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Fastenpredigten 2014

Altwerden - Nichts für Feiglinge

'Bis in Euer Alter bin ich derselbe, und ich will Euch tragen, bis Ihr grau werdet'

23. März Dr.med. Wolfram Gröschel, Lauf-Hersbruck

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Der Predigttext für die heutige Predigt steht im Psalm 31, Vers 15 und 16:
Ich aber, Herr, hoffe auf Dich und spreche:
Du bist mein Gott. Meine Zeit steht in Deinen Händen.



Liebe Gemeinde,
ich betreue als Arzt viele Krebskranke, in der Praxis und auch als Teil des Palliative Care Teams im Nürnberger Land. Das Palliative Care Team betreut – unter dem Dach von Diakonie und Caritas - zusammen mit dem Hausarzt, zusammen mit den Angehörigen, Schwerkranke und Sterbende zuhause, deren Angehörige oft auf ihre Weise genauso leiden wie die Sterbenden. Wir können Hilfe leisten bei quälenden Beschwerden wie Schmerzen, Luftnot, Angst, Unruhe und unseren Teil dazu beitragen, dass die Menschen zuhause bleiben und zuhause sterben können.
Als Arzt bin ich dankbar über die Möglichkeiten der modernen Medizin, ich erlebe aber immer wieder auch deren Begrenztheit. Und ich bin als gläubiger Mensch der Überzeugung, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Ich glaube an Ostern.
Alt werden ist nichts für Feiglinge, so lautet das Motto der Fastenpredigten in diesem Jahr. Ich möchte mit Ihnen einige Gedanken teilen über den letzten Lebensabschnitt, über das Sterben. Wie weit können wir Einfluss nehmen, wie weit wollen wir Einfluss nehmen? Wie können wir gut sterben, in Würde sterben?
1) Sterben
In früheren Zeiten war das Sterben zwangsläufig Bestandteil des Alltags. In Großfamilien gab es Geburt, Krankheit und Tod eng beieinander. Man war dem Schicksal in ungleich größerem Maß ergeben als heute. Die Beschäftigung mit Tod und Sterben war Teil des Lebens, eine Ars moriendi.
Heute ist Sterben nicht so „in“. Es wird aus der kollektiven Wahrnehmung und oft auch aus dem Privatleben herausgehalten und verdrängt, es findet oft nicht zuhause statt, sondern in Institutionen wie Krankenhäusern, Altenheimen oder im Hospiz. Im Alltag muss alles funktionieren. Wir sind qualitätskontrolliert, alle Prozesse durchstrukturiert auf ein optimales Ergebnis, auf Leistung. Dabei gehört das Sterben zum Leben dazu, wir haben es alle einmal vor uns, und vorher werden wir es in der Familie und im Freundeskreis vielfach bei anderen miterleben.
Mit dem ersten Atemzug ist sicher, dass wir sterben werden. Auf nichts können wir uns so lange vorbereiten.
Die Medizin hat in den letzten 50 Jahren enorme technische Fortschritte gemacht, Herzen und andere Organe werden heute verpflanzt und viele Menschen können heute gerettet werden, die früher an ihrer Erkrankung oder Verletzung gestorben wären. Auch Krebs ist heute oft heilbar oder für eine lange Zeit beherrschbar. Was aber dieser technikbegeisterten Medizin zunächst fehlte, war ein Gespür für das rechte Maß, das rechte Maß an Technikeinsatz, das rechte Maß an Lebenserhaltung, die anfangs unter Einsatz aller Möglichkeiten der Intensivmedizin oft um jeden Preis verfolgt wurde.
Diese Zeit prägte den Begriff der Apparatemedizin, und diese Vorstellung steht vielen Menschen heute noch als abschreckendes Beispiel vor Augen. Die Medizin hat dadurch viel Vertrauen verloren.
Die notwendige Ergänzung einer Medizin des technisch Machbaren liegt in der Hospiz- und Palliativbewegung, die in den letzten Jahrzehnten einen großen Aufschwung genommen hat. Hier steht in der letzten Lebensphase der Mensch im Mittelpunkt, und die Frage ist nicht, was ist technisch alles möglich, sondern die Frage ist, was braucht dieser Mensch jetzt, hier, heute, was tut ihm jetzt gut, und was tut den Angehörigen gut. Sterben ist ein Prozess, dessen Richtung und Geschwindigkeit nicht vorhersehbar ist, und er ist bei jedem Menschen anders. Deshalb müssen wir uns als Begleiter immer am Sterbenden und an seinen Angehörigen orientieren, an ihren Wünschen, an ihren Nöten, und darauf eingehen, an welcher Stelle sie gerade stehen. Bei Schmerzen, Angst und Luftnot können wir gut helfen. Und es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben, es geht um die Qualität dieses Lebens.
Der Leitgedanke der Palliativmedizin stammt von Cicely Saunders, die Begründerin der Hospizbewegung, wenn sie dem Sterbenden zusprach: Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig. Und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können.
Machen Sie sich persönlich Gedanken darüber, wie Sie sterben wollen? Oder ist Sterben für Sie wie für viele von uns immer noch ein persönliches Tabu?
Ich möchte über zwei Begriffe sprechen, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt werden, über die Würde, und über den Gedanken der Autonomie, also das selbstbestimmte Sterben. Was bedeutet das, und wie kann das gelingen?
2) Würde
Was ist ein Sterben in Würde? Als würdelos wird oft angesehen, der Medizintechnik ausgeliefert zu sein und auf der Intensivstation - das Schreckensbild - an lauter Schläuchen zu hängen. Mit würdelos verbindet man oft auch die zunehmende Hilfsbedürftigkeit der letzten Lebenszeit, wenn man mit körperlichen Gebrechen und Schwächen angewiesen ist auf die Hilfe anderer und vielleicht auch seine Sinne nicht mehr ganz beieinander hat.
Stimmt das? Nein. Dem Menschen ist die Würde von Gott gegeben. Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, zum Bildes Gottes schuf er ihn (1. Mose 1,27). Diese Würde ist nicht verlierbar, sie ist unabhängig von Lebensumständen, wie schrecklich sie auch sein mögen, und man muss sie sich auch nicht verdienen. Diese Würde kann niemand nehmen, sie ist unantastbar, ein Attribut jedes Menschen.
Diese personale Würde bedingt dann aber auch, dass alle Menschen dem Mitmenschen mit Würde und Respekt begegnen. Das heißt, die Würde ist nicht nur eine Eigenschaft des Menschen, sondern ein Verhaltensimperativ für uns alle. Wenn eine Situation als würdelos empfunden wird, so liegt dieser Würdeverlust immer in einem Verhalten, nicht in der Person. Auch eine Situation schwerer Krankheit mit Schmerzen und Leiden ist nicht würdelos, wenn wir uns als Professionelle, als Begleiter, als Familie, als Freunde, helfend, liebevoll und empathisch zuwenden.
Was bleibt, ist, dass schwere Krankheit schwer zu tragen ist, für den Betroffenen wie für die Begleiter.
Ein Sterben in Würde ist also nicht eine Frage der medizinischen oder sozialen Umstände, sondern der respektvollen menschlichen Begleitung. Dies ist ein Auftrag an uns alle.
3) Autonomie
Jetzt komme ich zum nächsten Punkt, zur Frage der Autonomie.
Gutes Sterben wird manchmal reduziert auf ein autonomes Sterben, ein selbstbestimmtes Sterben. Wir wollen heute alles kontrollieren, und wir haben zunehmend die technischen Möglichkeiten dazu. Wir können kontrollieren mit kleinen Geräten, wie viele Schritte wir jeden Tag laufen. Wir können uns das gleiche Gerät nachts um die Brust schnallen und morgens nachlesen, wie gut wir geschlafen haben. Wir können diese Zahlen im Internet einstellen und mit Werten anderer vergleichen. Die totale Vermessung des Lebens ist möglich. Wir designen unseren Körper, unsere Nahrung und zunehmend auch unsere ungeborenen Kinder. Werdende Eltern können problemlos feststellen lassen, ob sie zum Beispiel ein Kind mit dem Down-Syndrom (Mongolismus) erwarten, und sie geraten regelrecht in Rechtfertigungszwang, wenn sie sich dann, mit diesem Wissen, gegen eine Abtreibung entscheiden.
Auch Patientenverfügungen, so segensreich sie sind, beinhalten den Gedanken einer Kontrollierbarkeit, so als könnten wir ankreuzen und vorher festlegen, wie und wo und unter welchen Umständen wir sterben wollen.
Heute wird nicht nur das Leben selbst, sondern auch das Sterben als etwas gesehen, was der Mensch nicht mehr in guter Hoffnung und Zuversicht erwartet, sondern was er selbst zu gestalten hat.
Das wirkt alles so überlegen, und es ist doch so hilflos. Denn hinter all diesem Kontrollbedürfnis steckt letztlich Angst. Angst davor, es könnte nicht so kommen wie geplant, es könnte anders, es könnte schlechter kommen; Angst davor, die Entwicklung letztlich doch nicht völlig vorhersehen zu können, Angst vor dem Ungewissen.
Was wir brauchen anstatt der angstvollen, krampfhaften Kontrolle ist die alte Tugend der Gelassenheit, der Zuversicht auf das, was kommen mag. Die Gelassenheit in einer Grenzerfahrung, die wir selbst eben nicht mehr steuern können. „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“.
Am Ende kann vor allem die Haltung des Erwartens, des Abwartens, des Zulassens der angemessene Umgang mit dem Tod als Teil des Lebens sein. Das gemeinsame Warten auf den Tod, der Tod als Teil des Gemeinsamen.
Oft wird suggeriert, dass die Würde im Sterben nur dann gewahrt werden kann, wenn die Kontrolle über das Geschehen erhalten bleibt. Aber die Sterbephase ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass sie sich der absoluten Kontrollierbarkeit entzieht. Nur wenn man sich von dem Bestreben freimacht, auch im Sterben alles unter Kontrolle zu halten, wird man erst fähig, das Sterben als Teil des Lebens anzunehmen.
Der Mensch ist von Grund auf ein angewiesenes Wesen. Von Geburt an brauchen wir andere, und andere brauchen uns. Ein Leben ohne Beziehung ist freudlos und grau. Die Beziehung zu Gott und zu den Menschen gibt uns Halt und ist das Fundament für ein gelingendes Leben. Am Ende des Lebens wird die Beziehung zu anderen und die Angewiesenheit auf andere in besonderer Weise spürbar. Jeder Mensch wird nicht anders können, als sich irgendwann in die helfende Hand anderer zu begeben. Ja, man verliert dadurch Unabhängigkeit. Aber auch die Autonomie? Nein, man kann auch in Stunden größter Gebrechlichkeit seine Autonomie bewahren, indem man sich so oder anders zu der Situation verhalten kann.
4) Schluss
Ich komme zum Schluss.
Was tut uns also gut, was kann uns am Ende unseres Lebens helfen? Wie können wir andere am Ende ihres Lebens begleiten?
a) Akzeptanz.
Die Akzeptanz, dass der Tod ein Teil des Lebens ist, die letzte Passion in unserem Leben. Wir müssen die Angewiesenheit auf andere als etwas zutiefst zum Menschen Gehöriges begreifen, und nicht als Zeichen von Schwäche und Autonomieverlust. Am Schluss unseres Lebens müssen wir – als Sterbende wie auch als Angehörige und Begleiter - die Kontrolle abgeben, wir müssen und wir dürfen geschehen lassen.
b) Begleitet sein, nicht alleine sein.
Unser Leben gründet auf Beziehungen, zu Mitmenschen, und zu Gott. Würdevolle Begleitung bedeutet würdevollen, respektvollen Umgang mit dem Sterbenden, empathische, liebevolle Begegnung und Zuwendung, gemeinsames Warten auf den Tod. Diese Begleitung ist für beide, den Sterbenden und die Begleiter, ein Geben und Nehmen, und oft ein Geschenk.
3) Kraftquelle Glaube
Auch wer Zeit seines Lebens eine distanzierte Einstellung zum Glauben hatte, fragt am Lebensende oft nach einem Sinn, nach Gott. Als Christen haben wir das unermessliche Geschenk der Vergebung für unsere Schuld und für die Schuld anderer. Eigene und fremde Schuld, oft lebenslang unterdrückt, kann sich in der letzten Lebensphase Bahn brechen. Diese Nöte müssen und sollen gehört werden und brauchen Seelsorger und Mitchristen. So können wir wirklich heil werden, ganz werden. Die Verankerung im Glauben ist für Sterbende und ihre Angehörigen Kraftquelle, Halt und Führung.
Gibt es ein gutes Sterben?
Sterben ist nicht gut noch schlecht.
Sterben ist.
Meine Zeit liegt in Deinen Händen.
Im Loslassen ein Finden.
Das schenke Gott uns allen.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.
Amen

