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3. Fastenpredigt von Ulrike Frings, Dipl.Psych.,Leitung Erziehungsberatungsstelle Lauf LK N-Land Johanniskirche 18.März 2018

(Der Text dieser Predigt als pdf-Datei zum 'Herunterladen' & ggf Ausdrucken.)
 
Fastenpredigt
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Liebe Gemeinde,
herzlichen Dank für die Einladung, ich freue mich und fühle mich geehrt, hier eine Fastenpredigt halten zu dürfen. Für mich ist dies eine völlig ungewohnte Aufgabe und Rolle, zumal ich ja auch keine Theologin bin. Dementsprechend bin ich auch ein bisschen aufgeregt.
2
Meine Motivation:
Als mir Herr Pfarrer Hanstein die Einladung vor Weihnachten schickte, war ich zunächst sehr überrascht. Als Psychologin liegt mir das Thema „Beziehungsweisen leben“ jedoch sehr am Herzen und bildet den Kern dessen, womit wir uns tagtäglich in der Erziehungs- und Jugendberatungsstelle beschäftigen und mit dem wir uns intensiv auseinandersetzen mit Eltern, Kindern, Jugendlichen und Familien.
Darüber hinaus finde ich es sehr schön und wichtig, wenn Kirche und Diakonie enger zusammenarbeiten und freue mich auch deshalb über die Einladung. Der Vollständigkeit halber: Unsere Erziehungs- und Jugendberatungsstelle ist ökumenisch: Diakonie und Caritas im Nürnberger Land sind die Träger.
3
Die Erziehungs- und Jugendberatungsstelle beschäftigt sich mit allen Fragen der kindlichen und jugendlichen Entwicklung und ganz besonders auch mit allen Fragen des familiären Zusammenlebens. Und natürlich auch mit allen möglichen Fragen der Beziehungsgestaltung im Umkreis von Familie, Schule, Kindertagesstätte und und und …
Wir Menschen sind soziale Wesen, wir können nur in Beziehungen existieren. Unsere prägendsten Erfahrungen in guten und in schlechten Zeiten machen wir in Beziehungen mit anderen Menschen.
Der jüdische Philosoph Martin Buber sagte:
Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“
Schon vor der Geburt existieren wir in Beziehung zu unserer Mutter. Nach der Geburt sind wir angewiesen auf liebevolle Versorgung durch unsere Eltern und/oder Bezugspersonen. Wir machen in der Regel die Erfahrung, genährt, beschützt und getröstet zu werden und machen bald unsere ersten Schritte aus dem inneren Kreis der Familie hinaus in eine KiTa.
Jetzt kommen neue Beziehungsaufgaben dazu: Der Aktionsradius der Kinder erweitert sich.. Sie sind in der Regel kleine Kommunikationskünstler und nehmen von sich aus oder mit Unterstützung Kontakt zu anderen Kindern oder Erwachsenen auf. Es folgen erstes Selbstständigwerden, Schule, schließlich der große Umbruch Pubertät, die eigene Partnerwahl und die Erwachsenenbeziehungen.
Unsere Entwicklung vollzieht sich dabei immer in Beziehungen: Wir machen die Erfahrung von Zugehörigkeit, Unterstützung, Sichverstandenfühlen, machen aber auch die Erfahrung von Anderssein, Verschiedenheit.
Zu den Beziehungen gehören aber auch negative Erfahrungen, wie die Erfahrungen von Kränkung, Ablehnung, Ausgegrenztsein, Fremdheit, Enttäuschung oder verlassen werden.
Als Summe dieser vielfältigen Erfahrungen entwickeln wir unsere Persönlichkeit und unsere Identität. Wir sind aber nicht nur in direktem Kontakt mit nahen Menschen, sondern existieren auch in größeren Bezügen:
In der Schule, in der Arbeitswelt, der Stadt, in der Gemeinde, im Land, in den Social Media, in unserer Kultur und unserem politischen System. Überall geht es um Beziehungen. Und auf all das müssen unsere Kinder vorbereitet werden.
Manchmal sind Beziehungen einfach, manchmal allerdings auch holprig, häufig gibt es Interessenskonflikte. Wir alle mussten von Kindheit an lernen, andere zu respektieren, aber auch uns mit anderen Menschen auseinanderzusetzen. Konflikte gehören zu Beziehungen genauso dazu wie Sympathie, Nähe und Liebe.
4
Was sagt Jesus zur gelingenden Beziehung?
Aus der Bibel wissen wir, dass Jesus selbst intensiv in einem Netz von Beziehungen lebte: als Sohn, Bruder, Freund, Lehrer, Helfer. Nie scheute er den Kontakt zu seinen Mitmenschen. Einige der wohl bekanntesten Bibelzitate zeigen auf, wie Jesus die ideale Beziehung unter den Menschen sieht:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ Mt 22.39 oder
Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ Mt25,41
Damit haben wir die Forderung nach Achtung, Respekt, Schutz, Unterstützung, Mitgefühl und Einsatz für die, aus welchem Grund auch immer, Benachteiligten in der Gesellschaft. Das sind nicht nur ethische Maßstäbe, sondern auch direkte Aufforderungen zum Handeln und dafür, sich in Beziehung zu bringen.
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Beziehung gestalten ist, wie wir alle wissen nicht immer einfach. Manchmal sind wir auch richtig ratlos. Manchmal stecken wir in Krisen fest, manchmal wissen wir nicht weiter. Veränderungen erleben wir oft als große Herausforderung für unsere Beziehungen.
Ich möchte Ihnen dies anhand von zwei Beispielenzeigen, mit denen wir es häufig in der Beratungsstelle zu tun haben. Es handelt sich dabei um Veränderungen, Wendepunkte und Krisen in Beziehungen. Ein Klassiker dafür ist die Pubertät. Wir denken oft, dass sie heute aufgrund der Vielzahl der Möglichkeiten besonders schwierig ist.
Aber das war schon immer so. Schon im Lukas-Evangelium wird davon erzählt:
Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passahfest. Und als er 12 Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten es nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach 3 Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mich Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“
Maria und Josef gönnen Jesus seine Freiheit. Schließlich ist er kein kleines Kind mehr. Dass er sich den ganzen Tag nicht blicken lässt, beunruhigt sie nicht weiter. “Er wird bei seinen Freunden sein“, sagen sie sich. Sorgen machen sie sich erst, als sie ihn abends nicht finden. Sie suchen ihn bei Verwandten und Bekannten. Aber er ist nicht da.

