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18.Nov.2012 Andrea Schmolke: Der alttestamentarische Lot und Krieg


Mitarbeiter-Gottesdienst 11.Nov.2012


Andacht Dr. Edmund Sandermann ______ im Kirchenvorstand am 22.Oktober 2012: Gott oder Mammon ? !

 
"Niemand kann zwei Heren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon."
Mt.6 Vers 24
 
 
Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.


Das Wort Mammon , das Luther hier unübersetzt lässt, leitet sich von dem aramäischen Wort „mamona“ ab, was soviel bedeutet wie Vermögen oder Besitz. Über die Jahrhunderte hinweg wird aus diesem Begriff ein personifizierter Dämon, der den Menschen zu Geiz und egoistischer Gewinnsucht verführt.


Im 1667 veröffentlichten epischen Gedicht Paradise Lost von John Milton ist Mammon einer der gefallenen Engel, die sich unter Satans Führung gegen Gott wenden. Und in Hugo von Hoffmannsthals  „Jedermann“ weigert sich Mammon als personifizierter pekuniärer Reichtum mit Jedermann vor das göttliche Gericht zu treten.


Niemand kann zwei Herren dienen....Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

An der zitierten Stelle in der Bergpredigt geht es um die falsche Sorge, darum dass der Mensch sein Leben auf ein nicht tragfähiges Fundament stellt. Hätte es da nicht - gewisser-maßen als Klugheitsregel – genügt, darauf hinzuweisen, dass Gut und Geld keine verlässliche dauerhafte Grundlage für das Leben darstellen – so wie im Gleichnis von dem reichen Bauern, dessen Seele gefordert wird, nachdem er selbstzufrieden seine Ernte eingefahren hatte?


Erinnern wir uns daran, dass Jesus zu Beginn der Bergpredigt, darauf hinweist, dass er nicht gekommen ist, das dem Mose gegebene Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen, das heißt, dessen wesentlichen Inhalt aufzudecken und mit Leben zu füllen. Wenn Jesus hier davon spricht, dass man nicht Gott und dem Mammon dienen kann, so ist dies die Sinnerfüllung des ersten Gebots. Ich finde dies überraschend, denn zu Zeiten Jesu gab es in der unmittelbaren geographischen Umgebung von Galiläa und Judäa noch viele polytheistische Kulturen. In Ägypten, in Griechenland und in Rom bevölkerten noch jede Menge Götter die Himmel. Aber Jesus, dessen Worte Ewigkeitsgarantie haben, gibt hier zu erkennen, dass nicht diese, sondern ein vergötterter Mammon den Menschen und seine Seele bedrohen.

Zu keiner Zeit war dieses Jesus-Wort von so großer Bedeutung wie in unserer, in der sog. Finanzmärkte über das Wohl und Wehe ganzer Völker und Kulturen entscheiden, in der von marktkonformer Demokratie gesprochen wird, in der Errungenschaften der Aufklärung, wie die zentrale Stellung des Parlaments als Herrschaftsform freier und gleicher Bürger wie lästiger Ballast behandelt wird, in der Basta-Kanzler am Parlament vorbei sog. Reformen durchpeitschen oder hinter verschlossenen Türen Verträge mit Wirtschaftslobbyitsen abschließen, deren genauen Inhalt keiner erfährt. In einer Zeit, in der Götze Mammon immer mehr Zeit und Geld geopfert werden, in der Risiken von Spekulanten mit immer neuen Milliarden von Steuergeldern abgesichert werden. In einer Zeit, in der auch christliche Politiker ihre Entscheidungen davon abhängig machen, wie „die Märkte“ reagieren werden, in der die ständige Angst besteht, der Götze Mammon könnte zornig reagieren und uns alle ins Elend stürzen. So wird alles getan um Mammon zu besänftigen, der so launisch und unkontrollierbar ist, dass uns täglich Börsennachrichten über dessen derzeitige Stimmung unterrichten, damit wir wissen, ob wir wenigstens heute noch ruhig schlafen können.



Trotz alledem, schießt hier Jesus nicht über das Ziel hinaus? Muss er hier so scharf formulieren, gar von Hass und Verachtung sprechen? Hat nicht die Entwicklung des kapitalistischen Wirtschaftssystems in den letzte zwei Jahrhunderten gezeigt, dass es Wohlstand für – wenn auch nicht alle – so doch für viele schaffen kann? Und ist es nicht gerade das global befreite Kapital, das in vielen Ländern zu mehr demokratischen Strukturen und zur Verbreitung des Menschenrechtsgedankens geführt hat?

