Predigt online
Friedhelm Beck-Johanniskirche am Sonntag Rogate 13.Mai2012
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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater du unserem Herrn Jesus Christus
Predigttext: Brief des Paulus Kol 4,2-4
Liebe Gemeinde!
Und wie halten Sie´s denn mit dem Gebet? Heute schon gebetet?
Keine Sorge, liebe Gemeinde, ich will Sie hier heute Morgen nicht peinlich befragen – obwohl es schon interessant wäre, wie so die Gewohnheiten in unserer Gemeinde sind – in Bezug aufs beten.
Aber das mit dem Beten ist nun mal eine sehr besondere Sache. Aber mal ganz ehrlich: Braucht’s überhaupt das beten? Brauchen wir überhaupt das Gebet?
Ich stelle mir vor, Sie denken jetzt – naja, wenn er diese Frage hier auf der Kanzel stellt, dann wird er sicher sagen: Ja, es braucht das Gebet.
Aber jetzt mal ganz ehrlich, liebe Gemeinde: Was wäre ohne Gebet?
Was wäre in dieser Welt, in diesem Land, in unserer Stadt anders ohne Gebet?
Was wäre in Ihrem Leben anders – ohne das Gebet?
Wenn wir so um uns schauen, an einem ganz normalen Alltag: erst einmal würde wohl nichts fehlen – oder? Ich vermute mal, die Sonne würde auf gehen und wieder untergehen, Die Menschen würden ihrem normalen Tagesablauf nachgehen, zur Arbeit gehen, Essen und Trinken zu Bett gehen. Schlafen.
Erst einmal würde nichts anders sein an so einem Tag ohne das Gebet.
Die Menschen würden sich um ihr eigenes Leben sorgen und mühen. Die Menschen, also auch Sie und ich hätten morgens vielleicht ein paar Minuten mehr Zeit zum ausschlafen – keine Gebet! Wir hätten mittags ein paar Augenblicke mehr zum Essen – kein Tischgebet – wir hätten abends ein paar Wimpernschläge mehr Schlaf – kein Abendgebet. Eine wirkliche Zeitersparnis wäre es wohl nicht, die paar Minuten, die paar Augenblicke, die paar Wimpernschläge pro Tag.
Aber was wäre anders?
Die Welt wäre sich selbst überlassen, liebe Gemeinde. So eigenartig großspurig das jetzt auch klingen mag, aber ich meine es so. Wenn das Gebet aufhören würde an einem Tag, dann würde sich wohl nichts Großartiges auf dieser Welt verändern, nichts, was in den Nachrichten gebracht würde.
Aber die Welt und die Menschen wären sich selbst überlassen.
Wie ich das meine?
Erst einmal ganz einfach so: Wenn wir beten, wenn sie und ich die Hände falten, dann geschieht etwas ganz Außerordentliches, ja etwas fast unvorstellbares, Unbeschreibliches:
In unseren ganz normalen Alltag kommt Gott herein.
In unser ganz normales Leben zwischen Geboren werden und Sterben, in unsern ganz normalen Tag zwischen Aufstehen und ins Bett gehen tritt plötzlich eine weitere Dimension in unser Leben. Wir reden mit dem, der diese Erde geschaffen hat; wir reden mit dem, der die Welt uns das Leben auf dieser Erde so komplex und doch so wunderbar geschaffen hat, dass unsere Wissenschaftler erst langsam nachvollziehen, was er gemacht hat.
Wenn wir beten, liebe Gemeinde, dann öffnet sich eine völlig neue Dimension für uns Leben. Wir sind nicht nur wir selbst und alleine und für uns. Nein, wir dürfen mit dem Reden, der alles in seiner Hand hält.
Wer in den Zeiten von Königen und Kaisern vor den Herrscher treten durfte, war ganz besonders privilegiert. Er wurde von seinen Mitmenschen geachtet und hofiert. Vielleicht würde er ja auch mein Anliegen vor den Herrscher bringen.
