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Integration - Schlagwort oder Auftrag?

3 Fastenpredigten 2011


3.Fastenpredigt'11: Dr.Günther Beckstein... .. 2.Praeses der Synode der EKLB

Evangelium nach Lukas Kapitel 9 Verse 51 bis 56
 
Begrüßung
 
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.
 
Liebe Gemeinde!
Wenn du nicht dazu berufen bist, dann meide das Predigen wie die Hölle“, soll Martin Luther einmal gesagt haben.
Ginge es nach diesem Ausspruch des großen Reformators, dann dürfte ich jetzt nicht hier vorne stehen, denn ich bin kein Pfarrer.
 
Ich stehe aber trotzdem hier – nein, nicht weil ich nicht anders kann. Sondern weil es mir eine große Freude ist, den heutigen Gottesdienst hier in der St. Johanniskirche mitzugestalten – in einer Kirche, die mit ihrem Turm
ein weithin sichtbares Zeichen des Protestantismus in Lauf ist.

Der Predigttext für die heutige Predigt steht bei Lukas, Kapitel 9. Er lautet:
51„Es begab sich aber, da die Zeit erfüllet war, dass er sollte von hinnen genommen werden, wendete er sein Angesicht, stracks gen Jerusalem zu wandeln.


52 Und er sandte Boten vor sich hin; die gingen hin und kamen in einen Markt der Samariter, dass sie ihm Herberge bestellten.


53 Und sie nahmen ihn nicht an, darum dass er sein Angesicht gewendet hatte, zu wandeln gen Jerusalem.


54 Da aber das seine Jünger Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und verzehre sie, wie Elia tat.


55 Jesus aber wandte sich um und bedrohte sie und sprach: Wisset ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?


56 Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten" [Lutherbibel 1912]


 
Die Reaktion von Jakobus und Johannes auf die Ablehnung durch die Samariter erinnert mich an eine skurrile Kurzgeschichte von Gerhard Zwerenz ( „Nicht alles gefallen lassen …“).
In dieser Geschichte geht es um zwei Nachbarsfamilien, die eigentlich befreundet sind, aber wegen einer geliehenen Bratpfanne in Streit geraten. Der Streit schaukelt sich immer weiter hoch und wird immer aberwitziger. Schließlich kommt ein Luftgewehr ins Spiel, dann eine Autobombe, ein Flakgeschütz, am Schluss Atomwaffen. Die Geschichte endet folgendermaßen: „Natürlich sind wir nun alle tot. […] Aber eins muss man sagen, wir haben das Unsere getan, schließlich kann man sich nicht alles gefallen lassen. Die Nachbarn tanzen einem sonst auf der Nase herum.“
So überzogen diese Geschichte ist: In ihrer Überzogenheit stellt sie ziemlich treffend dar, wie wir Menschen bisweilen sind. Ziemlich überzeugt sind wir nämlich – und zwar vor allem von uns selbst. Rechthaberisch sind wir. Und ausgesprochen stur, wenn es darum geht, einen Kompromiss zu finden, statt dessen wird ein Konflikt noch weiter eskaliert.

Wir kennen das aus unserem Privatleben.
Rechthaberei als Schwäche des Menschen ...
Wer hätte noch nie eine Diskussion geführt, die an Heftigkeit und Eifer immer mehr zunahm, weil jeder Recht hatte und im logischen Umkehrschluss niemand Recht bekam? Wir kennen das Gefühl, dass man es kaum glauben kann, welche Meinung das Gegenüber vertritt. Dass man ihm am liebsten an den Kragen, dass man den anderen durchschütteln möchte, damit er endlich zur Vernunft kommt, zu meiner Vernunft. So, wie Jakobus und Johannes auf die Samariter am liebsten Feuer vom Himmel fallen lassen würden, ganz nach dem Vorbild von Sodom und Gomorrha.
und des Politikers
In der Politik ist das natürlich noch einmal gesteigert.
Hier gibt es eine zusätzliche Rechthaber-Komponente, nämlich die Parteien. Da ist es dann so, dass der andere prinzipiell nicht Recht hat, dass er gar nicht Recht haben darf. Auch dann nicht, wenn er vielleicht unter Umständen doch Recht haben könnte. Der Politiker an sich muss es einfach besser wissen. Zumindest besser als der Kollege von der anderen Partei. Politiker und Lehrer sind von ihrer Anlage her einfach Rechthaberberufe. Ich darf das sagen, weil ich selber Politiker bin und aus einer Lehrerfamilie stamme – und weil meine Frau heute nicht mit dabei ist.


Von der Rechthaberei zur Intoleranz
Wenn es allerdings überhand nimmt, dann wird das Rechthaberische gefährlich. Arthur Schopenhauer hat dazu gesagt: „Zum Denken sind wenige Menschen geneigt, obwohl alle zum Rechthaben.“
Das heißt: Wer rechthaberisch ist, denkt weniger. Er denkt weniger, weil er sich für das Gedankengut der anderen nicht öffnet. Er will deren Gedanken gar nicht erst kennen lernen. Seine Gedanken sind doch die besseren, die überlegenen! Sie ahnen schon, worauf das hinausläuft: Das Ergebnis von Rechthaberei ist Arroganz und Intoleranz.
 