Um einem Missverständnis vorzubeugen, Jesus geht es hier nicht um Wirtschaftsfeindlichkeit. Es geht ihm darum, dass es mit dem Glauben an den christlichen Gott unvereinbar ist, dem Götzen Mammon zu dienen, der in seiner modernen Erscheinungsform den ständigen Zwang zur Kapitalverwertung und das Diktat des ständigen quantitativen Wirtschaftswachstums zum obersten Prinzip erhebt, dem sich alle anderen Lebensbereiche unterordnen müssen. Aber was ist daran, so verwerflich, was hassens- und verachtenswert?

Auch Gott Mammon kennt doch das Gebot der Nächstenliebe, jedoch erweitert um den Satz, dass sich jeder selbst der nächste ist. „Wenn jeder an sich selber denkt, ist an alle gedacht!“ Wenn ein jeder - so egoistisch er nur kann - nach seinem größten Eigennutz strebt, wird die unsichtbare Hand des Marktes das größte Wohl der größten Zahl hervorbringen.

Jeder Mensch wird so auf Egoismus getrimmt. Wer nicht mithalten kann, hat eben Pech. Menschliches Handeln ist dann gut gut, wenn es effizient ist, d.h. mehr Profit verspricht. Jeder Mensch wird unversehens zur Marionette eines Systems, bei dem es nur darum geht, aus Geld noch mehr Geld zu machen. Menschen werden im „Idealfall“ zu weitgehend atomisierten Produktions- und Konsumindividuen, in deren Welt der andere nur als Mittel zum Zweck der Erhöhung des Eigennutzes vorkommt. Der Mensch wird zur „Ware Arbeitskraft“ reduziert.

Der Mensch hat keinen Wert, sondern nur einen Preis, der nur so hoch ist, wie er bereit oder in der Lage ist, Gott Mammon zu dienen.

Und bei näherem Hinsehen stimmt auch nicht, dass die Ausbreitung des kapitalistischen Wirtschaftssystems zu mehr Wohlstand und Gerechtigkeit führt. Von der über eine Milliarde Inder profitieren von der neuen Form des Wirtschaftens gerade mal etwa 30 Millionen Menschen. Dies erscheint viel, macht aber weniger als 3 Prozent der Bevölkerung aus. Diesen stehen Menschen gegenüber die bereits als Kinder auf Müllhalden arbeiten müssen, um sich und ihre Familien zu ernähren. Kinder, die keine Chance auf Bildung haben und damit auch keine Chance ihr leben zu verbessern. In China hat sich Mammon mit einer kleinen Gruppe angeblich kommunistischer Kader verbündet, die Menschenrecht mit Füßen tritt und die Entstehung eines Rechtsstaates in unseren Verständnis verhindert. Dies nimmt Mammon nicht nur in Kauf, er fördert solche Entwicklungen sogar noch, solange ihm dies nützt.

Der Fortschritt der Menschheit ist nicht dem System des Götzen Mammon zu verdanken, sondern der Entwicklung des Rechts, der Wissenschaften, der Pressefreiheit und der Bildung. Diese werden vom Götzen Mammon nur so lange gefördert oder unterstützt, solange ihm dies nützt. Wo dies nicht der Fall ist, werden diese Entwicklungen sogar unterdrückt.

Götze Mammon benutzt dabei alle. Banker, Arbeiter, Diktatoren, Manager werden vor den Karren gespannt. Mammon regiert hinter dem Rücken der Menschen, ihn kümmert weder der Burn-out des Topmanagers noch das Elend des hungernden Kindes, das für Billigdiscounter Stoffe webt. Ihn kümmert nicht die Tristesse des Alltags eines Hartz-IV-Empfängers und nicht der Alkoholismus des Bankmitarbeiters, der von seinem Chef unter Androhung der Entlassung gezwungen wird, Bankkunden Schrottimmobilien oder Schrottaktien zu verkaufen.

Götze Mammon kennt keine Gnade, keine Barmherzigkeit und keine Erlösung. Er ist unersättlich in seinem Verbrauch von Menschen und Material. „Wir brauchen mehr Wachstum“, auch wenn dies unsere Lebensgrundlagen und die kommender Generationen zerstört. Der Mensch wird reduziert auf seine Bedürfnisse, die soweit es nur geht, ständig neu geweckt und erweitert werden, um mehr Waren und Dienstleistungen gewinnbringend verkaufen zu können. Der Mensch als Geist- und Kulturwesen kommt dabei zunehmend unter die Räder. Bildung ist nur als Ausbildung gewünscht und nur in den Bereichen, die Mammon gerade als gewinnbringend ansieht. Ruhe, Innehalten gilt als Anachronismus in einer immer mehr vom Millisekundentakt der Börsengeschäfte beschleunigten gesellschaftlichen Zeit, in der bis zur Besinnungslosigkeit produziert und konsumiert wird?

