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26.3.2017 2. Fastenpredigt in St.Johannis

Fastenpredigt in Lauf an der Pegnitz – Johanniskirche 26.03.2017    
Johannes 6,55-65
 
Sola fide – sola gratia _

Und was ist die Entdeckung deines Leben?
 
Pfarrerin Jacqueline Barraud-Volk

 
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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Amen
 
 
Liebe Gemeinde,
die Geschichte dieses Films geht unter die Haut. Ein Ehepaar, sie heißt Maria, er Niels, will noch einmal neu beginnen. Sich selbst und der Beziehung eine Chance geben und so kommt es, dass sie Deutschland zusammen mit ihrem Sohn verlassen. In einer norwegischen Kleinstadt, nördlich des Polarkreises, dort, wo die Nacht von Ende November bis Ende Januar nicht endet, versuchen sie ein neues Leben aufzubauen. Schnell wird dem Zuschauer klar, dass Wunsch und Realität weit auseinanderklaffen.
 
Die Beziehung der beiden ist so abgekühlt wie die Eislandschaft um sie herum.
 
Und dann kommt jene Filmszene, die alles verändert.
 
Maria, die als Krankenschwester in einem Hospiz arbeitet, fährt nachts mit dem Auto vom Dienst nach Hause. Da bemerkt sie plötzlich einen Schlag gegen die Kühlerhaube. Sie hält an, kann aber nichts sehen und fährt weiter. Später erfährt sie, dass sie ein junges Mädchen angefahren hat, das nach dem Unfall verletzt im Schnee erfroren ist. Eine schockierende Geschichte und als ob das nicht schon genug wäre, beschließt das Paar niemandem von dieser unsäglichen Fahrerflucht zu erzählen.
 
Es ist auch der Augenblick, in dem Maria erklärt: „Der Mensch, der das getan hat, das bin nicht ich.“
 
Der Film wurde 2012 auf der Berlinale gezeigt und er wurde, nicht etwa für die Dramatik, wohl aber für seine letzte Szene heftig kritisiert.
 
Am Ende nämlich, als dann doch alles offen liegt, verzichtet die betroffene Familie, die ihre Tochter verloren hat, auf eine Anklage und auf Vergeltung. Sie wollen einfach nicht, dass noch eine Familie zerstört wird.
 
Man versteht, warum der Titel des Films schlicht und einfach „Gnade“ lautet. Aber kann das sein? Kann man bei solch einem Drama Gnade ins Spiel bringen?
  
Dieser Ausgang, dieses Filmende,  sei vollkommen weltfremd, kitschig, konstruiert und ärgerlich, so schrieben zahlreiche Kritiker.
 
Der Regisseur Matthias Glasner sagt dazu: Seine Absicht war es ja gerade einen alternativen Weltentwurf aufzuzeigen. Gnade als eine Möglichkeit, zu der Menschen in der Lage sind.
 
Natürlich wisse auch er, dass in allen Konflikt-Brennpunkten der Welt, in den Dramen, die das reale Leben schreibt, genau dieses Prinzip meist nicht funktioniert. Es geht immer nur um Rache.
 
Aber Gnade könnte manches verändern. Denn so meint Glasner: "Gnade ist etwas, das einem geschenkt wird. Und die Sehnsucht danach ist groß.“
 
Liebe Gemeinde,
egal, wie man zu diesem Film steht, bei dem aus einer Katastrophe, etwas unerwartet Neues erwächst, es ist großes Kino, bei dem einem zuweilen der Atem stockt, weil bei diesem Tathergang Gnade ja gar keine Option sein kann.
 
Genau in dieser Gefühlslage, dass Gnade gar keine Option sein kann, muss man sich Martin Luther zu seiner Zeit vorstellen. Als er 1505 ins Kloster der äußerst strengen Augustinermönche in Erfurt eintritt, da tut er dies vor allem deshalb, weil  Gnade für ihn gar keine Option sein kann. Augustins Lehre von der Vorhersehung  Gottes lastet schwer auf ihm. Entweder man gehört zu den Erwählten oder eben nicht. Es liegt allein an Gottes Ratschluss, nur dass das dem Menschen nicht bekannt ist, wohin er am Ende gehört. Es ist eine vertrackte Situation. Ganz menschlich wird das Problem im Mittelalter gelöst. Man schaut, was man selbst tun kann: Gute Werke, Schenkungen, Ablass, Seelenmessen, Reliquiensammlungen. Es kann ja nicht umsonst sein!  So ist der mittelalterliche Christ ein ständig Beschäftigter.
 
Und der junge Luther steigt ein in dieses System, auch wenn er ihm von Anfang an nicht so recht glauben kann. Aber er will es Gott recht machen. Dem Abt, den Mitmönchen, den Gläubigen, dem Bischof und dem Papst natürlich auch. Er wird Mönch. Er betet, er fastet, er geißelt sich, er bettelt für den Orden, er beichtet, er lernt, er predigt, er tut Buße. In der kargen Mönchszelle schläft er auf dem eiskalten Boden und um 3.00 Uhr Nachts steht er zum ersten Stundengebet schon wieder auf. Sein Leben gleicht einer Tretmühle,. Er fühlt sich ständig beobachtet. Es ist als würde einer mit einer Handykamera das ganze Leben aufnehmen. Nichts kann mehr gelöscht werden. So wie bei Google und Facebook, alles kann gegen einen verwendet werden. Luther kontrolliert sich auch selbst. Einmal erzählt er:
 
„Während des Mittagessens ertappte ich mich dabei, wie ich gierig auf den vollen Teller meines Tischnachbarn schaute... Ich fragte mich voller Angst: "Stünde ich jetzt vor Gottes Gericht, welche Strafe hätte ich wohl zu erwarten?"
 
Luther möchte eigentlich von Herzen Gott vertrauen, inneren Frieden spüren und dabei wird das Tun, die Tat zum unüberwindbaren Hindernis. Bis er bei Paulus entdeckt: das kann nicht funktionieren. So deckt er das Menschsein und die Frömmigkeit, die von der Tat her lebt, gnadenlos auf. Auf dieser Basis funktioniert es nicht seinen Frieden mit Gott zu machen. Eigentlich ist seine Entdeckung auch das Befremdliche an Luther.
 
Sollen wir etwa nicht Gutes tun? „Doch natürlich“, antwortet Luther, „aber wir sollen uns darauf nichts einbilden. Gutes zu tun, das sind wir Gott schlicht schuldig. Das ist der Anspruch, den er uns gegenüber hat.“ Sein Gesetz, wie er es formuliert.
 
