Lebendig bleiben – nicht erstarren. Lot und seine Frau

Predigt zum Segnungsgottesdienst für Paare am 16.02.2020 in St. Otto

Als die Morgenröte aufstieg drängten die Engel Lot zur Eile: Auf nimm deine Frau und deine beiden Töchter, die hier sind, damit du nicht wegen der Schuld der Stadt hinweggerafft wirst.  Da er noch zögerte, fassten sie ihn, seine Frau und seine beiden Töchter an der Hand, weil der Herr mit ihm Mitleid hatte, führten ihn hinaus und ließen ihn erst draußen vor der Stadt los. Sie sagten: bring dich in Sicherheit, es geht um dein Leben. Sieh dich nicht um und bleib in der ganzen Gegend nicht stehen. Rette dich, sonst wirst du hinweggerafft….

Als die Sonne aufgegangen war und Lot in Zoar angekommen war, ließ der Herr auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab. ER vernichtete jene Städte von Grund auf  und die ganze Gegend und alles was auf den Feldern wuchs.Als Lots Frau zurückblickte, erstarrte sie zu einer Salzsäule.

nach Moses 19, 15-26

Eine ungewöhnliche Bibelstelle für einen Segnungsgottesdienst für Paare, nicht wahr?

Im Vorbereitungsteam haben wir uns in unseren Familien und Freundeskreisen umgehört. Warum dreht Lots Frau sich um? Und warum erstarrt sie dann zur Salzsäule? Einhellige Meinung: Na klar, das ist nun mal die Strafe für neugierige Frauen!

So klischeehaft wollten wir das nicht stehen lassen und haben noch eine andere Erklärungsmöglichkeit entdeckt.

Wir haben es bereits eingangs gehört. Das, was wir hier am Beispiel von Lot und seiner Frau hören, ist keine Mann-Frau-Geschichte. Kein Stereotyp: „So sind sie, die Frauen und Männer“. Sondern Lot und seine Frau stehen für zwei Möglichkeiten, mit Erinnerung und Verlust, mit Schmerz und Trauer umzugehen. Diese zwei Typen kennt jedes Paar. Durchaus in wechselnder Besetzung. Und diese zwei Verhaltensweisen kenne ich auch ganz tief in mir drin. Dazu brauche ich meinen Mann gar nicht!

Lot will, was war, was geschehen ist, was nicht zu ändern ist, hinter sich lassen. Neu anfangen! Keine Zeit verlieren! Vielleicht auch keine Energie verschwenden und sich mit aller Kraft dem Neuen zuzuwenden.

Seine Frau, von der wir leider keinen Namen kennen, ist da anders! Sie gibt, was war, nicht so schnell auf! Will die guten Zeiten, die sie in Sodom hatte, nicht so schnell abhaken. Will nach-spüren, nach-schauen, sich um-schauen. Das hat durchaus etwas sehr Wertschätzendes und Bewahrendes.

Doch das, was sie sieht, lässt sie nicht mehr los. Sie verharrt im Vergangenen. Die glücklichen Lebensphasen, von denen sie sich verabschieden muss. Die Zeit als unbekümmertes junges Liebespaar. Die Zeit als die Kinder zwar anstrengend waren, aber immer für Stimmung und Gesprächsstoff sorgten.

Verabschieden müssen wir uns auch von manch schwierigen Lebensphasen. Von erlittenem Schmerz und Enttäuschungen.

Das, was sie so gefangen nimmt, muss jedoch gar nicht so vernichtend sein, wie die Zerstörung Sodoms. Es sind die vermeintlichen Kleinigkeiten des Alltags. Wenn wir an alten Rollenbildern, an alten Bildern, die wir uns von einander gemacht haben, festhalten. „Da brauche ich gar nicht dran zu denken, das macht der nie! Das war schon immer so!“

Wenn wir in der Routine des Alltags feststecken. Wenn die Abläufe des Zusammenlebens vorhersehbar und einengend sind. Wenn kein Platz mehr ist für Fantasie und Leichtigkeit.

Aber vielleicht kommt Lots Frau auch nicht los von den Träumen und Zukunftsplänen, die jetzt nicht mehr realisierbar sind. Wir hatten doch so viel vor… wo ist die Zeit hin? Uns fehlt die Kraft.

Ihr Blick bleibt verhaftet in dem, was war oder schon immer so zu sein scheint.

Das Erstarren ist also vielleicht keine Strafe Gottes, sondern die Folge von Wehmut, Trauer, Enttäuschung und Unachtsamkeit, die mich bindet und nicht mehr loslässt.

Das Verbot, sich umzudrehen, kann dann auch als wohl gemeinter Schutz verstanden werden. Als Schutz davor, sich fest zu beißen. Warum kann es nicht so sein, wie damals? Als Schutz davor, sich in alten Routinen zu verfangen. Das haben wir doch immer so gemacht?!