Toleranz und Liebe
Wie reagiert nun Jesus auf die arrogante, intolerante Ungastlichkeit der Samariter ihm gegenüber, dem nach Jerusalem Ziehenden? Auf ihre feindselige Ablehnung? Wie reagiert er auf den Vorschlag der beiden Hitzköpfe Jakobus und Johannes?
Jesus ist den Samaritern anscheinend nicht gram. Jakobus und Johannes weist er zurecht. Er ist weit von einer Strafe entfernt. Er ist auf die Welt gekommen, um den Menschen Liebe zu bringen statt Vernichtung und Zorn. „Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben“, so sagt er, „sondern zu erhalten.“ Jeder einzelne Mensch ist ihm wichtig, egal, wie dieser Mensch sich benimmt. Er nimmt den Menschen an, wie er ist. Aus philosophischer Sicht nennt man das Toleranz. Aus menschlicher Sicht nennt man es Liebe.
Erich Fried hat diese Bedingungslosigkeit der Liebe in einem sehr schönen Gedicht benannt. Der Refrain dieses Gedichts lautet stets: „Es ist, was es ist, / sagt die Liebe.“ Das könnte man auch ersetzen durch: Der Mensch ist, wie er ist, / sagt die Liebe.“
 
Jahresthema Integration
Toleranz und Liebe sind für Jesus also nicht nur ein Schlagwort, sondern ein Auftrag. Ein Auftrag, den er selbst vorlebt. Prüfen wir uns, inwieweit wir diesem Auftrag gerecht werden! Das Jahresthema Integration ist dabei ein besonders schwieriger Prüfstein, denn gerade Fremde sehen sich mit Intoleranz und Ablehnung besonders häufig konfrontiert.
Wie also kann eine Integration von Zuwanderern in Deutschland aussehen, die vom Gedanken der Integration in eine Gesellschaft ebenso wie vom Gedanken der Toleranz getragen ist?
 
Keine Assimilation!
Nun, sie besteht keinesfalls aus einer kompletten Assimilation. Zuwanderer können nicht einfach gezwungen werden, ihre Kultur aufzugeben. Dies hieße, einem Zuwanderer nicht den nötigen Respekt entgegenzubringen. Die eigene Kultur, Religion und Weltanschauung als die bessere zu empfinden. Intolerant zu sein und überheblich. Die Menschen sind so verschieden, wie sie sind. Und das ist auch gut so, weil es die Welt bunter und spannender macht. 


Christliches Menschenbild
Toleranz bedeutet aber nicht Selbstaufgabe. Das wäre ebenfalls eine große Respektlosigkeit – nämlich der eigenen Kultur und der eigenen Prägung gegenüber. Toleranz kann nur dann verlässlich sein, wenn sie von einem festen Fundament ausgeht. Unser Fundament ist durch das Christentum und das Judentum, den Humanismus und die Aufklärung geprägt. Im Zentrum steht dabei die Unantastbarkeit der Würde des Menschen. Jeder hat dieselbe Würde vor Gott und den Menschen, weil jeder in demselben Maße Ebenbild Gottes ist. Der Wert des Menschen ist unabhängig von seiner Leistung. Egal, ob es sich um einen Behinderten oder einen Spitzensportler, einen Bettler oder einen Showstar handelt: Alleine dadurch, dass es ihn gibt, ist der Mensch es wert, ihn zu achten und zu lieben.


Demokratische Errungenschaften
Dieses Menschenbild hat nach dem Zweiten Weltkrieg zu Dingen geführt, die besonders uns Deutschen wichtig sind. Dinge, die die praktische Umsetzung von Toleranz und Menschenliebe im großen Rahmen unserer säkularisierten Staatlichkeit erst möglich machen.
Es sind dies:
* Die Freiheiten, die der Mensch hierzulande hat – die Meinungsfreiheit, die Reisefreiheit, die Freiheit der Person.
* Die Gleichberechtigung aller Menschen, vor allem die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau.
* Die Solidarität mit den Schwachen, Kranken und Armen.
* Die Demokratie insgesamt.
 
An diesen Werten und an diesen demokratischen Errungenschaften dürfen wir nicht rütteln lassen. Sie anzuerkennen und zum eigenen Anliegen zu machen, ist erste Bürgerpflicht. Der Staat muss diese Anerkenntnis von seinen Bürgern fordern dürfen, von den Einheimischen ebenso wie von den Zugewanderten.
 
Toleranz ist kein Laissez-faire!
Ließe der Staat Strukturen zu, die seinen demokratischen Werten zuwiderlaufen, dann wäre das die Demontage der eigenen Toleranz. Toleranz ist kein Laissez-faire! Im Gegenteil: Die Achtung vor der Würde des Menschen verpflichtet den Menschen zu einer wehrhaften Intoleranz, wenn es der Toleranz an den Kragen geht.
Daher müssen wir uns zur Toleranz und zu allen demokratischen Rechten bekennen. Ausnahmen darf es dabei nicht geben – auch dann nicht, wenn sie sich scheinbar durch eine unterschiedliche kulturelle Prägung begründen. Ich sage „scheinbar“ – denn wirklich begründen lassen sich Intoleranz und Entwürdigung nie und nirgendwo.
 
