Algorithmus, Jagdinstinkt und Heiliger Geist – Wer bestimmt, was Deutschland denkt?
Dritte Ausgabe von „Horch amol” bringt Redaktionsleiter und Influencer-Pfarrerin ins Gespräch

Lauf an der Pegnitz. Wer entscheidet eigentlich, welche Nachricht uns morgens am Frühstückstisch erreicht – und welche nicht? Dieser Frage ging die dritte Auflage der Gesprächsreihe „Horch amol” nach, zu der die Evangelische Kirchengemeinde Lauf und der CVJM beim Wollner in den Wintergarten nach Heuchling eingeladen hatten. Vor gut gefüllten Tischen diskutierten Andreas Sichelstiel, Redaktionsleiter der Pegnitz-Zeitung, und Pfarrerin Dr. Tia Pelz, die als „Pfarrerin von nebenan” auf Instagram rund 30.000 Menschen erreicht, unter der Moderation von Frank Wüst (CVJM). Schnell wurde klar: Die Antwort auf die Titelfrage ist komplizierter – und ehrlicher –, als man erwarten würde.
Zwei, die entscheiden – und es zugeben
Sichelstiel macht keinen Hehl daraus: Am Ende entscheide er mit seinem neunköpfigen Team in der täglichen Redaktionskonferenz, was in die Zeitung kommt. Nicht der Bürgermeister, nicht der Verleger. Dabei helfen zunehmend Daten: Nicht nur Klickzahlen, sondern vor allem die sogenannte „Media Time” – wie lange Leser tatsächlich an einem Text dranbleiben – dient als Kompass. Trotzdem: „Wir machen auch bewusst Dinge, die nicht gut geklickt werden, einfach weil wir es wollen.”
Pelz, die von der bayerischen Landeskirche für ihre Arbeit als Teil des „Seeleute”-Teams bezahlt wird, genießt eine andere Freiheit: „Die Frage, wer entscheidet, was ich mache? Ja, ich.” Was sie postet, sei sehr persönlich, aber nie privat – ein Unterschied, den viele nicht verstehen würden. Ihren Weg in die sozialen Medien fand sie nach dreieinhalb Jahren als Gemeindepfarrerin in der Bay Area, wo zwei Drittel der Gemeinde sonntags im Gottesdienst saß. Zurück in Nürnberg-Ziegelstein, vor 40 bis 50 von 3.000 Gemeindegliedern, stellte sie fest: „Der Gemeindebrief? Steht drin, weiß aber keiner.”
Zwischen Jagdinstinkt und Verantwortung
Am lebendigsten wurde der Abend, als es um die Spannung zwischen Reichweite und Haltung ging. Sichelstiel schilderte seine jahrelange Recherche zum Schadstoff PFOS im Birkensee – eine Geschichte, die Behörden mauern ließ, Anwälte auf den Plan rief und am Ende doch „nicht so goutiert wurde draußen”. Trotzdem hält er sie für eine der wichtigsten seiner Karriere. Und er erzählte von einem erschossenen Asylbewerber am Laufer Bahnhof, dessen Geschichte die Redaktion bewusst differenziert aufarbeitete – gegen den Strom der Empörung und trotz übelster Kommentare auf Facebook.
Pelz kennt die Schattenseiten der Sichtbarkeit ebenso. Wenn der Instagram-Algorithmus ihre progressiv-theologischen Beiträge in konservative Bubbles spült, werde sie „als Hexe beschimpft, die man verbrennen soll”. Ihre Strategie: schnell blocken, manchmal mit Ironie reagieren – und weitermachen. Denn auf der anderen Seite stehen Nachrichten wie die eines jungen Mannes, der vor zehn Jahren aus dem Irak floh und sie über Instagram kontaktierte, weil er mehr über den Glauben erfahren wollte. „Dafür lohnt es sich.”
KI als Werkzeug, nicht als Autor
Beide nutzen Künstliche Intelligenz – und beide ziehen klare Grenzen. Bei der Pegnitz-Zeitung baut KI inzwischen Zeitungsseiten, prüft Rechtschreibung und kann Texte kürzen. „Aber im Impressum stehe ich, nicht die KI”, betont Sichelstiel. Pelz lässt sich aus einer sechsstündigen Predigtvorbereitung in 30 Sekunden Instagram-Slides generieren, geht aber immer noch selbst drüber. Generische KI-Texte von Kolleginnen erkennt sie sofort: „Diese Halbsätze mit Punkt am Ende.”
