechtigkeitsbotschaft ist kein harmloses Stück Trivialliteratur für einen verregneten Nachmittag. Die Biel kann auch sehr sperrig sein. Sie fordert uns heraus, sie lädt uns ein, uns auch mit ihren Ecken und Kanten auseinanderzusetzen.
„Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein“, so heißt es beim Propheten Jesaja. Die Bibel zeigt uns dazu Wege und Orientierungsmarken auf. Es liegt an uns, sie aufzunehmen. 
(Abschlussansprache am 13.Januar 2011; Vorausgegangen: Einführende Lesung Jer 22,13-16)

Lisa Nikol-Eryazici 2.Mose 33,17b-23 16.Januar 2011

Günthersbühl und Christus-Kirche
Predigt als pdf-Datei

Pfr. Thomas Reuß zur Jahreslosung 2011

"MitGutem das Böse überwinden."
  IV. Interpretierende Darlegung
Geliebte Gemeinde!
Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12,21
Der frühere Weltklasse Eishockeytorhüter Karl Friesen antwortete einmal folgendes in einem Interview in Blickpunkt Sport auf die Frage des Moderators, ob er auch die andere Hand hinhalte, wenn ihm ein Stürmer auf die rechte Fanghand mit dem Stock geschlagen habe:
„Dann sage ich meinen Verteidigern, welche Nummer der Spieler hatte“. Dabei schmunzelte er und das Publikum brach in Gelächter aus.
Dazu muss man wissen, dass Karl Friesen praktizierender Baptist war.
Die Frage von Fritz von Thurn und Taxis zielte natürlich auf das Wort von Jesus in der Bergpredigt, dass wir dem Bösen nicht widerstreiten sollen und auch die andere Wange hinhalten sollen, wenn uns jemand auf die eine Wange geschlagen haben.
Natürlich hätte er erwartet, dass der Christ Karl Friesen im Sinne von Jesus antworten würde. Aber Karl Friesen ist wohl von seinem Schöpfer neben dem sportlichen Talent auch mit Schlagfertigkeit und Humor ausgestattet worden.
Vielleicht steckt in seiner schlagfertigen Antwort ja auch eine große Weisheit. Er sinnt nicht auf Rache im eigenen Handeln. In den Psalmen klagen Menschen immer wieder Gott, was andere Menschen ihnen Böses angetan haben. Teilweise ist das richtig heftig, was sie da Gott sagen, weil sie unter Last des Bösen leiden müssen. Auch sie denken daran, dass Gott ihnen das Böse vergelten solle.
In den Sprüchen Salomos wird noch folgender Tipp mitgegeben:
Sprich nicht: »Ich will Böses vergelten!« Harre des HERRN, der wird dir helfen (Sprüche 20,22)
Das klingt doch schon stark nach dem Wort, das der Apostel Paulus im Römerbrief als konkrete Spielart der Liebe beschreibt:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden,
sondern überwinde das Böse mit Gutem.
Römer 12,21
Wir sehen hier eine Gegebenheit aller Bibelauslegung. Ohne das Alte Testament wäre das Neue Testament nichts, wäre gar nicht denkbar. Schließlich war es ja die Bibel von Jesus und der Urchristen. Mir ist es völlig schleierhaft, dass es immer noch Versuche gibt diese Einheit aufzulösen. Da wo das geschieht, ist es immer zum Schaden für den Glauben und die Kirche. Da muss ich nicht erst bis zum Tausendjährigen Reich von 1933-1945 zurückgehen. Das begegnet mir immer wieder in den Aussagen wo vom Geist der Liebe im NT und vom Geist des Zornes o.ä. im AT gesprochen wird. Das aber nur nebenbei…
Wenn Paulus davon spricht, dass wir das Böse überwinden sollen mit dem Guten, dann heißt das auch, dass es immer Böses geben wird bis zum Ende der Tage. Auch in der siebten Bitte des Vater Unsers heißt es ja: „sondern erlöse uns vom Bösen“
Was ist mit dem Bösen gemeint? Spontan alles, was mir das Leben schwer macht. Das kann auch eine Krankheit sein. Aber ich vermute, dass es hier vor allem um Dinge geht, die mir von Menschen entgegen kommen. Missgunst, Neid, Verleumdung, Üble Nachrede, Rufmord, Betrug usw.