Schluss
Es ist so: Der Mensch steht in seiner Würde nicht zur Disposition. Dieser Konsens ist der Schlüssel für unser friedliches Zusammenleben. Und dieser Konsens ist auch der Kern gelungener Integration. Nicht verdorben werden sollen die Menschen. Erhalten werden sollen Sie über alle kulturellen Grenzen hinweg. Erhalten in ihrer unveräußerlichen Würde, in ihrer Einzigartigkeit in dieser Welt, in ihrer Ebenbildlichkeit Gottes.
Genau diese Worte verwendet Jesus, wenn er sagt: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Seelen zu verderben, sondern zu erhalten.“ Gut steht es uns an, es Jesus gleichzutun.
Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.
Amen.
[PS - Anmerkung des Sekretariats von Dr.Beckstein:
Es gilt der vorgetragene Wortlaut ]

2.Fastenpredigt'11:Pf. Hans-Martin Gloël

Frage: Integration – Schlagwort oder Auftrag?
Matthäus 15,12-28
(das Original-Manuscript als pdf-Datei)
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 (Hans-Martin Gloël ist Leiter der Begebnungstätte Nürnberg, St.Johannis
 "Brücke-Köprü" Begegnung von Christen und Muslimen)

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.
Liebe Gemeinde,
I. Mit der Integration klappt es schon ganz gut: bei Begrüßungen küssen sich die Deutschen schon so wie die Türken zweimal auf die Wangen, bei Hochzeiten gibt es hupende Autokonvois und bei Fußballsiegen schießen sie vor Freude in die Luft. – So sagte es am Donnerstag ein türkischer Regisseur bei der Eröffnung der 16. Filmfestspiele Türkei/Deutschland in Nürnberg.
Aber nein! Das ist nicht Integration. Das ist der Alltag. Integration ist etwas Besonderes, etwas sehr Ernstes, Schwieriges und Teures.
Aber: Kein Mensch will Integration!
Politiker betreiben Integration wie ein Kinderspiel: bauen die einen einen Turm kommt ein anderer, wirft ihn wieder ein. Gehört „der Islam“ jetzt zu Deutschland oder nicht? Oder nur „die Muslime“ – die man ja nun mal nicht wegdiskutieren kann?
„Die sollen sich anpassen!“ hört man oft von Alt-Eingesessenen; und für viele ist das Thema damit erschöpfend behandelt. Eigentlich ist das Thema nur lästig. Alles soll möglichst so bleiben, wie es immer schon war. Wenn sich was ändern muss, sind es „die anderen“. Wie wir eingangs gesehen haben, hat die Realität das oft schon überholt. Und in der alltäglichen Nachbarschaft laufen die Dinge meist viel unaufgeregter und freundlicher als in der öffentlichen Debatte.
Unter Zuwanderern wird „Integration“ oft als der vornehmste Schlachtruf für Ausgrenzung verstanden.
Wer nun was mit „Integration“ eigentlich meint, bleibt zu oft undeutlich. Integration ist jedenfalls nicht Sache der Kirche!
Religionen sind widerständig, oft eher Identitätshüter als Brückenbauer und in vielen Fällen ein kritisches Gegenüber zu dem, was von Seiten des Staates als angesagt gilt: „Kontrastgesellschaft“ eben (so G. Lohfink(1)).
Aber: diese Debatte, die Nachbarschaft von Andersglaubenden ist eine Anfrage an unseren Glauben. Darum hat es uns zu gehen.
II. Und da ist manches verwirrend, wie auch in dieser Geschichte aus dem Matthäus-Evangelium:
Matthäus 15 V21-28
Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie:
Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.
Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen:
Laß sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.
Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.
Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!
Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.
Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Da antwortete Jesus und sprach zu ihr:
Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Die Ausländerin bringt alles durcheinander. Das heißt: da, wo sie Jesus trifft, ist sie zwar eine Inländerin, aber aus der Perspektive Jesu ist sie nun mal eine Ausländerin, die einfach unverschämt von dem Juden Jesus etwas will, was ihr nicht zusteht. Sie weiß außerdem nicht, was sich gehört. Sie schreit den Männern nach. Peinlich, sehr peinlich ist das den Jüngern: „Laß sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.“
Selbst Jesus wirkt überfordert. Wollte er doch wohl eigentlich nur mal Urlaub machen in der Gegend von Tyros und Sidon, dort im heutigen Libanon, wo es eben keine „verlorenen Schafe des Hauses Israel“ gibt, zu denen er gesandt ist. Dort, wo er mal nicht zuständig ist.
Aber nein: auch hier wird er herausgefordert. Seine Antwort:
Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“
Nein, die Beziehungen zwischen Israel und den als Götzendienern verschrienen Kanaanäern waren nicht gut. Und das mit den Hunden: ja, so nannte man sie, spätestens seit König Herodes Agrippa mit dieser Region (Phönizien) Geschäfte machte und das Getreide dorthin verkaufte, das man eigentlich in Israel gebraucht hätte. „Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“
Hunde, diese Ausländer: nehmen uns das Brot weg. Auch Jesus stößt in dieses Horn!
Doch schnell wendet sich die Geschichte, macht Weltgeschichte in bislang ungekanntem Ausmaß. Das liegt an der Frau; sie bleibt hartnäckig und Jesus staunt:
Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“
Jesus hier ganz Mensch, er lernt – man kann es nicht anders sagen – er lernt, dass sich hier wohl gerade das vollzieht, was Gott schon dem Abraham verheißen hat: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Gen 12,3) – nicht nur die „verlorenen Schafe des Hauses Israel“. Das hat sie durch ihr unbändiges Vertrauen geschafft die Ausländerin: ein Vertrauen, das keine Rücksicht auf die Grenzen von Ländern oder Religionen nimmt: es war der Dammbruch für den Weg der Botschaft Gottes in die Welt – zu den Heiden.
Und nichts bleibt wie es war. Da geht es tatsächlich um Integration. Das Gottesvolk aus Juden und Heiden formiert sich, und die Probleme sind gewaltig. Müssen die neuen, die Heidenchristen die Speisevorschriften einhalten oder nicht? Ja, gelten sie überhaupt noch für die Judenchristen (siehe auch Galater 2,11 ff (2))?
Die Zeichen der Zeit stehen vor 2000 Jahren auf Wandel – für alle Beteiligten.
In den folgenden Jahrhunderten „überfremdet“ die orientalische Religion Christentum alles, was in Europa bis dahin da gewesen ist.
III. Heute ist es wohl die Angst vor unseren nahen, fremd gebliebenen orientalischen Verwandten, die uns zu schaffen macht. Ach was heute. Schon immer!
Vor Juden: Über Jahrhunderte hinweg ganz schwierig! Jetzt Schockstarre.
Vor dem Islam: Wie aktuell! Und da darf man wenigstens sagen, was man meint. Umso gröber und pauschaler, desto mehr Beifall.
Buddhismus, Hinduismus – geschenkt!
Aber wenn die Verwandten kommen, wenn sie einem nahe kommen, dann kann es schwierig werden.
Dann geht’s ums Erbe, um die Deutung der Geschichte, um die Existenz.
Sagt doch schon Sara zu ihrem Mann Abraham im 1. Buch Mose, Kap. 21: „Treibe diese Magd aus mit ihrem Sohn; denn der Sohn dieser Magd soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak.“ (Paulus bezieht dies in Galater 4 auf Juden und Christen, differenzierter im Römerbrief V9-11(3))
Isaak – auf ihn beziehen sich Juden und Christen;
Ismael (-Sohn der Magd, ergänzend-) auf ihn beziehen sich Araber und Muslime.
Diese Geschichte wirkt – bis heute. Mitten in unserer säkularen Gesellschaft geht es nach wie vor und immer mehr um Religion und das Erbe.
Das „Christlich-Jüdische Erbe“!
Das ist die erste Falle, in die wir bei der Debatte um Integration tappen können.
 