16. März Diakon Fritz Blanz, Lauf

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Predigt Hebräer 11, 8-10
Gnade sei mich Euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Hebräerbrief im 11. Kapitel. Wir lesen die Verse 8-10: (8)Im Glauben gehorchte Abraham Gottes Ruf, auszuwandern zu einem Ort, den er zum Erbe empfangen sollte: Und er wanderte aus, ohne zu wissen, wohin ihn der Weg führte. (9)Im Glauben ließ er sich nieder in dem Land, das ihm verheißen war, als Fremdling in einem fremden Land, und wohnte dort in Zelten zusammen mit Isaak und Jakob, den Miterben der Verheißung. (10) Denn er wartete auf die Stadt, die auf sicherem Fundament steht, weil Gott ihr Planer und Erbauer ist.
 
Lasst uns in der Stille um den Segen des Wortes Gottes beten …
.......................
Herr, segne unser Reden und Hören.
 
Liebe Gemeinde,
Alt werden – nichts für Feiglinge?!
So lautet der Titel unserer diesjährigen Fastenpredigten.
Rhetorisch geschickt, weil zwei Aussagen darin verborgen sind:
Alt werden – nichts für Feiglinge? Wirklich? Also mir wird es schon unangenehm, wenn ich daran denke, was auf uns als alte Menschen zukommt! So sprechen nicht wenige, wenn sie sich zum Altern in unserer Gesellschaft äußern.
Und dann noch die andere Version: Alt werden – nichts für Feiglinge! Als wolle man sagen: Keine Sorge! Ich freue mich schon auf das Alter! Ich hab noch so viel vor! Das ewige Gejammer – das ist nichts für mich!
Gerne gehe ich auf die Spannungen ein, die einerseits zwischen den Realitäten liegen, die wir alltäglich in Zeitung und Rundfunk erfahren und andererseits die visionären Gedanken, die uns der Hebräerbrief bietet.
 