Wie soll das zusammengehen mit einem Gott, der jeden einzelnen Menschen unendlich liebt, ihn als seinem Ebenbild mit einer unzerstörbaren Würde versehen hat, einem Gott, der als Unternehmer auf den Markt geht und jedem, den er anstellt, den gleichen Lohn zahlt, einen Lohn, der ihm und seiner Familie eine menschenwürdige Existenz ermöglicht? Wie soll das zusammengehen mit einem Gott der Gemeinschaft stiftet und Solidarität: Einer trage des anderen Last? Wie soll das vereinbar sein mit einem Gott, der uns alle 7 Tage einen Tag der Ruhe gönnt, um zur Besinnung zu kommen.

Ich denke, wir können jetzt verstehen, warum Jesus hier so drastisch und unversöhnlich formuliert. Gott und Mammon gegen nicht zusammen. Wer Gott liebt kann seinen Nächsten nicht ausbeuten, ihm Hungerlöhne oder darunter zahlen, um sich selbst zu bereichern. Er kann nicht mit Nahrungsmitteln spekulieren und dabei in Kauf nehmen, dass dadurch viele Menschen hungern oder gar verhungern müssen.Er kann nicht die Natur dauerhaft zerstören, nur um einen kurzfristigen Profit zu machen. Er kann nicht Menschen entrechten und unterdrücken, nur damit er beim Geldverdienen nicht durch die berechtigten Forderungen anderer gestört wird.

Man kann nicht zwei Herren dienen. Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon. Wir werden uns entscheiden müssen. Gesellschaftlich, politisch, auch in der Kirche und nicht zuletzt jeder für sich selbst. Jeden Tag.







14.Okt'12; Thomas.S.Hofmann: ________ Gottes Gnade für Kranke & Gesunde - ChristusKirche


ChristusKirche 2.Sept'12; Thomas.S.Hofmann: Lutherisches Verständnis der Sakramente


Dekanatsjugendpfarrer Andy Tirakitti am 15.Juli: Die Taufe, eine Gnade Gottes!

ChristusKirche 8.Juli2012; Thomas.S.Hofmann: Gott ruft DICH


Gabriele Netal-Backöfer Johanniskirche Pfingstmontag '12

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Liebe Schwestern und Brüder,

zuerst lassen sie mich Ihnen danken, dass ich hier bei Ihnen in der Johanniskirche den Verkündigungsdienst übernehmen darf. Ich empfinde das als Ehre und bin auch sehr froh über die Verbundenheit, die uns über die Konfessionen hinweg trägt und in der wir schon viele beglückende gemeinsame Erlebnisse miteinander hatten.
Der Text aus dem Buch Joel, den wir eben gehört haben, führt uns weit in die Geschichte hinein. Die ältesten Teile dieses Textes scheinen bis ins achte vorchristliche Jahrhundert hinein zu reichen.
Beschrieben sind dort sehr schwierige Situationen für das Volk Israel: da ist erst die Rede von einer Heuschreckenplage, die über das Land kommt und alles verwüstet, die Weinberge kahl frisst, die Ernte zunichte macht. Und nachdem die Heuschrecken alles abgefressen haben, kommt eine Dürre, die das, was noch übrig geblieben ist, austrocknet und so dem Volk seine Lebensgrundlagen nimmt.
Anschließend wird vom kriegerischen Ansturm eines mächtigen Heeres erzählt, das Richtung Israel zieht und Angst und Schrecken verbreitet. Also eine wirklich apokalyptische Szenerie, die Joel da beschreibt. Und mitten hinein in die langatmige und ausschweifende Schilderung des Schreckens kommen da Verse, die berühren und beglücken und ein neues Licht auf die Szene werfen.
 
Danach aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch. Eure Töchter und Söhne werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure Jünglinge Visionen.... und wer den Namen des Herrn anruft, wird gerettet. Denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem gibt es Rettung. Und wen der Herr anruft, der wird entrinnen.
 