IV. Drei Fallen und drei Herausforderungen, ja Chancen möchte ich aufzeigen, die sich für uns als Christen ergeben.
Falle 1 ist also die Rede vom „Christlich-Jüdischen Erbe“, das erstaunlicherweise v. a. die Politik entdeckt hat. Welch ein Begriff! Christen und Juden, das war bei uns weit über 1000 Jahre mit Ausnahmen eine Geschichte des Scheiterns, eine Geschichte von Verachtung, Verfolgung und Mord.
Schauen wir einmal allein auf das innerchristliche Erbe und welches Ereignis wir für das Verhältnis der Konfessionen besonders hervorheben: vor wenigen Jahren (2005) haben wir den Augsburger Religionsfrieden von 1555 gefeiert. Es gibt sogar eine Briefmarke dazu. Schön ist sie. Die mit dem goldenen Posaunenengel. Aber was wir da gefeiert haben, war eine Kapitulation, ein Konzept der konfessionellen Säuberung. Frieden war, weil der Landesfürst die Religion bestimmt hat. Alle, die etwas anderes glaubten als er, hatten die Wahl zwischen Konversion und Auswanderung. Katholiken raus! Evangelische raus! Je nach dem. Vielleicht war das damals ein Schritt vorwärts; aber was sagt das aus, wenn wir ein solches Ereignis im 21. Jahrhundert groß feiern!?
Als man später die religiösen Abgrenzungen durch die Aufklärung überwunden meinte, wurden neue Grenzen geschaffen: Nationalismus und Rassismus sind entstanden – als eine Folge des Scheiterns der Aufklärung in wesentlichen Punkten. Auch in den Kirchen hatten die meisten nicht die Kraft und oft auch nicht den Willen, ein entscheidendes Korrektiv zu sein. Sie sahen nur das vermeintlich Eigene. Juden sind Teil der deutschen Geschichte, haben Großes zur Geistesgeschichte beigetragen; doch als sie dann vor 100 Jahren meinten, durch vollständige Assimilierung endlich dazu zu gehören, da heftete man ihnen wenig später den Judenstern an um zu sagen: „Und doch gehört ihr nicht dazu!“ Die Katastrophe nahm ihren Lauf…
Was also soll es heute heißen, wenn vom „Christlich-Jüdischen Erbe“ geredet wird? Ist es nur dumm, oder ist es gar als Drohung gemeint…?
Wir haben in diesem Land im Großen und Ganzen keine Geschichte gelingenden Zusammenlebens und vielen Menschen ist das wohl auch egal.
Zeichen guten Willens heute? Mager ausgeprägt. Das Misstrauen regiert die Debatte. Misstrauen aber vergiftet die Grundlagen für die Gestaltung unserer Zukunft. Und das kann niemandem egal sein.
Als Christen sind wir hier gefordert: Herausforderung 1:
Unsere Herausforderung ist es, uns des eigenen Glaubens zu vergewissern, nicht so viel vom Erbe reden und es anderen um die Ohren hauen, sondern unseren Glauben heute zu leben:
Wie Jesus in unserer Geschichte: er, der tief verwurzelt in seinem Glauben steht, kann sich dem Drängen der kanaanäischen Frau öffnen, ja den Weg für die Botschaft Gottes über sein Volk hinaus öffnen. Das kann nur, wer stark ist, vom Vertrauen in Gott gehalten wird. Das Vertrauen, der Glaube der Frau in ihn, hat den Weg für die Botschaft dieses Vertrauens in die Welt eröffnet. Lasst uns unseren Glauben froh leben und ihn damit anderen gegenüber bekennen! Haben Sie sich schon mal mit einem Juden, mit einer Muslimin, mit Hindus über Ihren Glauben ausgetauscht? Nein? Wer es tut, profitiert dabei am meisten für die Vertiefung seines eigenen Glaubens! „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ sagt Jesus, als er dann endlich doch mit ihr spricht. Er fordert sie nicht auf zu konvertieren, sich zu assimilieren, bestimmte Werte zu akzeptieren. Die Frau verschwindet und taucht dann in der Bibel nicht mehr auf. Aber die Erinnerung an ihren beeindruckenden Glauben bleibt. Um Glauben geht es; nicht um sog. „Werte“.
Und da sind wir bei Falle 2.
Werte haben gerade Konjunktur und die meisten reden ständig darüber. Auch in der Kirche. Aber unsere Werte, liebe Gemeinde, gehören auf die Bank und sind da hoffentlich gut angelegt!
Werte – das ist ein Begriff aus der Wirtschaft. Da gehört er hin und da soll er bleiben. Es gibt keine „christlichen Werte“ und auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland kennt keine „Werte“. Bevor wir das genauer ansehen, zunächst zurück zu unserer Bibelstelle: Der zentrale Begriff in unserer Geschichte ist der Glaube, der am besten mit Vertrauen beschrieben werden kann, eben: „Frau, dein Glaube ist groß …“
Vertrauen ist die wesentliche Basis für das Zusammenleben in unserem freiheitlich-demokratischen Staat. Das Grundgesetz signalisiert Vertrauen auf Gott und baut auf das Vertrauen in die Zivilgesellschaft dieses Landes. Das wird schon zu Beginn in der Präambel deutlich, die mit dem Bewusstsein der „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ beginnt.
Nicht von Werten ist die Rede. Für den Bürger, die Bürgerin geht es um Rechte und Pflichten – und es geht um die Ordnung.
Der Staat gibt einen weltanschaulich neutralen Rahmen vor und schützt diesen, hat sich in Fragen von Religion und Moral nicht einzumischen, während man den Bürgern und Bürgerinnen zutraut, ihre Freiheit zu nutzen und diesen Rahmen zu füllen. Die Religionsgemeinschaften sind dabei ganz wichtige Partner. Staat und Religion sind bei uns institutionell getrennt, aber sie können sich gegenseitig für ihre Aufgaben in Dienst nehmen und voneinander profitieren. Es ist ein ideales System, das wir da haben. Freilich ist es geprägt von europäischem Denken und Erfahrungen mit unserer Geschichte – von was denn sonst!! Doch ist es offen für Pluralität, weil sich der Staat mit keiner Weltanschauung und keinen „Werten“ identifiziert. Der Staat hat keine Religion und ist keine Religion. Dass wir als sehr Verschiedene in diesem säkularen Rahmen gelingend Zusammenleben können, ist es erforderlich, dass sich möglichst viele gesellschaftliche Gruppen
