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Johanniskirche 11.März: Fastenpredigt3 2012 Dipl.-Volkswirt Wolfgang Plattmeier, Kreisrat und ExBürgermeister

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Der Predigttext für die heutige Predigt steht bei Lukas 9, 57 – 62.:
„Es geschah aber, als sie auf dem Weg dahinzogen, sprach einer zu ihm: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst, Herr.
Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.
Er sprach aber zu einem anderen: Folge mir nach! Der aber sprach: Herr, erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben.
Jesus aber sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben, du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes.
Es sprach aber auch ein anderer: Ich will dir nachfolgen, Herr; zuvor aber erlaube mir, Abschied zu nehmen von denen, die in meinem Hause sind.
Jesus aber sprach zu ihm: Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“
Liebe Gemeinde.
Der Evangelist Lukas berichtet über die Bereitschaft dreier Menschen, die Jesus nachfolgen wollen. Wir erfahren von einer dem Grundsatz nach bedingungslosen Bereitschaft. „Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst, Herr“. Diese Bedingungslosigkeit wird aber relativiert durch den Wunsch sich von Angehörigen und Bekannten zu verabschieden, die Verstorbenen zu beerdigen.
Die Verabschiedung von der Familie und den Freunden verstehe ich  in unserem Bibelwort als Beispiel für die vielen Dinge, die uns oft im Moment wichtiger erscheinen als die Sache Gottes.
Die aber duldet keinen Aufschub, sonst ist es vielleicht für die wichtigen Dinge, die getan werden müssten, schon längst  zu spät.
Die Antworten von Jesus auf die Wünsche seiner Begleiter       wirken schroff und zurückweisend und sind für uns nicht nachvollziehbar, sind sie doch an Menschen gerichtet, die an das Reich Gottes von Herzen glauben. Seine auch aus unserer Sicht radikale Forderung ist, eingefahrene Geleise, die gesellschaftliche Verpflichtungen und Zwänge vorgeben, zu verlassen.
Mit seiner Antwort auf die Erklärung der Bereitschaft zur Nachfolge hilft er uns jedoch ein wenig aus unserer Erklärungsnot:
Jedes Lebewesen, jedes Tier hat sein Zuhause. Für den Menschen ist es die Wohnung, die Geborgenheit vermittelt, Wärme und Sicherheit. Aber eine Wohnung schenkt nicht nur Geborgenheit und Wärme, sondern sie kann auch dazu verleiten, sich abzukapseln. Ich ziehe mich in meine vier Wände zurück, mache die Tür hinter mir zu und will von dem, was draußen ist, nichts mehr hören und sehen. Ich genüge mir selbst, bin mit mir selbst zufrieden.
Damit baue ich im Grunde genommen Mauern auf zwischen mir und anderen Menschen, bin auf einem Weg, der in die Einsamkeit führt.
Dagegen stellt Jesus seine Lebenssituation: Er hat keine solche Bleibe, kein solches Zuhause in dieser Welt. Aber damit hat er auch keine Mauern zwischen sich und anderen. Er kann und will sich nicht abkapseln, kann und will sich nicht verschließen vor dem, was um ihn herum geschieht. 
Das Bild der Heimatlosigkeit Jesu und der Heimatlosigkeit in der Nachfolge könnte dann für uns bedeuten: Dass es manchmal nötig und hilfreich ist, die gewohnten Lebensbahnen zu verlassen, aus seinen vier Wänden aufzubrechen  und sich auf Neues einzulassen. Es könnte bedeuten, sich frei zu machen von Bindungen und Sicherheiten, die wir zu brauchen meinen, die uns aber vielleicht davon abhalten, das wirklich Wichtige zu tun.
Das Rahmenthema der Fastenpredigten dieses Jahres fordert uns auf, das Wichtige jetzt zu tun: „Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Zwischen Verantwortung und Burnout. Das rechte Maß“.
Was gibt es nun Wichtiges in unserer Gesellschaft? Wichtiges, das uns alle bewegen könnte, die Mauern um uns herum niederzureißen, uns heute um  unsere Zukunft aktiv zu kümmern. Wichtig aus der Sicht eines langjährigen Kommunalpolitikers ist, so meine ich, dass auch künftige Generationen in lebenswerten Orten im Landkreis leben, arbeiten, wohnen und ihren Lebensabend verbringen können. Was gibt es Wichtiges zu ändern, um Verantwortung tragen zu können ohne die Gefahr  depressiv zu werden, ohne Gefahr zu laufen von der Krankheit Burnout überrollt zu werden? Wie können wir unser richtiges Maß finden?
Weil ich mich als Bürgermeister und Stadtrat der Stadt Hersbruck und als Kreisrat mehr als drei Jahrzehnte mit kommunalpolitischen Aufgaben beschäftige, danke ich Pfarrer Beck für die Gelegenheit, heute hier zu sein und einen Beitrag zu diesen Fragen, zu diesen Herausforderungen leisten zu dürfen, ganz herzlich.
Liebe Gemeindemitglieder, als Gründungsmitglied des deutschen Netzwerkes der lebenswerten Orte in Deutschland sehe ich in dem gedanklichen Hintergrund dieses Netzwerkes Ansatzpunkte für den Umgang mit den aufgeworfenen Fragen. Die weltweit geltende Charta der in Italien vor etwas mehr als zwanzig Jahren gegründeten „cittaslow“ Bewegung, in der sich heute bereits 160 Städte, Märkte und Gemeinden aus 18 Nationen um mehr Lebensqualität für ihre Mitmenschen bemühen, gibt wichtige Ziele vor.
Lassen Sie mich nur auf zwei davon näher eingehen.
Die Ziele des nachhaltigen Handelns und der  Entschleunigung der Gesellschaft.
Eine große Mehrheit in unserer Bevölkerung sagt ja zu einer Energiewende, weg von der Atomkraft und den fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren Energien. Die Motive mögen unterschiedlich sein. Seien es Einsicht, Angst oder nur Regierungsgefolgschaft, die Neuorientierung führt zu mehr Sonnen-, Wind-, Bio- und Wasserkraft für die Energieversorgung auch bei uns. Da ist es an uns, Bereitschaft zu zeigen, von der bisherigen Haltung - der Strom kommt ja aus der Steckdose - abzulassen. Diese Unterstützung einer nachhaltigen Energieversorgung kombiniert mit der Stärkung örtlicher Stromversorger wird auch die Versorgungssicherheit und die Preisstabilität und damit ein kleines Segment unserer Lebensqualität erhalten.
