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Fastenpredigten Februar/März 2013

FRÜHJAHRSPUTZ - befreiender Neubeginn für Leib und Seele.

“Sorgt nicht euer Leben, denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft”.


Die 3.Predigt von&mit Werner-Tiki Küstenmacher

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Liebe Gemeinde,
 
erst einmal herzlichen Dank, dass Sie mich eingeladen haben. Das Thema „Frühjahrsputz“ für Ihre Reihe der Fastenpredigten ist mir als simplify-Mann ja quasi auf den Leib geschrieben.
Es wird viel geklagt über die zahllosen Sachen, die sich so zu Hause und am Arbeitsplatz angesammelt haben. Am Anfang möchte ich Sie erst einmal allgemein trösten. Dass Sie so viele Dinge besitzen und irgendwie organisieren müssen, das ist nicht Ihre Schuld. Wir sind von unserer Entwicklung her einfach nicht vorbereitet auf so viele Sachen. Wie viele Gegenstände kann ein Mensch haben und sinnvoll nutzen? Bei unseren stein- und bronzezeitlichen Vorfahren war das eine Hand voll Sachen. Nur ganz allmählich wurden es mehr. Ein paar hundert Dinge im Mittelalter, zu Beginn der Neuzeit vielleicht zwei, dreitausend. Wer reich war und viel mehr hatte, der hatte in der Regel Personal, das sich gekümmert hat um den großen Hausstand. Eine Dienerschar, die alles geputzt hat und aufgeräumt. Erst in den letzten zwei Generationen ist die Zahl der Gegenstände in einem Haushalt auf weit über 10.000 Dinge angewachsen. Und das alles ohne Diener. Selbst in den keineswegs wohlhabenden Haushalten gibt es heutzutage eine riesige Menge von Sachen.
Nur die wenigsten Menschen haben eine natürliche Begabung, mit solchen Mengen fertig zu werden. Ich treffe immer mehr, die im täglichen Kampf mit den Sachen des Alltags kapituliert haben. In ihren Wohnungen häufen sich Zeitschriften und Verpackungen, Kleidung und Geschirr, Nützliches und Unnützes, neue und alte Geräte. Jeden Tag dann die verzweifelte Suche nach irgendwelchen unauffindbaren Sachen.
 
„God bless this mess“ steht in vielen amerikanischen Haushalten in der Küche oder an der Tür zur Abstellkammer, „Gott segne dieses Durcheinander“. Anklänge an die heilige Messe sind dabei wohl durchaus beabsichtigt: Die Vielzahl der Dinge ist zu einer Art Anti-Altar geworden, auf dem viel Zeit und Lebensfreude geopfert werden, Tag für Tag. Zugleich gibt man mit „God bless this mess“ der Hoffnung Ausdruck, dass aus diesem Altar der tausend Dinge auch etwas Gutes erwachsen kann. Denn deshalb haben wir ja all die Gegenstände angesammelt: Weil jeder einzelne Kraft hat, weil viel Mühe und Geld und Liebe drin stecken.
Das ist eine wichtige Voraussetzung für einen guten Frühjahrsputz: die Sachen nicht zu hassen, sonst hasst man sich selbst mit.
 
Der Wert der Dinge
Denn wir wissen: Von den Dingen kommt auch Segen. In Deutschland wissen wir das alle: Dass der Reichtum eines Landes von den Dingen und Dienstleistungen kommt, die in ihm produziert und verkauft werden. Wir wissen, dass es für alle schlecht ist, wenn sie der eigenen Zukunft nicht mehr trauen. Wir wissen, dass alles mit allem verbunden ist, auf lateinisch heißt das „Konjunktur“.
Wir sind damit allerdings schon seit längerem an eine Grenze gekommen. Die Konjunktur lässt sich nicht endlos ankurbeln. Wenn jeder mehr herstellt, als jemals verbraucht werden kann; wenn jeder mehr besitzt, als er unterbringen kann; wenn jeder mehr kauft, als er sich leisten kann – dann bricht das System zusammen.
Als einziger Ausweg bleibt, die Zahl der Dinge zu verringern und die erforderlichen Fähigkeiten zu erlernen, mit den Dingen richtig umzugehen. Wie geht das? Es kann nur gelingen, denke ich, wenn wir einen besonderen Umgang mit den Dingen entwickeln. Wenn wir den Wert der Dinge sehen lernen. Die Fastenzeit bietet dafür ein paar gute Ansatzpunkte.
Benedikt von Nursia, der Gründer des Benediktinerordens, gab dem Verwalter, der zuständig ist für die materiellen Grundbedürfnisse der Gemeinschaft, folgende Anweisung: „Betrachte alle Geräte und den ganzen Besitz des Klosters als heiliges Altargerät.“ Ich habe immer wieder gestaunt, wie sich weise Männer und Frauen, Heilige und spirituell lebende Menschen, stundenlang auslassen können über die Schönheit einer Teekanne oder die Farbe eines Baumwolltuchs. Die wirklich großen Lehrerinnen und Lehrer sprechen nie verächtlich über die Dinge. Ja, vielleicht kann man daran sogar die großen von den kleineren Lehrern unterscheiden.
Auf jedem Ding, das wir anschaffen oder erhalten, ruht eine kleine oder große Verheißung, eine kleine oder große Hoffnung: dass dieses Ding uns froher machen kann, dass es uns beim Leben hilft. Sehr häufig aber trügt diese Hoffnung. Das Ding erweist sich als sehr normal, als sehr begrenzt. Bewusstes, betrachtendes, kontemplatives Leben macht sich diese Hoffnung nicht. Es sieht durch das Ding hindurch. Es macht keinen Unterschied zwischen heilig und weltlich.
Ich erinnere mich, wie ich fasziniert war von einer Bemerkung von Ernesto Cardenal. Während seiner Zeit im Kloster Gethsemane in Kentucky stand er nachts auf dem Balkon und schrieb folgende Beobachtung auf: „Die roten Rückleuchten der Autos sind mystisch.“ Natürlich sind sie geblieben, was sie sind, Glühbirnen (oder heute LEDs) hinter einem roten Stück Plastik gesetzlich vorgeschrieben. Aber plötzlich formte sich aus ihnen und dem Auge des Betrachters eine neue Einheit. Zusammen gaben sie für einen Moment den Blick frei auf das Ewige, Große, auf die große Wirklichkeit. Thomas Merton, der Lehrer von Ernesto Cardenal, nannte es das „Fenster zur Ganzheit“.
 