Die gesellschaftlichen Realitäten geben Grund und Anlass zur Verunsicherung
Spätestens seit wir von einer alternden Gesellschaft sprechen, erkennen wir die noch ungelösten Herausforderungen: „Die Renten sind sicher“, so das geflügelte Wort von Norbert Blüm aus dem Jahr 1986 – bloß auf welchem Niveau? Können wir der jungen Generation die Lasten der Alterssicherung aufbürden?
Wie viel Geld wird jeder und jede im Alter zur Verfügung haben – und reicht das zum Leben? Schon heute gibt es ernüchternde Prognosen zur Altersarmut. In der Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung „Einmal arm – immer arm“ wurde auf der Basis der aktuellen Arbeitsmarktlage festgestellt, wer morgen in der Altersarmut leben wird. Es sind Menschen, die längerfristig arbeitslos waren, Frauen, die ihre Kinder jahrelang betreuten, Frauen mit geringfügiger Beschäftigung oder im Niedriglohnsektor, es sind Menschen mit Migrationshintergrund, wie jüdische Einwanderer, türkische Arbeitnehmer, Russland- und Rumäniendeutsche u. a. m. Sie werden überwiegend von Sozialhilfe leben. Das Institut geht davon aus, dass ab 2020 ein massiver Anstieg der Altersarmut beginnt.
Wie werden Menschen im Alter leben, wenn ihre Kräfte nachlassen und sie auf die Hilfe angewiesen sind? Gewaltige Altenheime mit schlechter Versorgung? Oder vereinsamt in billigen Mietwohnungen oder baufälligen Häusern auf dem Land ... verlassen von ihren Kindern, die einen Arbeitsplatz hunderte Kilometer entfernt suchen mussten?
Werden ältere Menschen ihren Platz in einer Gesellschaft finden, die auf starke, kräftige Menschen baut. Gibt es gar nur Lebensqualität für Senioren mit ausreichendem Sparvermögen?
Alt werden – nichts für Feiglinge? Möchte man da nicht die Freude am Altern, den Mut zu einem selbstbestimmten Leben aufgeben? Ja, ich gestehe, der Titel der Fastenpredigten hat mich irritiert, weil ich durch meine tägliche Arbeit die Lebenslagen älterer Menschen hautnah mitbekomme. Die Kirchliche Allgemeine Sozialarbeit, die zu meinem Verantwortungsbereich in der Diakonie Bayern gehört, berät jedes Jahr 20.000 Familien in schwierigen Lebenslagen – in der Regel in Armut und zunehmend in bitterer Armut. Und stetig steigt die Beratung für alte Menschen in Not.
Alt werden – nichts für Feiglinge! Nein, ich spüre, wie sich innerlich Widerstand regt. Ich wehre mich gegen diese belastenden Gedanken. Ja, als Christ ist es eine Grundqualität, gegen das zu protestieren, was Menschen belastet. Die christliche Botschaft ist eine Botschaft der Hoffnung und der Zuversicht. Und diese Botschaft begegnet uns im heutigen Predigttext. Es ist die Erinnerung an den alten Mann Abraham und auch die Botschaft seiner Frau Sarah – zwei alten Menschen, die so würdevoll beschrieben werden. Ja (!), mit ihnen lässt sich Seniorenpolitik machen, dachte ich mir.
 
Zwei Qualitäten entdecke ich im heutigen Predigttext, die ich gerne mit Themen des Altwerdens verknüpfen möchte:
a) Nämlich den Glauben bzw. das Vertrauen als christliches Grundmotiv und
b) die Erfahrung dass unser Leben eine Wanderschaft ist, ein sich auf den Weg machen ist, mit allen Folgen der Fremdheit.
Was aber sind die Themen der Menschen im Alter? Aus meinen persönlichen Erfahrungen möchte ich vier ansprechen
  1. Weisheit und Lebenserfahrungen

  2. Gesundheit und Schwächen

  3. Koalition zwischen Jung und Alt

  4. Die Begegnung mit dem Tod

Erinnern wir uns noch einmal an die Geschichte der Urväter:
Abraham verlässt seine vertraute Heimat. Mit ihm teilt seine Frau Sarah das Lebensschicksal. Sie leben aus der Verheißung, die Gott ihnen zuspricht: Das Land, in dem Milch und Honig fließen wird. Beide machen sich auf den Weg und das was sie stets begleitet, ist ihr Glaube. Er trägt sie – ein Leben lang. Damit wird er zum Stammvater und sie zur lachenden Mutter eines großen und gesegneten Volkes. Im Vertrauen auf Gott lag ihr Segen. Abraham und Sarah werden gerne als altes, weises Paar dargestellt. Womit wir beim ersten Thema wären:
Es sind Weisheiten und Lebenserfahrungen, die uns aus den Augen älterer Menschen entgegen leuchten. Sie werden von den alltäglichen Ereignissen nicht mehr so leicht erschüttert und sie zeigen bei gesellschaftlichen Veränderungen deutlich mehr Gelassenheit. Ein übereiltes Urteil können sie abwehren. Und es bleibt ihnen ein unbeirrbares Gespür für das, was gut und was nicht akzeptabel ist.
Weisheit und Lebenserfahrung sind die Ergebnisse eines erfüllten, intensiven und satten Lebens: In ihrem Urteil liegt mehr Milde und Verständnis. ... Diese Güte brauchen wir in unseren Familien, unserer Gemeinde, in unserer Stadt. Ist sie nicht letztlich gelebte Botschaft Gottes? Ist es nicht ein Vertrauen, das Gott uns von Anbeginn der Schöpfung mitgegeben hat und das unseren Glauben bis heute prägt? Ja, ich bin überzeugt, dass Menschen im Alter eine „satte Religiosität“ in unsere Gemeinden tragen? Ein unersetzliches Talent, mit dem wir wuchern sollten.
Schließlich gönnen sich ältere Menschen mit Ihrer Lebenserfahrung Ruhe und Zeit. Während wir jammern, wie wenig Zeit uns doch bleibt, erwidern ältere Menschen: Ich habe Zeit! Ich habe Zeit, um mich um meine Nachbarin zu kümmern. Ich habe Zeit, um Freundschaften zu pflegen. Ich habe Zeit, um den Enkeln einen schönen Tag zu schenken. Ich habe Zeit zum Zuhören... Ältere schenken uns damit damit Lebensqualität.
Weisheit und Lebenserfahrung benötigt man im Alter aber auch, um mit der Gesundheit und ihren Schwächen leben zu können. Womit wir beim zweiten Thema wären: Das Alter ist begleitet von nachlassender Gesundheit und zunehmender Schwäche.
Die Kraft der Jugend nimmt Abschied. Statt Rock'n Roll tanzt man nun lieber Englischen Walzer, Feiern werden in den Nachmittag verlegt, damit man rechtzeitig ins Bett kommt und beim Arbeiten folgt man behutsam Schritt für Schritt. Der Tagesrhythmus wird entschleunigt, um die Kräfte für den Tag gut einzuteilen. Das ist in Ordnung, denn Bäume ausreißen ist nicht die Herausforderung des Alters.
Bei aller Idealisierung dürfen wir aber eines nicht vergessen. Krankheiten und Schwächen, verminderte Bewegungsfreiheit, Herz- und Kreislaufbeschwerden und andere Belastungen erschweren das Leben im Alter. Die Demenz verändert Persönlichkeiten. Um den Kranken baut sich eine andere Welt, eine eigene Welt auf, die Außenstehende nur schwer verstehen. Manches Vertraute wird plötzlich fremd.
Auch wenn uns die Begegnung mit Demenzkranken verunsichert, so sollten wir immer Bedenken: Unsicherheit ist der erste Schritt, verkrustete Denkmuster aufzubrechen. Deshalb sollten wir die Begegnung mit dem uns fremd gewordenen alten Menschen bejahen, so wie Abraham die Begegnung mit dem Fremden suchte. Solche Begegnungen sind Teil unseres eigenen Reifungsprozesses und lassen uns selber weiser werden.
Wir würden ein naives Bild vom Alter malen, wenn wir die Alterskrankheiten aus unserer Lebenswirklichkeit ausschließen. Die Kräfte lassen nach, gesundheitliche Beeinträchtigen stören den gewollten Lebensrhythmus. „Es ist so wie es ist“, spricht dann so mancher alte Mensch geduldig. Wir aber tun gut daran, auch den schwachen Menschen in unserer Mitte zu behalten, denn im Schwachen Menschen begegnet uns Christus. Schwachheit ist Teil christlicher Realität.