Ein Albtraum für Eltern. Wo steckt der Junge? Hoffentlich ist ihm nichts passiert. Warum meldet er sich nicht?
Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, haben sie neue Entwicklungsaufgaben. Eine davon ist, sich langsam von den Eltern abzulösen und den Weg ins eigenständige Erwachsenenleben zu beginnen. Es ist eine Zeit voller Ablösungsversuche, voller Experimente, neuer Regeln und Unsicherheiten für alle.
Josef und Maria im Evangelium nehmen das Wegbleiben von Jesus, sein Freiheitsstreben erst mal ziemlich gelassen hin. Sie scheinen großes Vertrauen in ihren Sohn zu haben. Erst als er zu lange weg ist, gehen sie ihn doch suchen und finden ihn zu ihrem Erstaunen mitten unter den Erwachsenen, denen er auch noch etwas beibringt.
Maria und Josef haben sich große Sorgen gemacht. Nicht überliefert ist, ob sie geschimpft haben, sich über ihren altklugen Sohn geärgert haben, oder ob sie auf ihn stolz waren.
Auf jeden Fall ging Jesus mit ihnen nach Hause zurück und hat wohl im Tempel einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Das ist ein klassischer Konflikt zu einem Jugendlichen und seinen Eltern, auch wenn es ein ganz besonderer Jugendlicher war. Nicht selten führt dieser Konflikt aber zu ernsthaften Problemen in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Oft umso heftiger, je mehr sich alle mögen oder lieben. Weil dann ist es umso schwerer, sich von einander zu lösen. Was aber wichtig ist: die alten Werte Schutz, Zuneigung, Sicherheit, für einander sorgen, bleiben trotz allen Schwierigkeiten bestehen.
In solcher Zeit mag es sehr gut sein, wenn Jugendliche Gesprächspartner auch außerhalb der Familie haben: Pate, Lehrer, Jugendleiter oder auch Profis z. B. von der Erziehungsberatung, wenn es so richtig schwierig ist. Jugendliche brauchen aber nicht nur Ansprechpartner, sondern sind selbst auch wichtige Ansprechpartner. Sie begeistern, lassen sich begeistern und sind kreativ und bringen auch in unsere Gemeinden Leben, Ideen und Lebendigkeit. Sie sind Gegenwart und nehmen ein Stück Zukunft vorweg.
Das zweite Beispiel: Beziehungen verändern sich im Laufe des Lebens, manche enden oder wandeln sich.
Eine der besonders herausfordernden Tätigkeiten in der Erziehungsberatung ist die Begleitung von Menschen deren Beziehungen scheitern, die sich trennen, dann scheiden lassen und trotzdem die gemeinsame Sorge um und für ihre Kinder tragen.
Wenn die Liebe langsam und allmählich oder auch abrupt verschwindet und sich eine Beziehung nicht mehr retten lässt, kann es besser sein, sich zu trennen und getrennte Wege zu gehen.
Eine große Herausforderung dabei ist, auch getrennte Elternschaft gemeinsam gut zu leben. Die Kinder haben ein Anrecht auf beide Elternteile und möchten nach einer Trennung auch einen festen Platz bei beiden behalten.
Die zweite große Herausforderung dabei ist: Trennungen werden häufig von den Menschen um uns herum mit Argwohn und Verurteilung betrachtet. Ich würde uns allen wünschen, dass wir jedweder Beziehungsweise mit Respekt und Achtung gegenüber stehen. Menschen sind sehr verschieden und leben Ihre Beziehungen sehr individuell. Das verdient Respekt, Achtung und unsere Unterstützung, wenn es notwendig ist.
Schließen möchte ich mit einem häufig verwendeten Zitat, das ich aber trotzdem sehr mag. Es ist aus dem kleinen Prinzen von Antoine de Saint Exupéry:
Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Ulrike Frings
Diplom-Psychologin
Leiterin der Beratungsstelle Lauf LK N-Land

2. Fastenpredigt von Dorothea Zwölfer Coburg am 11.3. in der Johanniskirche