In der Kirche gibt es einen Fachbegriff dafür: Sakrament. Es bezeichnet die Brücke zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Deswegen ist das Sakrament immer zugleich etwas Materielles und Spirituelles: Brot, Wein, Wasser. Aber es kann eigentlich alles zum Sakrament werden, zum Fenster zur Ganzheit:
Heb einen Stein auf, und du wirst mich finden.
Spalte das Holz, und ich bin da.
Dem Staunenden gehört das Reich Gottes.
So steht es im Papyrus Oxyrynchus, einer der ältesten christlichen Spruchsammlungen.
 
Um die Dinge so sehen zu können, braucht es den liebevollen Blick. Liebe nimmt das gegenseitige Dazugehören ernst. Liebe kümmert sich – sogar um Dinge. Ein guter Handwerker liebt und pflegt seine Werkzeuge. Sie sind seine Verbündeten, ihnen verdankt er einen großen Teil seiner Kunst. Die Werkzeuge gehören dem Handwerker, aber in einer geheimnisvollen Weise gehört auch er selbst seinen Werkzeugen. Beide gehören zusammen.
Ich erinnere mich, wie ich als Jugendlicher einmal per Anhalter mitgenommen wurde, nach langem Warten abends in der Kälte, und wie ich dann das Innere des Autos geliebt habe, den Stoff in der Türverkleidung, das Glänzen der Lämpchen im Armaturenbrett, die leise Musik aus dem Autoradio. Manchmal blitzt das wieder auf, wenn ich heute im eigenen Auto fahre. Dann spüre ich wieder die gleiche Dankbarkeit, aufgehängt an diesen kleinen Dingen.
Das funktioniert nicht immer, und nicht mit jedem der vielen Gegenstände, die uns umgeben. Es ist wohl die Menge der Dinge, die das Leben kompliziert macht. Aber vor allem, da bin ich überzeugt, ist es ihre Vorherrschaft. Wenn die Dinge nicht mehr durchsichtig sind für das, was hinter ihnen aufscheinen will, dann verdunkeln sie das Leben. Dann „schaut man nicht mehr durch“. Mit dem wachen Blick für den wahren Wert der Dinge aber, da bin ich fest überzeugt, fällt es leichter, die weniger wichtigen loszulassen.
 
Vom Weggeben der Dinge
In den Briefen des Apostels Paulus geht es nicht nur um das Reich Gottes, um das Gebet oder die gute Nachricht vom Mensch gewordenen Gott, sondern auch, ganz banal – ums Geld. Im 2. Korintherbrief widmet sich Paulus 2 Kapitel lang dem Thema Spenden sammeln – Spenden für die arme Gemeinde in Jerusalem und alle möglichen anderen Zwecke. Aber er spricht nicht von Opfer oder Verzicht, sondern er schreibt – vom Reichtum:
„Gott wird eurer Wohltätigkeit eine reiche Ernte bringen. Dann werdet ihr reich sein in allen Dingen, so dass ihr jederzeit freigebig sein könnt. Dann werden viele Menschen Gott danken wegen der Gaben, die wir ihnen von euch überreichen können.“ (2. Korinther 9,11)
Reichtum besteht nicht im Besitz vieler Dinge, sondern in der Freiheit, loszulassen.
Wie lässt sich das verwirklichen? Ich habe von einer älteren Dame gehört, die sich jeden Monat von einem Ding trennt, das sie eigentlich bis an ihr Lebensende behalten und dann später vererben wollte. Aber dann hat sie herausgefunden, wie viel Freude sich damit machen lässt, wenn sie „mit warmen Händen“ schenkt. Sie gibt Ihren erwachsenen Kindern Fundsachen aus Ihrem Schatz antiker Stücke. Das kostet keinen Cent und hilft, die Vergangenheit an die kommende Generation weiterzugeben.
Das hat noch einen Vorteil. Wer Sachen sammelt, ist durch sie immer verbunden mit der Vergangenheit. Ältere Menschen sammeln häufig, weil sie die schlechten Zeiten miterlebt haben. Dadurch lebt zumindest ein Teil von ihnen noch in dieser „schlechten“ Zeit. Wer etwas von diesen Sachen bewusst weggibt, befreit sich erstens von dem Gefangensein in der Vergangenheit. Und zweitens gibt er damit Erinnerungen an diese Zeit weiter. Es ist gut für die Nachkommen zu erfahren, dass all der Reichtum nicht selbstverständlich ist, sondern dass wir dankbar sein dürfen dafür.
Dabei genügt ein Symbol. Es sollte nicht die komplette Sammlung aller Schulhefte des Großvaters sein. Die kann kein Mensch mehr lesen. Gibt man aber eins davon weiter, am besten das schönste, und wirft die anderen weg, dann wird der Großvater viel mehr geehrt. Denn dieses eine Stück ist keine Last. Es ist ein Ding, durch das etwas durchscheinen kann.
Ich denke, dass das überhaupt eine gute Lösung ist für das Dilemma mit den Sachen, mit dem Behalten und dem Weggeben: Die Dinge durchsichtig machen. Sie dem anderen bewusst widmen, so wie man das früher bei Büchern gemacht hat. Mit ein paar Sätzen kann man Gedanken an den Gegenständen „aufhängen“.
Gott ist ja für uns unsichtbar. Aber manchmal, für einen herrlichen kleinen Moment, blitzt er mitten in unserem Alltag auf.
Wer entrümpelt, loslässt, Platz macht, der gewinnt nicht nur Stauraum und Wohnfläche, sondern bei dem verwandelt sich auch etwas in der Seele. Wir fühlen uns besser nach so einer Entrümpelungsaktion. Unser Innerstes und unsere äußere Umgebung sind eng miteinander verbunden. Loslassen, Weggeben, Fasten hat viel zu tun mit Freiheit. Vorher haben die Sachen etwas mit uns gemacht. Sie haben uns genervt, eingeschränkt, Zeit gekostet. Jetzt aber haben wir etwas mit den Sachen gemacht. Wir sind wieder die Chefs im eigenen Haus. Das ist eine wunderbare Erfahrung: Autonomie, Selbstbestimmung, Freiheit.
Traditionell ist das biblische Leitmotiv für den heutigen Sonntag Okuli ein Ausschnitt aus dem Lukasevangelium, in dem drei Mini-Dialoge mit Jesus zum Thema Abschied zusammengestellt sind:
Als sie unterwegs waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und sogar die Vögel unter dem Himmel haben Nester. Aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen könnte.
Und zu einem andern sprach er: Folge mir nach! Der sagte aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Die Toten sollen ihre Toten selber begraben. Geh mit mir und verkünde das Reich Gottes!
Ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen. Aber erlaube mir vorher, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, der ist nicht geeignet für das Reich Gottes. (Lukas 9, 57–62)
Das klingt hart. Aber ich glaube, es ist sehr barmherzig gemeint. Sehr vieles von dem, was wir so in unseren Häusern lagern, hat mit dem Zurücksehen zu tun. Diese Dinge sind gespeicherte Vergangenheit. Eines Tages müssen wir alles zurücklassen und uns verabschieden. Da ist es gut, immer wieder zu üben, die Vergangenheit loszulassen und Sachen wegzugeben.
Dadurch wächst Freiheit, sie breitet sich aus und verändert sich. Die wirkliche, wahre, wunderbare Freiheit Gottes kommt. Sie liegt vor uns. Weil wir das aber wissen, ist sie in unseren Herzen, in unseren Händen und in unserem Hoffen schon da.
 
