Berg der Verklärung nach dem Bild von Raffael und zum 100. Geburtstag von kurt marti – Predigt zu Matthäus 17 Letzten Sonntag nach Epiphanias, 31. Januar 2021, Pfarrer Jan-Peter Hanstein, Lauf

1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder,

und führte sie allein auf einen hohen Berg.

2 Und er wurde verklärt vor ihnen,

und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne,

und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.

3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia;

die redeten mit ihm.

4 Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus:

Herr, hier ist gut sein!

Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen,

dir eine, Mose eine und Elia eine.

5 Als er noch so redete,

siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke.

Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach:

Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe;

den sollt ihr hören!

6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht

und fürchteten sich sehr.

7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach:

Steht auf und fürchtet euch nicht!

8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.

9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach:

Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen,

bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Gnade und Friede sei mit euch von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus AMEN.

Jetzt schneit es wieder. Gerade jetzt, als wir diesen Gottesdienst feiern, da geht die Sonne auf. Da ist so ein Moment der Klarheit, der Schönheit. Wir in Mittelfranken hatten da mehr Glück als andere. Eine schöne weiße Decke über alles, das braun gewordene Grün darunter verschwunden, eine Stille zwischen den dicken Flocken. Und dann riss es auf, Sonne über dem Weiß, das Licht vielfach reflektiert, während ich auf allen vieren den vereisten Hohenstein mit meiner Frau Tilla erklommen habe, den höchsten Punkt in unserem Nürnberger Land mit einem dramatischen Ausblick auf Berge, Wolken und Sonne. Die Kinder waren ermattet zu Hause geblieben. Gerade war die Welt so grau – „Harte Wochen“ werden uns prophezeit. Und für mich heißt es dann: raus. Kleine Höhepunkte setzen, im Tag und in der Woche. Vitamin D tanken. Allein das ist schon eine Herausforderung, wenn man so ermattet ist. Sogar Langlaufski habe ich noch ergattert. Einmal wieder Ski fahren, das war der Höhepunkt für uns.

Jesus ist mit seinen Freunden unterwegs. Aber irgendwie wird alles plötzlich schwer, der Lack ist ab, sie haben die Leichtigkeit verloren. Eigentlich war es aufregend mit Jesus, die Tage waren erfüllt, Heilungen und Wunder und immer wieder starke Worte und wunderbare Gleichnisse.

Und dann sagte Jesus, dass es so nicht mehr lange weitergehen würde. Dass was auf ihn zukommt, etwas Schweres, Leiden und vielleicht der Tod. Petrus schaffte es wieder einmal, und sagte ohne Verständnis für Gottes Absichten: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ (Mt 16, 22). Kurze Unruhe, dann gingen sie weiter.

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.

Aus der Vergangenheit kommen Mose und Elia in diesen Moment. Sie sind die leuchtenden Vorbilder Jesu. Sie stehen für die Weisung Gottes und für die Einsicht, die man daraus gewinnen kann. Da findet ein Gipfeltreffen der besonderen Art statt. Mose rechts mit der Tafel und Elia links. Beide Gott besonders nahe. Mose, so heißt es, wurde von Gott selbst begraben. Und niemand hat sein Grab je finden können. Und Elia ist direkt in den Himmel gefahren, entrückt worden. Sie sind spurlos zu Gott verschwunden, diese beiden. Jesus in der Mitte und sie reden ganz vertraut miteinander, als würden sie sich kennen seit unvordenklicher Zeit. Dass es auch für ihn so kommen wird. Ein leuchtender Moment, all dem Grau, aller Sorge und Angst enthoben.

Raffael Verklärung

Nach der Mona Lisa das wohl berühmteste Bild von Raffael: Verklärung. Sein letztes Bild (1518-1520)

Genauso stellen wir uns die Geschichte vor, oder?

„Hier ist gut sein“ sagt Petrus. Oder seufzt er? Einen leuchtenden Moment raus aus der grauen Gegenwart, Klarheit, Übersicht und vor allem eine Perspektive bekommen. Ich will auch auf so einen Berg. Und ich verstehe Petrus so gut, wie und warum er das sagt. „Lass uns hierbleiben“.

Aber so ein leuchtender Moment ist einfach ein Lichtblick. Kurz wie ein Blitz.

Man kann darin nicht bleiben geschweige denn wohnen. Er denkt nicht an die anderen 9 Jünger da unten. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke.

Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr.

Die Jünger -können nicht hören, nicht sehen. Zu mächtig und erschreckend.,

7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!

Der Moment ist vorbei. Alles wirkt wieder wie vorher. Ganz normal dieser gar nicht so hohe Berg. Eher so ein Mittelgebirge, vielleicht der Berg Tabor mit seinem Blick auf Nazareth und den See Genezareth. So wie man vom Moritzberg von einer bestimmte Stelle aus ganz Lauf sieht und fast alle seiner Ortschaften. Da unten. Die andere Hälfte.