Wenn wir als Kirche heute betonen, was wir alles an Gutem tun, um uns gewissermaßen in der Welt zu legitimieren, dann haben wir allerdings Luther nicht auf unserer Seite. Er hielte das für gänzlich falsch. „Tu Gutes und sprich darüber“ das ist keine reformatorische Formel. Das Gute zu suchen, es ist für einen Christenmenschen schlicht selbstverständlich. Dazu gehört Kranke und Sterbende zu besuchen, Geflüchteten im Alltag zu helfen, Obdachlosen eine Mahlzeit anzubieten oder für die Nachbarin, die sich den Fuß gebrochen hat einzukaufen. Gerade dort, wo das ganz unspektakulär und selbstverständlich geschieht, ist die größte Überzeugungskraft des Christentums. Es sind nicht die großen Aktionen, das Laute, das Spektakuläre, das überzeugt, sondern die verlässliche Menschlichkeit im Alltag.
 
Luther entdeckt, in seiner Kreuzestheologie, dass es nicht gilt sich durch Werke und Taten zu definieren. Im gekreuzigten Christus, findet er Gott, der so ganz anders tickt, als wir Menschen. „In dem gekreuzigten Christus ist die wahre Erkenntnis Gottes.“  In dem leidenden Christus entschlüsselt sich für ihn, der dem Menschen nahe und zugewandte Gott. Er entdeckt: Gnade ist etwas, was einem geschenkt wird.
 
Gottes Option ist die Gnade. Sola gratia haben es die Reformatoren genannt.  Gott macht den Menschen aus Gnade gerecht. Dazu geht er ein in die Welt und wird der Geringste, der Verachteste, der Geschundene, einer der nichts zählt. Hingerichtet wie ein Schwerverbrecher. In der Verzweiflung, in den Tränen, im Dunkel, dort findet Luther Gott und er macht ihn fest in Christus.
 
Der Predigttext für den heutigen Sonntag, den wir schon als Lesung gehört haben, stimmt diesen Tenor ganz genau so an.
 
Jesus sagt dort von sich:
 
Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. …
 
Und er verstärkt sogar noch diese exklusive Rede, indem er fortfährt:
 55 Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank.
 56 Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.
 57 Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters
      willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen.
 
Eine Rede Jesu, die seltsam anmutet. „Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm?“ Geradezu mystisch klingt das! Wie kann man Jesus essen wie Brot und Fleisch?
 
 
Schnell hat man in der frühen Kirche diesen Text auf das Abendmahl hin gedeutet. Auf Brot und Wein. Und immer wieder in der Mystik hat man versucht den Empfang des Abendmahls zu einer eigenen spezifische  Erfahrung zu machen. Aber Luther lehnt diese Auslegung ab. Er sagt zu diesem Predigtabschnitt sehr klar und deutlich: drumb, so kann man es nicht ziehen aufs Sakrament“. „ Der Glaub heißt der Esser (und heisset essen eine geistliche niessung.)“
 
Allein der Glaube. Sola fide verbindet sich mit der Gnade.
 
Das Entscheidende passiert nicht innerweltlich und in den Kategorien unseres Seins, sondern durch das Wort Gottes, das uns von außen (extra nos) zukommt und durch den Geist, der den Glauben bewirkt.
 
Luther sagt: allein aus Glauben, allein aus Gnade, bin ich gerettet. Auch in seinen dunkelsten Stunden, in seinen Anfechtungen und Niederlagen, wendet er sich diesem Gott zu, vertraut ihm auch dort, wo noch gar kein Licht zu sehen ist. Der leidende und schwache Gott wird sein Trost und befreit ihn von allem gnadenlosen Urteilen und aller selbstverliebten Optimierung.
 
Die Entdeckung des gnädigen und dem Menschen zugewandten Gottes öffnete damals neue Horizonte. Sie befreite Luther und sie brachte die ganze mittelalterliche Welt in Bewegung. Deswegen macht es Sinn sich auch 500 Jahre später daran zu erinnern. Und zu fragen: wo entdecke ich Gott neu?
 
Was traue ich ihm alles zu? Wie verbindet sich mein Leben mit der Hoffnung, die von ihm ausgeht?
 
Traue ich darauf, dass er alles wenden kann? Dass er Sonne und Schild ist, wie der Wochenpsalm es verheißt? (Psalm 84)
 
Immer wieder haben Menschen ihm vertraut und die Wirklichkeit neu sehen gelernt. Wo wir nur das Ende sehen und unsere Fantasie nicht ausreicht, da hält er Leben in Fülle bereit. Denn seine Option ist Gnade, etwas, das einem geschenkt wird. Es lohnt sich unter diesem Aspekt das Leben anzusehen.
 
Man wird entdecken, dass auch durch die tiefsten Niederlagen hindurch, Neues  werden kann.
 
Ich denke dabei an das Leben der französischen Schriftstellerin und katholischen Mystikerin Madeleine Delbrêl.
 
1904 wird sie in Südfrankreich geboren, ihre Familie ist bewusst antiklerikal- und atheistisch eingestellt. Mit 16 Jahren bekennt auch sie sich ganz bewusst als überzeugte Atheistin und beginnt in Paris Kunst und Philosophie zu studieren. Sie sagt: Gott gibt es nicht.
 
In Paris lernte sie einen jungen Mann (Jean Maydieu) kennen, verliebt sich und an ihrem19. Geburtstag wird die Verlobung bekannt gegeben. Doch plötzlich bricht die Katastrophe herein, der Verlobte spürt eine Berufung, er verläßt sie und wird Dominikanermönch.
 
Madeleine Delbrêl gerät in eine tiefe Sinnkrise, sie wird schwer krank. In diesem tiefen Schmerz entdeckt sie plötzlich, dass die Existenz Gottes logischerweise genauso wahrscheinlich ist wie seine Nicht-Existenz. Sie beginnt sich mit dem christlichen Glauben auseinanderzusetzen.
 
Sie fängt an zu beten, macht eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und sieht darin eine Möglichkeit ihren Glauben mitten in der Welt zu leben.
 
Ihr Thema wird die Not der Arbeiter. Immer weniger versteht sie, die Gleichgültigkeit der Gläubigen, vor allem der christlichen Arbeitgeber, gegenüber der sozialen Ungerechtigkeit zur damaligen Zeit.
 