(Umfangreiche Erläuterungen im Manuskript(4))
und Einzelne aktiv in politische und gesellschaftliche Prozesse einbringen; reger Austausch und Dialog sind dafür unerlässlich. Selbstverständlich kann dies nur gelingen, wenn die Regeln, die Gesetze eingehalten werden. Die Forderung nach der Anerkennung von „Werten“ aber, ist die Eröffnung eines Kulturkampfes mit dem sich der zivilisierte liberal-demokratische Verfassungsstaat abschafft. Es geht hier nicht um ein Wortspiel, bei dem man den Begriff der Werte durch einen anderen ersetzen kann. Prinzipien, Regeln, Haltungen sind etwas anderes. Mit sog. Werten wird Ideologie vermittelt. Wie missverständlich ist es da, wenn ein hoher Kirchenbeamter (nicht aus Bayern) neulich von der Kirche als „Bundesagentur für Werte“ spricht. Als wäre das Christentum eine Staatsideologie.
„Werte“ eignen sich nicht für die Regelung des Zusammenlebens von weltanschaulich unterschiedlichen Gruppen. „Werte“ sind nicht universal, sonst gäbe es sie nicht als „westliche“ und angeblich „christliche“ usw. – „Werte“ neigen dazu, sich über das Recht zu stellen und zu verlangen, dass diejenigen aus politischen und gesellschaftlichen Prozessen herauszuhalten sind, die bestimmte „Werte“ nicht teilen. „Werte“ höhlen das Recht aus.
(Vgl. zum Thema: Eberhard Straub; Zur Tyrannei der Werte; Sttgt 2010(5))
„Werte“ sind Integrationsverhinderer. „Werte“ können leicht zur Ersatzreligion werden. Die Forderung nach einem „Bekenntnis“ zu bestimmten „Werten“ kann schnell zum Götzendienst werden!
Herausforderung 2:
Das Gegengift, die christliche Herausforderung?
Es ist die Nächstenliebe, unsere Existenz aus dem Glauben heraus. Liebe meint hier nichts Sentimentales. Es geht um den Respekt vor dem Anderen als Geschöpf Gottes. Als Jesus von der Nächstenliebe spricht, da stellt er in seinem Gleichnis den Samariter als Vorbild hin: den Verhassten, den Ketzer, den mit der „falschen“ Religion. „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lukas 10,27, vgl. 5. Mose 6,5 und 3. Mose 19,18 (6))
Dein Nächster, das Geschöpf Gottes; er oder sie wird nicht nach „Wert“ oder „Werten“ taxiert, nicht nach Herkunft oder Religion beurteilt.
Falle 3 ist es, den Nachbarn nur unter dem Blickwinkel eines politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Konflikts zu sehen.
Nicht jeder ist so souverän und schlagfertig wie die Frau gegenüber Jesus, dass sie das Wort von den Hunden einfach pariert – und für sich selbst ins Positive wendet:
Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Wie ist das mit der Wahrnehmung unserer Zuwanderer? Glücklich und dankbar sind in Deutschland nach meiner Beobachtung diejenigen, die nicht verstehen, wie über sie geredet wird; die „Unschuldigen“, die noch keine deutschen Medien konsumieren. Viele, die ich kenne, bemühen sich um eine Arbeit oder üben sie aus. Sind dankbar für regelmäßigen Lohn, die Versicherung und das geregelte Leben in Deutschland – und in der Regel auch für freundliche Nachbarn. Wenn sie aber einen Sprachkurs machen und Zeitung lesen können, dann wundern sie sich. Sie wundern sich darüber, wenn ihnen gesagt wird, wie sie denn wirklich seien, wundern sich über das was ihnen aufgrund einer bestimmten Herkunft oder Religion zugeschrieben wird –und bekommen nicht selten Angst vor sich selber. Gerade an dem Punkt, an dem sie die Voraussetzungen erworben haben, an der Gesellschaft zu partizipieren, müssen sie sich fragen:
Ist dies wirklich mein Land? Kann ich hoffen, dass es dies jemals wird?
Ironischerweise sind es dann viele dieser gut Integrierten, oder auch die wirklich wirtschaftlich Erfolgreichen, die nur noch weg wollen, die das sich und ihren Kindern nicht mehr zumuten wollen. Die Wirtschaft in Istanbul und Anatolien boomt. Dort verdienen viele mehr als hier. 40.000 türkischstämmige Leute verlassen Deutschland pro Jahr – eben meist gut ausgebildet – 30.000 kommen – die sind i.d.R. eher nicht gut ausgebildet. Unsere Situation verschärft sich dadurch zusehends. Schon rein wirtschaftlich, rein egoistisch betrachtet ein Problem: das Land verliert junge, qualifizierte Leute, während unsere Bevölkerung weiter altert und schrumpft. Da läuft etwas in die falsche Richtung.
Die Herausforderung für uns lesen Sie kurz und prägnant in den Worten Jesu, die Sie auf dem Plakat zu dieser Predigtreihe finden: „Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ (Matthäus 25,35)
In dieser Weltgerichtsrede geht es um Leben oder Tod – auf ewig! Und dabei ist nicht die Rede von rechtem Glauben, oder sonst einer notwendigen Zugehörigkeit. Es geht um das Füreinander-Da-Sein, ohne Ansehen der Person, Nation, ja Religion. Das kann so alltäglich, unspektakulär geschehen. Abschließend dazu eine Anekdote aus dem fränkischen Alltag. Eine Zeitschriftenverkäuferin, evangelisch, erzählte mir neulich Folgendes: Als ihr Mann schwer krank wurde und dann starb, da fragt sie ein türkischer Muslim, der jeden Tag bei ihr seine Zeitung kauft, warum sie denn so traurig aussehe. Sie erzählt es ihm und er fragt sie, ob er für ihren Mann beten dürfe. Als sie miteinander über ihren Glauben ins Gespräch kommen, da sagt der Mann, er stelle sich das so vor: Wir sitzen alle in einem Bus, aber es gebe doch nur einen Busfahrer, einen Gott. – Theologisch gäbe es dazu freilich noch einiges zu sagen. Aber die Zeitschriftenverkäuferin war gerührt; sie fühlte sich getröstet.
„Ich bin traurig gewesen, und ihr habt mich getröstet.“ Auch das könnte ein Satz aus der Weltgerichtsrede Jesu sein.
In Gottes Namen aus der Kraft unseres je eigenen Glaubens füreinander Menschen sein. Das ist unser Auftrag. Das ist unsere Chance, die Zukunft zu gestalten.
Amen.