Zeitgleich. Vielleicht können die Jünger den Menschauflauf da unten sogar erkennen. Die Protestierenden, Die sich auflehnen gegen das Unvermeidliche. Die Hoffnung geschöpft haben und bitter enttäuscht werden.

Das sieht das so aus. Dunkel. Schwer zu erkennen.

Die entblößte kniende Frau. Schön und verzweifelt. Eine Mutter. Sie zeigt so mit dem Finger über die Schulter – dahinter der ihr Sohn, eindeutig krank, der „Mondsüchtige“ – Epilepsie sagen wir heute, damals von einem Dämon befallen, die Augen rollend, Schaum vor dem Mund, der Vater hält ihn mit großen bittenden Augen, verzweifelt.

Die Menge empört. Warum tut ihr nichts dagegen? Wo ist euer Glaube? Ganz unten ist es dunkel.

Eindeutig abgegrenzt von dem Menschenauflauf – die neun zurückgebliebenen Jünger. Ganz unten.

Sie reden, sie diskutieren, wehren ab, tuscheln, betroffen, ratlos, machtlos.

Und einer hat das ganze beschrieben. Aus seiner Sicht. Aus seiner Sicht von links unten es auch gemalt, Von links unten aus der Schrift kommt das Licht! Matthäus. Er hat es aufgeschrieben. Auch diesen Moment. Wir konnten nicht tun. Wir haben versagt. Das ist die Kirche in der Pandemie. Zerstritten. Ohnmächtig. Aber immerhin sind sie zusammen.

14 Und als sie zu dem Volk kamen, trat ein Mensch zu ihm, kniete vor ihm nieder 15 und sprach: Herr, erbarme dich über meinen Sohn! Denn er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden; er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser; 16 und ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht und sie konnten ihm nicht helfen.

„Sie konnten nicht helfen!“

Einer der Jünger zeigt nach oben. Ohne ihn können wir es nicht tun.

Und so sieht das ganze Bild aus. Einzigartig in der Zusammenstellung der Gleichzeitigkeit, wie es Mt erzählt hat. Niemand hat so jemals zuvor gemalt. Höchster Klarheit, der Himmel öffnet sich, die Heiligen reden miteinander, die Stimme Gottes erschallt wie bei der Taufe: „siehe, das ist mein Sohn an dem ich wohl gefallen habe“ Und das bringt Raffael zusammen mit dieser bräunlichen Erde, mit diesem verfaulten Gras, mit diesen schrecklichen besessenen zuckenden Jungen-  niemand hat zuvor so die ohnmächtige Kirche gemalt, die Macht Gottes und dieie Verzweiflung der Menschen.

Der leichte Moment. Da oben. Die Schwere und das Dunkle da unten. Der Berg sieht jetzt aus wie ein Opferaltar. Und mir wird klar:

Oben ist zwar nicht unten, aber es nicht getrennt. Da oben wird gerungen. Gebetet. Geglaubt. Da wird hinaufgetragen all das Elend, all das Leid. Das andere verschwindet nicht einfach. Deshalb beten wir am Altar. Beleuchten ihn mit Kerzen. Es gehört zusammen. Nicht die da oben und wir da unten – „Das ist mein lieber Sohn“. Oben der Schwebende und unten der Besessene.

 Verklärung? Wird hier etwas geschönt? Im griech Text steht metamorphein. Verwandlung. In die Herrlichkeit. In das Licht.

Heute wäre der dichter und pfarrer kurt marti 100 jahre alt geworden.

Er war Schweizer, deshalb der Schnee auf den Bergen. Und den „berg der Verklärung“ hat er so verdichtet.

berg der verklärung

schnee

seiner herrlichkeit

schnee

seines lichts

blenden im glanze

des innern gesichts

spurlos nahen

moses elia

und glühen

verglühen

ins nichts

schnee

seiner herrlichkeit

schnee

seines lichts –

doch er mahnt

zum abstieg

ins tal der kämpfe

und des verzichts

Liebe Gemeinde, stellt euch vor, es wäre so gewesen wie bei Mose oder bei Elia – jetzt wäre das Evangelium zu Ende gewesen! Ein perfekter Moment – Jesus schon schwebend in der Luft, noch einen kurzen Moment und er wäre hinauf getragen worden zu Gott. Reicht es nicht, was er den Menschen bis dahin gegeben hat? Übrig bleiben würden wunderbaren Geschichten, Die Gleichnisse vom verlorenen Sohn, von der Barmherzigkeit, seiner Bergpredigt –  würde das nicht schon genügen?

Aber nein – Jesus geht wieder hinab, hinunter. „ins tal der kämpfe und des verzichts“.