Nachhaltigkeit wird auch geprägt durch regionales Wirtschaften. Auch hier sind Sie, sind wir alle gefordert mitzumachen. Auch hierbei können wir helfen, die Lebensqualität in unseren Gemeinden zu sichern, zu verbessern und zu bewahren. Sie entscheiden, wo Sie Ihren Einkauf tätigen. Bleiben Sie vor Ort. Jeder Einkauf im eigenen Ort, im eigenen Landkreis trägt dazu bei, die Infrastruktur von Handel und Gewerbe zu erhalten, das heißt, dass Sie auch morgen in Ihrer Stadt gut versorgt sind. Das bedeutet aber auch, dass Arbeitsplätze in Ihrer Stadt erhalten werden. Und das bedeutet auch, dass Ihre Stadträte mit den von diesen Gewerbetreibenden eingenommenen Steuereinnahmen an der städtischen Infrastruktur Verbesserungen vornehmen werden. Unterstützung von Vereinen, von Kultur, aber besonders Maßnahmen bildungspolitischer Art wie Kindertagesstätten und Schulen finanzieren Sie mit Ihrem Einkaufsverhalten mit. Das sollte doch ein Argument sein gegen Bestellungen im Internet von Büchern, wenn Sie dadurch auf längere Sicht Ihren Buchhändler vor Ort verlieren. Ein Argument gegen die Nutzung von Onlineapotheken, wenn in der Not keine örtliche Apotheke mehr weiterhilft, weil Sie längst wegen der Onlinekonkurrenz hat schließen müssen. Gleiches gilt für Ihren Gemüsehändler und viele andere Dienstleister und Händler in den Städten, Märkten und Gemeinden.Niemand wird bestreiten, dass dieses gewerbliche Angebot zu einer lebenswerten Stadt gehört.Lohnt es hierfür nicht, das in unserer Gesellschaft Übliche zur Seite zu legen und sich von der täglichen Bequemlichkeit zu verabschieden und neue Wege zu gehen? Sehen wir nicht, dass es manchmal nötig und hilfreich ist, die gewohnten Lebensbahnen zu verlassen, aus seinen vier Wänden aufzubrechen und sich auf Neues einzulassen. Es könnte bedeuten, sich frei zu machen von Bindungen und Sicherheiten, die wir zu brauchen meinen, die uns aber vielleicht davon abhalten, das wirklich Wichtige zu tun.Wir müssen unseren Blick zwar auch, aber nicht ausschließlich, in die Ferne richten. Auch im Landkreis Nürnberger Land, auch in den 27 Städten, Märkten und Gemeinden ist Handeln von jedem einzelnen gefordert. Die große Herausforderung der nächsten Jahrzehnte stellt die demografische Entwicklung auch in unserem Landkreis dar. Wir wissen, dass sich die Altersstruktur bei geringer werdender Landkreisbevölkerung verändern wird. Es ist schon heute prognostizierbar, wann ein Viertel unserer Bewohner über 65 Jahre alt sein wird. Es ist daher wichtig sich bereits heute um den Aufbau von Lebensbedingungen zu kümmern, die für alte und junge Menschen gleichermaßen Lebensqualität gewährleisten. Dazu gehört auch, dass wir, unsere Gesellschaft, Zeit füreinander haben. Dazu gehört, dass wir mit unserer Zeit verantwortungsvoll umgehen. Dazu gehört, dass wir uns ausreichend Zeit einbehalten.  Wir brauchen mehr denn je Zeit zum Nachdenken. Wir brauchen mehr denn je Zeit zum Ruhen. Wir brauchen mehr denn je Zeit für uns selbst. Wir brauchen mehr denn je Zeit für unsere Mitmenschen. Wir haben aber über Jahrzehnte hinweg Zeit verloren, obwohl uns durch allerlei Erfindungen seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vermeintlich Zeit geschenkt wurde. Zeit, die wir dazu nutzen, natürliche Zeitabläufe zu verlassen und die gewonnene Zeit zur Beschleunigung unserer Tagesabläufe, zur Beschleunigung von uns selbst zu verwenden. Einer  Beschleunigung, die keinen Raum mehr lässt, das eigene Tagwerk zu beurteilen, und damit keinen Raum für Anerkennung, Lob und damit Selbstbewusstsein gibt. Viele unserer Mitmenschen leiden hierunter, werden hiervon krank. Krank durch Zeitdruck, ausgelöst durch Beschleunigung.Noch schlimmer als ein Übermaß an Zeitdruck, und das sollte uns stets gegenwärtig sein, ist die völlige Abwesenheit von Zeitdruck. Arbeitslosigkeit wird als Übel empfunden, und die unglücklichsten Menschen sind oft diejenigen, die überhaupt keinem Zeitdruck ausgesetzt sind. So gleicht die Suche nach dem richtigen Tempo der Quadratur des Kreises.Die Ernsthaftigkeit solcher Krankheitsbilder, mögen sie nun unter burn-out, bore–out, Depression oder allgemein als Erschöpfung psychischer und physischer Art einzuordnen sein, wird bei unseren Mitmenschen unterschiedlich gewertet. Das könnte daran liegen, dass die Schwelle des individuellen Zusammenbruches unterschiedlich hoch ist. Festzuhalten bleibt aber, dass die Beschleunigung unser Gesellschaft Gefahren für die Gesellschaft insgesamt und Gefahren für das Wohlfühlen jedes einzelnen mit sich gebracht hat.Lasst uns also auf die Suche nach der verlorenen Zeit aufbrechen. Lasst uns die durch Innovationen gewonnene Zeit nicht verloren sein, sondern sie sinnvoll für unsere Gegenwart und die jeweilige Gegenwart künftiger Generationen verwenden. Bemühen wir uns ernsthaft um Entschleunigung.Liebe Gemeindemitglieder,wir müssen bei diesem Bemühen nichts Neues erfinden. Vor wenigen Wochen, genauer am Faschingswochenende, war ein Bekannter bei einem Bäcker in der Region, um dort die bekannt schmackhaften Faschingskrapfen zu kaufen. Dort erfuhr er, dass dieser Bäcker – natürlich weit entfernt von Skandal umwobenen Backketten – Faschingskrapfen nur in den Tagen um das Faschingswochenende bäckt. Dieses Gebäck hat eben seine Zeit. Genauso seine Zeit wie Produkte unserer Region. Ist es unabdingbar, zu Weihnachten frische Erdbeeren auf dem Tisch zu haben? Ist es lebenswichtig Spargel im Januar zu essen?
Liebe Gemeindemitglieder,
waren Sie auch schon im Gespräch mit Menschen, die nicht Sie, Ihren Gesprächspartner, sondern mit unstetem Blick immer wieder an Ihnen vorbei einen vermeintlich bedeutenderen Zeitgenossen gesucht haben? Kennen Sie die Unsitte, ein Gespräch durch Telefonanrufe zu unterbrechen? Was halten Sie davon, von Menschen umgeben zu sein, die ihre Wichtigkeit dadurch unter Beweis stellen, indem sie permanent die neuesten, auch noch so unwichtigen Mitteilungen von ihrem smartphone abrufen oder laufend per sms irgendwelche bedeutende news in die Welt senden? Liest man die empfangenen wie auch die gesendeten Texte, ist man zuweilen erschüttert, welchen Lappalien der zwischenmenschlich zu erwartende Anstand, die Achtung untereinander sowie der Respekt vor einem guten Miteinander geopfert werden.
Es gibt eine Vielzahl unserer Lebensfelder, auf denen wir uns entschleunigen sollten. Hierüber sind wir aufgerufen, mit all unserer Kreativität nachzudenken. Sie, sehr verehrte Kirchengemeinde, haben sich gegenwärtig in einen Zustand der Zwangsentschleunigung begeben. Sie würden in Erklärungsnot kommen, wenn Sie ihr Mobiltelefon in der Kirche benutzten. Sie würden vorwurfsvolle Blicke riskieren, wenn Sie ihrem Nachbarn über Ihren letzten Urlaub berichteten. Diese Zwangsentschleunigung gibt es nicht nur in der Kirche, sondern auch in anderen Lebenssituationen. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, dass Entschleunigung durchaus möglich ist.
Wer ein Ziel verfolgt, der muss es im Blick behalten. Wer Neues beginnen will, der darf nicht hängen bleiben am Alten. Der muss loslassen können. Der darf sich nicht gefangen nehmen lassen von dem, was einmal war.
Wer den Pflug führt und zurückschaut, wird schwerlich eine gerade Ackerfurche ziehen können, wird dem Alten verhaftet bleiben und die Zukunft nicht gewinnen.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.
Amen