Madeleine Delbrêl entwickelt sich zu einer selbstbewussten und anpackenden Frau voller neuer Ideen. Sie ist innerlich gewachsen an dem, was sie zu zerbrechen drohte. Sie gründet einen kleinen Frauenorden. Allerdings ist das eine Gemeinschaft, die auf jede Ordensregel, Gelübde und Klausur verzichtet. Es geht darum ein kontemplatives Leben inmitten der Stadt führen. Soziale Gerechtigkeit einzufordern und die Botschaft des Evangeliums in eine atheistische Umgebung zu bringen. Es ist eine ganz neue Art den Glauben zu sehen und zu leben. Sie wird sogar nach Rom zitiert und es wird akzeptiert, was sie macht
 
Die Gemeinschaft schließt sich schließlich den sogenannten Arbeiterpriestern an. Eine neue Bewegung in der damaligen französischen Kirche. Madeleine Delbrêl unterstützte alleinerziehende Mütter mit Kindern, Arbeitslose, streikende Arbeiter, spanische Widerstandskämpfer und setzte sich für die Freilassung politischer Gefangener in Spanien und in den USA ein. Sie geht auf in dieser Arbeit und findet ihren Platz im Leben. Heute wird sie „Mystikerin der Straße", "Pionierin des Glaubens in einer säkularen Welt“, "christliche Sozialrevolutionärin" und  "Dichterin Gottes" genannt.
 
Ihr Versuch den Glauben in ihrer Zeit neu zu entdecken und zu leben wird heute von vielen entdeckt.
 
Ihr tiefes Vertrauen zu Gott beeindruckt. Ihre Sprache berührt. Etwa wenn sie betet:
 
 
Lehre uns, jeden Tag die Umstände unseres
Menschseins anzuziehen wie ein Ballkleid.
Gib, dass wir unser Dasein leben
nicht wie ein Schachspiel, bei dem alles berechnet ist,
nicht wie einen Lehrsatz, bei dem wir uns den Kopf zerbrechen,
sondern wie ein Fest ohne Ende,
bei dem man dir immer wieder begegnet,
wie einen Ball, wie einen Tanz,
in den Armen deiner Gnade.
 

Und Gott der Herr halte euer Leben und euren Glauben in den Armen seiner Gnade und sein Friede sei mit euch in Christus Jesus
Amen.

19.03.2017: 1. Fastenpredigt in St.Johannis

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Liebe Gemeinde!

„Okuli, da kommen sie!“ Von meiner Mutter habe ich diesen Satz als Kind immer wieder gehört. Im Frühjahr, dann wenn sich der Sonntag Okuli im Kirchenjahr genaht hat. Die Zugvögel seien damit gemeint, so hat sie dem wissbegierig Nachfragenden erklärt.

Ich weiß heute, dass es noch etwas anders ist. Okuli, da kommen sie – dieser Satz stammt aus der Welt der Jäger und bezieht sich auf die Schnepfen. „Laetare, das ist das Wahre!“, so geht diese Spruchweisheit weiter. Und „an Judika sind sie auch noch da!“

Die, die zu ihnen kommen an einigen der Sonntage der diesjährigen Passionszeit, das sind hoffentlich keine Schnepfen. Sondern Fastenprediger und Fastenpredigerin. Und ihnen soll, so die Erwartung, durchaus so etwas wie die Quadratur des Kreises gelingen.

Eine Fastenpredigt soll ich heute also halten. Und dabei zugleich das sola scriptura der Reformation bedenken. Einen biblischen Bezug müsste die Predigt haben. Und zugleich eine Zeitansage, eine Öffnung des Horizontes zur Zukunft ermöglichen. Ich will schauen, was mir davon gelingt. Und ich freue mich sehr, dass ich diesen Versuch heute bei ihnen und mit ihnen unternehmen kann.

Manchmal sind wir nicht gefeit vor verkehrten Welten. Da hat ein bekannter Theologie-Professor schon vor einigen Jahren dem sola scriptura dem Abschied gegeben. Es habe sich gezeigt, so scheibt der Theologe, dass an dem Sola-Scriptura-Prinzip „eigentlich keiner mehr festhalten kann.“ Biblische Texte ließen sich doch so „verbiegen“, dass sie am Ende nur das Wunschdenken derer bestätigen, die einen Text auslegen. Und im Übrigen habe gerade die Botschaft, die sich dem Bezug auf die eine Bibel verdankt, im Reformationsjahrhundert die Einheit der Kirche nicht bewahren können. Die Suche nach dem einen befreienden Wort helfe nicht mehr wirklich weiter

Und während der Theologe zweifelt, habe ich in der vergangenen Woche im Interview eines säkularen Neurobiologen ganz anderes gehört. Was Menschen heute unbedingt brauchen, so der Wissenschaftler Joachim Bauer, das sei eben ein zusprechendes und freisprechendes Wort. Wenn ich einem Menschen zusage, dass er seinen unveräußerlichen Wert hat, dass er dazugehört und dass er etwas kann, dann wird das seine positive Wirkung nicht verfehlen. In der Sprache der Lesung aus Jesaja 55: Dieses zugesprochene Wort wird nicht „leer zurückkehren“.

Dass ein Kirchenmann der Schrift allein nicht mehr traut – und dass ein Wissenschaftler solche Wahrheiten für unverzichtbar hält – das sind, so scheint’s verkehrte Welten. Verkehrte Welten, die aber womöglich ganz gut passen in eine Gegenwart, in der eine vermeintliche Sicherheit nach der anderen derzeit wegzubrechen droht.

Aber jetzt doch noch einmal der Reihe nach und vom vorne. Sola scriptura – das ist einer der vier Themensätze, mit denen Menschen schon lange die Anliegen der Reformation auf den Punkt bringen. Allein aus Glauben, allein aus Gnaden, allein durch Christus – und eben auch: allein durch die Schrift – in lateinisch: sola scriptura.

Die Zusammenstellung dieser vier Sätze ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Aber jeder dieser Sätze lässt sich einzeln schon bei den Reformatoren – und insbesondere bei Martin Luther - nachweisen. Dies gilt auch für das Leitmotto der heutigen Predigt – eben das sola scriptura. Die „Königin“ über alle Sätze des Glaubens sein sie; der „Probierstein aller Lehre“.

Dass es auf die Schrift, auf die Bibel allein ankommt – das ist nicht einfach ein frommer Satz. Und nicht so selbstverständlich, wie es zunächst den Anschein hat.

Dieser Satz ist zugleich auch eine antikatholische Polemik aus dem Reformationsjahrhundert. Dieser Satz ist die Antwort auf die Frage: Wo finde ich meine grundsätzliche Orientierung im Leben? Die Gegenthese zur Überzeugung des sola scriptura – die lautet: In der Bibel und in der kirchlichen Tradition. In der Bibel und in den die Bibel auslegenden Sätzen der Lehrer der Kirche. Gemeint sind: Die Kirchenväter und die großen Theologen. Die Päpste und die Konzilien. Aber auch die eigenen Überlegungen und Erfahrungen. Kurz gesagt: In der Bibel und in dem, was Menschen an Einsichten gewonnen und abgeleitet haben.