Zum dritten Thema: Koalitionen zwischen Jung und Alt
Eine sehr schöne Beobachtung machte ich bei meiner eigenen Schwiegermutter. Sie hatte eine unbeirrbare positive Beziehung zu unseren Kindern. Wenn wir als Eltern die Kinder schimpften, dann stellte sich unsere Schwiegermutter vor die Kinder und betonte, dass sie doch im Herzen grundgute Menschen seien. Das führte nicht selten zur Sprachlosigkeit auf unserer Seite. Selbst wenn es offensichtlich war, dass unser Sohn etwas angestellt hatte und unsere Geduld am Ende war, dann meinte unsere Oma: „Aber er hat es doch nicht so gemeint und das macht er bestimmt nicht wieder“. Sie war überzeugt von dem Guten in unseren Kindern – und sie behielt damit Recht.
Es sind Koalitionen der Güte, des Vertrauen und des Zutrauens. Es sind Koalitionen, die dem anderen immer wieder eine Chance geben. Aus der Haltung meiner Schwiegermutter konnte ich lernen: Konflikte darf man gerne austragen, aber(!) sie müssen so geführt werden, dass dem anderen ein Hintertürchen offen bleibt, ein Fluchtweg, wenn es eng wird. Dafür bin ich meiner Schwiegermutter heute noch dankbar.
Lassen sie mich schließlich das vierte Thema ansprechen, weil es selbstverständlich zum Alter gehört, andererseits uns aber jedes Mal neu erschrecken lässt: es ist die Begegnung mit dem Tod. Ja, es ist eine Wahrheit, dass wir im Alter dem Tod näher sind. Er wird uns begegnen und keiner kommt daran vorbei.
Die meisten betagten Menschen bereiten sich auf diese Begegnung vor: Sie besuchen Beerdigungen, begleiten Freunde und Verwandte in den letzten Stunden, beten für Alte und Kranke.
Wir sind gut beraten, das Thema zusammen mit der älteren Generation anzunehmen. Denn wie heißt es schon im 90. Psalm:Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
Der Tod eines nahen Verwandten kann unseren Glauben an Grenzen bringen. Es ist der Moment, in dem wir unsere ganze Machtlosigkeit spüren und wir uns die Nähe Gottes sehnlichst herbeiwünschen. Wir brauchen den Glauben – das Vertrauen zu Gott, denn wir lassen einen geliebten Menschen für immer gehen. Es bleibt nur die Auferstehungshoffnung, die uns dann begleitet und unsere Gebete mit Sinn erfüllt.
Ich bin überzeugt, dass die Begleitung von Menschen in ihren letzten Wochen und Stunden uns selber stark macht. Sie schenkt unserem Glauben einen Tiefgang, den wir sonst selten erleben. Als unsere Schwiegermutter letztes Jahr verstarb, konnten wir diese Erfahrungen hautnah miterleben. In den letzten Monaten erlebten wir, wie sie zunehmend abbaute. In den letzten Tagen begleitete die gesamte Familie unsere Oma. Ihre Kinder und Schwiegerkinder und viele der Enkel saßen an ihrem Bett. Am Karfreitag feierten wir mit ihr noch das letzte Abendmahl. Am Nachmittag schloss sie ihre Augen. Das war für mich ein Karfreitag, den ich in seiner ganzen Tragweite erlebte. Und danach kehrte die Leere ein, wie sie auch die Jünger bis Ostern erfahren mussten.
Ich selber hatte die Osternacht mit vorbereitet und feierte dann, unter den starken Eindrücken der letzten Tage, den Ostermorgen und die Auferstehung. In diesen Momenten war ich sicher, dass uns die Botschaft der Auferstehung die Angst vor dem Tod nimmt. Er war eine intensive Ostererfahrung, die ich damals erlebte – ein letztes Geschenk unserer Schwiegermutter.
Alte Menschen leben mit dem Tod und der Auferstehung. Und nicht selten geben sie uns etwas mit, das über ihr Leben hinaus bestand hat. Es sind tiefe Erfahrungen des Glaubens – Geschenke die wir ohne großes Zutun bekommen und annehmen dürfen.
 
Liebe Gemeinde,
denken wir noch einmal an den Anfang der Predigt. Dort erzählte ich von der Altersarmut. Unsere Finanzen werden nicht ausreichen, um das Problem einigermaßen zufriedenstellend zu lösen. Was Geld nicht schafft, müssen wir mit der Solidargemeinschaft schaffen. Und wer könnte sie besser anbieten, als wir Christen?!
Wir brauchen ein visionäres Bild von einer alternden Gesellschaft ...eine Idee vom Land, in dem Milch und Honig fließt, einen Traum vom neuen Jerusalem! Wir brauchen Gemeinden, in denen sich alle – ausnahmslos – mit Würde in die Augen blicken können.
 
Lassen sie mich am Ende der Predigt die Vision einer solchen Gemeinschaft beschreiben:
Ich sehne mich nach dem neuen Jerusalem
* in dem sich die Alten um die Enkel kümmern und die Jungen ihre Eltern
   umsorgen
* in dem sich die Arbeitswelt nach dem Wohlbefinden der alten Menschen
   richtet und die Pflege von Angehörigen vom Arbeitgeber belohnt wird.
* in dem alte Menschen als Engel Gottes angesehen sind, die erzählen
   können von den guten Taten Gottes und dem ringen um Gottes Nähe
* in dem das Leben bis zum letzten Atemzug Qualität hat, selbst wenn
   das Leid uns beherrscht
 
Ich sehne mich nach Häusern in dem neuen Jerusalem
* die so gebaut sind, dass die Generationen unter einem Dach wohnen
   und jeder seine Aufgabe hat,
* in dem Jung und Alt zusammensitzen, ...die einen erzählen von ihrem
   Arbeitstag und die anderen von ihrem Leben.
* Häuser, die uns lehren, dass im schwachen Menschen Christus mit uns
   am Tisch sitzt.
* In dem die Begegnung mit dem entfremdeten alten Menschen, dem
   Demenzkranken zur Normalität wird
 
Ich sehne mich nach einem Land Kanaan
* In dem die Realität des Todes Teil unserer Klugheit ist.
* Ein Land, in dem Koalitionen der Güte, des Vertrauen und des
   Zutrauens zur Lebenswirklichkeit gehören,
* Eine Gesellschaft, in der Milde und Verständnis Grundtugenden sind.
 