Amen

Die 2. Predigt von&mit AndreaLipka Schnaittach

alias Elfriede Rumpler  als pdf zum  Speichern und Drucken
(Bild nach Foto A.Sichelstiel/PZ-NZ)


Fastenpredigt in der Johanniskirche am 24.02.2013 
 
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus,
 
Der Predigttext für die heutige Predigt steht bei Matthäus 12, 38-42.
 
Die Verweigerung eines Zeichens
38Zu dieser Zeit sagten einige Schriftgelehrte und Pharisäer zu ihm: Meister, wir möchten von dir ein Zeichen sehen.
39Er antwortete ihnen: Diese böse und treulose Generation fordert ein Zeichen, aber es wird ihr kein anderes gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jona.
40Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Innern der Erde sein.
41Die Männer von Ninive werden beim Gericht gegen diese Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie haben sich nach der Predigt des Jona bekehrt. Hier aber ist einer, der mehr ist als Jona.
42Die Königin des Südens wird beim Gericht gegen diese Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam vom Ende der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Hier aber ist einer, der mehr ist als Salomo.
 
 


Liebe Gemeinde,

Einige Schriftgelehrte und Pharisäer wollten Beweise sehen, von Jesus. Bewiesen haben, dass er wirklich Gottes Sohn ist und seine Worte die Worte Gottes sind. Doch diese Beweise gibt es nicht  - kann es nicht geben. Nicht vor 2000 Jahren, nicht heute.

Nicht im Glauben! Denn wir glauben an Gott. Und es ist gerade Kennzeichen des Glaubens: Das Vertrauen auf etwas, das man nicht sehen kann. Von dem ich aber irgendwie fühle, dass es da ist.

Es gibt bis heute weder einen exakten Beweis, dass Gott existiert. Es gibt aber auch keinen Beweis,  dass er nicht existiert!

Die Frage ist, was wir glauben.

Die Bibel hat an keiner Stelle Interesse, Gott zu beweisen. Sie kennt die Frage nicht, ob es Gott gibt. Gott ist da. Er spricht zu uns.

Gottesbeweise – derer gibt es unzählige. Ich nenne hier nur das Leichtuch von Turin. Inzwischen ist die Echtheit dieser Reliquie von vielen Wissenschaftlern bewiesen.

Doch kann so ein Gottesbeweis Ungläubige dazu führen, an Gott zu glauben? Wer will, wird immer Grund finden, zu zweifeln!

Mit menschlichem Denken kann Gott nicht erklärt oder bewiesen werden. Außerdem hieße es dann nicht mehr an Gott glauben, sondern von Gott wissen.

Ganz aktuell gibt es auch wieder eine Situation, in der Gläubige und Atheisten nach einem Beweis fordern: Der Blitzeinschlag nach dem Papstrücktritt:

Die FAZ schrieb: „War vielleicht doch Gottes Hand im Spiel? Gläubige und Atheisten rätseln nach dem angekündigten Rücktritt von Papst Benedikt XVI. über mögliche Zeichen von oben. Für den ersten Aufreger sorgt Fotograf Alessandro Di Meo am frühen Montagabend mit einem spektakulären Bild: Ein greller Blitz zuckt über den dunklen Himmel und schlägt in der Kuppel des Petersdoms ein - wenige Stunden nach Benedikts Rücktrittsankündigung. Viele Bildjournalisten können es kaum glauben, verlangen einen Beweis, dass das Foto echt ist. Im Internet müssen sich Di Meos Kollegen von der italienischen Nachrichtenagentur Ansa viele kritische Fragen gefallen lassen. Aber sie beteuern: Das Bild ist echt! Aufgenommen um 17:56.“ (FAZ, 12.02.2013)

Später tauchte ein weiteres Bild auf: Filippo Monteforte von der französischen Nachrichtenagentur AFP hatte ebenfalls den Blitz fotographiert. Und der BBC zeigte sogar ein Video in Zeitlupe, wie der leuchtende Blitz einschlägt, zweimal kurz den Platz in gleißendes Licht taucht und dann verschwindet.“

Zwei weitere Beweise – eine Videoaufnahme und ein zweiter Fotograph – und dennoch bleiben die Zweifler zweifelnd.