Das sola scriptura der Reformatoren setzt dem ein unübersehbares Haltesignal dagegen. Die Bibel genügt, haben sie gesagt. Sie braucht keine Ergänzung, damit wir erfahren, wie Gott den Menschen gemeint hat. Und wie Gott selber zu verstehen ist.

Ich glaube auch, dass das als Antwort heute nicht mehr ausreicht. Und dass wir einen zweiten Anlauf brauchen. Aber vorher möchte ich ihnen eine Verschnaufpause gönnen. Und sie zum Singen einladen. Die Melodie ist ihnen bekannt. Und weil ich kein Lied gefunden habe, das so richtig zum sola scriptura-Thema passet, habe ich den Text selber beigesteuert.

Das Lied vom Wort, das Leben lässt
(Melodie „Ein feste Burg ist unser Gott“)

Ein neues Lied in mir entspringt,
von Lasten, weggenommen.
Du musst nicht! Nein: Du darfst! Es singt
von Freiheit, längst gekommen,
im Wort, das mir träumt,
das Raum gibt und räumt
zur Seite, was mir
den Atem nimmt, und dir.
Ganz neu bin ich geworden!

In Bild und Buch, in Klang und Ton
lässt sich dies Wort vernehmen.
Es richt’ mich aus, und seh’ ich schon
der Zukunft schwere Themen,
find’ ich festen Halt,
wag’ ohne Gewalt
den Schritt hin zum Du,
lass’ Böses nicht mehr zu.
Die Welt ist neu geworden!


Woraus schöpfen wir die grundlegende Orientierung für unseren Glauben? Wie sieht das denn bei uns Evangelischen ganz konkret aus? Gut, die Päpste und Konzilsbeschlüsse nutzen wir für unsere Bibellektüre wohl eher weniger – obwohl sich auch viele von uns Evangelischen über die erfrischende Art von Papst Franziskus freuen. Und die Beschlüsse der ersten altkirchlichen Konzilien sind auch für uns verbindlich. Vor allen anderen das Bekenntnis zur Gottheit Christi, das im Jahre 325 in Nicaea beschlossen wurde.

Nein, es ist keineswegs so, dass wir darauf vertrauen, dass sich die Bibel selber auslegt, wie Martin Luther das gesagt hat.

Es gibt einiges, was mir da auffällt und was gegen die These Martin Luthers spricht.:

Viele Texte der Bibel spielen für uns gar keine Rolle, sie werden zumindest nie gepredigt. Und manche Texte sind so voller Gewalt, dass es schwer ist, daraus eine gute Nachricht abzuleiten – etwa, wenn im Krieg alles, was lebt, ob Mensch, ob Tier umgebracht werden sollen. So verliert Saul verliert seine Königswürde, weil er diesem Befehl Gottes nicht nachkommt.

Es gibt auch bei uns sehr unterschiedliche theologische Traditionen. Innerhalb der eigenen Kirche. Und dass alle Evangelischen miteinander Abendmahl feiern dürfen, das gibt es so auch erst seit gut vierzig Jahren. Obwohl sich ja alle auf dieselbe Bibel berufen.

Oft verwenden wir die Bibel wie einen theologischen Steinbruch. Wir haben unsere Vorlieben, theologisch, aber auch politisch. Und wir finden dann dazu schnell die passenden biblischen Belegstellen.

Und natürlich gibt es weitere, außerbiblische Texte, die auch für uns Evangelische eine große Rolle spielen. Das sind vor allem die sogenannten Bekenntnisschriften, die Katechismen und Bekenntnisse aus der Reformationszeit. Luthers Kleiner und Großer Katechismus. Genauso wie das Augsburger Bekenntnis. Für Unierte aus Baden wie mich gehört da auch der Heidelberger Katechismus dazu.

Ganz so einfach ist das heute also nicht mehr mit dem Auseinanderhalten der beiden Positionen: evangelisch: allein die Schrift, katholisch: eben Schrift und Tradition.

Erschwerend kommt dazu noch dazu: Unsere Art, die Bibel zu lesen und zu verstehen, ist selber Teil der Tradition. Ob wörtlich, ob fundamentalistisch, ob eher historisch-kritisch, wie andere Texte auch – das führt dann sehr wohl zu sehr unterschiedlichen Positionen. Und nicht wenige davon sind sehr zeitgebunden. In der Friedensdebatte haben wir das erlebt. Oder beim unterschiedlichen Umgang der Kirchen mit Menschen in eingetragener Lebenspartnerschaft. Irgendwie reicht es also nicht aus, einfach auf das sola scriptura zu setzen.

Wir Evangelischen haben deshalb schnell eine neue Unterscheidung eingeführt. Die Bibel, so sagen die Theologen, das sei die grundlegende Norm. Alles andere seien abgeleitete Normen. Das ist klug gedacht. Aber manchmal haben die abgeleiteten Normen mehr Gewicht als die grundlegende Norm. Was heißt das dann für die Gültigkeit des sola scriptura?

Ich denke, es ist gut, wir singen noch einmal eine Strophe des Liedes. Dann will ich noch einen weiteren Zugang wagen. Aus der Bibel. Ganz im Sinne des sola scriptura der Reformation. Aber hoffentlich auch tauglich für die Gegenwart.

Lied „Vom Wort, das leben lässt“: Strophe 3:

Aus Menschenmund trifft mich dies Wort
und kann doch ohne Grenzen
in deiner Ökumene Ort,
die Suchenden beglänzen
mit Zuspruch und Kraft,
die Neues erschafft,
sagt: Mir bist du recht!
Halt dich nur nicht für schlecht,
bist durch Gott neu geworden!

Wir haben vorhin eine Lesung gehört. Die Worte aus Jesaja 55. Dieser Text bietet einen eigenen Zugang an. Hier legt sich die Bibel tatsächlich selber aus. Auch hier geht es um eine grundsätzliche Unterscheidung. Nicht um eine Unterscheidung zwischen grundlegenden und abgeleiteten Normen.

Nein! Es geht um unser Denken und um Gottes Denken. Um unsere Wege und Gottes Wege. Es geht um den Unterschied zwischen Himmel und Erde: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege! Vielmehr gilt: So viel der Himmel höher ist als die Erde, so ist auch mein Denken von eurem Denken unterschieden.

Es geht also um einen grundlegenden Unterschied. Menschen-Wort. Und Gottes-Wort. Dieser Unterschied lässt sich nicht einfach an Formalem festmachen. Ob ein Wort zu Gottes Wort wird, das kann ich nicht einfach machen. Das kann ich nicht einfach an Äußerlichkeiten sehen. Es hängt von der Bedeutung ab, die es für mich hat. Es hängt von seiner Wirkung ab.