Johanniskirche 4.März: Fastenpredigt2 2012 Dr.med Bernd Deininger

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ThemaDas rechte Maß“
Matthäus 13, 24-30
 
Für den Evangelisten Matthäus ist es die Erfüllung eines alten Prophetenwortes, für Jesus aber der Ausdruck, wie er mit seiner Art und Weise von Gott spricht. Es heißt über ihn: „Ohne Gleichnisse aber redete er nicht zu ihnen“. In gleichnishafter Weise zu reden bedeutet im Umgang mit Gott, einen radikalen Verzicht gegenüber der Art, wie sonst über Religion gesprochen und nachgedacht wird. Normalerweise wird über Gott in theologischen Reflexionen und Interpretationen gesprochen, die durchaus logisch und klar durchdacht sein können, die aber am Ende kaum Wahrheiten verkünden, sondern sich bestenfalls in Lehren und Auskünften ergießen.
Diese Lehren muss man dann anhören, man muss sie mitdenken, teilweise sie auswendig lernen und nachsprechen, damit man im Sinne einer bestimmten Religionsgemeinschaft ein frommer Mensch wird.
Wenn wir uns das Neue Testament aber genauer ansehen, so hat Jesus diesen Typ von der Rede über Gott völlig abgelehnt, weil es für ihn erst einmal keine rationalen und sachlogischen Erklärungen gibt, um Gott zu verstehen.
Wenn Jesus in Gleichnissen spricht, so ist es der Versuch, den seelischen Strömungen des Menschen nachzugehen und die Fragen des Gegenübers so zu berühren, dass sie sich in dessen eigenem Leben verdichten.
Die Frage, mit welcher die Menschen zu Jesus kamen, nämlich wie das Gleichnis vom Unkraut im Weizen zu trennen sei, mag man in etwa erahnen. Diese Frage muss schon so alt sein wie unser Nachdenken über uns selber und unser eigenes Schicksal.
Wie steht es denn mit dem offensichtlich so Leidvollen inmitten der Welt, wie steht es mit dem Gottwidrigen, dem Bösen, dem Falschen und Unwahren? Von all diesen Dingen gibt es sehr viel. Zu Zeiten als Jesus lebte werden die eigenen Jünger immer wieder ihren Meister bestürmt haben, sich gegen das Böse aufzulehnen, am Stärksten war es wohl in Zusammenhang mit der römischen Herrschaft zu sehen. Viele hatten deshalb Hoffnungen, mit Jesus das Böse hinaus zu stoßen und dadurch frei zu werden.
So wollten sie, dass er mit eiserner Hand und mit dem Schwert die Tyrannei beendet. Immer wieder waren sie aber verunsichert über die Zweideutigkeit seiner Worte. Sie riefen ihn auf sich entscheiden zu müssen zwischen Gut und Böse. Warum sagt er nicht, warum bestimmt er nicht, was zu uns, den guten Juden, gehört. Warum sagt er nicht wo das wahre Israel liegt und wo die Grenzen sind zum Heidnischen, zum Unguten, zum Bösen?
Stellen wir uns doch einfach eine solche Situation vor, in der Jesus das Gleichnis von einem Mann erzählte, der Korn aussät und nicht damit gerechnet hat, dass sein Gegner kommt, mitten in die Saat Unkraut zu streuen.
Ich denke es wäre kurz geschlossen, wenn wir das Gleichnis, wie Matthäus es entwickelt, so verstehen würden: „Der Sämann ist der Menschensohn selber, sein Gegner aber der Satan, das Korn sind die Guten, das Unkraut die Bösen und die Erntearbeiter die Engel und man wird sammeln zum Verbrennen für die Hölle und auf den Kornplatz für den Himmel.“
Nehmen wir doch einmal an, dass alles, was wir sehen, so einfach zu teilen wäre, und dass man wüsste, was von Gott kommt und was nicht; nehmen wir an, die ganze menschliche Geschichte läge klar vor unseren Augen, und wir hätten Teil am göttlichen Wissen, es ließe sich so einfach sondern, was Nahrung bringt und was Schatten wirft. Was folgt daraus? Es ist möglich, mit der Ungeduld des Herzens in die Saat zu fahren und auszureißen und zu trennen. Da kann man aber nur sagen:
Hört damit auf, denn so werden wir alles zerstören. Er, Jesus, wird seinen Jüngern sagen, die menschliche Geschichte ist nicht so, dass wir einfach irgendetwas trennen können, sondern mit dem Trennen werden wir am Ende nicht Leben bewirken, sondern Zerstörung und Tod.
Jesus wird seinen Jüngern sagen, ihr müsst euch entscheiden, zwischen der Geduld und der Ungeduld, zwischen dem langen Atem des Wartens, eines engagierten Begleitens und eines vertrauensvollen Hoffens und dem Drang, selber zu tun, was man Gott überlassen muss.
Die Macht der Trennung, die klare Entscheidung des Richtens, darf und kann nicht bei Menschen stehen, sonst verwüstet sich alles. Wenden wir es auf unser eigenes Leben an, wie Vieles erscheint uns da, nur weil es aufbricht und unbekannt ist, als gefährlich, als Verrat an dem, was wir gelernt haben. Und wissen wir denn immer schon, was richtig ist und falsch, gut und böse, heilig und verdorben? Ist die Regel so eindeutig zu erstellen, was da Unkraut ist und was Korn? Wissen wir denn, was das rechte Maß ist?
Es gibt Menschen, die ständig an sich herumsortieren, kritisieren, immer möchten sie, dass Nichts sie selber verstört, verwüstet, versucht; aber je klarer Menschen trennen, desto dürrer und künstlicher, desto verfestigter formt sich ihr Leben, es wird eher starrer, unlebendiger, es geht kein freier Atem mehr über ein solches Feld.
Eine Frau, etwa 50 Jahre alt, erzählte mir einmal, dass sie bei einem Wohnungsumzug ohnmächtig geworden sei, und während sie nach dieser kurzen Ohnmacht über die Gründe nachdachte, überkam sie ein jähes Entsetzen, ein Grauen vor sich selber. Sie erinnerte sich nämlich, dass sie einen der Arbeiter, der nur sehr wenig bekleidet war - der Umzug fand im Sommer statt - sie so in eine erotische Erregung versetzte, dass sie für einen kurzen Moment den Wunsch hatte ihn zu verführen. Sie hat über dieses Ereignis sehr schamhaft gesprochen und als sie sich die eigenen Triebregungen eingestand, sich für eine unmögliche Frau gehalten. Es brachen in diesem Moment wohl so viele Schuldgefühle, so viele Ängste in ihr auf, dass sich ihr Bewusstsein für einige Sekunden weigerte bei ihr zu bleiben.
Was aber muss diese Frau lernen?