Das ist eine allgemein menschliche Erfahrung, dass es sich nicht ruhig leben lässt mit einem bösen Nachbarn. Das gilt heute und galt wohl auch damals, denn Paulus variiert das Thema Gut und Böse, Friede und Vergeltung in fünf Versen von Vers 17-21 im 12. Kapitel des Römerbriefes. 17 Übt keine Vergeltung. 18 Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 19 Haltet Frieden mit allen Menschen soweit es in eurer Macht steht. 20 Rächt euch nicht selbst, überlasst es Gott für Gerechtigkeit zu sorgen. 20 Tue deinem Feind Gutes um ihn zur Umkehr zu bewegen. 21 Überwinde das Böse mit Gutem.
Die Christen in Pakistan, Nepal oder anderen Ländern, wo Christen verfolgt werden oder immer wieder unter den Übergriffen der nichtchristlichen Bevölkerung leiden müssen, werden hier sehr konkret mit dem Bösen konfrontiert. Ihre Leben ist bedroht. Ihre Lieben werden getötet. Ihre Häuser und Kirchen werden abgefackelt oder in die Luft gesprengt usw. Das alles geschah ja auch z.B. mit Martin Luther King und den farbigen Christen, die sich für die Gleichberechtigung der Menschen schwarzer Hautfarbe in den USA einsetzten. Dort wie heute schlug ihnen aus den Gesichtern der Menschen die Fratze des Bösen entgegen.
Neulich sah ich einen Bericht über die ultrarechte „Teaparty-Bewegung“ in den USA. Da protestierte eine Frau mit einem kleinen Plakat gegen diese Bewegung. Sie war nur da und hielt dieses Plakat hoch. Da riss die Menge sie zu Boden, schlug auf sie ein und plötzlich fing ein Mann an auf den Kopf auf die am Boden liegende Frau einzutreten.
Was für eine Menschenverachtung!. Was für ein Hass! Was für eine Verleugnung aller Barmherzigkeit und allem Mitfühlen mit einem Mitgeschöpf, einem Mitmenschen!
Der Hass macht uns den Bestien gleich, entfremdet uns von Gott und tritt unsere Gottesebenbildlichkeit mit Füßen.
Das kann uns gesitteten Bürgern ja nicht passieren, oder?
C.S. Lewis sagt:
„Kein Mensch kennt das Ausmaß seiner eigenen Schlechtigkeit, solange er nicht ernstlich versucht hat, gut zu sein“
Paulus konnte da mitreden. Er hat andersgläubige verfolgt bis auf den Tod. Im ehemaligen Jugoslawien haben Nachbarn Nachbarn umgebracht.
Ein Überlebender der Judenvernichtung musste 1961 im Prozess gegen einen der Hauptverantwortlichen der Judenvernichtung Adolf Eichmann aussagen. Vor Gericht brach er zusammen, weil er auf einmal sah, dass auch er als Mensch zu solchen Taten fähig gewesen wäre, wenn sein Leben unter anderen Umständen verlaufen wäre.
Paulus kannte wohl die Abgründe des menschlichen Herzens und aber auch, wie wir damit umgehen können.
Befasse dich nicht mit dem Bösen, sondern mit dem Guten. Das wird dann dein Leben prägen und dich verändern.
Sage mir wer deine Freude sind und ich sage dir wer du bist. Mit wem oder was du dich abgibst, das wird auch dein Herz prägen.
Hannah Arendt, eine jüdische, deutsch-amerikanische Publizistin und Gelehrte beschäftigte sich sehr mit Adolf Eichmann und der Frage des Bösen.