Es hängt davon ab, ob es aufgeht. Oder ob es „leer zurückkommt“ – wie es in der Lesung aus Jesaja 55 geheißen hat. Und da kann mir wahrhaftig manches Wort zum Gotteswort werden. Nicht nur Worte aus der Bibel.

Da lese ich einen Satz. Da höre ich ein Lied. Da spricht mir ein Mensch etwas zu. Und plötzlich wird dieser Mensch für mich zum Engel. Und ein Wort reißt mir den Horizont auf. Und mein Leben erscheint mir plötzlich in einem ganz anderen Licht. Weil ein Wort mein Leben neu deutet. Und ihm eine neue Richtung weist.

Und trotzdem ist das sola scriptura nicht ausgehebelt. Und ist es nicht aufgehoben. Weil all das, was in der Bibel an Erfahrung festgehalten wird, unserem grundsätzlichen Zugriff entzogen ist. Erst knapp einhundert Jahre nach Christi Geburt liegt die Liste der alttestamentlichen Schriften fest. Die Liste der Schriften, die zum Neuen Testament gehören, wird sogar erst im vierten Jahrhundert endgültig beschlossen.

Manche Texte bleiben für mich stumm. Oder ich finde keinen Zugang zu ihnen. Für manche gilt das vielleicht ein Leben lang. Aber der Kanon, wie man diese Listen mit allen biblischen Büchern nennt, der Kanon steht. Aber er steht nicht zur Disposition. Wenn mir alles wegbricht, wenn der Horizont eng bleibt, dann habe ich diese Texte immer noch. Die Psalmen. Die Geschichten von Flucht und neuer Heimatfindung der Israeliten. Die Aufforderungen, Gerechtigkeit zu üben. Und dem Fremden Schutz zu gewähren.

Und all das, was mich am Alten Testament fasziniert, findet im Neuen Fortsetzung und Auslegung. Es ist die Bibel, die Juden und Christen nicht voneinander loskommen lässt. Nicht einmal nach Auschwitz. Und es ist das erste Gebot, es ist Bekenntnis zu einem Gott, es ist die bleibende Bedeutung Abrahams, die dafür sorgt, dass uns auch der Islam nicht gleichgültig sein kann.

Wo wir dem sola scriptura Raum geben, hat nicht nur unser eigener Glaube ein festes Fundament. Da kann ich mich in meinem Gottesglauben auch wagen. Da kann ich auch Spannungen aushalten. Unterschiedliche Sichtweisen ertragen. Die Pluralität der Bibel macht die Pluralitäten unseres Glaubens nicht nur erträglich. Sie macht sie überhaupt erst möglich.

Darin also ist die Bibel gewissermaßen einzigartig. Sie ist meinen eigenen Erfahrungen weit voraus. Zeitlich. Inhaltlich. Und auch theologisch. Im Blick auf die Gottes-Intensität. Weil die Bibel näher an der Quelle ist. Sola scriptura also doch. Aber das nimmt dem nicht an Wahrheit weg, was mir als Wahrheit begegnet. Ohne dass andere das immer genau so sehen.

Weil ich vor allem andern ernten kann. Und einem anderen das Säen überlasse. Und dieses Säen geschieht nicht selten durch Menschen. Dieses Säen geschieht am Ende auch durch mich. Es geschieht durch jeden und jede von ihnen. Dieses Säen wird tun, was Gott gefällt, und ihm wird gelingen, was Gott mir ihm im Sinn hat.

Doch dass es diesen Unterschied gibt, zwischen dem, was in meiner Verantwortung liegt, und dem, was sich mir entzieht, das ist der Grund für das sola scriptura. Das ist der Grund, der mich leben lässt.

Und darum zum Schluss auch noch ein Wort, das diese Predigt zur Fastenpredigt macht. Fasten – das meint sich auf das wirklich Nötige zu konzentrieren. Fasten – das meint, in der Vielfalt des Lebens danach zu schauen, was unverzichtbar ist. Sieben Wochen lang üben das derzeit viele Menschen. In der Fastenaktion „Sieben Wochen ohne sofort!“

Die Fastenbotschaft des sola scriptura heißt also: Bei der Suche nach Orientierung nach dem tragenden Grund fragen. Nach Worten, die mich leben lassen. Nach Texten, die mich nähren. Nach dem Suchen, was mir in aller Vielgestaltigkeit Kriterien der Wahrheit bietet.

Nur drei Wege führen hier am Ende weiter: Die eigene Erfahrung. Das wegweisende Wort der Menschen an meiner Seite. Und das Wort, in dem Gott selber mir Weg und Richtung weist.

Wenn alles ins Wanken kommt, bleibt doch nicht alles vergeblich. Verkehrte Welten habe ich eingangs gesagt. Verkehre Welten gibt es immer wieder. Und immer wieder tun sie uns sogar gut. Wenn’s zuviel wird, bleibt immer noch das sola scriptura. Da bleiben die Worte anderer, die ich mir leihen kann. Und aus denen Gott mich leben lässt.

Unser Leben bleibt bewahrt. Bewahrt bei Gott – wie verkehrt die Welten auch sein mögen. Und noch einmal kommt mir die eingangs zitierte Spruchweisheit der Jäger in den Sinn. Die endet nämlich mit dem dringlichen Appell im Blick auf den Sonntag – eine Woche nach Ostern: „Quasimodogeniti – halt, Jäger, halt, da brüten sie!“ Wenn Gott also schon den Schnepfen am Ende eine Schonzeit gewährt wird – warum soll Gott es bei uns Menschen anders machen?! Amen.

Lied „Vom Wort, das leben lässt“: Strophen 4 und 5

Dein Wort trifft mich in Vielgestalt
und bleibt für Deutung offen.
Was heut noch gilt, ist morgen alt.
Im Wandel mich lässt hoffen
die Suche nach dir.
Gott, du zeigst dich mir
in menschlichem Sein,
im Fest mit Brot und Wein.
Neu bist du mir geworden!

Sola scriptura! - nur allein
das Wort der Schrift soll gelten!
Es lässt in seinem Anderssein
durchscheinen Gottes Welten
in unsere Zeit,
und macht mich bereit
ganz fest zu vertrau’n
dem, der schon jetzt lässt schau’n
was einst noch werden könnte!