Etwa, dass sie nach Maßgabe dessen, was man ihr beigebracht hat, noch konsequenter mit Unkrautbekämpfungsmitteln in den Garten ihrer Seele einrücken muss, dass sie noch viel strenger gegen sich wüten muss? Oder, wäre es nicht besser, wenn sie lernen würde, dass sie unendlich viel mehr Geduld haben müsste mit sich selber? Wie wäre es denn, wenn dies einmal zum Gesetz erhoben würde, dass das Schöne schön anzusehen ist, dass das Verführerische erlebt werden darf in der Kraft seiner Verführung, dass die eigenen Triebimpulse nicht zu verleumden und zu verleugnen sind, sondern dass man all diesen Dingen den nötigen Spielraum zum Leben einräumen sollte. Wie wäre es denn, wenn viel mehr an Weitherzigkeit gelebt werden würde, und wenn die innere Leere, die innere Wüste, nur das Ergebnis vieler und unsagbarer Verdrängungen sein könnte.
Erst wenn der Triebimpuls, das Sexuelle und Aggressive zurückgedrängt wird, erst dann besteht die Gefahr, dass er ausufert und sich aufstaut und Schaden stiftet.
Je mehr wir zu unterdrücken versuchen, desto mehr werden sich in uns Widerstände regen, und desto ohnmächtiger werden wir uns selber gegenüber sein.
Das, was wir heutzutage Psychotherapie nennen, besteht in gar nichts Anderem, als das wachsen zu lassen, was in der Seele lebt und sich regt, und zwar mit einem unbedingten Vertrauen, dass das Gute siegen wird. Nur: Woher wir dieses Vertrauen bekommen, ist die eigentliche Frage. Jesus gibt uns in diesem Gleichnis die Antwort: Wir sollten Gott im Ganzen zuversichtlich zutrauen und zumuten, dass er die Welt und uns selber darin nicht verkehrt geschaffen hat. Alles, was in unserem Herzen lebt, verdient gelebt zu werden. Keine Wunschregung, keine Phantasie, keine Neigung, die nicht an sich berechtigt wäre und die ganze Lebenskunst ruht darauf, nicht auszurotten, nicht zu bekämpfen, sondern wachsen zu lassen. Und das auch, und ganz besonders, im Umgang miteinander.
Immer, wenn sich ein Mensch vor einen anderen hinstellt und sagt: „Dies darfst du tun, dies aber nicht“; „so ist es richtig, so ist es aber falsch“; schickt er sich an den Garten Gottes, willens ihn zu reinigen, nur gründlich zu verwüsten und zu verderben.
Wie man die Geduld gewinnt, wachsen zu lassen, wie man das rechte Maß findet, ist die Sehnsucht, der wir nachjagen. Es gibt kaum ein anderes Gleichnis im Neuen Testament, das so viel Vertrauen in das menschliche Herz setzt, wie dieses, das so therapeutisch mit unserer Angst, mit unserer Unruhe, mit unserem Willen zur Perfektion, mit unseren moralischen Anstrengungen umgeht, wie dieses.
Wie Recht hat doch Jesus, wenn er uns auffordert, in uns selber und rings um uns her unbedingt nur wachsen zu lassen und nicht den Schrecken über das scheinbare Unkraut Macht zu geben.
Der Acker Gottes und unsere menschliche Seele sind so unendlich weit, beides verträgt keine Einschränkungen, beides verträgt keine Zäune. Die meisten großen Gleichnisse Jesu beginnen bei den gewöhnlichen Vorstellungen der Menschen, zu denen er spricht, und hört man genau hin, besteht die ganze Lehre darin, eben diese Vorstellungen zu vergessen. Am Ende gibt es womöglich überhaupt nicht Gut und Böse, Unkraut und Zierstrauch. Am Ende gibt es nur ein einziges großes gottgewolltes Leben, das darauf wartet, die Brücke zu finden zur Unendlichkeit.
Wissen Sie: Dass es uns gibt, Menschen, die unterwegs sind, Suchende, Nicht-wissende, Sich-mühende, Nicht-vollkommene, Fühlende, hier auf dieser Erde zwischen Irrtum und Wahrheit ständig Umhertastende, das ist möglich, weil Gott es sich verbietet, eine reine Ordnung, eine klare Welt, die nach eisernem Gesetz immer weiter sich selbst reproduziert, auf dieser Welt zu erschaffen. Gott möchte offenbar diesen lebendigen Austausch von allem. Kein Unheil wütet in der menschlichen Geschichte so dämonisch, so furchtbar, so grauenhaft, wie der fanatische Wille der Guten, die menschliche Geschichte und nach Möglichkeit die ganze Natur rein zu fegen von allem Negativen, von jedem Schatten, von jedem Unheil.
Diesem Willen zum Guten verdanken wir die heiligen Kriege, die Ausrottungen, die Zerstörungen, die furchtbare Blutmühle der Ideologie, gerade in unserer Zeit. Im Namen der Reinheit werden die Inquisitionen geführt, die Säuberungsaktionen geleitet, die schlimmsten Unbarmherzigkeiten begonnen, mit reinem Gewissen.
Und nicht nur im Großen verhält sich dies so, schlimmer und schrecklicher im Herzen eines jeden. Ist es nicht dies, was wir von klein auf hören: Wir müssen das Böse unterdrücken, uns selber beherrschen, keinen Tag verstreichen lassen, an dem wir nicht mit der guten Meinung beginnen und alles niederhalten, was störend sein könnte, was aussieht wie Unkraut? Gott will, dass wir nichts auseinander reißen, sondern gerade aus der Spannung, aus den Gegensätzen, aus den Widersprüchen, soll das Leben hervorgehen und das rechte Maß gefunden werden.
Gott spricht zu uns durch den Mund Jesu oft am Reinsten und Klarsten mit den Worten eines Gleichnisses. Unser Gleichnis bietet keine Weltanschauung, aber in Anbetracht so vieler notvoller Fragen doch einen Hinweis, eine Aussicht. Es nimmt die Frage nach dem Bösen so ernst, dass wir am Ende hilflos davor stehen, wenn wir Fragen: „Was müssen wir tun?“
Wenn wir dies fragen, gibt es moralisch nur eine Auskunft: Und diese hat meist etwas Zerstörerisches, denn sie heißt Eingreifen - Dagegen-handeln - Ausmerzen.
Aber es gibt eine andere weisere Antwort.
Wenn es denn stimmt, dass es kein Gutes ohne ein Böses auf dieser Welt gibt, dass neben dem Kornhalm gleich wächst, was wir für Unkraut halten, dann müssen wir es wachsen lassen und Gott anheim stellen, was daraus wird. Kein wirkliches menschliches Problem löst sich mit Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Richtig oder Falsch, aber alles mag sich ordnen und am Ende wirklich gut werden und reich, wenn wir das Vertrauen einbringen:
Es darf wachsen bei Gott. Wenn er mit uns geht, warum nicht auch wir Menschen, der Eine mit dem Anderen.
Wie, wenn wir leben ließen und wachsen ließen, und gäben den ganzen Acker, das ganze menschliche Leben, Gott in seine bergenden Hände? Mehr brauchten wir nicht zu tun.
Amen.