„Meister Eckhart soll folgendes gesagt haben: „ich wäre lieber in der Hölle mit Gott als ohne ihn im Himmel.“ [Er hat] für sich subjektiv entschieden, mit wem [er] zusammen sein [will]. „Ich [Arendt] habe versucht zu zeigen, daß unsere Entscheidungen über Recht und Unrecht von der Wahl unserer Gesellschaft, von der Wahl derjenigen, mit denen wir unser Leben zu verbringen wünschen, abhängen werden.“ Diese Beispiele wählen wir uns selbst aus.
Die Gefahr, die darin liegt, ist einerseits, dass den Menschen es egal ist, mit wem sie leben wollen, wer ihre Beispiele sind. „Diese Indifferenz (Unentschiedenheit), stellt moralisch und politisch gesprochen, die größte Gefahr dar, auch wenn sie weit verbreitet ist.“ Wer mit Paulus handelt, der sucht sich bewusst aus, wer sein Vorbild sein soll und woran er sein Handeln anbinden will. Er bindet sein Gewissen an die Worte der Heiligen Schrift und an Gott. Bindet sein Gewissen an die Gebote und das Doppelgebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten wie sich selbst.
Er tritt in Beziehung zu Gott und tritt in Beziehung zu seinem Nächsten und sieht in ihm auch in aller Verkehrung immer noch ein Geschöpf Gottes.
Indem der Christ die Rache und das Gerechtigkeit schaffende Handeln in aller Vorläufigkeit der Justiz und in alle Ewigkeit Gott überlässt, distanziert er sich vom Bösen und bindet sich an Gott und wird so in seinem Innern von Gott verändert zum Guten.
Er sagt Gott, welche Rückennummer der hat, der in böser Absicht uns auf die Hand schlug und überlässt ihm die Vergeltung und bleibt so frei von dem Bösen.
Vielleicht ist das der tiefere Kern dessen, was Karl Friesen in dem Interviewer sagen wollte.
Paulus aber geht noch einen Schritt weiter. Er hofft, dass der Böse durch das Gute tun in seinem Herzen erreicht und ihn auch zum Guten bewegt. Wer dem Bösen mit Gutem begegnet bricht vielleicht Denk- und Handlungsmuster auf und erreicht so das Herz des Bösen.
Wie dem auch sei. Das eigene Herz aber erreicht er oder sie auf jeden Fall und erlebt selber immer mehr eine Veränderung zu und auf Gott hin, weil er sie immer mehr geprägt ist durch die göttliche Liebe und seiner Güte. Gott ist das Gute, deshalb:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden,                
sondern überwinde das Böse mit Gutem. Römer 12,21
Verfasser: Thomas Reuß
Gehalten: 2011

Pfr. Friedhelm Beck zum 1. Advent, 28.Nov.2010 Johanniskirche

LaJo
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Stilles Gebet
Text: Jer. 23, 5-8
 
Liebe Gemeinde,
heute habe ich Ihnen einen Palmzweig mit auf die Kanzel gebracht.
Palmzweig? Jetzt hat er sich aber doch etwas im Kirchenjahr vertan?!? Das passt doch eigentlich nicht zum 1.Advent?! Einen Tannenzweig ja – aber einen Palmzweig? Palmzweig – natürlich! das Evangelium heute! Der Einzug von Jesus in Jerusalem! Die Menschen legen Kleider auf die Straße und schneiden Palmzweige von den Palmen und breiten sie auf den Strassen aus!
Und jetzt wird der gesamte Schmuck in unserer Johanniskirche klar! Neben dem Altar stehen auch Palmzweige und unser Altarbild – ist ja auch der Einzug von Jesus in Jerusalem!
 
Jesus kommt – das ist das Thema des heutigen 1. Advent.
Schauen Sie sich doch unser Altarbild einmal genauer an! jetzt aus der Ferne und nach dem Gottesdienst vielleicht noch einmal aus der Nähe!