Zur Person:
Prälat Prof. Dr. Traugott Schächtele – Kurfürstenstraße 17 – 68723 Schwetzingen
traugott.schaechtele@ekiba.de
Geboren 1957, verheiratet, fünf erwachsene Kinder, alle aus dem Haus, seit 2010 Prälat für den Kirchenkreis Nordbaden (es gibt noch eine Prälatin für Südbaden, die Prälaten sind die badische Variante des regionalbischöflichen Amtes, die den Landesbischof in der geistlichen Leitung unterstützen, mit seelsorglich-beratendem Schwerpunkt, vorher war er Professor an der Evangelischen Hochschule in Freiburg (Systematik, Homiletik) und zugleich für die PrädikantInnenausbildung verantwortlich, davor hauptamtlicher Dekan in Freiburg, vorher Gemeindepfarrer in Ettlingen, Theologiestudium in Freiburg, Tübingen, Basel und Heidelberg. Wissenschaftlicher Schwerpunkt waren Augustinus von Hippo, das allgemeine Priestertum, dann zusehends Fragen der praktischen Theologie; schon als Dekaan, aber bis in die Aktualität hat er mit kirchlichen Struktur- und Veränderungsprozessen zu tun.


29.1.2017 Pfarrerin Lisa Nikol-Eryazici in St.Jakob

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Liebe Gemeinde,
so vielfältig ist Familie, so bunt, so intensiv, so spannend – Sie haben gerade ein ganzes Potpourri an Erfahrungen und Erlebnissen zusammengetragen. All das finde ich wieder in einem Text, den Sie sicherlich alle kennen, der aber noch mal ganz besonders klingt, wenn man ihn auf das Leben in der Familie bezieht: Ich lese aus dem Buch Kohelet:
Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit, pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit,
verletzen hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit, abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit, weinen hat seine Zeit und lachen hat seine Zeit, klagen hat seine Zeit und tanzen hat seine Zeit.
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit, herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit, suchen hat seine Zeit und verlieren hat seine Zeit, behalten hat seine Zeit und wegwerfen hat seine Zeit, zerreißen hat seine Zeit und zunähen hat seine Zeit, schweigen hat seine Zeit und reden hat seine Zeit, lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit, Streit hat seine Zeit und Friede hat seine Zeit.

Die Fülle des Lebens ist hier beschrieben, nicht nur glückseliges, auch schweres, belastendes, Auseinandersetzung, Reibung, aber auch Versöhnung und große Innigkeit. All das ist Familie, all das hält Familie zusammen und alles hat darin auch seine ganz besondere Zeit:
Da kommt das erste Kind zur Welt und alles wird anders – das ganze Leben konzentriert sich auf diesen neuen Erdenbürger, der die Zeit der Eltern so unglaublich bündelt und einnimmt. Alles dreht sich um das erste Lächeln, die vollen Windeln, sein Wohlergehen. In dieser Zeit ist für nicht viel anderes und andere Platz. Es ist eine ganz beseelte, intensive Zeit, aber dafür kommt vieles andere zu kurz: Freundschaften pflegen, Zeit für sich selbst, für ausreichenden Schlaf, Zeit für Zweisamkeit. Alles hat seine Zeit.
Und kaum ist dann alles eingespielt, wieder ein wenig ins Gleichgewicht gebracht, da kommt schon wieder eine neue Phase: das erste Loslassen in die Krippe, in den Kindergarten, in die Schule. Die Kinder bringen Impulse von außen mit und wir Eltern dürfen nun wieder spielen und Kindsein ausleben – Drachen basteln, Sand spielen, die Sendung mit der Maus anschauen – mit großen Kindern geht das nicht mehr, leider – alles hat seine Zeit.
Doch auch das verändert sich, die Kinder gehen zunehmend eigene Wege, Freundschaften werden wichtigen und schließlich wollen sie sich nicht mehr so recht einpassen in den Familienalltag. Pubertät ist doch die Zeit, wenn die Eltern anfangen komisch zu werden…Reibereien gehören dazu, auch Streit bis sich wieder ein neues Verhältnis auf neuer Ebene anbahnt. Ich könnte die Phasen nun so weiter beschreiben, die Älteren unter uns wissen, wie das ist, wenn dann die Kinder groß werden, selbst Familie gründen, die Enkel dazukommen, wie es ist, dann vielleicht die eigenen Eltern mitversorgen zu müssen, Abschied zu nehmen, selber älter zu werden und auf die Familienbande zu hoffen, die uns auch mittragen und dann erfüllen.
Alles hat seine Zeit, Familie ist der Raum, in dem all das stattfindet, was mein Leben reich macht und erfüllt sein lässt: Trotz allem gesellschaftlichen Wandel, einer immer größeren Anzahl von Singlehaushalten und der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung als ein ganz hoher Wert, ist ein glückliches Familienleben mit Kindern und eine stabile Partnerschaft einer der ersehntesten Wünsche der allermeisten Menschen.
Warum ist das so? Weil es die verlässlichste Gemeinschaft ist, in der wir leben. Und auch wenn wir gerade in einer Familie viel streiten, dann oft eben deshalb, weil wir einander so gut kennen. Auch Trennung, Schmerz, Scheitern gehören zu unserem Leben als Familie dazu, es gibt auch bei allem guten Willen manchmal ein „Es geht nicht mehr“. Und dennoch bleibt das Band unsichtbar trotzdem bestehen, ein Vater bleibt immer der Vater, die Mutter die Mutter. Ja, und heute finden wir Familien in ganz unterschiedlichen Formen vor, doch jede zeichnet sich dadurch aus, dass in ihr ganz selbstverständlich Sorge füreinander getragen wird, eine Leistung, die auch gesellschaftlich gesehen, gar nicht hoch genug angesehen werden kann, denn keine Institution kann das in dieser Tiefe und Fülle ausfüllen. Ich habe vor kurzem eine Definition von Familie gelesen: Familie ist nicht mehr nur dort, wo Kinder sind, sondern dort, wo Menschen dauerhaft und generationsübergreifend füreinander sorgen. Diese Sorge , diese tätige Liebe füreinander stellt also das Zentrum dar. Sie ist das Band, das die Familie hält und umgibt. Wo die Liebe wohnt, da ist auch Gott. Deshalb ist die Familie trotz allem Ringen, trotz aller Anstrengung, trotz manchem Scheitern ein Segensraum im umfassenden Sinn, ein Geschenk Gottes, das mein Leben, das das Leben als Ganzes reich und erfüllt werden lässt, wo alles seine Zeit haben darf und kann – geboren werden und sterben, weinen und lachen, klagen und tanzen, schuldig werden und vergeben, streiten und Frieden haben. Eigentlich bildet das Leben in der Familie auch ab, was wir auch in unserer Beziehung zu Gott leben dürfen: dass er uns einen weiten Raum eröffnet und uns dennoch mit seiner Liebe und Sorge hält und nicht fallen lässt. Nicht umsonst hat Jesus uns Gott so nahe gebracht, dass wir ihn Vater nennen können – und wir seine Kinder sind.
Segensraum Familie – er ist Geschenk und Aufgabe zugleich. Dieser Segensraum „Familie“ muss auch immer wieder verteidigt und geschützt und auch neu definiert werden, denn es ist ja nichts statisches, sondern immer im Wandel mitten in der Gesellschaft. Und da hat sich so viel verändert in den letzten Jahren. Ich glaube, wir müssen gegen andere Interessen immer wieder deutlich machen, was Familien leisten in Sorge und Fürsorge, in Pflege und Wertevermittlung, in Liebe und Stabilität. Für mich ist es deshalb wirklich ein Skandal, wenn ich mir vorstelle, dass in Deutschland jedes fünfte Kind unterhalb der Armutsgrenze lebt, dass so viele Alleinerziehende um ihre Existenz kämpfen müssen, dass ausreichender Wohnraum für Familien fast unbezahlbar geworden ist, wenn ich immer wieder erlebe bei Besuchen, wie erschöpft und ausgelaugt diejenigen sind, die Angehörige pflegen. Familien brauchen auch Zeit füreinander, denn Erziehung und Sorge füreinander ist eben nicht ein Hobby nach einer 40 oder bei manchem gar 60 Stunden-Woche Arbeit, sondern ist gesellschaftliche Kernaufgabe. Wenn diese Aufgabe in der Familie nicht mehr wahrgenommen wird, dann entstehen Probleme, die so weitreichende Folgen haben noch in die nächsten Generationen hinein. Das Familienband, es ist so ein kostbares Gut, das wir schützen und pflegen müssen.
Dieser Gedanke hat uns auch bewegt, als wir hier in Lauf vor nunmehr fast 18 Jahren das Familienhaus gegründet haben. Es will Familien begleiten, unterstützen, beraten und ein Ohr haben für die Sorgen, es will Lobby sein für die Anliegen der Familien und Raum geben für Begegnung. Und ich bin dankbar und – ehrlich gesagt - auch ein bisschen stolz, dass wir dank der Unterstützung des Landkreises, unserer Stadt Lauf und unserer Kirchengemeinde, dank auch der Spender und vieler aktiver Kursleiterinnen, Mitarbeiterinnen und Ehrenamtlicher so viele Familien haben begleiten dürfen in dieser Zeit. Dass das Familienhaus Anteil nehmen durfte an diesem Segensraum der Familie und selbst zum Segen werden konnte für Kinder und Eltern.
Alles hat seine Zeit, eine Zeit des Aufbauens, eine Zeit des Abgebens, eine Zeit des Beendens und eine Zeit des Neuanfangs. Das gilt auch für das eigene Leben und das Leben in unserem Familienhaus. Wenn wir nun heute Inge Offenhammer als langjährige pädagogische Leitung verabschieden, dann tun wir das voller Dankbarkeit und Freude über das, was in dieser Zeit entstanden ist, aber natürlich auch mit Wehmut. Die Segensspur, die du hier mit gelegt hast, die wird fortwirken und weitergehen, dessen sind wir uns sicher. Und mir Nadja Bauer ist ja auch der Grund dafür gelegt.
So möchte ich schließen und noch einmal den Prediger Kohelet zu Wort kommen lassen: Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.
Darauf vertrauen wir, wir legen es in Gottes Hände und sagen „Amen“, ja so sei es.