Jeder kann für sich entscheiden, mit was er in Resonanz geht, was er in diesem Falle glaubt:Alles Fälschung? Lug und Trug?

Oder doch: Ein Gottes Zeichen. Und wenn ja – zeigt Gott damit seine Zustimmung, weil der Blitz den Petersdom erhellt und jeder Blitz enorme Energie trägt und bringt?

Oder grollt Gott und straft mit Blitz?

Alles eine Frage der Sichtweise. Mir gefällt die Interpretation der Zustimmung und der neuen Energie weitaus besser.

Franz Werfel, ein böhmisch-österreichischer Schriftsteller sagte einmal sehr treffend: "Für diejenigen, die an Gott glauben, ist keine Erklärung notwendig, für diejenigen, die nicht an Gott glauben, ist keine Erklärung möglich."

Und selbst die Naturwissenschaft öffnet sich mehr und mehr der Erkenntnis: Es gibt einen Gott, es gibt eine universelle Schöpferkraft.

Dazu Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg: "Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott."

Die moderne Physik weiß heute von existenter, unsichtbarer Materie, fast schon mehr als von der sichtbaren, zum Beispiel, um die Gravitation erklären zu können. So wird mit System und mit Bedacht nach und nach von der Naturwissenschaft die Bibel bewiesen.

Die Wissenschaft weiß heute auch, dass alles, was wir mit Sinnen wahrnehmen, relativ ist.

Oft im Leben ist alles eine Frage der Sichtweise.

Davon kann auch eine meiner Bühnenfiguren, Elfriede Rumpler, ein Liedchen singen. Ihr wurde geraten, nicht immer auf das Negative zu sehen, sondern den Fokus auf Positives zu richten und jeden Tag mit einem Lächeln zu beginnen.

Kurzer Auszug aus dem „Lachprogramm“ als Elfriede Rumpler

Sehen Sie – auch hier – alles eine Frage der Sichtweise.

Und ich habe noch eine Geschichte gefunden, frei nach Sabine Chatelet. Sie zeigt auf wundervolle Weise, wie selbst in tiefster guter Absicht verschiedene Sichtweisen zu unterschiedlichem Erleben führen:

„Letztens ging ich an einem Buchladen mit religiösen Büchern vorbei, als ich einen „Hupe, wenn Du Jesus liebst“ Stossstangen-Aufkleber sah. Ich war gut aufgelegt und weil ich gerade von einer gelungenen Kirchenchoraufführung kam, kaufte ich mir den Sticker und klebte ihn auf meinen Wagen.

Ich musste an einer roten Ampel stehen bleiben und während ich gerade über den Herrn und seine Güte sinnierte wurde die Ampel grün, ohne dass ich es bemerkte. Da war es gut, dass auch jemand anderes Jesus liebte, denn hätte der nicht gehupt, wäre mir das wohl nie aufgefallen. Mir fiel auf, dass VIELE Menschen Jesus lieben!

Während ich da so stand, fing der Typ hinter mir wie wild zu hupen an, und er lehnte sich aus dem Fenster seines Wagens und schrie „Bei Gott, vorwärts, vorwärts!“ Wie überschwänglich dieser Mann Jesus liebte.

Alle fingen zu hupen an und ich lehnte mich ebenso aus dem Fenster und winkte und lächelte diesen vielen Gläubigen zu. Ich hupte sogar mehrmals um an ihrer Liebe teilzuhaben.

Ich sah einen anderen Mann, der sich wieder und wieder mit dem Zeigefinger an die Stirn tippte. Ich fragte meinen Enkel auf dem Rücksitz, was das denn zu bedeuten hätte und er meinte, es wäre wahrscheinlich ein hawaiianischer Glücksgruß oder so.

Nun, ich habe noch nie jemanden aus Hawaii getroffen also gab ich den Gruß zurück. Mein Enkel brach in Gelächter aus, offensichtlich genoss auch er diese tiefe religiöse Erfahrung.

Einige Leute waren so gefangen in der Freude des Augenblicks, dass sie aus dem Wagen stiegen und zu mir kamen. Ich wette, die wollten wissen, welche Kirche ich besuchte, oder sie wollten einfach nur mit mir beten, aber da bemerkte ich die grüne Ampel.

Ich winkte also noch einmal lächelnd meinen Brüdern und Schwestern zu und fuhr weiter. Mir fiel noch auf dass ich der einzige Wagen war der es über die Kreuzung schaffte, bevor es wieder rot wurde.

Ich war ein wenig traurig dass ich diese Leute nach all der Gottesliebe die wir miteinander genossen hatten verlassen musste, also wurde ich langsamer, lehnte mich noch einmal aus dem Wagen und schickte ihnen ein letztes Mal den hawaiianischen Glücksgruß zu, während ich davon fuhr. Lobe den Herrn für solch wunderbare Menschen!“

Die Dame, von der die Geschichte handelt, hat aus ihrer Sicht alles nur im Willen getan, zu zeigen, dass sie Gott liebt – doch was kam aus der Sicht all der andern Autofahrer an – vermutlich nicht die reine Gottesliebe, die sie empfand.

Alles im Leben ist eine Frage der Sichtweise!

Jeder ist ein Kind Gottes. Und jeder Mensch darf Gott selbst eine Bedeutung geben. Nach der jeweils eigenen Sichtweise:

Für den einen ist Gott Licht. Für andere ist Gott Energie, für manchen Wissenschaftler ist Gott Quantenphysik.

Gott schuf die Welt aus Licht, Luft, Wasser und Feuer. Und alles was lebt, enthält diese Elemente. Alles ist schon da – nichts braucht mehr geschaffen werden. Unsere Seele weiß, dass alles, was wir brauchen schon da ist, in uns.