Wir brauchen eine Gesellschaft, von der andere Menschen mit Hochachtung das Jesaja Wort zitieren:
JA, bis in ihr Alter ist Gott derselbe, und er will sie tragen, bis sie grau werden“
Ich sehne mich nach dem Land, das Gott uns verheißen hat und ich glaube, dass wir es eines Tages erreichen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre und Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
 
Fritz Blanz
16. März 2014
 

9. März Dr. Stephan M. Abt, Hersbruck

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Seite 1 von 13
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
Der Predigttext für die heutige Predigt steht bei
2 Kor 6,1-10
  1. Als Mitarbeiter (sc. Gottes) ermahnen wir, dass
     ihr die Gnade Gottes nicht ins Leere (umsonst)
     angenommen habt.
  2. Gott sagt ja: „Zur willkommenen (rechten) Zeit
     habe ich dich erhört, und am Tag der Rettung
     habe ich dir geholfen.  Schau: jetzt ist die
     hochwillkommene (optimale) Zeit;
     Schau: jetzt ist der Tag der Rettung“. -
  3. Wir geben niemandem Anstoß, damit der Dienst nicht verhöhnt wird,
 
  4. sondern in allem empfehlen wir uns als Gottes Diener: in viel Geduld, in
    Bedrängnissen, in Notlagen, in Drangsalen,
  5. bei Schlägen, in Gefängnissen, in Unruhen, in Mühsalen, in schlaflosen
     Nächten, in Fasten,
  6. in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im heiligen Geist, in unge-
      heuchelter Liebe,
  7. im Reden (der Wahrheit), in der Kraft Gottes; durch die rechten und linken
     Waffen der Gerechtigkeit,
  8. in Ehre und Schmach, in böser Nachrede und guter Nachrede; wir gelten
     als Verführer – aber wir sind doch Wahrhaftige,
  9. wir gelten als Unbedeutende - aber wir sind doch anerkannt, wir gelten als
    Sterbende – aber siehe: wir leben; wir sind Gezüchtigte - aber wir sind nicht
    getötet,
10. wir sind Betrübte –aber doch freuen wir uns immer, wir sind Bettler –aber
     wir machen Viele reich, wir sind Habenichtse – aber wir besitzen doch alles.
 
Predigt am 09.03.2014 in Lauf Dr. Stephan M. Abt
Seite 2 von 13
Liebe Gemeinde,
1. Die Herrlichkeit der apostolischen Leiden (2 Kor 6,1-10)
Paulus spricht von seinen Leiden; aber: im Zusammenhang (und in  Korres-pondenz) zur Herrlichkeit Gottes; nur so kann er sich in seiner Existenz verstehen; nie losgelöst sein Leben vom Leben Gottes. Und so auch nicht sein Leiden nicht losgelöst von der Herrlichkeit Gottes, wenn und insofern sein Leiden mit Gott zu tun hat.
Das ist die„Wahrheit“ – weil Gott die Wahrheit ist und nur so die Wahrheit über sich selbst zu entdecken ist.
 
Vers 1:
Paulus hatte von der ganzen Größe der Gnade Gottes gesprochen. Aber wenn er die Zustände in Korinth sieht, überkommt ihn tiefe Sorge. War alles das, was sich unter Verkündigung Evangeliums ereignet hatte, vergeblich?
Ins Leere gegangen? Ohne Auswirkung und Frucht?
Gottes Gnade in ihrer unerhörten Größe: vergeblich?
Konkret:
- Gotteskindschaft: vergeblich?
- Taufe: vergeblich?
- Konfirmation/Firmung: vergeblich?
- Religions- und Konfirmationsunterricht: in’s Leere?
- Kirchliche Eheschließung: umsonst?
- Abendmahl und Eucharistie: vergeblich?
=> War das alles vergeblich, in’s Leere?
 
Vers 2:
Gottes Gnade ist nicht eine in sich ruhende Größe, sie ist ja nichts Festes, so wie wenn wir uns etwa irgendetwas Materielles schenken würden, das man mitnimmt, und das als Geschenk bleibt. Bei Gottes Gnade ist es so, dass sie angenommen werden will; oder auch abgelehnt werden kann. Gottes Gnade ist einerseits abhängig von uns, anderseits hat sie je ihre Zeit. Gott ist lebendig. Gottes lebendige Geschichte hat ihre „Zeit“, und trifft auf unsere Zeit, unser „Jetzt“, und macht so Zeit zu einer entscheidenden Zeit, in der alles gewonnen oder alles verloren werden kann. Gott sagt: „Siehe, jetzt ist die hochwillkommene Zeit; jetzt ist der Tag des Heiles!“ Gott hat sein „Jetzt“ gesetzt. Der Mensch kann sich demnach die Zeit nicht selber aussuchen.
Jetzt ist der Gnade Gottes der Weg zur Fruchtbarkeit freizumachen!
 
Predigt am 09.03.2014 in Lauf Dr. Stephan M. Abr
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Die hochwillkommene Zeit ist „Jetzt“; das Jetzt ist Gott willkommen – auch wenn wir es nicht willkommen heißen.
Es geht bei Paulus aber nicht um irgendetwas Weltlich-Irdisches bei diesem JETZT (z.B. dass jetzt die optimale Zeit für Immobiliengeschäft, Urlaubsschnäppchen, Kreditaufnahme [bei den günstigen Zinsen!] etc. sei), sondern bei diesem JETZT geht es um das Reich Gottes und um seinen Dienst als Apostel, als Botschafter für Christus.
 
Vers 3:
Um das genauer zu verstehen sagt Paulus: „Ich empfehle mich!“ Paulus empfiehlt sich; rühmt sich mit der Fülle tatsächlicher Bewährung.
 
Vers 4:
Seine Logik also:
„Ich empfehle mich!“ Nach dem Motto: Tu Gutes und rede darüber! Auf diese Weise empfehle ich IHN!, Gott, von dem alle Kraft kommt.
Und so wird er zum Apostel für andere, weil sie (sc. die Anderen) dadurch zum Glauben kommen (können). In all dem soll sich der Herr als der Gekreuzigte und der Auferstandene spiegeln. 
Paulus spricht zuerst von der Fülle der äußeren Nöte und Schwierigkeiten: Von Drangsalen, Zwangslagen und Engen. Gerade das will sagen: Ein Christ kann sich demnach nicht nach freiem Wunsch bewegen, hat keinen freien Raum, sondern muss sich in schwierige Lagen schicken.
 
Vers 5:
Paulus spricht von Mühsalen und durchwachten Nächten.
 
Vers 6:
Eine besondere Empfehlung sieht Paulus in der Lauterkeit seiner Motive. Jemand sagte einmal: „Ich liebe Sie genug, um Ihnen die (unangenehme) Wahrheit zu sagen“. Das ist die Anforderung an den Dienst: „Im heiligen Geist zu verkünden“; also nicht um sich einzuschmeicheln, nicht um den Menschen nach dem Mund zu reden, nicht um den Menschen das zu erzählen, was sie gerne hören wollen.
Nein: die Liebe zeigt sich gerade darin, dass sie den Mut zur unangenehmen Wahrheit hat. Lautere Gesinnung, also absichtslose Liebe führt beispielsweise zur Fähigkeit, die Wahrheit zu sagen – und das macht mitunter „zittern“.
 
Predigt am 09.03.2014 in Lauf Dr. Stephan M. Abt
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Vers 7:
Das nennt Paulus: „Ungeheuchelte Liebe“. Echte Liebe ist von der Wahrheit nicht zu trennen; das Wort der Wahrheit ist das Arbeitsmittel des Paulus. Diese Welt liebt die unangenehme Wahrheit nicht, sondern flüchtet sich in den Schein und in die Phrasen, was nichts anderes ist als Flucht „in die Lebens-Lüge“.
Paulus macht die Erfahrung: Die Wahrheit zu sagen macht „Zittern“.
 