Über diese Worte lohnt es sich nachzudenken. Söhne und Töchter sind Propheten, haben Visionen, und die Alten haben Träume.
Mich berühren diese Sätze und geben mir eine Ahnung davon, dass die Wirklichkeit vielschichtiger ist, als es manchmal scheint. Wenn bei Joel Horrormeldungen neben Visionen stehen, dann will er damit wohl sagen, dass die Welt vielleicht gar nicht so eindimensional ist: nur Ursache und Wirkung, nur nackte Realitäten. Dann leuchtet hinter der sichtbaren Realität eine zweite auf, die gar nicht so auf Anhieb erkennbar ist, aber doch ihre Leuchtkraft entfaltet.
Das mit den Visionen ist ja nicht so einfach: wie viele Menschen sind schon mit Visionen angetreten und dann unsanft auf dem Boden der Wirklichkeit gelandet. Von Helmut Schmidt stammt das Bonmot: "Wer Visionen hat, sollte zum Psychiater gehen". In seiner etwas flapsigen Art hat er damit wohl sagen wollen: man muss Realist bleiben, wenn man Einfluss nehmen will, muss die Realität nüchtern sehen und dann die Schraube dort drehen, wo man etwas verändern will.
Auch wenn ich Achtung habe vor diesem alten Herrn  - an diesem Punkt stimme ich ihm nicht zu. Und die Bibel gibt mir Recht, sie ist voll von Träumen und Visionen - aber vielleicht in einem anderen Sinn, als Helmut Schmidt dieses Wort verstanden hat.
Vielleicht werfen wir einen kurzen Blick in unser eigenes Leben hinein:
Mit welchen Visionen sind wir denn einmal angetreten?
Es wäre jetzt spannend, ein Mikrophon herum zu geben und zu hören, was Ihre Visionen sind oder waren. Sicher käme eine bunte Vielfalt zusammen. Vielleicht gelingt es mir, einige davon zu benennen.
Ich schätze, jeder von uns, der Kinder hat, hatte die Vision, dass diese seine Kinder zu Menschen heranwachsen, die ihren Platz im Leben finden, die in der Lage sind, Beziehungen einzugehen, die - in irgendeiner Weise - glücklich sind. Für diese Visionen haben wir alles gegeben, was uns möglich war - wenn es vielleicht auch nicht immer gereicht hat.
Manche von uns sind vielleicht angetreten mit der Vision mitzuhelfen, dass Kirche lebendig bleibt, ihren Teil beizutragen, um den Glauben zu leben und weiter zu geben.
Viele haben eine Sehnsucht mitzuhelfen, dass die Gesellschaft gerechter wird, dass die Armen, Kranken und Benachteiligten ihren Platz haben und setzen sich auf irgendeine Weise dafür ein.
Menschen haben Kraft und Phantasie aufgewendet, um die Welt in ihrer Schönheit und Vielgestaltigkeit zu bewahren, haben Technologien entwickelt und marktfähig gemacht oder ihren Alltag so umgestaltet, dass sie möglichst wenig Ressourcen verbrauchen.
Viele haben sich um den Erhalt von Netzwerken bemüht, Kontakte gepflegt und Menschen auch dann begleitet, wenn es für sie schwer wurde.
Vielleicht war bei dieser Aufzählung etwas dabei, das auch für Ihr Leben gilt, wofür Sie eingetreten sind, und Zeit, Liebe und Lebenskraft eingesetzt haben.
Wie aber im Text des Joel, müssen wir immer wieder erleben, dass die konkrete Welt diametral im Gegensatz steht zu unseren Visionen und Vorstellungen. Dass wir trotz aller Bemühungen nichts oder nur wenig erreicht haben, ja im Gegenteil, dass manche Situationen, für die wir uns eingesetzt haben, sich nur verschlechtert haben.
Ich muss gestehen, dass ich bei der Vorbereitung auf diese Predigt selbst bestürzt war, wie schlecht die Bilanz bei manchen Fragen ausfällt, für die ich mich oder andere sich ein halbes Leben lang eingesetzt haben: einiges möchte ich aber doch aufzählen:
Eltern, die ihre Kinder in der christlichen Religion beheimaten wollten, müssen miterleben, dass die Weitergabe des Glaubens nicht funktioniert hat, dass ihre Kinder ganz andere Werte und Normen entwickeln, als sie selber es gewünscht hätten und Glaube sich in der Gesellschaft verflüchtigt.
Trotz vieler Krisengipfel haben wir es nicht geschafft, Armut und Hunger in der Welt zu lindern und Lebensmittel gerecht zu verteilen. Im Gegenteil: es scheint immer mehr Verlierer zu geben.