Das Thema der diesjährigen Fastenpredigten trifft es auf den Punkt:

 Frühjahrsputz – befreiender Neubeginn für Leib und Seele. „Sorgt nicht um Euer Leben, denn Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.“

Und hier liegt eine wichtige Entscheidung, die wir treffen müssen im Leben. Im Grunde jeden Tag:

Wollen wir leben aus dem Wissen unserer Seele, dass alles bereits vorhanden ist, was wir brauchen – oder leben wir aus der Sicht, dass alles erst noch bewiesen und geschaffen werden muss?

Alles eine Frage der Sichtweise, sage ich wieder.

Wenn alles schon da ist, ist die Frage, was will ich sehen?

Die Pharisäer, die von Jesus einen Beweis wollten – was wollten Sie sehen? Wollten Sie wirklich überzeugt werden?

Auf jeden Fall wollten sie etwas von Außen – sie wollten nicht im Innen suchen nach Gott.

Sie wollten ein äußeres Zeichen, über das sie diskutieren und das sie vielleicht auch umdeuten konnten.

Was aber wäre passiert, wenn Jesus damals ein weiteres Zeichen gesetzt hätte, ein weiteres Wunder vollbracht, vor den Augen der ungläubigen Pharisäer? Wären sie wirklich dann überzeugt gewesen, dass er der Sohn Gottes sei?

Ich vermute nicht, denn die Skepsis gegenüber Jesus war groß damals. Und wann immer er ein Wunder tat, jemanden heilte, Hungernde nährte, . gab es auch die Gegner, die sagten: Das ist der Beweis – dass Jesus mit dem Teufel im Bunde steht.

Die vorgefasste Meinung der Pharisäer wäre vermutlich nur noch bestärkt worden, hätte Jesus tatsächlich an dieser Stelle ein weiteres Wunder vollbracht.

 Es ist eine Frage der Sichtweise, wie ich an Dinge herangehe. Eine Frage des Vorurteils, was ich wahrnehme.

Ob ich die Falten sehe, wenn ich in den Spiegel schaue, oder ob ich das Wunder wahrnehme, sehen zu können, fühlen zu können, atmen zu dürfen,  gesund zu sein.

Und Jesus zeigt uns Menschen, wie wichtig der Mensch Gott ist. So wichtig, dass er seinen eigenen Sohn zu uns schickte.

Gott will, dass wir Menschen menschlich sind.  Uns und andere annehmen. Ehrlich, liebevoll und frei, und ohne Vorurteile.

Wer immer nur Beweise sucht, außerhalb von sich,  dem kann Gott nicht begegnen, weil er im außen so weit weg bleibt von sich selbst.

Wer offen ist für die Begegnung mit Gott, der wird erkennen können, was für ihn persönlich bedeutet.

Mein Konfirmationsspruch war: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von Euch finden lassen. Jeremia 29,13

Glauben ist keine wissenschaftliche Untersuchung, keine Wundereinforderung, kein Schwarz auf Weiß-Beweis.

Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft - überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht.

Gott ist Hoffnung und Glauben. Gott zeigt sich, offenbart sich, entfaltet sich in der Natur und in uns. Gott kann uns  berühren in vielen Kleinigkeiten des Lebens um uns.

Dass er sich finden lässt bedeutet, dass er da ist für uns – auch ohne Beweis.

Die Frage ist nun: Wie nehmen Sie Gott wahr? Als…

Ermahnung, Richter, Verurteiler?

Oder als: Vertrauen? Ermutigung? Hoffnung? Befreiung? Kraft? Liebe?

Auf welcher Frequenz senden und empfangen Sie?

Ein Lebensgesetz sagt: Alles beginnt bei uns selbst. Alles beginnt mit Achtsamkeit den eigenen Leben gegenüber.

Und so ging es auch den Menschen von Ninive im heutigen Bibeltext. Sie haben sich verändert, weil sie Ihre Frequenz verändert haben. Sie haben sich nicht verändert, weil jemand vor ihren Augen ein Wunder vollbracht hat, sondern sie haben sich verändert, weil sie sich auf  Gottes Wort eingelassen haben, damit in Resonanz gegangen sind und ihr eigenes bisheriges Verhalten auf den Prüfstand stellten.

Es geht auch hier nicht um den Beweis eines Wunders, sondern um das Heil der Seele – unserer eigenen Seele.

Für mich persönlich ist Gott Liebe. Eine bedingungslose Liebe, die nicht wertet oder beurteilt, sondern mich annimmt, wie ich bin.

Alles beginnt bei uns selbst, alles beginnt mit der Achtsamkeit dem eigenen Leben gegenüber:

Liebe kann Liebe begegnen, wenn Sie voller Liebe sind.

Glück kann Glück begegnen, wenn Sie glücklich sind.

Harmonie kann Harmonie begegnen, wenn Sie in Harmonie leben.

Frieden kann Frieden begegnen, wenn Sie friedlich sind.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine Fastenzeit, in der Sie reflektieren über Ihre Gewohnheiten, über Ihre Sicht der Dinge – um der göttlichen Kraft Raum zu geben in Ihrem Leben.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.

Amen 



Die 1. Predigt von&mit Dr.Thomas Kraus Engelthal

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Fastenpredigt in der Johanneskirche in Lauf am 17.2.13 um 9:30 Uhr
PD Dr. Thomas Kraus, Chefarzt der Frankenalb-Klinik Engelthal
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Der Bibeltext für die heutige Predigt steht bei Matthäus 4, 1-11:

Die Versuchung Jesu
1 Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden.
2 Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger.
3 Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird.
4 Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.
5 Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel
6 und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit  dein Fuß nicht an einen Stein stößt.
7 Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.
8 Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht
9 und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest.
10 Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen.
11 Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es kamen Engel und dienten ihm.
 

Liebe Gemeinde,

Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt, dies ist für mich schon einmal
der wichtigste Satz zu Beginn: es gibt eine gute Stimme in uns, die uns führt,
die Richtung weist, uns sagt wo es lang geht. Nennen wir sie einmal “innere
Stimme”.
Wir denken, dass jeder von uns einen Plan in sich trägt, eine Bestimmung,
gemäß der er leben sollte, wenn er ein erfüllltes Leben führen will. Diese
Stimme hat vielleicht auch etwas mit Intuition zu tun. Jedenfalls kommt sie
aus unserem Wesenskern, der heil ist, wie wir glauben.