Vers 8:
Paulus sieht sein Wirken und sieht: es ist ein Kampf. Der Dienst an der Wahrheit ist ein Kampf! Nicht einmal wesentlich mit Menschen, sondern mit Mächten!, nämlich den Herren der Welt. Dafür braucht man eine doppelte Waffenrüstung (vgl. Röm 13,12). „Waffen der Gerechtigkeit“. Zur rechten Hand: Angriffswaffen, zur linken Hand: Verteidigungswaffen. „Angriffswaffen“ – uns ein Ausdruck, der uns kaum über die Lippen kommen will; gemeint ist z.B. „das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes“ (Eph 6,17), die Wahrheit ungeschönt und furchtlos sagen: das ist eine Angriffswaffe. „Lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenk und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens“ (Hebr  4,12)
Verteidigungswaffe: Schild. „Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen“ (Eph 6,16).
Und nun kommen gewaltige Gegensätze, die Paulus durch ein „aber“ zusammenhält. Dieses gewichtige „Aber“ ist häufig in der Bibel. Einerseits werden die Nöte und Schwierigkeiten unverhüllt und unbeschönigt ausgesprochen. „Aber“ ihnen entgegen wird bezeugt, was diese Schwierigkeiten von Gott her so überwindet, dass sie nicht an ihr zerstörendes Ziel gelangen können.
Sieben Antithesen: Diese Antithesen laufen letztlich darauf hinaus, dass sie sagen: Das Christentum steht quer zum „life stream“, quer zur weltlichen Auffassung vom Lebensglück!
Die Gegensätze von: erfahrenen Schwierigkeiten und ebenso erfahrenem Sieg der Kraft Gottes in diesen Schwierigkeiten.
 
Vers 9:
1. „Verführer“ wird er genannt - aber: was er sagt ist „doch wahr“! Was er sagt führt zur Wahrheit und zum Leben.
 
Predigt am 09.03.2014 in Lauf Dr. Stephan M. Abt
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2. „unbekannt“ ist er – aber doch „bekannt“; ein unbekannter, unansehnlicher
Jude, ein „nobody“; und doch: wohlbekannt
3. Als „Sterbender“ sieht sich Paulus - aber siehe: „wir leben“. Gemeint ist nicht
nur irgendein physisches Überleben, sondern: Paulus lebt „wahrhaft“, während
andere scheinbar sehr lebendige Menschen in Wahrheit „tot“ sind; tot vor Gott.
4. Paulus sieht hinter den Schwierigkeiten nicht nur menschliche Bosheit am
Werk. Hinter dem Tun der Menschen, die ihm Schmerzen zufügen, sieht er die
Hand Gottes. Gott „züchtigt“ (παιδευοµει - erzieht), treibt Pädagogik. Diese
Pädagogik führt nicht zum Tode, sondern zum Leben.
 
Vers 10:
5. Die Leiden des Paulus sind ernst. Paulus und seine Mitarbeiter sind oft
„traurig“. Und dennoch: „voll Freude“. Diese Freude hebt den Schmerz auch
nicht einfach auf. Sie ist im Herzen; die Freude des Heiligen Geistes.
6. Paulus ist „arm“ – und „macht viele reich“. Was für ein Reichtum? Er darf
Inhalt, Sinn und Fülle des Lebens Jesu schenken!
7. Die letzte und größte Paradoxie: „Nichts habend“ und doch: „alles besitzend“.
Paulus ist ein Habender, obwohl er besitzlos durch die Welt wandert. Denn
„alles ist euer“ (1 Kor 3,21); „in Christus gehört ihm alles“ – so sieht er sich. Er
sieht sich als Gottes Erbe und als Miterbe Christi. Dieses Erbe ist jetzt schon
sein, auch wenn er es erst in der Herrlichkeit erhalten wird (Röm 8,28).
 All das sieht Paulus als Tatsache in seinem Leben und in seinem Dienst. Und
er ist sicher: sein Dasein hat nicht zufällig diese Gestalt. Und so wird seine
Sicht zur Frage an uns heute:
Sind bei uns diese Linien zu sehen?
Können wir von uns und unserem Dienst in entsprechender Weise
reden?
Wenn unser Dienst überhaupt nichts von dem erkennen lässt, was Paulus von
sich bezeugt, dann müssen wir uns ernsthaft fragen, woran das liegt?!
 
2. Das Alter – nichts für Feiglinge
2.1 Der anthropologische Befund
2.1.1 Die Lebensaufgaben
Das Alter sei nichts für Feiglinge – so steht es als Frage über unserer Predigt. Um hier eine Antwort zu finden kommt es darauf an, zu sehen:
 
Predigt am 09.03.2014 in Lauf Dr. Stephan M. Abt 
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Was ist denn Aufgabe des Lebens?
Und weiter: Was ist Aufgabe des Alters?
Wichtige Stationen in der Persönlichkeitswerdung- so sagt uns die Entwicklungspsychologie – sind, dass wir zunächst im frühkindlichen Alter lernen, zu vertrauen.
Die erste Lebensaufgabe: darauf vertrauen, dass unsere Primärbezugsperson uns hält; den Bezug hält, geht – und wieder kommt. Wenn aber das Kleinkind nie lernt, Vertrauen zu haben, trägt es als Kind eine immense Bürde.
Anstatt darauf zu vertrauen, dass es harte Zeiten überleben und meistern kann, wird es zum Ankläger. In der Kindheit besteht unsere Lebensaufgabe auch darin, die Dinge beherrschen zu lernen. Wir sind tief befriedigt, wenn wir etwas können, dass wir aber auch Fehler machen dürfen. Wenn wir das nicht lernen dürfen, sondern perfekt sein müssen (keine Fehler machen dürfen), dann werden wir bis ins hohe Alter eine zwanghafte Selbstkontrolle mit uns schleppen. Wir halten uns dann fest am Geländer, passen auf unsere Sachen auf, häufen an und horten.
Eine nächste Lebensaufgabe im jungen Erwachsenenalter ist das Finden eigener Identität.
* Identität: Wer bin ich – was gehört zu mir? Wer und wie will ich sein?
Zu dieser Aufgabe gehört, bisherige familiäre Bindungen zu lösen. Wir kämpfen
dabei eigentlich um unsere Identität, darum, wer wir eigentlich sind. Wir müssen herausfinden, was von dem, was uns anerzogen ist, wirklich zu uns gehört und was wir „behalten“ wollen und was uns nicht entspricht. Das hat dann Auswirkungen auf unseren Lebensstil, unsere Berufs- und Partnerwahl, auf unsere Entscheidungen und Ansichten und auch darauf, für welche Werte wir uns einsetzen und wie wir unsere eigenen Kinder erziehen.
* Intimität: Nähe geben und gewähren („aushalten“)
Im Erwachsenenalter besteht unsere Aufgabe darin, jemand anderem nahezustehen.
Wir suchen intime Nähe. Wir lernen Intimität. Zur Nähe gehört aber beides: Nähe auszuhalten und sich in echte Nähe zu begeben und nicht vor ihr zu fliehen (Lit: Anne Wilson Schaef, Brigitte Jakobeit, Die Flucht vor der Nähe, dtv, München 1989. Warum Liebe, die süchtig macht, keine Liebe ist: Wir müssen uns selbst nahe sein, um wirkliche Nähe zu anderen erleben zu können).
* Integrität: Leben ist Fragment; die Bruchstücke integrieren
Im Alter geben wir uns Rechenschaft über das, was wir mit unserem Leben getan haben; nicht unbedingt intellektuell und verstandesmäßig, sondern mindestens innerlich und seelisch; wir schauen zurück. Unsere Seele sucht Integrität. Selten ist eine Lebensaufgabe ganz abgeschlossen.
 