Johanniskirche 26.Februar: Fastenpredigt1 2012 Prof.Dr. Harald Seubert

Predigttext: Mt. 4,1-11


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Liebe Gemeinde,


Die Verführungsworte, dieses „immer höher, immer schneller immer weiter“, das dem Satan in den Mund gelegt wird, dürfte einer der Gründe dafür sein, dass immer mehr Menschen verbrennen, innerlich und äußerlich. „Noch einer ohne Burnout?“, titelte vor einiger Zeit die ZEIT und manche Ärzte sprechen von einer Diagnose ohne Trennschärfe. Dies ist aber umgekehrt ein Indiz dafür, wie verbreitet Burnout-Symptome faktisch tatsächlich geworden sind. Auf einen SPIEGEL-Artikel folgte eine ganze Flut von Zuschriften, in denen es unter anderem hieß: „Burnout ist eine Zustandsbeschreibung und keine Diagnose. Oft ist nicht der Patient krank, sondern die Situation, in der er lebt. Bei der manifesten Depression ist es eher umgekehrt“. Und ein Chefarzt bemerkte: „Es ist zu wünschen, dass uns das noch unscharfe Konzept Burnout erhalten bleibt. Denn es ermöglicht es Menschen, im Frühstadium einer Gefährdung über ihre hohe Belastung zu sprechen und kein individuelles Versagen eingestehen zu müssen. Mit der Diagnose Depression geht das nicht“. Unter dem Wort „Burnout“ kann man ohne Angst vor dauerhafter Diskriminierung, oder jedenfalls mit geringeren Hemmschwellen, Hilfe annehmen.
Ermüdung, Überforderung, Kraftlosigkeit verbinden sich zu jenem Symptom, und sie erfassen immer mehr Menschen unter uns, weil von uns verlangt wird oder wir es selbst verlangen: gute Menschen zu sein, flexible man, in der ganzen Welt unterwegs, perfekte Superfamilien, Supermänner, -väter,-mütter,- Superlehrer, Supernannies. Die gecastete Republik will das so. Immer wieder neu soll man sich so entwerfen. Und das können wir eben nicht. Wir sollen uns neu erfinden, in immer rascheren Zeitsequenzen, Facebook, Twitter haben unsere Zeitwahrnehmung revolutioniert. Die Fassade muss stimmen. Dann wird sie oftmals gnadenlos durchleuchtet. Nicht nur für die Prominenten gilt: Vielfach werden wir gelebt, bestimmt in unserem Tun und Lassen von anderen, fremden Vorstellungen und Bildern. Und dies nicht nur zur Faschingszeit.
 