Der Club of Rome hat neulich eine sehr resignierte Botschaft herausgegeben: aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir es nicht mehr schaffen, die Erderwärmung auf 2 Grad zu begrenzen, so dass die Gletscher schmelzen werden, viele Menschen ihre Heimat verlieren. Dass Methangas aus den sibirischen Permafrostböden in die Atmosphäre entweichen wird. Unsere Kinder und Kindeskinder werden ein schweres Erbe antreten und unter den Folgen unseres Lebensstils zu leiden haben.
Diese Notiz stand übrigens relativ klein auf der vierten Seite der Zeitung!
Als Frau, die in der katholischen Kirche arbeitet, bin ich angetreten in der Aufbruchsstimmung des 2. Vatikanischen Konzils und muss nun miterleben, wie viele Neuerungen wieder zurückgenommen wurden und Ziele, für die wir gekämpft haben und die greifbar nahe schienen, nun in weite Ferne gerückt sind.
Diese und andere Bilanzen können sehr vernichtend ausfallen, können uns den Atem nehmen, uns verbittert werden lassen. So, dass wir den Impuls verspüren, uns einfach in die Privatsphäre zurückziehen und nur noch das tun, was uns Spaß macht. Aber ich glaube, dann müssten wir vieles verdrängen, abspalten. Und ist es nicht auch eine Gnade, mit Wachheit und Realitätssinn durch die Welt zu gehen? Ist es nicht eine Gabe des Geistes, Menschen sein zu dürfen, die Leid und Ungerechtigkeit wahrnehmen, aushalten, an sich heran lassen können? Die trotzdem nicht verzweifeln, trotzdem Hoffnung haben und Visionen?
Der Prophet Joel ist so ein Mensch - wie viele seiner Mitpropheten: er schreibt in eine Zeit hinein, die voller Katastrophen ist und blendet sie nicht aus!  Aber er verkündet Heil und Hoffnung: er spricht vom Geist, der ausgegossen wird über alles Fleisch. So dass Söhne und Töchter Propheten sind, Alte Träume haben und Jünglinge Visionen.
 Ich finde es übrigens sehr spannend, dass die Alten Träume haben und die Jungen Visionen.
Die Alten haben ihr Leben schon gelebt, sie haben schon das beigetragen, was sie beitragen konnten, sie können jetzt nicht mehr viel bewegen. Aber wenn sie Menschen bleiben, die Träume haben von einer besseren Welt, von einer Welt, in der Gottes Geist waltet, dann können sie den Jüngeren eine ungeheure Ermutigung sein. Vorbilder, an denen man sich aufrichten kann.
Aber können Visionen ein Leben lang halten, kann man sie durchtragen - durch alle Enttäuschungen hindurch?
Ich glaube eher, dass nicht wir die Visionen durchtragen können, sondern diese es sind, die uns durchtragen. Und mit Visionen meine ich nicht: Strohfeuer, Aufbruchsstimmung, Begeisterung für eine Sache. Ich meine eher das Erleben: da gibt es etwas, das weit über mich hinausreicht, das mich im Innersten berührt hat. Es ist die Ahnung von einer Wirklichkeit, die über das hinausgeht, was ich vordergründig sehen und begreifen kann. Die Begegnung mit dieser anderen Wirklichkeit - nennen wir sie Geist Gottes - ist Beziehung, ist Liebe, ist unbedingt.
Jünger erleben es so am Pfingsttag, ein Erlebnis, das sie kaum in Worte fassen können. Von Brausen ist da die Rede, von Feuerzungen. Raus aus dem Haus, in dem sie sich bisher verschanzt haben, zurückgezogen, in sich verkrümmt. Hinaus in die Welt mit ihren vielen unterschiedlichen Menschen, mit der Fülle, der Vielfalt, die erschreckend sein kann, aber auch bereichernd und ansteckend.
Sie gehen in die Öffentlichkeit, mischen sich ein, sind präsent. Erzählen: ja, alles ist wahr. Alles, wofür Jesus gelebt und was er verkörpert hat. Gottes unfassbare Wirklichkeit ist schon jetzt und hier erlebbar. Dafür gehen sie auf die Straße, behalten es nicht für sich selber. Wie dankbar können wir sein, dass es immer wieder Menschen gibt, die das, was sie haben, auch anderen anbieten. Was wäre geschehen, wenn die Jünger die Erfahrungen dieses Tages für sich behalten hätten? Wenn sie sie archiviert hätten. Die christliche Gemeinde wäre bald vom Erdboden verschwunden.