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wir müssen – wie bei der Ernte – wieder zurück und verlorenes Stroh aufheben. Wir spüren, dass Vieles abnimmt: unsere Leistungsfähigkeit, unsere Attraktivität, unsere Rollen, die wir in Beruf und Gesellschaft, aber auch in der Familie innehatten. Wir sind nicht mehr die tollen und gefragten Menschen. Wir beginnen vielleicht auch „zu riechen“, nicht mehr alles im Griff zu haben. Auch diese Verluste wollen integriert und angenommen werden. Vor allem kommt nun die Aufgabe, Fragmente und Bruchstücke zu integrieren. Eine integre Persönlichkeit unbedingt meine Anständigkeit Übereinstimmung von Wort und Tat, sondern die letzte Lebensaufgabe, nämlich die Aufarbeitung.
Menschen mit ungelösten Lebensaufgaben tragen emotionale Lasten. Unsere Seele hat dann damit zu tun, schmerzende Emotionen „loszuwerden“. Wir treten ein in die Aufarbeitungsphase unseres Lebens, damit wir in Frieden sterben können.-
(Literatur: Erik Erikson, Childhood and society. New York 1963; Feil, Naomi, Validation in Anwendung und Beispielen, München, 2. Aufl. 2000, 26-33)
• In all diesen Phasen aber steht die Lebensaufgabe der Generativität: sich
„aussamen“, Frucht bringen, Leben und -serfahrung weitergeben
(Lit. Riedel, Ingrid, Die innere Freiheit des Alterns, Patmos-Verlag Düsseldorf, 2009, 177-179)
Wenn ich ein Bild für einen alten Menschen suche - für Menschen im Alter -, so sehe  ich neben anderen Bildern eine Pusteblume vor mir: eine Löwenzahnblüte, weiß geworden, zart zur runden Kugel gestaltet,


kurzum: reif geworden, sich auszusamen… Ihre vitale Leuchtkraft hat sich in zarte Helligkeit verwandelt, ihr kraftvolles Wurzeln im Grund des Blütenstands in absprungbereite Leichtigkeit. Nun muss nur ein Windhauch kommen oder ein heftiges Angeblasenwerden: Schon löst sich das in seiner reifen Form so fragil gewordene Gebilde, entgrenzt sich, löst sich auf in lauter kleine federleichte Fallschirme, die ihm entschweben - natürlich nicht, um sich in der Luft zu verlieren, sondern um vielleicht an weit entfernten Stellen zu landen und sich wieder einzuwurzeln. Denn ein jeder dieser kleinen Fallschirme trägt

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ein Samenkorn mit sich, das ihn veranlasst, wieder zu landen und sich wieder zu erden. Der Löwenzahn, nach seiner Blüte zur Pusteblume geworden, samt sich aus.
Die Löwenzahnblüte, zur Pusteblume geworden, scheint mir in manchem dem alten Menschen vergleichbar. Die Zeit des Blühens ist vorüber, die Blüte hat sich transformiert, ist eine einzige Samenquelle geworden - ihre Auflösung bedeutet zugleich ihre Aussamung in unabsehbare Räume hinein. Ihre Aussamung  bedeutet Generativität: der Mensch wird fruchtbar über seine Daseinsform und Lebenszeit hinaus. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir es beabsichtigen oder nicht, die Samen unseres Lebens fliegen aus. Sichtbar ist mögliche Aussamung natürlich in der physiologischen Folge von Kindern und Enkeln,sichtbarauch in der Generationenfolge, die Vieles von der prägenden Wesensart eines Menschen, seiner Gesinnung und Einstellung weitertragen. Viel weniger erkennbar, aber tausendfach unübersehbar sind die Spuren, die wir hinterlassen, die lebendigen Aussamungen durch unser Verhalten im Alltag. Vor allem die späteren Jahre eines Lebens geben uns die Chance und Gelegenheit, solches Aussamen, das unbewusst geschieht, bewusster zu erleben und zu bedenken; vielleicht sogar ein wenig mitzulenken, solange wir noch gestalten können.
Noch bist du da
Wirf deine Angst in die Luft
Bald ist deine Zeit um
bald wächst der Himmel unter dem Gras
fallen deine Träume ins Nirgends
Noch duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da
Sei was du bist
Gib was du hast
Rose Ausländer
(Ausländer, Rose, Ich hörte das Herz des Oleanders. Gedichte 1977-1979, 2. Aufl. S. Fischer, Frankfurt am Main, 1984, 86)
 
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2.1.2 Die Endlichkeit und Begrenztheit aushalten.
Nicht mehr aus „Zuwachs“ leben können, sondern aus „Abnahme“ und „Weniger“,auch in der konkreten Gestalt zu helfen und sich helfen lassen zu müssen!
Nichts scheint uns mehr zu provozieren, als „abhängig“ zu sein auf dem Hintergrund des Dogmas von dem Absolutheitswert der Autonomie. Abhängigkeitserfahrung ist schwer zu ertragen.
 