In der Mitte ist natürlich Jesus – klar! Und um ihn herum sind die Menschen, die ihm zujubeln: Hosianna dem Sohn Davids!
Aber da ist noch jemand auf dem Bild. Haben Sie ihn entdeckt? Er gehört so selbstverständlich zu dem Einzug in Jerusalem, dass er meistens übersehen wird.
Aber ich möchte ihn heute in den Mittelpunkt stellen:
Der Esel!
Der Esel?
Ein Zeitgenosse hat ihn einmal nachdenklich beschrieben:
Er ist nicht unterwürfig aber geduldig,
er kann die Mächtigen aushalten,
aber auch Starke lächerlich machen.
Ein Esel bringt den sanftmütigen König.“
Wer sonst – das ist für uns eigentlich völlig klar, die wir diese Geschichte schon mit der Muttermilch aufgesogen haben. Schon an seinem Reittier ist der König der Ehren, der sanftmütige König zu erkennen.
Den Herrn erkennt man an dem, der ihn bringt. Am Esel.
Er bringt den langersehnten Erlöser.
Hat er ihn gebracht, liebe Gemeinde? Gerade jetzt, gerade heute zu Beginn der Adventszeit dürfen wir doch auch einmal fragen:
Wo ist sie denn, die Erlösung, die wir uns alle so erwarten – ersehnen? Wo ist auch nur ansatzweise etwas davon zu erkennen? Erleben wir nicht gerade zu beginn dieser Adventszeit, dass wir bedroht sind -  von Terrorgefahr – die Bilder von Polizisten mit Maschinenpistolen auf Streife reden eine beredte Sprache – von Umweltschäden – die Atomkraftwerke und die Endlager sind wieder in aller Munde. Und das sind nur die Bedrohungen, die in der Zeitung stehen. Sie und ich – wir kennen noch ganz andere Bedrohungen und Bedrängnisse, die unser ganz persönliches Leben umtreiben.
Kommt der Erlöser wirklich und bringt er die ersehnte Erlösung, liebe Gemeinde? Ist Jesus Geist wirklich unter uns gegenwärtig? Wo kann ich etwas davon entdecken?
Die meisten, die Jesus beim Einzug in Jerusalem gesehen haben, begreifen nicht, wer da in Jerusalem einzieht: Vielleicht auch deswegen, weil sie den Esel nicht bewusst gesehen haben…
Und sollten sie ihn gesehen haben, können sie wohl nicht fassen, dass Gottes Sohn, der Messias, auf ein solches Transportmittel angewiesen sein soll. Wahrscheinlich sagen sie zu sich selbst: Wenn Gott wirklich kommt, um Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit zu bringen, dann kommt er hoch zu Ross mit großer Gefolgschaft…
Dann kommt er jedenfalls nicht auf einer mickrigen, noch dazu geborgten Eselin geritten, umgeben von en Paar jubelnden Menschen aus dem gemeinen Volk.
Es kommt also darauf an, diesen sanftmütigen König auf dem Esel zu erkennen – wirklich zu erkennen!
Bei solchen Überlegungen tröstet mich immer ein wenig, dass es anscheinend noch nie leicht gewesen ist, den Herrn auf dem Esel unzweifelhaft zu erkennen…, damals nicht und heute wohl auch nicht. Auch diejenigen, die Jesus hier mit Hosianna zujubeln, haben schließlich bald darauf auch „kreuziget ihn“ geschrieben.
Warum ist es nur so schwer, den Herrn auf seinem Esel zu erkennen?
Ein jüdischer Witz kann uns vielleicht bei der Klärung dieser Frage helfen:
Da philosophiert ein frommer Jude:
Eigentlich spricht ja alles dafür, dass der Messias kommen müsste. Alles deutet darauf hin. Die Zeit wäre reif. Die Zeichen der Zeit stehen dafür: Die Armut, die Not, die Verderbtheit, die Herrschaft der Dreistigkeit….