Überschriften, Clips und der Kampf um Aufmerksamkeit
Aus dem Publikum kam engagierte Kritik an reißerischen Überschriften und die Sorge über Filterblasen und Bot-Netzwerke. Sichelstiel räumte ein, dass Online-Logiken auf den Print durchschlagen, verteidigte aber den Grundgedanken: „Eine Überschrift ist das Eingangstor.” Pelz pflichtete bei: „Das muss knallen, sonst kommt der tolle Inhalt nicht zu den Leuten.” Dass dabei das Bild noch vor der Überschrift entscheide, ob ein Artikel gelesen wird, darüber waren sich beide einig. Überhaupt verschiebt sich die Arbeit massiv ins Visuelle: Wo zur Kommunalwahl früher ein Bericht am nächsten Morgen reichte, produzieren Redaktionen heute Reels aus dem Rathaus. „Ich habe manchmal das Gefühl, wir brauchen eigentlich Fernsehleute”, gesteht Sichelstiel, „und keine Leute mehr, die nur schreiben können.” Viele Redakteure kämen aber genau aus dem Schreiben – und liebten es. Die Printqualität leide, wenn die Kapazität ins Bewegtbild fließe. Auch Pelz bestätigt: Bei Instagram entscheide die erste Folie, das erste Bild, die ersten Sekunden eines Videos. 15-Sekunden-Clips würden massenhaft abgespielt, ab einer Minute sinke die Reichweite rapide.
Auch die schwindende Kommentarkultur in Tageszeitungen wurde im Publikum beklagt. Ob es nicht Mut brauche, sich als Zeitung klar zu positionieren – gerade wenn in den sozialen Medien ohnehin so schlecht kommentiert werde? Sichelstiel gab offen zu: Für einen klugen Kommentar brauche man oft mehr Zeit als für den Artikel selbst. „Früher saßen in der Politikredaktion kluge Männer, die den ganzen Tag Zeit hatten, sich gewichtige Gedanken zu machen. Das haben wir heute nicht mehr.” Die verdichteten Arbeitsabläufe ließen kaum Raum, und zugleich traue man sich kaum noch, wenn jede Meinungsäußerung sofort zum Shitstorm einlade. Pelz sieht ihre Rolle da anders: Sie sei erkennbar subjektiv, stehe für eine offene progressive Theologie und kommentiere bewusst auch Missstände in der eigenen Kirche. „Ich finde es großartig, dass meine Landeskirche mich dafür bezahlt, sie zu kritisieren. Das ist Freiheit.”
Kein Handy vor 14 – eine Pfarrerin gegen den Strom

Ein Publikumsbeitrag lenkte den Blick auf die junge Generation. Pelz erzählte von ihrer Zeit in der Bay Area, dem Herzen des Silicon Valley: Ausgerechnet dort, wo die Technologie entsteht, herrschte unter den Eltern Konsens – kein Smartphone vor 14, keine Tablets in der Schule, keine Screen Time. „Die Leute, die diese Technologie bauen, geben sie ihren Kindern nicht.” Zurück in Deutschland setzten sie und ihr Mann das konsequent um: Ihre fast zwölf- und dreizehnjährigen Kinder haben als Einzige in der Klasse kein Handy. „Sie überleben es.” Auch ihre handyfreie Konfirmandenzeit funktioniere prächtig – die einzigen, die murrten, seien die Kolleginnen und Kollegen, nicht die Jugendlichen. „Die reden plötzlich miteinander.”
Wer bestimmt nun – Algorithmus oder wir?
Und wer bestimmt nun, was Deutschland denkt? „Der Algorithmus bei Facebook”, sagt Sichelstiel nüchtern – weil er Emotionen belohne, nicht Information. Pelz kontert mit einem anderen Akzent: Nicht das Gleichdenken sei das Ziel, sondern Medienkompetenz. „Wir müssen uns klarmachen, wer welche Interessen hat.”
Bücher statt Bubbles
Zum Schluss gaben beide ihren persönlichen Tipp: Sichelstiel empfahl, bewusst in fremde Bubbles zu schauen und mit Menschen zu reden, die man sonst nicht trifft. Pelz zitierte eine Freundin: „Leaders are readers” – und plädierte für eine halbe Stunde Buch am Abend, weil dort das Denken anders angeregt werde als im Takt der Algorithmen.
Die nächste „Horch amol”-Veranstaltung ist für den Herbst geplant.
Text und Bilder Jan-Peter Hanstein mit Unterstützung von Claude AI und Transkript mit MS Copilot AI.
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