  Vielleicht haben wir nichts so Gewaltiges erlebt, wie die Jünger damals. Aber ich bin sicher, dass wir alle in uns dieses Wissen tragen: da gibt es etwas, das mich ergriffen hat, dem ich mich verbunden und verpflichtet fühle, das für mich der innere Maßstab meines Denkens und Handelns geworden ist. Etwas, das mich unbedingt angeht, auf das ich immer wieder stoße, das ich nicht so einfach beiseite legen kann. Als Christen dürfen wir uns immer neu ergreifen lassen von diesem Geist Gottes, der uns in alle Wahrheit einführen will, der uns den Platz zeigen möchte, an dem wir unsere Gaben entfalten können Der uns ermutigt, auch dann für etwas einzutreten, wenn die Realität scheinbar dagegen spricht, der uns die Kraft gibt, angesichts der Verzweiflung Hoffnung auf Zukunft zu bewahren.
Im Evangeliumstext des heutigen Tages spricht Jesus von dem Beistand, den er sendet. Den heiligen Geist, der in uns Wohnung genommen hat. Er ist es, der uns in diese unmittelbare Gottverbundenheit mit hineinnimmt. In diesem Geist ist es uns möglich, die Wahrheit zu sehen, so wie sie ist: Die Welt in Augenschein zu nehmen, ihre Verwundungen zu sehen, da wo sie – wie der Apostel Paulus sagt - seufzt und in Geburtswehen liegt.
In dieser Verbundenheit lernen wir die Welt mit Gottes Augen zu sehen. Und Gott lehrt uns seinen liebenden Blick auf die Welt, lehrt uns auch zu leiden, wie er leidet, da aufzuschreien, wo Unrecht passiert, uns da einzumischen, wo wir etwas zu sagen haben. Und ich glaube, wir haben als Christen mehr zu sagen, als uns manchmal bewusst ist, (denn wir versuchen uns einzuüben in das Ganze des Lebens, bei dem auch das Scheitern und Sterben mit eingeschlossen ist.) Wir lernen einen „existenziellen" Blick, lernen nicht an der Oberfläche stehen zu bleiben, lernen uns nicht zu begnügen mit Halbwahrheiten, lernen genau hinzuschauen. Geist wird uns in die Wahrheit einführen. Liebender Blick auf alles. Gottes Blick! Geist wird uns sagen, was er hört, und verkünden, was kommen wird.
Wenn wir die Welt mit dem Blick Gottes sehen, dann müssen wir manchmal Partei ergreifen, für etwas eintreten, dort die Stimme erheben wo es notwendig ist.
Prophetisch leben: ein Stück voraus sein, Entwicklungen wach mitverfolgen, kritisch begleiten. So kann Kirche ihren Auftrag erfüllen, den sie für die Welt hat: Trauer und Angst, Sorge und Nöte der Menschen teilen, dran bleiben am Puls der Zeit, Gestaltung der Welt nicht nur den anderen überlassen, sich verbünden mit den Kräften, die es gut meinen - über Grenzen hinweg schauen,
Visionen bedeuten in diesem Sinne ein tiefes inneres Anliegen, berührt zu sein von etwas, was mich verpflichtet, was mich in Anspruch nimmt. Wofür es sich am Ende gelohnt haben wird, zu leben. Etwas, was meine tiefste innere Berufung ist.
Ist es nicht wunderbar und ermutigend, wenn wir auf Menschen treffen, bei denen man spürt, dass sie es ernst meinen? Menschen, die für uns verkörpern, dass sich Träume und Visionen lohnen, dass sie gestaltende Kraft haben.
Unsere Welt braucht sie: diese Menschen, die sich von der Dynamik Gottes ergreifen lassen, die bewegt sind vom Geist Jesu Christi. Besonders dann, wenn die Realität dagegen spricht und keine Hoffnung lässt.
Und wir alle wissen, dass es nicht ohne Rückschläge abgeht, ohne Enttäuschungen. Dass wir uns immer wieder anfangen und neu orientieren müssen. Dass Ernüchterung eintreten kann. Aber all das kann dazu dienen, wesentlicher zu werden, den eigenen Weg noch klarer zu sehen. Da braucht man einen langen Atem - aber schließlich haben wir unser ganzes Leben dazu Zeit!
Liebe Schwestern und Brüder, die Dynamik Gottes ist immer am Werk, sie möchte unser Leben ergreifen, durchwirken, erneuern. Wir müssen es nicht selber tun. Wir brauchen uns nur hinhalten, öffnen, sehnen:
Komm, Heiliger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft.  
- Amen -
 