Nur der Esel fehlt!
Dabei soll der Herr doch auf einem Esel einreiten, sagt der Prophet.
Ja, an dem Esel muss es liegen.
Es scheint keine Esel mehr zu geben. Und das liegt daran, dass alle Esel inzwischen zu Führern des Volkes geworden sind. Sie sind keine Esel mehr, die für den Messias geeignet wären. Sie möchten selber einziehen, als hohe Tiere, statt den Messias zu tragen.
Mit anderen Worten: Die Ankunft des Königs der Ehren wird immer wieder verhindert durch Menschen, die sich im Namen oder gegen den Namen Gottes aufs hohe Ross setzen, durch Menschen, die immer wissen wo´s lang geht, durch Menschen, die Macht haben und die Fähigkeit, für manche den Messias zu ersetzen. Ich denke nur an so machen Sektenführer oder so manche Führergestalt in unserer Politik
Wie oft fallen Menschen auf diese „großen Tiere“ herein,
weil sie von ihnen so leicht eine „eigene Meinung“ gestrickt bekommen; weil es so komfortabel ist, die Wahrheit über Gott und die Welt so praktisch verpackt präsentiert zu bekommen.
Der Esel mit seinem Herrn fällt beim ersten Blick nicht so sehr ins Auge, wie die, die auf ihrem hohen Ross in das Licht der Öffentlichkeit drängen. Oft steht er nicht im Scheinwerferlicht und wird leicht übersehen.
Aber immer wieder bilde ich mir ein, diesen Jesus tatsächlich mitten unter uns zu erkennen. Oft übersehe ich ihn auch – wie die meisten. Aber manchmal, glaube ich, habe ich ihn schon gesehen:
Für einen Moment erkenne ich dann auch den Esel,
bis heute erkenne ich ihn noch in den Lichterketten vor 21 Jahren, als bei den Montagsdemonstrationen unzählige Kerzen das Ende der Mächtigen in der DDR ankündigten. Klein und unscheinbar zogen die Kerzen ein in den Alltag der DDR. Wie wenige gaben ihnen eine Chance gegenüber der allmächtig erscheinenden Staatsmacht.
Manche schütteln den Kopf über Mitarbeiter unserer Gemeinde, dass sie Zeit und Kraft aufwenden, um den Gemeindebrief in die Häuser zu bringe, oder Bedürftigen ein Frühstück zu machen. Und sicher werden nicht nur einmal Außenstehende sie, als rechte „Esel“ bezeichnen. Und sie wissen dabei nicht, wie recht sie damit haben:
Denn es kommen anscheinend immer wieder Esel nach, die in der Lage sind, den Messias zu tragen! Den Herrn, der Heil und Leben mit sich bringt. Und das lässt hoffen – auch in der diesjährigen Adventszeit. Nehmen wir uns doch für die heurige Adventszeit einmal vor, den sanftmütigen König mitten unter uns zu entdecken, im Tür und Tor unserer Herzen zu öffnen, um dann seine Liebe weiter zu tragen…
Aber dazu müssen wir uns zumindest in die Nähe des Esels begeben.
Der verstorbene brasilianische Erzbischof Dom Helder Camara meinte sogar, dass wir dazu selbst zu Eseln werden müssten.
Bevor er zu einer Menge junger Leute sprach hat er folgendes Gebet gesprochen:
„Lass mich dein Esel sein, Christus, auf dem du zu all diesen Menschen kommst. Lass mich dein Evangelium, deine Freiheit, dein Vertrauen und deine Hoffnung den Menschen nahe bringen, die darauf warten.“
„Lass mich dein Esel sein“, das scheint der Auftrag des adventlichen Evangeliums zu sein. Es fordert die Entscheidung, ob ich den Herren auf ihren hohen Rössern oder dem Herrn dienen will – und damit den Menschen.
Gott öffne uns unsere Herzen in dieser Adventszeit, das der König der Ehren auch bei uns einziehen kann.
Amen.