Und nun wird Jesus ausgerechnet von dieser Stimme in die Wüste geschickt!?
Was soll das? Wozu? Das ist eben die Bestimmung des Menschen, dass die
Richtung nicht immer klar ist, die innere Stimme ist manchmal nicht eindeutig,
wir sind von Zweifeln geplagt und von Unsicherheiten, wir sind blind und
verblendet. Es gibt ja immer mehr Ablenkungen, Ablenkungsmöglichkeiten,
die unser Fortschritt und Wohlstand mit sich bringt. Wir werden multimedial
permanent berieselt, können unsere Musik und Videos an jeden Ort der Welt
einfach mitnehmen. Mehr noch: der mediale Fortschritt wird uns  - wenn wir
uns nicht ganz bewusst und ich-stark dagegen stemmen - genau genommen
aufgedrängt. Aktivieren Sie die Push-Funktion und die Nachrichten “zwitschern
Ihnen hinterher”, egal wo sich gerade aufhalten. Haben Sie auch schon einmal
“gezwitschert”, auf neudeutsch “getwittert”? Was wäre, wenn Ihnen bei der
Bergwanderung entginge, dass jemand einen wichtigen Kommentar zum
Dschungel-Camp abgegeben hat? Wollen wir wirklich immer online sein?
Sind wir sonst “out”?

Wer gibt uns noch Orientierung? Was ist notwendig, gar: was ist richtig oder
falsch? Gibt es dies überhaupt, richtig und falsch? Darf man heute noch diese
Frage stellen, in solchen Kategorien denken?

Wenn es also einen Geist gibt, tief drinnen, der uns leitet, müsste der uns die
Erlaubnis erteilen, die Handys, Smartphones und Tablets einmal abzuschalten -
manchen von uns (wir sind ja bekanntlich verschieden - oder doch nicht?)
müsste er vielleicht drängen oder sogar zwingen. Und was dann, was machen
wir dann mit der Stille und evtl. totalen Leere, die uns umgibt? Wer hat gelernt,
sie auszuhalten? Was passiert dann? Meine Kinder sagen meistens spontan:
das ist ja langweilig!
Ja, dies muss wieder erlernt werden, Langeweile einmal auszuhalten, Stille und
Ruhe zu ertragen. Gemäßigter ausgedrückt, sagen wir besser: Gönne dir
abundzu eine kreative Verschnaufpause. Aber die entscheidende Frage bleibt:
Wie schaffen wir uns die nötigen Freiräume dazu? Wer gibt sie uns - oder
müssen wir sie uns etwa nehmen? Zeit für uns selbst, eine halbe Stunde
täglich, morgens bevor der Tag beginnt, oder abends, wenn es draußen stiller
wird. Bei manch einem lässt sich die Mittagspause zur besinnlichen Zeit
umgestalten, manche ziehen sich erst einmal zurück, wenn sie nach der Arbeit
nach Hause kommen. Wann ist egal, auf die Regelmäßigkeit kommt es an!

Was dann passiert, ist oftmals zunächst folgendes: Sie schlafen ein, kenne Sie
das auch, ein kurzes Einnicken beim Lesen, wenn Sie endlich die Zeit gefunden
hat, sich einem Buch hinzugeben? Danach fühlen Sie sich aber erst einmal
wieder ausgeruht, richtig fit und in erwartungsvoller Präsenz, aufnahmefähig für
neuen Gedanken und mit dem Gefühl, in sich zu ruhen, zumindest “bei sich zu
sein”. Es ist erwiesen, dass in den letzten 50 Jahren die Gesamtschlafzeit in der
westlichen Hemisphäre um ½ Stunde gesunken ist. Wir schlafen zu wenig, sind
aufgeputscht, gepuscht und überdreht. Kommen nicht mehr zur Ruhe, sind
ruhelos, leiden unter Schlafstörungen, Burnout und alle möglichen psycho-
somatischen Störungsbildern, Stresskrankheiten eben. Die Kinder sind nicht
mehr aufmerksam, man spricht von der Krankheit “Aufmerksamkeits-Defizit-
und Hyperaktivitäts-Syndrom”, kurz “ADHS”, eine Art chronischer Schlafmangel
mit verursacht durch chronische Reizüberflutung. Es ist erwiesen, dass Bild-
schirme mit ihrem besonderen Lichtspektrum, das die blauen Frequenzanteile
betont, künstlich wach halten, wir können also das Schlafbedürfnis übergehen.
Wie bekommen wir also wieder Ruhe hinein? Was ist mit dem Geist, der uns in
die Wüste führt? Wo ist er, den wir so dringend brauchen?

Liebe Mitchristen, arbeiten wir nicht alle doch hochdruckmäßig daran, Werte
und Orientierung zu geben, die Kirchen und religiösen Gemeinden, die Politik -
und offensichtlich zunehmend auch die Psychiatrie und Psychotherapie samt
ihres Zweigs Psychosomatik. Entfalten die christlichen Kirchen ihre Erlösungs-
kraft oder erhalten wir bald ähnliche Zustände wie in den USA, wo angeblich
jeder Zweite einen Psychiater hat, zwecks Lebensberatung, Schuldbefreiung,
Werteorientierung, Selbstfindung, Zukunftsplanung, Karriere-Coaching, ...?
Ich hoffe es nicht, glauben wir an den Geist, der seine Kirche schafft, dass er
sie stark macht, erneuert und ihr Wirkungsstärke gibt, dem Menschen wieder
Orientierung und Sinn zu geben.
Fast jeder Patient, der zu uns kommt, im Besonderen die Menschen, die unter
Burnout (also depressiven Erschöpfungszuständen) leiden oder/und bereits
einen Suizidversuch unternommen haben, stellen die SINNFRAGE. Erfolgreiche
Manager, die als Vorbilder gehandelt werden, die mit positiver Ausstrahlung
Hunderte von Mitarbeitern oder Aktionären in ihren Reden begeistern, ge-
stehen in einer “ruhigen Minute” z.B. während einer Pause, dass sie niemals
Zeit zum Nachdenken bekommen dürften, weil sie sonst alles als sinnlos
empfinden würden, dass sie bei ihren Autofahrten oftmals darüber nach-
denken würden, ob sie nicht einfach gegen den nächsten Brückenpfeiler
fahren sollen. Es habe doch irgendwie alles keinen wirklichen Sinn. Mit dem
Begriff “ausgebrannt zu sein”, können oftmals nur diejenigen etwas anfangen,
die schon einen Suizidversuch unternommen haben, die Frau und Familie
verloren haben oder die eine schwere Kränkung und Krise in der Arbeit
erlitten haben. Sie sind gerade noch einmal davon gekommen, mit einem
letzten Fünkchen “Geist” vielleicht, der sie davor bewahrt hat, ihrem
Leben einfach ein Ende zu setzen, unfertig den eingeschlagenen Weg
einfach abzubrechen.
 