I. GOTTES WORT IN DER WÜSTE


Die Wüste ist seit alters und bis heute ein Ort der Selbstbesinnung. Da ist Leere. Ich habe die ungeheuren erhabenen Weiten und Leerflächen vor Augen, wie sie der Maler und Graphiker Otl Aicher fotografiert hat. So leer sollen auch das Herz und die Seele werden; eine Ruhe, die man nicht ohne Grund fürchtet. Auch Fastenphasen sind Phasen, in denen man Leere erfährt und aushalten muss und dadurch kann etwas zur Kenntlichkeit kommen, was wir sonst nicht beachten. In solchen Situationen erfahren wir uns in einer Weise, in der wir uns nicht kennen. Es melden sich aber auch Stimmen, die unheimlich sind und bedrohlich.
Ich verstehe das dramatische Gespräch Jesu mit dem Satan als eine solche unheimliche Begegnung, wie man sie – wenn man in eine weitgehende Stille hineingeht – haben kann. Ob er nun leibhaft ins Zimmer wie bei Luther tritt, oder ob er in unseren Gedanken schwelt und eine zweite Stimme im Kopf bildet, das ist nicht das entscheidende.
Geld, Gier, Geiz bestimme die heutige Welt, so hat der ehemalige Deutsche Bank-Chef Hilmar Kopper, der es wissen muss, im letzten Jahr dem SPIEGEL zu Protokoll gegeben. Geld Gier Geiz, diese unheilige Trinität, beschreibt auch die Optionen, die der Teufel Jesus anbietet. Verlockungen: alles oder nichts. „Nach mir die Sintflut”, “in the long run we all are dead”, sind Sprichworte, die dieses Lebensgefühl auf den Punkt bringen. Ist das denn nicht der Geist, besser Ungeist: aus dem die Gottesspieler der Finanzmarktkrise gewirkt haben und noch weiter wirken?:harmlose junge Menschen, die nichts anderes kennen als Profit. Und wir müssen wissen, dass diese Haltung auch eine permanente Krise verursacht. In einem Burnout der Ressourcen, des ganzen Lebens und der Kultur!
 
Ich finde den Text von Jesu Versuchungen gerade deshalb so faszinierend, weil der Teufel mit Worten der Heiligen Schrift spricht. Er ist selbst Theologe: große Schriftsteller wie Goethe (Faust-Tragödie) oder Thomas Mann (der Roman ‚Doktor Faustus’) haben uns daran erinnert. Auch er benutzt die Schrift, aber nicht heilsam, sondern verdrehend, provozierend, anklagend. Verdrehen ist sein Metier: diabolos, wie er im Griechischen heißt, ist ‚der Verdreher’. Die menschlichen Bedürfnisse (Hunger), den Wagemut ( sich von der Zinne des Tempels zu stürzen); der Herrschaftswillen (Pantokrator: Herrscher über alles könnte er doch werden!), alles das, was ein Mensch an sich hat, fordert der Teufel heraus. Er wird damit zum ‚Widersacher’. Doch: Jesus weist ihn zurück. Und er tut es mit demselben Wort Gottes. Er hat nichts anderes. Und er traut diesem Wort die Kraft zu, den Geist zu, einen heilenden Rauum zu schaffen, ein Asyl inmitten der heranbrandenden Bedürfnisse und Begierden. So antwortet er auf die Versuchungen: 1. Nicht nur das Brot macht uns satt-, auch jedes Wort, das aus dem Mund Gottes geht; 2. Auf den zweiten Angriff, den Wagemut sagt er: Du sollst Gott deinen Herrn nicht versuchen; 3. und auf die Weltherrschaftsphantasien antwortet er: Du sollst ihn allein anbeten, ihm allein dienen. keiner Macht der Hölle oder des Himmels.
Der weite Raum entsteht dadurch, dass eine Grenze gezogen wird. Das bedeutet Askese, von der jetzt in der Passionszeit vermehrt die Rede ist. Ein Schnitt wird gezogen. Nein! So nicht. Doch die Grenze ist nicht nur negativ. Askese ist nicht nur Verzicht, sondern vielmehr, wie Dietrich Bonhoeffer gesagt hat: Lebensgestaltung. Innerhalb der Umrisse ist ein schönes, helles, leuchtende Bild des Lebens, wie es sein kann und soll. Askese kann und muss ein schöneres, ein tieferes Leben zeigen: ein Leben im Maß- und Schutzraum Gottes. Sonst ist Verzicht nur bitter, ein Miserere. Sonst fehlt unserem Glauben die Fröhlichkeit, Sterbeglocken läuten, wie Heinrich Heine einmal sagt.
Das NEIN und das andere, positive Leben, zu dem Gott führt, bewirken es, dass der unheimliche Gast, Satan, Diabolos zurückweicht. Es gilt nur noch der Maßstab, den Jesus Christus gibt. Und dieses Maß wird und darf ja ganz bestimmt nicht Mittelmaß sein.


II. SATANS WORTE IN UNSERER ZEIT
Ich lese den Text nicht nur als Sonntagstext, sondern ich habe ihn in den letzten Wochen mitgenommen, in mein Leben, als Hochschullehrer, in meine Vorträge in Deutschland und anderen Ländern. Ich sehe, dass wir immer wieder die Wundertäter und leibhafte Messiasgestalten wünschen.
Zudem: Der Schein und der Fetisch des Wachstums bestimmen uns. Man kann schnell erkennen, dass die beiden ersten Versuchungen hier weiterwirken. Die Tendenz nach unbegrenzter Bedürfnisbefriedigung und die andere nach leichtsinnigen Experimenten, nach russisch Roulette, das wir oft mit unserer Zukunft und der Zukunft unserer Kinder spielen.
Auch die Suche nach Weltherrschaft – und das Anbeten eines Anderen neben und gegen Gott, die dritte Bedrohung war immer real, wo die Großtyrannen und die Herrscher sich die Welt zur Beute machten. Hitler und Stalin haben, ob sie es wussten oder nicht, den Anderen angebetet und nicht Gott die Ehre gegeben. Und die heutige Welt nach dem 11. September 2001 droht immer wieder in seine Hand zu verfallen: Schrecklicher Terror und schreckliche Vergeltung -, keine Seite ist legitimiert, auch wenn sie sich auf Gottes Wort beruft, solange sie dem Plan der Weltherrschaft nachjagt. Die Welt wird verbrennen, wenn wir nicht zum Frieden zwischen den Völkern, Kulturen, Religionen kommen.
Was schafft den weiten Raum, auf dem wir leben können? Dass wir weniger den Schein des Guten erzeugen wollen, dass von uns absehen lernen: hörend werden (Rede, dass ich dich sehe, betete einmal der Philosoph Hamann). Dazu kann man auch als Philosoph durchaus etwas tun, wenn man über Menschenwürde und Menschenrechte nachdenkt, zwischen den Kulturen und Religionen Gespräche führt; und sich fragt, wie Glaube Vernunft Würde des Menschen in anderen Kulturen anklingen! In der NS- Zeit hieß es: „Ein Volk braucht Raum!“ und dies wurde zur Legitimation von Imperialismus mißbraucht. Gottes Verheißung, unseren Füßen den weiten Raum zu geben, bricht mit der Weltherrschaft. Kant sagt einmal: das sei die Kondition des Friedens, dass sich jeder an die Stelle jedes anderen versetzt und dass er mit sich selbst einstimmig und aufrichtig denkt.