2.2 Der theologische Befund zu den Lebensaufgaben und denen des
      Alters im Besonderen
Nach diesem Blick in die Entwicklungspsychologie soll unser nächster Blick in die Theologie und Religion gehen (obgleich sich beide Bereich nicht haarscharf trennen lassen).
Die religiöse Lebensaufgabe ist - ganz allgemein gesprochen ist - sich im Gegenüber Gottes zu begreifen und dabei auch die Wahrheit über uns selbst sehen zu lernen.
Dieser Weg beinhaltet die Schritte:
* vom Oberflächlichen zum Wahren,
* von der Asche zum Licht, (von der Passion zu Ostern)
* vom Hinfälligen zum Bleibenden.
Auf diesem Weg gibt es Schwierigkeiten. Die Bibel spricht bei diesen Schwierigkeiten u.a. in zwei Bildern: dem vom „Nadelöhr“ (Mt 19,24) und dem vom „engen Tor“ (Mt 7,13f). Und sie kennt auch den „Feigling“; das ist jener Mensch, der die Talente vergräbt (Mt 25,25), weil er Angst hat, das anvertraute Lebensgut zu investieren.
Feiglinge“: Talente vergraben (Mt 25,25)
Feigheit bedeutet hier in unserem Kontext:
* Sich nicht den genannten Lebensaufgaben stellen
* Sich nicht den apostolischen Leiden stellen, die – wie gehört haben - sind:
   - Verführer genannt werden, unbekannt sein, im Leben das Sterben an sich
     geschehen lassen, von Gott „erzogen“ zu werden, Trauer erfahren, Armut
     erfahren, nichts zu haben (2 Kor 6,1-10)
* Nicht den schweren Gang der Wahrheit über sich selbst gehen wollen,
* nicht der Wahrheit über sich selbst ins Auge sehen wollen
* sich der Aussamung verweigern
=> All das sind „Feiglinge“ und Talente-„Vergraber“!
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3. Der soziologisch-gesellschaftliche Befund heute:
Auch das Alter ist eine Zeit der Entscheidung und der Wahl
„Weil das Alter keine Ausnahme mehr ist, müssen wir lernen, die Alten nicht mehr auf ein unterfordertes Amüsierleben und danach auf ein massenhaft zu versorgendes Pflegeproblem zu reduzieren“.
(Henning Scherf, Grau ist bunt, Freiburg, Herder-Verlag, 2006)
Wir haben die Wahl zwischen einem zusammenhangslosen „Zwei-Abschnitts- denken“:
* Abschnitt 1: Unterfordertes Amüsierleben („jetzt kann ich endlich meinen
   Ruhestand genießen“; „jetzt bin ich mir selbst genug“); das ist etwa – in der
   Bibel – der reiche Kornbauer, der zu sich selbst sagt: „Ruh dich aus, iss
   und trink und freu dich des Lebens“ (Lk 12,19).
* Und dann Abschnitt 2: Teil des  „massenhaft zu versorgenden
   Pflegeproblems“ zu werden, nach dem Motto: „Wenn ich dann doch einmal
   pflegebedürftig werden sollte, dann sollen die anderen mich pflegen“.
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* Die beschriebenen Lebensaufgaben annehmen
* Absage an den oft gehörten Geburtstagswunsch: „Gesundheit ist das
   Wichtigste“ [das ist eben nicht das Wichtigste im Leben!]
* Das eigene Haus bestellen; das eigene Sterben „regeln“, z.B.:
  - Patientenverfügung, Betreuungsverfügung, Vorsorgevollmacht
  - Testament machen
  - Das Vermögen klären; evtl. Schenkungen vornehmen
  - Sich von den Dingen und eigenen Habseligkeiten nach und nach
    trennen; nicht mehr sammeln, sondern weg- und weitergeben
  - Die letzten Dinge vorbereiten; Sagen und Verfügen, was man haben
    und was man nicht haben möchte im Sterben und danach
=> Das ist wichtig; in gewisser Hinsicht kann das schon ein Teil christlicher
     Verantwortung sein, wenn man nicht nach dem Motto lebt: „Nach mir
     die Sintflut“. Denn es ist schon ein ethischer Schritt, Verantwortung zu
     übernehmen. Und doch „tun all das auch die Heiden“; „was tut ihr damit
     Besonderes?“ (Mt 5,47)
=> Es geht vor allem darum, das innere Haus zu bestellen:
* Generativität (Aussamung, bibl.: „Fruchtbringen“)
  - U.a. bzw. z.B. Erlebnisse des Lebens, Geschichte und Geschichten
     weitergeben; nicht nur die tollen Erfahrungen, nicht nur die
     weisheitlichen Erfahrungen;
* Integration der Fragmente
  - Bewusste oder gefühlte Schuld ausräumen; die schwierigen Dinge
     ansprechen; auf andere zugehen, denen man etwas schuldig
     geblieben ist.
* Das Apfelbäumchen pflanzen = die apostolischen Leiden (2 Kor) wagen
    „Als du noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und konntest gehen,
    wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände
    ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du
    nicht willst“. Das sagte Jesus, um anzudeuten, durch welchen Tod Petrus
    Gott verherrlichen würde. Nach diesen Worten sagte Jesus zu Petrus:
    Folge mir nach! (Joh 21,18f.). Das ist die sogenannte „2. Umkehr“; die
    Nachfolge nicht mehr aus der Motivation der Faszination und Begeisterung, 
    wie sie bei der „1. Umkehr“ ausschlaggebend war (s. Joh1,35-42)
 
Predigt am 09.03.2014 in Lauf Dr. Stephan M. Abt
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sondern aus der Motivation greinigter Libe (gereinigt such durch die Selbsterfahrung der Niederlage und Schwäche).
 
Die bei Paulus beschriebenen apostolischen Leiden (2 Kor 6,8-10) würden
dann etwa lauten:
* Die einen halten uns für Betrüger (s. 2 Kor 6,8) – „Betrug“ am Leben
   und Lebensgenuss; aber wir glauben und erfahren, dass dieser Weg
   zum wahren Leben führt;
* Für die einen sind wir „undurchschaubar, unbedeutend, nicht gekannt“
   (s. 2 Kor 6,9); ja: das Christentum ist heute tatsächlich nur noch
   „entstellt“ bekannt (s. den relig. Analphabetismus und die Ignoranz
   gegenüber dem Christentum mit einem inzwischen spürbaren Verzicht
   auf das Absolute; s. die „schleichende Häresie durch steigenden
   Medienkonsum“(so Prof. Dr. Manfred Seitz); das Diktat einer
   Freizeitgesellschaft;einer Welt mit Religionsversatzstücken ohne
 
   Wahrheitsansprüche und einem gleichzeitigen Triumph der Banalität;
   einer Christianophobie in Europa inclusive erstaunlicher
   Umdeutungsleistungen [s. die Umdeutungsleistung, dass der Eintrittdes 
   Christentums für ein Lebensrecht ungeborener Menschen umgedeutet wird
   zu einer Aversion des Christentums gegen Frauen und deren Selbst-
   bestimmungsrecht; s. die Umdeutungsleistung, dass der Eintritt des 
   Christentums gegen aktive Sterbehilfe und assistiertes Sterben umgedeutet
   wird zu einer angeblichen Aversion Christentums gegen das Selbstbe-
   stimmungsrecht des Menschen etc. etc.]); aber trotz dieser Erfahrung des 
  „Verkannt-werdens“ ist das Christentum doch bei jenen „anonym“, d.h.
   emotional, anerkannt, bei all denen, denen Christen Beistand im Sterben und
   in Lebensnöten geben.
* Wir gelten als Sterbende – aber siehe: wir leben! Ja: der Welt gestorben
   der Welt und ihrem Treiben; gestorben der Welt, die ohne Gott ihr Glück
   sucht und es doch nicht finden kann; aber siehe: wir leben, weil wir Gott 
   haben!
* Wir sind von Gott Erzogene (παιδευοµει - erziehen), ja. Aber wir sindnicht
   Getötete. Ja, Gott formt und gestaltet uns um (s. die genannte und
   beschriebene schwere „Erziehung“ und Umgestaltung des Petrus), aber
   das zieht nicht den Tod der Seele nach sich, sondern führt sie zu wahrer 
   Lebendigkeit.
 
 
Predigt am 09.03.2014 in Lauf Dr. Stephan M. Abt
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=> So wird Leben mit Passion (in des Wortes doppelter Bedeutung: „Leiden“
  und „Leidenschaft“) ein Leben auf Ostern hin!
=> Der letzte „Kampf des Lebens“ ist jener, den Jakob am Jabbok geführt hat;
  er, der sich den Segen erschlichen hat und seinen Bruder Esau betrogen hatte.
  Das holt einen im Laufe des Lebens – spätestens am Ende des Lebens ein.
  Damit muss man Frieden machen (last-chance-syndrom“). Wir müssen
  kämpfen und ringen um die Wahrheit – und auch um das Bekenntnis unserer
  Fehler, Sünden, Betrügereien und Schuld. Aber: wenn wir ´s recht tun, dann
  gehen wir zwar hinkend (also nicht mehr aufrecht und stolz), aber doch als
  gesegnete.
 
4. Die Verheißung:
„Fürchte dich nicht! Nicht vor der Wahrheit, nicht vor Gott, nicht vor der Passion:
  denn sie führt zum Leben (Ps 91,1-4.11-12)!
  Wer sich all dem stellt und nicht Feigling ist, sondern die Aufgaben des Alters
  annimmt und auch die Aufgabe, sich auszusäen, dem gilt dann die 
  Verheißung:
„Wer im Schutz des Höchsten wohnt und ruht im Schatten des Allmächtigen, der sagt zum Herrn: «Du bist für mich Zuflucht und Burg, mein Gott, dem ich vertraue.» Er rettet dich aus der Schlinge des Jägers und aus allem Verderben. Er beschirmt dich mit seinen Flügeln, unter seinen Schwingen findest du Zuflucht, Schild und Schutz ist dir seine Treue.
Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“.
(Ps 91,1-4.11-12)
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.

Amen