Kinder bewegen sich nicht mehr von ihren virtuellen Welten weg, Eltern
setzen sich nicht mehr durch, sind nicht mehr unbequem, verwehren dadurch
Orientierung und Abgrenzung, was wichtig für die Entwicklung von Selbst-
bewusstsein und einem positiven Selbstbild ist. Man gibt bei ADHS manchmal
gerne lieber eine Pille als sich intensiv mit dem Kind zu beschäftigen, und z.B.
mit ihm Sport zu machen und dafür zu  sorgen, dass es optimal in den Schlaf
findet und ausreichend lange ruht.

Wir brauchen wieder Auszeiten, Zeiten zum Nachdenken, Rückzugsmöglich-
keiten, Stilleerfahrungen, Wüstenerfahrungen eben. In meinen psychothera-
peutischen Behandlungen setze ich gerne die “Gesundheitsraute” ein, bei der
das Gegenüber einmal seine aufgewandte Lebensenergie auf 4 Gebiete auf-
teilen soll, der Arbeit, dem Körper, den Beziehungen und einem vierten. Vielen
fällt zunächst nichts mehr ein, kein 4. Bereich mehr, insbesondere Burnout-
Betroffene haben sowieso 90 % ihrer Energie und Zeit in die Arbeit aufgewen-
det, allenfalls 5% für Körper und 5% für die Beziehungen übrig gelassen.
Ein Aha-Erlebnis stellt sich regelmäßig ein, wenn ich vorschlage den 4.Bereich
einmal mit “Sinn des Lebens” zu betiteln!? Es dauert eine weitere Weile zu
klären, was man darunter verstehen könnte: Zeit zum Nachdenken,
Spiritualität, Religiosität, auch Kreatives, schließlich Naturerlebnisse und
Hobbies - alles eben weitgehend Zwecklose, mit dem sich nicht direkt Geld
verdienen lässt. Aber was irgendwie die Grundlage darstellt, ohne die es nicht
geht - der Gesamt-Zusammenhang, die Kohärenz, wovon die Sinn-Forschung
spricht. Ohne Zeit für mich, ohne Wüstenerlebnis gibt es keinen Sinn, keinen
Zusammenhang, keine Einordnung.

Der Geist - der gute oder auch heilig genannte Geist - führt Jesus in die Wüste,
er führt ihn also hinaus aus dem lauten Alltag, aus der Überflutung, er rettet
ihn, bringt ihn dadurch zurück zu sich, zum Nachdenken, zur Besinnung, damit
er seinem Leben wieder eine Richtung geben kann, damit sein Leben als
sinnvolles gelingen kann.
Interessanterweise kommt bei Jesus dann aber auch nicht gleich die
Erleuchtung in der Wüste. Er wurde in die Wüste geführt; dort sollte er vom
Teufel in Versuchung geführt werden. Der Sucher erfährt zunächst also seine
Abgründe und Zweifel, “Ver-suchungen”, oder auch “Langeweile”, Öde”, die
Frage “ was soll das Ganze”.
Die Ablenkungsmöglichkeiten der modernen Zeit, die Triebbefriedigungen und
Allmachtsphantasien werden vorgeführt und szenisch stimuliert. Schließlich
wird mit Macht und Reichtum gelockt (wie in der Werbung), Jesus hält stand,
indem er die Mechanismen durchschaut. Wohl auch, weil er entschlossen war
zu fasten. Darin liegt bereits die Stärke begründet. Weil er sich einmal ent-
schlossen hat, kommt ihm nun der Geist zur Hilfe. Jesus kennt seinen wahren
Wesenskern, hat ihn erfahren können, er weiß um die Stärke des Geistes, der
ihn in die Wüste geführt hat. Dieser wird ihn auch wieder herausführen -
hinaus heißt, zurück in die Welt, wo jeder von uns an seinem Platz wirken
kann und muss.