In kleinerer Münze ist das Problem ebenso wirklich. Ich sehe, dass es an der Atemzeit fehlt- wer Zeit hat, ist nicht mehr wichtig, nur der ist es, der hetzt und jagt.
Aber auch: dass das Raum schaffende, Freiheit gebende Wort nicht gehört wird. Die ‚Diskurse’ sind schon festgezurrt, wie in Reflexen kommen die Antworten aus den Medien, die Termine jagen sich und nichts, wirklich gar nichts, wird besser. Man ist wie in eiserne Bande eingeschnürt, rasender Stillstand umgibt uns. Die Botschaft soll in dreißig Sekunden längstens gesagt sein. das mag ein Mittel sein, um Professoren, die sich allzu gern reden hören – und die gibt es -, zu beruhigen. Doch wenn in Talkshows die Sprechroutiniers einander tot schreien, dann höre ich dazwischen den kleinen Teufel im Ohr, der herrschen und Herrschsucht fördern will. Und ich sehe, wie viele gute Gedanken, weil sie über die ideologischen Grenzen, auch den Graben von links und rechts, springen möchten, vorher zum Verstummen gebracht werden.
Darf jemand noch differenziert sein? Kaum scheint das möglich zu sein: Man will ihn als Experten, Kultfigur für eine Meinung. Für sie fährt er mit dem Fahrstuhl nach oben und dann nach unten. Können wir uns – auch öffentlich – noch als Menschen entfalten?
Es ist heuchlerisch, den Burnout zu beklagen und nicht zu sehen, dass wir durch gnadenlose öffentliche Erwartungen Wracks erzeugen. Dass wir mitunter auch als Freiheit, Emanzipation und Selbstverwirklichung ausgeben, was uns einsam und verzweifelt macht.


III. INVOKAVIT – MIT LUTHER: WAS ICH VON DER GEMEINDE ERHOFFE
Liebe Gemeinde, keine Sorge, ich bin nicht Luther, dessen Bild eindrucksvoll mir hier in Ihrer schönen Kirche über die Schulter schaut, mahnend, verpflichtend! . Doch heute ist Invokavit. Es war Luther, der um den denkwürdigen Invokavit-Sonntag 1522 herum acht Predigten hielt, die die Gemeinde wieder zurecht bringen wollten. Ich bin nicht Ihr Curator und Visitator, und Lauf, eine der größten Gemeinde Bayerns, ist wahrscheinlich schon auf dem besten Weg. Und doch ich soll auch etwas sagen über die Erwartungen an die Gemeinde, hier, im konkreten!, sogar „die Leviten“ lesen darf ich Ihnen, hat mir der Herr Stadtpfarrer Beck geschrieben.
Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen: Ich wünsche mir eine lebendige, leibhafte, spirituelle und tätige Stimme der Gemeinde hier und anderswo, die, den Füßen weiten Raum gibt. Die Ruhe schafft- die ein wenig, doch klar vernehmbar, anders handelt und ist als die Welt.
Kirchliche Stimmen sind mir heute oft zu technokratisch, sie sind mir zu kalt, und ihre werbenden, nach neuesten Regeln der Psychologie und des Marketings verfaßten Slogans sind mir oft zu hohl, zu wenig auf Schmerz und Freude hörend. Ich bleibe evangelisch-lutherisch, weil mich die Freiheit der reformatorischen Erkenntnis noch immer anweht wie ein Mistral am ersten Tag: GERECHTFERTIGT bin ich, das gibt mir Kraft und Raum! Paulus wird in Ihrem Kirchenfenster hinter Luther dargestellt. Daraus kommt Trost und Gewißheit.