Der orthodoxe Gottesdienst spiegelt noch etwas wieder, von diesem besonderen Glanz, der von Gott auf die Menschen fällt, die sich an ihn wenden dürfen. Der Gottesdienst ist wie eine Thronaudienz gestaltet und es ist eine Ehre, dabei sein zu dürfen.
Sie werden vielleicht erstaunt sein, aber genau das ist es, wenn wir mit Gott reden – eine Ehre eine ganz besondere Vergünstigung.
Das steht in krassem Widerspruch zu dem, wie wir Gebet halten und durchführen – manchmal ein bisschen gezwungen, manchmal ein bisschen unlustig und als wäre es eine fast lästige Pflicht, die wir zu tun haben, wenn wir sie überhaupt tun.
Ich weiß, liebe Gemeinde und mir selbst geht es ja oft auch so, aber ich will mit Ihnen heute Morgen das Gebet einmal wieder anders und neu anschauen.
Ausgegangen sind wir ja von der Frage: Was wäre ohne das Gebet?
Als erstes haben wir festgestellt: es öffnet unser Leben in eine neue Dimension und macht es reicher. Wir dürfen mit Gott reden!
Und damit geschieht etwas mit unserer Welt! Sie ist durch uns vor Gott vertreten:
Sie und ich, liebe Gemeinde, wir sind Anwälte dieser ‚Welt und der Menschen dieser Welt vor Gott. Unsere Aufgabe und unsere große Lebenschance ist es, all das vor Gott zu bringen, was in dieser Welt an Last und Leiden, an Schmerzen und Tränen, an Ohnmacht und Versagen da ist. Und das ist jeden Tag neu unendlich viel! Und wir bringen es vor Gott und vertreten dadurch diese Welt vor Gott, wir legen sie Gott ans Herz und vertrauen darauf, dass all die, die wir Gott ans Herz legen, auch in seiner Hand geborgen sein werden.
Wir, liebe Gemeinde, sie und ich sind Stellvertreter dieser Welt vor Gott. Und wenn wir diese Aufgabe nicht wahrnehmen, dann ist die Welt wenigstens in diesem Bereich von Gott verlassen, weil es niemand gibt, der sie vor Gott vertritt.
Legen wir uns wirklich ins Zeug für unsere Welt und für die Menschen unserer Welt und unseres Lebens? Ich glaube wir klagen viel eher darüber, dass die Welt nicht nach Gott riecht und wir in dieser Welt nicht viel von Gott entdecken. Aus dem Blickwinkel des Gebetes sieht das ganz anders aus: Die Welt ist da gottlos, wo sie nicht von uns vor Gott vertreten wird.
Was wäre die Welt ohne Gebet?
Sie wäre gottverlassen.
Und ein Drittes will ich mit Ihnen nachdenken, liebe Gemeinde:
Das Gebet weitet unser Leben: wenn wir diese Welt und die Menschen dieser Welt vor Gott vertreten, dann werden diese Menschen uns wichtig!
Das müssen Sie mal ausprobieren – oder Sie haben das längst erlebt: Wo Sie für einen Menschen beten – vielleicht, weil er krank ist, oder im Augenblick in Schwierigkeiten steckt, da interessieren Sie sich für diesen Menschen. Sie wollen wissen, wie es im weiter geht – und ob vielleicht eine Besserung eingetreten ist. Das Gebet sensibilisiert uns für die Menschen, die wir vor Gott vertreten und aktiviert uns zur tätigen Hilfe und das kann ein Mensch im Nachbarhaus sein, oder weit weg, der in Japan unter den Folgen von Fukushima leidet, oder in Afrika unter Hunger und Krankheiten. Und so verbindet das Gebet uns Menschen auf dieser Erde als Gemeinschaft, wie Gott sie gedacht hat.
Ja, liebe Gemeinde, das Gebet verändert die Welt und die Menschen. Darum hat unser Predigttext schon recht, wenn er sagt: Haltet an am Gebet – auch wenn´s manchmal Mühe ist – aber es ist ein unschätzbar wichtiger Dienst an unserer Welt!
Amen
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