Friedhelm Beck-Johanniskirche am Sonntag Rogate 13.Mai2012

Nachfolgender Text als PDF zum Ausdrucken
 
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater du unserem Herrn Jesus Christus
Predigttext: Brief des Paulus Kol 4,2-4
Liebe Gemeinde!
Und wie halten Sie´s denn mit dem Gebet? Heute schon gebetet?
Keine  Sorge, liebe Gemeinde, ich will Sie hier heute Morgen  nicht peinlich befragen – obwohl es schon interessant wäre, wie so die Gewohnheiten in unserer Gemeinde sind – in Bezug aufs beten.
Aber das mit dem Beten ist nun mal eine sehr besondere Sache. Aber mal ganz ehrlich: Braucht’s überhaupt das beten? Brauchen wir überhaupt das Gebet?
Ich stelle mir vor, Sie denken jetzt – naja, wenn er diese Frage hier auf der Kanzel stellt, dann wird er sicher sagen: Ja, es braucht das Gebet.
Aber jetzt mal ganz ehrlich, liebe Gemeinde: Was wäre ohne Gebet?
Was wäre in dieser Welt, in diesem Land, in unserer Stadt anders ohne Gebet?
Was wäre in Ihrem Leben anders – ohne das Gebet?
Wenn wir so um uns schauen, an einem ganz normalen Alltag: erst einmal würde wohl nichts fehlen – oder? Ich vermute mal, die Sonne würde auf gehen und wieder untergehen, Die Menschen würden ihrem normalen Tagesablauf nachgehen, zur Arbeit gehen, Essen und Trinken zu Bett gehen. Schlafen.
Erst einmal würde nichts anders sein an so einem Tag ohne das Gebet.
Die Menschen würden sich um ihr eigenes Leben sorgen und mühen. Die Menschen, also auch Sie und ich hätten morgens vielleicht ein paar Minuten mehr Zeit zum ausschlafen – keine Gebet! Wir hätten mittags ein paar Augenblicke mehr zum Essen – kein Tischgebet – wir hätten abends ein paar Wimpernschläge mehr Schlaf – kein Abendgebet. Eine wirkliche Zeitersparnis wäre es wohl nicht, die paar Minuten, die paar Augenblicke, die paar Wimpernschläge pro Tag.
Aber was wäre anders?
Die Welt wäre sich selbst überlassen, liebe Gemeinde. So eigenartig großspurig das jetzt auch klingen mag, aber ich meine es so. Wenn das Gebet aufhören würde an einem Tag, dann würde sich wohl nichts Großartiges auf dieser Welt verändern, nichts, was in den Nachrichten gebracht würde. 
Aber die Welt und die Menschen wären sich selbst überlassen.
Wie ich das meine?
Erst einmal ganz einfach so: Wenn wir beten, wenn sie und ich die Hände falten, dann geschieht etwas ganz Außerordentliches, ja etwas fast unvorstellbares, Unbeschreibliches:
In unseren ganz normalen Alltag kommt Gott herein.
In unser ganz normales Leben zwischen Geboren werden und Sterben, in unsern ganz normalen Tag zwischen Aufstehen und ins Bett gehen tritt plötzlich eine weitere Dimension in unser Leben. Wir reden mit dem, der diese Erde geschaffen hat; wir reden mit dem, der die Welt uns das Leben auf dieser Erde so komplex und doch so wunderbar geschaffen hat, dass unsere Wissenschaftler erst langsam nachvollziehen, was er gemacht hat.
Wenn wir beten, liebe Gemeinde, dann öffnet sich eine völlig neue Dimension für uns Leben. Wir sind nicht nur wir selbst und alleine und für uns. Nein, wir dürfen mit dem Reden, der alles in seiner Hand hält.
Wer in den Zeiten von Königen und Kaisern vor den Herrscher treten durfte, war ganz besonders privilegiert. Er wurde von seinen Mitmenschen geachtet und hofiert. Vielleicht würde er ja auch mein Anliegen vor den Herrscher bringen.
Der orthodoxe Gottesdienst spiegelt noch etwas wieder, von diesem besonderen Glanz, der von Gott auf die Menschen fällt, die sich an ihn wenden dürfen. Der Gottesdienst ist wie eine Thronaudienz gestaltet und es ist eine Ehre, dabei sein zu dürfen.