Was soll das für uns bedeuten? Wie könnte die Wüste für uns hier und jetzt
aussehen?
Suchen Sie Ihren inneren Geleiter, machen Sie sich auf den inneren Weg.
Sollte der Weg sehr verworren sein, und Ihre Orientierung ist komplett verloren
gegangen, so lassen Sie sich helfen, suchen Sie sich einen Begleiter, Berater,
Freund, Pfarrer oder Therapeuten. Suchen Sie sich dann Rückzugsmöglich-
keiten, Zeiten für sich, Auszeiten - und meditieren Sie. Damit meine ich keine
Esoterik-Aktion, Sie müssen auch kein Guru werden. Nein viel einfacher:
“lassen Sie sich auf den Augenblick ein, hören Sie in sich hinein, seien sie ganz
still und achten Sie schlicht auf ihren Atem, wie er ein - und ausströmt, wie
sich der Brustkorb hebt und senkt, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt,
wie der Atem sanft die Nasenhärchen streichelt und sich durch den ganzen
Körper ausbreitet. Wenn Sie gerade nicht sitzen, sondern in Bewegung sind,
achten Sie genau auf jede einzelne Bewegung, z.B. beim Gehen, bei der
Handarbeit, beim Sport. Seien Sie ganz gegenwärtig - bei allem, was Sie tun.
Wenn Sie sitzen, sitzen Sie, wenn Sie essen, essen Sie, wenn Sie Zähne
putzen, putzen Sie ganz konzentriert Ihre Zähne. ACHTSAMKEIT
(“mindfulness”) nennen wir dies in der Psychotherapie, die letzte Errungen-
schaft, die aus den USA zurück zu uns gekommen ist. Es ist für Sie sicher
unschwer zu erkennen, dass hierbei nichts wesentlich Anderes intendiert
wird als bei bekannten religiösen Erfahrungspraktiken wie Meditation,
Kontemplation oder Exerzitien. Ja, ich möchte sogar noch einen Schritt
weiter gehen, es handelt sich bei der Achtsamkeit m.E. um eine Art Vor-
oder Urform des Gebets, die in eine gegenstandsfreie Form des Betens
führen kann. Gemeint ist die christliche Hingabe an Gott, die innigste Form
der geistlichen Verschmelzung des Menschen mit Gott. Achtsamkeit war
immer teil der christlichen Spiritualität, seit es sie gibt. Genauso wie
Erfahrung schon immer der Kern jeder Religion war, solange es sie gibt,
und die Technik dorthin war in irgendeiner Form eine Technik der Besinnung, der
Kontemplation und der Achtsamkeit. Die Wüstenerfahrung Jesu war also eine
Gebetserfahrung, eine Begegnungserfahrung mit dem Heiligen Geist. Jeder,
der schon einmal meditiert hat, weiß, dass man vor der weißen Wand von vielen
Zweifeln geplagt wird bzw. von Versuchungen wie “was tust du da eigentlich
Seltsames?”, Andere vergnügen sich im Kino und du sitzt einsam in deinem
Zimmer, andere genießen das Leben, und du bist wohl nicht dazu in der Lage?,
warum setzt du dich den aufsteigenden Bildern der Vergangenheit, des
unbewussten Schattenreichs aus mit all den Schuldgefühlen und
Insuffizienzvorstellungen, Schuld, die man sich und anderen aufgeladen
hat, ist man etwa selbstquälerisch, weltfremd, gar narzistisch-ich-be-
zogen, und glaubt, die Welt erlösen zu können und zu müssen - welche
Hybris!?”. STOPP. Jesus antwortete dem Versucher: “In der Schrift heißt
es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus
Gottes Mund kommt.” Und: “In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn,
deinen Gott, nicht auf die Probe stellen.” Sowie: “Weg mit dir, Satan! Denn
in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen
und ihm allein dienen.” Es gibt also auch die gute Stimme in uns, die uns
dabei bleiben lässt, die uns hilft weiter zu machen, daran zu bleiben.
Der Mensch braucht eben auch die geistige und geistliche Beschäftigung, das
Wort, um zu leben, nicht nur das Materielle. Wir brauchen auch die HIN-
Lenkung bei aller Ablenkung, der wir ausgesetzt sind. Es macht also Sinn, ein
Stück weit zu entsagen und zu verzichten. Der Gewinn hinterher ist
entsprechend groß. Die Meditationslehrer empfehlen: lass die Gedanken
Gedanken sein, gehe einfach zurück zu deiner Übung. Die Übung ist der Anker,
der dich hält und trägt. Kehre immer wieder zurück zu deinem Atem, er leitet
dich. Als westlicher oder christlicher Mensch, tun wir uns leichter, wenn wir
beim Ausatmen innerlich leise und langsam ein Wort sprechen, immer das
gleiche, z.B. JESUS oder LIEBE oder FRIEDEN, wer es neutraler möchte, kann
auch immer bis EINS zählen. Das ist die Übung, der Anker, das GEBET.
Ziel ist folgendes: Entleere deinen Geist, damit Gott einströmen kann.
Die Wüste reinigt also für die unmittelbare Erfahrung Gottes, der in das
gereinigte, entleerte Gefäß einströmen kann. Die spirituelle Erfahrung ist die
Erfahrung, dass der Geist es ist, der uns ankert, trägt, leitet und auf den
richtigen Weg führt. Die Übung ist jedoch auch nötig, ohne sie geht es nicht.
Ein bisschen Disziplin bei der Tagesplanung muss zumindest am Anfang
schon aufgewendet werden, aber irgendwann wird es ein Selbstläufer, eine
innere Notwendigkeit. Achtsamkeit ist nicht nur das Ziel, sondern bereits der
Weg. Achtsamkeit kann auch für die Nicht-Kirchlichen der Weg sein, der in die
Wüste führt, ab einem bestimmten Punkt wird er jedoch zwangsläufig
spirituell und schließlich religiös.
 
Am Schluss können Sie dann auf dem achtsamen Weg getrost auch wieder aus
der Wüste heraustreten und beherzt in den Alltag hineingehen. Die neu
erfahrene geistliche Unterstützung wird Ihnen helfen, bei sich zu bleiben, die
innere Stimme, die Intuition zu erfahren, nach ihr zu handeln, wie selbstver-
ständlich zu leben und ganz automatisch nach außen zu wirken. Authentizität
wird sich in der Präsenz herstellen, und den GEIST in Ihnen groß werden lassen.
Dies wird sich in Ihrer Ausstrahlung, Ihrem Charisma bemerkbar machen. Den
Versuchungen können Sie dann immer besser widerstehen und gemäß Ihrer
ureigenen Bestimmung leben.

Ich lade Sie herzlich ein und bitte Sie: Nutzen Sie also die Gelegenheit der
Fastenzeit, Ihre eigene Wüstenerfahrung zu machen, sich auf den bereini-
genden inneren Weg zu begeben, still zu werden und sich der Ruhe auszu-
setzen. Kosten Sie die tiefe Erfahrung der Geborgenheit und Einheit, die sich
einstellt. Ich wünsche Ihnen und uns allen eine achtsame Fastenzeit und
schließlich österliche Freude zur Belohnung.

Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.

Amen.