1.Fastenpredigt'11: Dr. Thomas Beyer MdL

Liebe Gemeinde,
die Reihe von Fastenpredigten steht in diesem Jahr unter dem Thema „Integration, Schlagwort oder Auftrag?“. Gefragt wird: Wie halten wir es als Christen mit der Integration? Dabei ist der Bogen bewusst weit gespannt. Er reicht von der Integration von Menschen mit Handicap, von Menschen in sozial bedrängender Situation bis hin zur Integration von Menschen, Mitbürgern aus anderen Ländern und mit anderer Religion.
Der heutige Predigttext von der Versuchung Jesu (Matthäus 4, Vers 1 – 11) scheint solche Fragen zunächst nicht zu berühren. Er schildert uns den Versuch, Macht über einen Anderen zu erlangen. „Macht“ – lassen sich da aber nicht sehr wohl Bezüge zur Integration erkennen? Ich habe Macht, die ich einem anderen nicht zubilligen will… Ich habe Macht, die Situation, in der sich ein anderer – ein Fremder – befindet zu gestalten – zum Guten aber vielleicht auch zum Schlechten…
Jesus widersteht dem Versuch, Macht über sich gewinnen zu lassen. Der Gehalt des Textes für uns kann darin liegen, welchen Umgang wir mit Herausforderungen finden. Ich lasse mich nicht von ihnen bestimmen. Ich suche nach meinem eigenen Umgang mit ihnen. Ich finde und habe dann meinen Standpunkt, der mein Denken und Handeln leitet… Dies kann ein wichtiger Ansatz gerade im Umgang mit einer breit - und oft aufgeregt – öffentlich diskutierten Herausforderung sein.
Tatsache ist, Integration wird als Herausforderung empfunden. Und Tatsache ist auch: Es gibt eine gesellschaftliche Debatte um Integration, ihre Voraussetzungen, ihre Grenzen, das Maß ihres bisherigen Gelingens. Es gibt eine Debatte um Integration. Und ich sage: Das ist gut so!
Die Frage muss aber sein, wie soll diese Debatte geführt werden? Wie darf sie nicht geführt werden? Und vor allem: Wie wollen wir als Christen, dass sie geführt wird?
So jedenfalls nicht: Nicht in populistischer Weise, „nicht emotionalisierend“, nicht durch das Schüren von Vorurteilen und nicht im Bierdunst einer politischen Aschermittwochs-Veranstaltung, mag die Halle nun in Passau oder anderswo stehen.
Die Diskussion soll auch nicht nur unter Nützlichkeitsaspekten geführt werden; also danach: Welche Zuwanderung hilft Deutschland, insbesondere der Wirtschaft in Deutschland? Es ist auffallend, dass in diesen Tagen die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft um eine „andere Willkommenskultur“ für Zuwanderer wirbt. Das ist ein Blickwinkel und das sind Worte, wie sie traditionell von den Kirchen und den Wohlfahrtsverbänden gebraucht werden. Jetzt also bemüht sich die Wirtschaft – auch erklärtermaßen gegen eine skeptische Haltung etwa der Staatsregierung in Bayern – um eine Öffnung der Gesellschaft für Einwanderer. Um eine Öffnung freilich nach Kriterien, etwa in welchen Bereichen Fachkräftemangel geltend gemacht wird. Die „Green Card“ von Bundeskanzler Schröder lässt grüßen.
 