Sie werden vielleicht erstaunt sein, aber genau das ist es, wenn wir mit Gott reden – eine Ehre eine ganz besondere Vergünstigung.
Das steht in krassem Widerspruch zu dem, wie wir Gebet halten und durchführen – manchmal ein bisschen gezwungen, manchmal ein bisschen unlustig und als wäre es eine fast lästige Pflicht, die wir zu tun haben, wenn wir sie überhaupt tun.
Ich weiß, liebe Gemeinde und mir selbst geht es ja oft auch so, aber ich will mit Ihnen heute Morgen das Gebet einmal wieder anders und neu anschauen.
Ausgegangen sind wir ja von der Frage: Was wäre ohne das Gebet?
Als erstes haben wir festgestellt: es öffnet unser Leben in eine neue Dimension und macht es reicher. Wir dürfen mit Gott reden!
Und damit geschieht etwas mit unserer Welt! Sie ist durch uns vor Gott vertreten:
Sie und ich, liebe Gemeinde, wir sind Anwälte dieser ‚Welt und der Menschen dieser Welt vor Gott. Unsere Aufgabe und unsere große Lebenschance ist es, all das vor Gott zu bringen, was in dieser Welt an Last und Leiden, an Schmerzen und Tränen, an Ohnmacht und Versagen da ist. Und das ist jeden Tag neu unendlich viel! Und wir bringen es vor Gott und vertreten dadurch diese Welt vor Gott, wir legen sie Gott ans Herz und vertrauen darauf, dass all die, die wir Gott ans Herz legen, auch in seiner Hand geborgen sein werden.
Wir, liebe Gemeinde, sie und ich sind Stellvertreter dieser Welt vor Gott. Und wenn wir diese Aufgabe nicht wahrnehmen, dann ist die Welt wenigstens in diesem Bereich von Gott verlassen, weil es niemand gibt, der sie vor Gott vertritt.
Legen wir uns wirklich ins Zeug für unsere Welt und für die Menschen unserer Welt und unseres Lebens? Ich glaube wir klagen viel eher darüber, dass die Welt nicht nach Gott riecht und wir in dieser Welt nicht viel von Gott entdecken. Aus dem Blickwinkel des Gebetes sieht das ganz anders aus: Die Welt ist da gottlos, wo sie nicht von uns vor Gott vertreten wird.
Was wäre die Welt ohne Gebet?
Sie wäre gottverlassen.
Und ein Drittes will ich mit Ihnen nachdenken, liebe Gemeinde:
Das Gebet weitet unser Leben: wenn wir diese Welt und die Menschen dieser Welt vor Gott vertreten, dann werden diese Menschen uns wichtig!
Das müssen Sie mal ausprobieren – oder Sie haben das längst erlebt: Wo Sie für einen Menschen beten – vielleicht, weil er krank ist, oder im Augenblick in Schwierigkeiten steckt, da interessieren Sie sich für diesen Menschen. Sie wollen wissen, wie es im weiter geht – und ob vielleicht eine Besserung eingetreten ist. Das Gebet sensibilisiert uns für die Menschen, die wir vor Gott vertreten und aktiviert uns zur tätigen Hilfe und das kann ein Mensch im Nachbarhaus sein, oder weit weg, der in Japan unter den Folgen von Fukushima leidet, oder in Afrika unter Hunger und Krankheiten. Und so verbindet das Gebet uns Menschen auf dieser Erde als Gemeinschaft, wie Gott sie gedacht hat.
Ja, liebe Gemeinde, das Gebet verändert die Welt und die Menschen. Darum hat unser Predigttext schon recht, wenn er sagt: Haltet an am Gebet – auch wenn´s manchmal Mühe ist – aber es ist ein unschätzbar wichtiger Dienst an unserer Welt!
Amen    

Christuskirche 29.April 2012: Predigt Thomas S. Hofmann zum Sonntag Jubilate

Christuskirche 12.Februar'12: Meine Stärke und mein Ruhm...


Christuskirche 29.Januar2012 ChristiVerklärung


Christuskirche 8.Januar 2012


Pfarrer Thomas Reuss, Christuskirche 2.Weihnachtstag 2011

Glaubenszeugnis einst und jetzt
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Pfarrer Thomas Hofmann am 2.Advent 2011

Gott macht alles neu
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