15.1.'17: Vikar Kamleiter in St.Jakob



Predigt von Vikar Christian Kamleiter zum Neujahr 2017

[Diese Predigt zum Ausdrucken als pdf-Datei]
 
Liebe Gemeinde,

2017 ist angebrochen. Ein neues Jahr liegt vor uns. 365 Tage, wie leere Seiten, unbeschriebene Blätter. Was wird es uns bringen, dieses Jahr? Mit welchen Gefühlen, welchen Befürchtungen, welchen Wünschen und Hoffnungen gehen wir hinein? Was von dem, was wir uns vorgenommen haben, von den guten Vorsätzen, werden wir umsetzen können? Was wird in unserer Hand liegen? Und was wird durch den Lauf der Dinge vorgegeben sein?
Wir stehen hier am Beginn des neuen Jahres mit Fragen. Mit Fragen und der ein oder anderen Unsicherheit.

In diese, unsere Situation am Anfang dieses Jahres, sprechen nun die Worte Gottes durch den Propheten Ezechiel. Seine Worte, sie sind Worte des Zuspruchs, der Ermutigung. Ich lese aus der Lutherübersetzung:

„Ich will ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“

Gott spricht hier zum Volk Israel: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ein neues Herz. Das Herz ist für die alten Hebräer das Zentrum des menschlichen Lebens. Der Ort, an dem die Gefühle entstehen. Aber mehr noch: Anders als unsere heutige Sprache bezeichnet das Herz im Hebräischen aber auch den Ort, an dem die Vernunft, der Verstand eines Menschen zu suchen ist. Da, wo Denken, wo Erkenntnis stattfindet. Wir verorten das aufgrund unseres fortgeschrittenen anatomischen Wissens ja eher im Kopf. Für die Hebräer war das Herz aber der Ort, an dem Gefühl und Verstand zusammenspielen. Kurz gesagt: Das Herz ist das, was den Menschen als Mensch ausmacht. Wenn vom Herzen die Rede ist, dann ist der ganze
Mensch gemeint.

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.
Ein neues Herz. Jedem Neuen geht etwas Altes voraus. So spricht auch der Prophet Ezechiel von einem alten Herzen, das wir Menschen in uns tragen. Es ist ein steinernes Herz. Ein Herz aus
Stein ist Sinnbild für Empathielosigkeit, fehlendes Mitgefühl, für Kälte. Und wenn wir bedenken, dass das Herz für den ganzen Menschen steht, dann ist ein Herz aus Stein mehr, als nur Gefühlskälte. Denn auch das Denken kann versteinern.

Dass unser Herz versteinert, unsere Gefühle kalt werden und unser Denken erstarrt, das ist eine Gefahr, der wir immer wieder neu ausgesetzt sind. Manchmal geschieht das aus Überforderung,
einfach, weil von so vielen Seiten an unser Mitgefühl appelliert wird. Gerade das vergangene Jahr war so voll von menschlichem Leid, dass es eigentlich gar nicht möglich ist, sich zu allem zu verhalten. Wer erinnert sich denn noch an den Wirbelsturm, der über Haiti hinwegfegte? Oder wer hat nicht irgendwann in diesen letzten Monaten bei den Nachrichten im Fernsehen weiter geschaltet, wenn es schon wieder um den Hass und die Aussichtslosigkeit in Aleppo ging? Oder der Moment, in dem jemand aus der näheren Bekanntschaft eine schwere Diagnose bekommt; wühlt uns sowas noch auf? Oder stecken wir es schon irgendwie weg, abgeklärt, weil es so viel gibt, das unsere Aufmerksamkeit will? Die Gefahr, dass Gefühle kalt werden, dass das Herz steinern wird, dass gute Vorsätze versanden, wir sind ihr immer wieder neu ausgesetzt.