Ich warne davor, die Diskussion von solchen Überlegungen dominieren zu lassen.
Ich warne davor als Politiker, weil wir Gefahr laufen, die alten Fehler wieder zu machen, wie sie geschehen sind im Zusammenhang mit der Anwerbung von Arbeitskräften seit den 50er Jahren. „Wir haben Gastarbeiter gerufen, aber es kamen Menschen“ – hatten wir das nicht lernen müssen?
Ich warne davor auch als Christ. Zuwanderung muss als Thema danach diskutiert werden, wie sie den Menschen betrifft – den Zuwanderer, seine Familie, seine Kinder und Enkel und natürlich auch die Bevölkerung, zu der die Zuwanderung erfolgt.
Eine Betrachtung von Integration nach Nützlichkeitsaspekten wird dem nicht gerecht!
Ich will Integration auch nicht diskutieren in einem Klima der Ängstlichkeit. Gewiss, sich auf Neues einzustellen, auf nicht Gewohntes, auf Veränderungen ist menschlich nicht immer einfach. Es so zu empfinden ist menschlich.
Aber: Zuwanderung ist insoweit eben nur eine Facette eines unser Zusammenleben als Gesellschaft immer wieder treffenden Phänomens: Dem Einstellen auf Neues, einen neuen Wohnort, einen neuen Arbeitsplatz, neue Kollegen, andere Familien in der Nachbarschaft.
Ich will eine Diskussion um Integration, die Fragen offen anspricht, aber weder in die eine noch in die andere Richtung vordergründig bleibt.
Bezeichnend für die Gefahr einer solchen Diskussion ist die Aufregung um die durchaus plakative Äußerung des Bundespräsidenten Christian Wulff in einer seiner ersten Reden im neuen Amt, der Islam gehöre zu Deutschland. Diese Aussage hat erhebliche Irritationen ausgelöst und sie tut dies bis heute.
Das wurde deutlich nicht nur an der teilweise spürbaren Zurückhaltung, die der Bundespräsident bei seinem Besuch jüngst im Bayerischen Landtag seitens der Kolleginnen und Kollegen aus der größten Fraktion erfuhr. Mehr noch: Der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich nutzte bereits seine Vorstellung in dieser Funktion in der Bundespressekonferenz, um für sich klarzustellen, dafür, dass der Islam als Religion zu Deutschland gehöre, gebe es auch historisch keine Belege.
Hinter der Auseinandersetzung steckt mehr als der – in der Parteiendemokratie grundsätzlich nicht ungewöhnliche – Versuch, sich mit einer abgrenzenden Haltung zu positionieren, ja zu profilieren. Und es steckt mehr dahinter als die im politischen Betrieb ebenfalls nicht unübliche – und vom Publikum oftmals ja auch dankbar aufgenommene – Stichelei gegen die eigenen Leute.
Bewusst oder unbewusst hat auch der Bundesinnenminister bei seiner Darstellung den eigentlichen Kern, um den es gehen muss, deutlich gemacht. Denn auch Hans-Peter Friedrich kam in diesem Zusammenhang nicht umhin, festzustellen, selbstverständlich gehörten die Menschen islamischen Glaubens zu unserem Land.
Ich finde es gerade wegen der Auseinandersetzung ermutigend, dass also eine Einigkeit darüber besteht, dass bei der Integration es um die Menschen geht. Als Christ sage ich, es muss um die Menschen gehen, wenn wir über Integration reden. Wir müssen über Integration also reden nicht hochmütig im Sinne einer als überlegen empfundenen eigenen „Leitkultur“; nicht in einer Verteidigungshaltung, als wären wir von Integration grundsätzlich bedroht, unser Wohlstand, unsere Kultur, unser So-Sein-Wie-Wir-Sind.
Reden wir über Integration durchaus realistisch, also z. B. darüber, wie gelingt es uns mehr als bisher den zwingend erforderlichen Erwerb deutscher Sprachkenntnisse als notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration sicherzustellen? Wie verhindern wir ein Nebeneinander von Bevölkerung mit und ohne Einwanderungshintergrund? Wie führen wir mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund zum Schulabschluss? Und ganz wichtig: Wie machen wir die Grundrechte des Grundgesetzes als Maßstab unseres Zusammenlebens für alle verbindlich?
Es ist also nicht so, dass wir nicht Bedingungen für die Gestaltung von Zuwanderung formulieren sollten. Wir dürfen aber diese Debatte nicht unehrlich, nicht zynisch, nicht instrumentalisierend führen. Das wäre bloße Machtausübung, wäre ein Missbrauch der Integrationsdebatte und damit letztlich menschlicher Schicksale für ganz andere Zwecke, z. B. den Erhalt des eigenen Status, der eigenen Macht…
Der christliche Zugang zu diesem Thema liegt also darin, Zuwanderung nicht als Frage der Macht zu verstehen, sondern als elementare Frage des menschlichen Miteinanders.
Das heißt für uns auch, vielleicht einmal mehr zu fragen, was wir selbst dazu beitragen können, dass Integration gelingt. Hilfreich kann da der Perspektivwechsel sein: Was würde es für mich bedeuten, wo anders hinzukommen, dort „ankommen“ zu wollen aber womöglich nicht auf eine wirkliche Aufnahmebereitschaft zu stoßen?
Karl Valentin hat uns den feinsinnigen Satz hinterlassen: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“!
Ein letzter Gedanke: Weil es bei einer solchen Integrationsdebatte also in Wirklichkeit um die Frage des gesellschaftlichen Miteinanders, des Ausgeschlossen-Werdens oder des Eingeschlossen-Seins geht, deshalb geht es auch hier letztendlich um Inklusion.
Inklusion ist also nicht nur ein Thema der Politik für die Belange von Menschen mit Behinderungen, wie es sich gerade in der aktuellen Diskussion um die UN-Behindertenrechtskonvention und das Thema Bildungszugang stellt. Inklusion ist auch mehr als die allgemeine Maxime der Sozialpolitik für die Gestaltung von Lebenslagen. Es ist ein neuer Gedanke: Inklusion – nicht Assimilation – ist das eigentliche Prinzip der Integration.
Wir stehen bei Zuwanderung – Integration – Inklusion im hier verstandenen Sinne vor einem zentralen Thema des Miteinanders von Menschen – vor einer Herausforderung. Wir sollten diese Herausforderung gerade als Christen aktiv aus unserem eigenen Blickwinkel und mit unseren eigenen Standpunkten annehmen.
Nehmen wir als Christen Integration an und erliegen wir nicht der Versuchung, das Thema anderen zu überlassen.
Amen
Anmerkung:
Der Text gibt die Fastenpredigt gekürzt wieder. Es gilt der im Gottesdienst vorgetragene Text.
Dieser Text als pdf-Datei aus dem Sekretariat Dr.Beyer