Doch die Erstarrung muss nicht das Ende sein! Auch in der Natur kennen wir die Erstarrung. Wenn im Winter alles ruht. Wenn sich die abgeerntete Erde zurückziehen darf und Zeit bekommt, sich zu erholen. Wenn wir uns nach einer schweren oder anstrengenden Zeit für die Heilung zurückziehen dürfen. Dann kann Neues gedeihen!

Jetzt entscheidet sich, wie es Lot und seiner Frau weiter ergeht. Ob es gelingt, das, was war, zu verwandeln. Den Erinnerungen einen würdigen und liebevollen Platz in der neuen Situation zu geben. Das Erlebte im Guten wie im Schlechten als eine Kraft zu verstehen, die mich für das Neue, das da kommen soll, stark macht. Die Älteren kennen das sicherlich, wenn sie dankbar und vielleicht auch etwas wehmütig in alten Fotoalben blättern. Wissen um das, was sie erleben durften und geschafft haben. Und zugegebenermaßen: Auf manches davon würden wir gerne verzichten.

Für mich stecken in dieser Erzählung zwei wichtige Erfahrungen des Menschen. Jeder von uns, auch der Gerechteste, muss sich von Vertrautem, Liebgewonnenem und auch schlimmen Erfahrungen und Enttäuschungen lösen. Muss den Blick abwenden können. Das wird uns allen immer wieder geschehen.

Aber da ist auch die Rede von zwei Engeln, die Lot und seine Familie begleiten und zur Eile mahnen. Die schon da sind, als es beginnt brenzlig zu werden. Für mich heißt das:

Wir haben einen Gott, der uns aus den schwierigen Phasen unseres Lebens herausführen will! Der unseren Blick weiten will und uns in Bewegung bringt. Der nicht will, dass wir in einem gefühlten Niemandsland zwischen Abschied und Ankunft stecken bleiben.

Ob diese Engel nun Freunde sind, die die Krise des Paares erkennen und versuchen, sie durch Gespräche und gemeinsame Unternehmungen zu unterstützen. Ob es der eigene Partner ist, der sich traut, von Wünschen und Hoffnungen zu sprechen. Die er bisher nicht zu sagen wagte. Ob es die Paartherapeutin ist, die den Partnern hilft, die eignen Hemmschwellen im Übergang zu etwas Neuen anzuschauen.

Ich glaube, jeder von uns kennt solche Engel und durfte schon einmal so ein Engel sein.

Hier sitzen so viele Jahre an Lebens- und Beziehungserfahrung. Sie haben schon viele Hürden miteinander gemeistert. Haben immer wieder miteinander Schwung aufgenommen. Auch wenn Sie zwischenzeitlich glaubten, in eine Sackgasse geraten zu sein.

Lot und seine Frau sind zwei Teile desselben Themas. Im Zurückschauen können das Bewahrende, Wertschätzung und Verarbeitung liegen. Im Vorwärtsgehen liegen Kraft und Zuversicht, die Erschaffung von etwas Neuem. Sie sind das Yin und Yang der chinesischen Philosophie. Die sich nicht bekämpfen, sondern im Einklang miteinander

ihre Wirkung erzielen.

Wir kennen ja auch den Spruch: „Gegensätze ziehen sich an.“ Wenn sich diese vermeintlichen Gegensätze aber als gut und schlecht bewerten, kommt es zu einem Kampf, der uns erstarren lässt. Wir sind dann hin- und hergerissen und kommen nicht vom Fleck! Denn auch Lot kommt ins Stocken. Er rennt ja nicht einfach weiter. Er ist irritiert,

versucht sicherlich, seine Frau aus ihrer Fixierung zu befreien. Das Problem des einen

ist also immer das Problem des Paares!

Auch das kennen Sie aus Ihrer gemeinsamen Geschichte. Wir sind auf das schwächste oder sensibelste Glied in der Kette angewiesen. Wenn es uns aber gelingt, beide Seiten wert zu schätzen, beides zur Geltung kommen zu lassen. Wenn das, was war, sein darf und seinen rechtmäßigen Platz in der Geschichte des Paares oder des einzelnen bekommt, wird daraus ein Hin- und Her-Schwingen. Dann kommt Bewegung ins Spiel!

Dann wird es ein achtsamer Umgang mit den Bedürfnissen und Grenzen des anderen, der mich bereichert. Weil er etwas wahrnimmt, was ich nicht sehe. Die Lebendigkeit und Vielfalt unseres Lebens und unserer Paarbeziehung wird spürbar, und wir entdecken Bewegungsspielräume für Neues.

Von der amerikanischen Psychotherapeutin Virginia Satir stammt der Spruch: Wir kommen zusammen aufgrund von Gemeinsamkeiten und wir wachsen aufgrund von Unterschieden.

Und wenn es gut geht, hat uns Gott für geraume Zeit genau den Menschen an die Seite gestellt, an dem wir wachsen und mit dem wir beweglich bleiben dürfen.

Stefanie Dietze