Auch unser Verstand kann erstarren, unser Denken versteinern. Denn unsere Welt ist komplex geworden; unübersichtlich, immer weniger berechenbar, oft unverständlich. Und es ist manchmal eine natürliche Reaktion, auf diese komplizierten Fragen, die das Leben an uns heran trägt, einfache Antworten geben zu wollen. Das kann im Gesellschaftlichen sein, wie im Zwischenmenschlichen. Dann, wenn zu schnell der Schuldige eines Problems gefunden ist, dann, wenn nur in eine Richtung gedacht wird, dann besteht die Gefahr, dass das Denken versteinert. Dann ist man festgefahren in einer Meinung, die oft sogar einmal ihre Berechtigung hatte, aber vielleicht schon lange neu überdacht werden müsste.

Unsere christlich-jüdische Tradition kennt ein Heilmittel gegen Herzensverhärtung. Früher nannte man dieses Heilmittel Buße. Buße hat heute einen etwas negativen Klang. Es klingt danach, etwas wieder gut machen zu wollen, das man falsch gemacht hat. Aber Buße bedeutet mehr: Es bedeutet, nicht nur Fehler gut zu machen, sondern besonders auch, Fehler zu vermeiden indem man sich selbst zu hinterfragt. Es bedeutet Aufmerksamkeit auf sich selbst zu haben. Das eigene Denken und Tun zu beobachten und Einsicht zu gewinnen, in das, was und wer ich bin.

Wer das tut, wer aufmerksam mit sich selbst umgeht, der wirkt der Gefahr der Herzensverhärtung entgegen. Der bemerkt, wo das eigene Herz hart wird und kann sich dann anders verhalten. Denn Buße bedeutet vor allem eines: Umkehr. Martin Luther schreibt in seinen 95 Thesen davon, dass es im Leben eines Glaubenden immer wieder neu diese Momente der Umkehr gibt. Momente, in denen Menschen sich selbst beobachten, sich selbst prüfen und sich dann entscheiden, etwas anders zu machen als bisher.

Neujahr ist einer dieser Momente. Wir blicken zurück auf das, was war. Und wir machen uns Vorsätze, Vorsätze, was wir anders, besser machen können. Wo war unser Herz hart im letzten Jahr?
Wo sind unsere Gefühle und unser Denken erstarrt, versteinert, im Laufe dieses Jahres? Und wo kann ich etwas dagegen tun? Sicher, ich kann nicht für jeden Mitgefühl empfinden, das übersteigt meine Fähigkeiten. Aber vielleicht kann ich ab und an für die Menschen da sein, die in meiner Nähe Trost brauchen. Etwas tun, was ich auch wirklich leisten kann.

Neujahr kann auch einer dieser Momente sein, in dem ich mein Denken in den Blick nehme. Meine Meinungen einmal hinterfrage und sie vielleicht neu justiere. Mir vielleicht vornehme, mir zu manchen Fragen eine neue Meinung zu bilden. Dazu gehört auch und ganz besonders, dass ich mir bewusst mache, dass es keine eindimensionalen Antworten auf die vielschichtigen Probleme des Lebens geben kann. Eine gute Lösung, eine richtige Entscheidung braucht im Leben eben manchmal ihre Zeit.

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Das neue Herz, von dem hier die Rede ist, es ist ein fleischernes Herz; ein Herz aus Fleisch und Blut. Es ist voller Lebendigkeit, voller Leben. Wenn Menschen aktiv über ihr Leben nachdenken, manchmal inne halten, ihre Lebensweise betrachten, sich selbst hinterfragen, dann ist das ein Zeichen, dass sie solch ein lebendiges Herz haben. Wer wahrnimmt, was er selbst denkt und tut, wer die Menschen wahrnimmt, mit denen er zusammenlebt, der ist wahrhaft lebendig. Ein Herz aus Fleisch und Blut zu haben, bedeutet, voll und ganz Mensch zu sein. Es bedeutet, Schmerzen zu empfinden, wenn andere Leid erfahren, aber genauso sich freuen zu können, wenn meine Mitmenschen Grund zur Freude haben. Es bedeutet frisches Denken, ein Verstand, der offen ist für Neues, für neue Erfahrungen, für Richtungsänderungen.

Wer so über sich selbst nachdenkt, der wird auch feststellen, dass es Grenzen gibt. Zum Menschsein gehört eben auch, nicht alle guten Vorsätze umsetzen zu können, ab und an auch zu scheitern, Rückschläge hinnehmen zu müssen. Doch das weiß auch Gott, wenn er sagt: Ich schenke euch ein neue Herz und lege einen neuen Geist in euch. Denn zum Herzen gehört auch ein Geist. Im Denken der Menschen des Alten Testaments gehört beides zusammen. Nur ein Herz das geistbeseelt ist, ist wahrhaft lebendig. Das hebräische Wort „ruach“, was in unserem Text mit „Geist“ übersetzt wird, könnte man auch mit „Atem“, oder „Lebenskraft“ übersetzen. Gemeint ist Gottes Atem, den er dem Menschen bei dessen Erschaffung eingehaucht hat. Im Denken der Hebräer ist es dieser Atem Gottes, der alles Leben schafft und in ihm wirkt, der Lebensatem, das Göttliche in allem Lebendigen.

Diese Jahreslosung will uns durch dieses Jahr 2017 begleiten. Und sie erinnert uns daran, dass wir Menschen sind. Dass wir als Menschen dafür geschaffen sind, Gefühle zu empfinden, uns unseres Verstandes zu bedienen. Aber sie will uns auch daran erinnern, dass wir nur dann wahrhaft lebendig sind, wenn wir eine Beziehung zu dem haben, der Grund unseres Seins ist. Wir sind nur dann wahrhaft Menschen, wenn wir erkennen, dass in unserem Leben dieser Geist weht und wirkt, dieser Lebensatem Gottes.

Die Jahreslosung ist eine Zusage Gottes. Eine Zusage, die uns Mut machen will. Sie will Mut machen zu guten Vorsätzen, Mut, das Leben beherzt anzugehen. Es ist eine Zusage, dass wir in all
dem, was wir tun und lassen fest damit rechnen können, dass Gott mit uns, dass Gott in uns ist.

So lasst uns beherzt und mutig in dieses neue Jahr starten, im Vertrauen darauf, dass das, was nicht in unserer Hand liegt, Gott selbst in der Hand hat.
Amen