Ich bin auch noch ganz gerne Mitglied der Landeskirche, Kirchenvorsteher meiner Gemeinde (vielleicht bleibe ich es sogar über den Oktober, die nächste Kirchenvorstandswahl hinaus) und ehrenamtlicher Prediger, obwohl manches zu unentschieden ist, von der Glut sich zu wenig mitteilt in unseren Kirchen und Gemeinden. Und dann sind da die anderen: Evangelikale wollen ganz anders sein, und wieder andere Charismatiker wollen den Geist Gottes mitunter zwingen. „Einem Christen darf es nicht schlecht gehen“, wird gesagt. Dem widerspreche ich- und ich sehe darin keine Kleinigkeit. GOTT wird Mensch.
Bedachtsamkeit, Widerständigkeit, Ernst brauchen wir und wirkliche Freude, aus der unser Glaube leben kann: Das Freiheit schaffende Hören auf Gottes Wort. Und wir müssen wissen, dass wir EINS sind in ihm. Ich halte das für sehr, sehr wichtig, und ich sehe es zu wenig. Es käme eben darauf an, dass wir wieder wach werden für das Wesentliche an unserem Glauben, für dessen „Glutkern“, wie der Philosoph Jürgen Habermas sagt. Machen wir uns doch das Essentielle am christlichen Glauben klar, gerade jetzt in der Passionszeit! Es ist für mich: Gott wird Mensch, er geht in die dunkelste Nacht, ich muss mich nicht selbst erlösen. Er überwindet den Tod und schenkt uns ein Leben, das sich leben lässt. Beginnen wir doch damit! Und ich möchte auf eine Gemeinde zählen, die nicht nur eine Sonntags- und eine Wellness-Religion kennt, sondern die sich von IHM tragen lässt und einübt, ihn nicht zu verwechseln mit den vielen Stimmen und Heilsangeboten der Welt; Die froh ist, demütig, schenkend, nicht aus Show. Die aber auch von den letzten Dingen nicht schweigt, die man zu leicht aus unserer Welt herausspricht. Die nicht vom Tod schweigt und nicht vom Gericht Gottes. Wie es kommen wird, wann es geschehen wird, das wissen wir nicht. In jedem Fall wird ER es sein, Jesus Christus, der über uns Recht spricht. Und ich kann darin nicht den großen Schrecken oder das gewaltsame Inferno sehen. Vielmehr: Ich bin gerechtfertigt, und Jesus Christus erkennt mich so, wie ich in Wahrheit und Wirklichkeit bin. Das ist für mich eine Kraft, die mich bewahr zu verbrennen.
Verantwortung übrigens, liebe Gemeinde, steht für mich in keinem Widerspruch zum rechten Maß: Sie ist die Antwort, die ich gebe, darauf, dass ich angeredet bin. Von der Schöpfung her, von Jesu erlösendem und befreiendem Wort her; nicht aber und keineswegs wie in einem Verhör haftbar gemacht. Das Prinzip Verantwortung, wie es Hans Jonas bezeichnet hat, kommt daher: es kommt aus der Liebe zu den Menschen, die GOTT uns vorlebt. Zur Freiheit erlöst, nicht zur Freiheit verdammt, wie es einst Sartre gesagt hat. Und ich erwarte von meiner christlichen Gemeinde, das, wozu wir doch eigentlich berufen sind:
- Verständnis, und wenn es nur ein wenig ist, auch in den düstersten und deprimierendsten Lebenszeiten.
-Verzeihung und Vergebung. Dazu hat der Französische Philosoph Derrida sehr schön gesagt, die wahre, eigentliche Vergebung werde real, wo es um die unvergebbare Schuld geht. Das Französische und das Deutsche sind einander hier sprachlich sehr ähnlich: ‚ver-geben’, darin liegt ‚Gabe’, ‚Geschenk’, ‚par-donner’ darin liegt ‚donner’: schenken. Schuld zu vergeben, das ist ein ‚par-donner’: also ein Geschenk und eine Gabe besonderer Dimension; und – es ist letztlich ein à Dieu: ein zu Gott-Geben. Können wir das in allem Abschied?, dann muss niemand an seiner Vergangenheit verbrennen. Gott ist der, der uns am meisten liebt: in der Liebe übertrifft er uns unendlich. So sagt es der französische Priester und Philosoph Jean-Luc Marion. In dieser Liebe hat er sich zu erkennen gegeben – im brennenden Dornbusch, in der Szene, die mir beim Nachdenken über den Burnout zuallererst als wunderbares tiefes Symbol in den Sinn kommt: Ein Gewächs der Wüste, das brennt, das eine Glut ausströmt, die brennen lässt, aber nicht verbrennt, nicht verletzt: Darin wird Gott gefunden und so gibt er sich zu erkennen: ICH BIN DER ICH BIN: ICH BIN DER ICH SEIN WERDE.
JA, wir sollten beides wieder stärker und tiefer lernen: Ein Leben nach Maßstäben und die Vergebung, wo jemand die Maßstäbe verloren hat. Diese Hetzjagden, die Suche nach Sündenböcken, die Selbstidentifizierung mancher Gruppen mit dem reinen Guten: das ist schlimm, und schlimm ist es erst recht, wenn es keine Vertrauensräume mehr gibt. Es wäre gut, wenn die christliche Gemeinde ein solcher Ort des Vertrauens sein könnte. Wo geschwiegen wird, wo Anvertrautes anvertraut bleibt. Trotz Facebook und Twitter. Das Beichtgeheimnis und die Lossprechung hatte einen tiefen Sinn. Haben wir etwas ähnliches heute? Auch wenn Lebensbögen brechen, eine Ehe zum Beispiel, die einmal mit besten Wissen und Gewissen eingegangen worden waren, sollten wir barmherzig sein, auf dass wir Barmherzigkeit erlangen. Und doch sollen wir um das Gebot Gottes wissen.


IV. DIE WÜSTE, DER BRENNENDE DORNBUSCH UND GOTTES GEGENWART


Die Wüste erhält durch Jesu Ringen mit dem Anderen ein anderes Gesicht: Mit den „Anbeten den HERRN DEINEN GOTT UND IHM ALLEIN DIENEN“, das an das alte Gebet des Volkes Israel: Schema Israel anklingt. schafft Jesus den Raum, den Gott braucht. Gott anbeten mit ganzem Herzen, ganzen Sinnen allen unseren Kräften – und ihm allein dienen. Ja, dann können wir brennen, reden, schweigen, lieben, arbeiten . Wir wissen oftmals nicht, wo er wohnt und wer er ist. Gerechtfertigt werden kann ich nur von ihm, sagte jüngst der Schriftsteller Martin Walser in Harvard. Und wenn sie sagen, die selbstsicheren Gottesleugner: Es ist kein Gott, dann kann ich in vollem Bewußtsein zumindest dagegenhalten: „Aber er fehlt mir!“.
Meister Eckhart, ein Mystiker des Mittelalters, beschreibt die Seele als Wüste, auf der Suche nach ihrem Gott, wobei ich es Ihnen zuerst in der alten, mittelhochdeutschen, Version sagen möchte. Sie gehört in diese alte schöne Kirche, auch wenn jene Sprache noch um mehr als 200 Jahre älter ist: „Wirt als ein kint/wirt toup, wirt blint!/ dîn selbes icht/mûz werden nicht, / al icht, al nicht trîb uber hôr!/lâ stat, la zit/ouch bilde mît/genk âne wek/den smalen stk,/sô kums du an der wûste spôr.//
O sêle mn/Genk ûz, got în!/sink al mîn icht/in gotis nicht, / sink in di grundelôze vlût!/ vlî ich von dir,/du kumst zu mir./vorlîs ich mich, / sô vind ich dich,/ ô uberweselîches gût!“
Und in unserer Sprache: „Werde wie ein Kind,/ werde taub, werde blind!/ Dein eigenes Sein/muss Nichts werden, / alles Etwas, alles Nichts treibe hinweg! / Lass Ort, lass Zeit, / meide die bilder/ Geh ohne Weg/den schmalen Steg, / so findest du der Wüste Spur.//
Meine Seele gehe aus, Gott ein / All mein Sein sinke in Gottes Nichts, sinke in seine grundlose Flut! Fliehe ich von dir, Dann kommst du zu mir. / Verliere ich mich, / so finde ich dich, / o überseiendes Gut!“. 1 AMEN.


1 Der Text findet sich in: Werner Beierwaltes, Platonismus im Christentum. Frankfurt/Main 1998, S. 124 ff.