Versteht ihr?  Die ganze Verklärung, die ganze Macht des Glaubens hätte keinen Sinn, wenn er nicht wieder hinunter gehen würde. Wenn er sich nicht hineinbegeben würde in unser Schicksal. Miteinander gehen wir jetzt in die Passionszeit. Den Weg des Sterbens, des Leidens, der Dunkelheit mit Furcht und Zittern. Durch die Pandemie.  Aber nicht ohne Hoffnung. Dafür ist dieser Ausblick da. Dier Lichtblick. Da ist Jesus und als er wieder unten ist bei dem Knaben –

17 Jesus aber antwortete dem Vater und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn mir her! 18 Und Jesus bedrohte ihn; und der Dämon fuhr aus von ihm, und der Knabe wurde gesund zu derselben Stunde.

Verklärung, Verwandlung in Licht.

Wisst ihr wie eine alte Glühlampe Licht bringt?

Da ist Energie, der Strom, unsichtbar, aber fühlbar. Der Glaube. Aber Licht entsteht nicht in den reinen Kupferkabeln, sondern dort im Glaskolben, in diesem winderständigen „verschmutzten“ Legierung aus Wolfram und anderen Stoffen. Ist er zu schwach, dann wird der Glühdraht nur warm, ist er zu stark, dann brennt er durch. Aber richtig dosiert strahlt das Licht auf.

Wenn es Widerstände, wo sich menschlich und göttlich untrennbar vermischt, und es heiß wird, genau da strahlt der Glaube auf. Das sehen wir an diesem Jesus auf dem Berg. Deshalb ist er so stark im Leid, mit den Kranken, Mit den Eltern und ihren Sorgenkindern.

Wir steigen also mit ihm herab. Christus ist das Licht. Singen wir dann an Ostern.

Wie und wo auch immer.

Noch ein letzte mal kurt marti –

der tröster

der tröster

träte doch aus seinem dunkel

der tröster hinaus ins licht!

nicht bräuchte sein kommen

sein antlitz sichtbar zu werden

ein hauch der berührte

ein wahrhaftiger tonfall genügte uns:

die – von falschen tröstern genarrt

– aller tröstung misstrauen uns:

die – trostlos lebend und sterbend –

einander nicht zu trösten vermögen

aus: Kurt Marti – gott gerneklein. gedichte

AMEN

Das Gedicht „berg der verklärung“ stammt aus: Kurt Marti, geduld und revolte. Die gedichte am rand (Neuausgabe) Stuttgart 2002, Seite 41.

4. Advent Gottesdienst im Livestream aus St. Jakob Lauf

Advent Gottesdienst im Livestream aus St. Jakob Lauf auf Youtube

Evangelium Lk 1,39-45 (gleichzeitig Predigttext!) Lektor

 Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.

Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe.

Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach:

Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?  Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Ja, selig ist, die da geglaubt hat! Denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist von dem Herrn.

EG 604 Den Herren will ich loben

1. Den Herren will ich loben, es jauchzt in Gott mein Geist; denn er hat mich erhoben, dass man mich selig preist. An mir und meinem Stamme hat Großes er vollbracht, und heilig ist sein Name, gewaltig seine Macht.

2. Barmherzig ist er allen, die ihm in Ehrfurcht nahn; die Stolzen lässt er fallen, die Schwachen nimmt er an. Es werden satt aufstehen, die arm und hungrig sind; die Reichen müssen gehen, ihr Gut verweht im Wind.

3. Jetzt hat er sein Erbarmen an Israel vollbracht, sein Volk mit mächt’gen Armen gehoben aus der Nacht. Der uns das Heil verheißen, hat eingelöst sein Wort. Drum werden ihn lobpreisen die Völker fort und fort.

Text: Maria Luise Thurmair 1954/1971, nach dem Magnificat Lukas 1,46-55
Melodie: Valet will ich dir geben (EG 523)

Predigt Pfarrer Jan-Peter Hanstein

Liebe Gemeinde,

Maria und Elisabet. Die Junge und die Alte.

Hier grüßen sich Verheißung und Erfüllung.

Sagte der bekannte Theologe Helmuth Gollwitzer.

Was für eine unvergleichliche Begrüßung! „Gesegnet seist du unter den Frauen und gesegnet sei die Frucht deines Leibes!“

Ein Glanz liegt von nun auf diesen beiden Frauen, sie werden berühmter und wichtiger als die mächtigsten Königinnen. Da die ältliche, unfruchtbare Priesterfrau Elisabet, die nach Jahrzehnten der Enttäuschung schwanger ist und sich darüber so schämt, dass sie sich verborgen hat. Und hier die junge Maria, in ihrer Not abgehauen aus dem 130km entfernten Nazareth in diesen Vorort von Jerusalem En Kerem. Als dieser Engel zu ihr gesagt hatte, dass sie sie schwanger werden würde – vom Höchsten, obwohl sie von keinem Mann weiß. Als Jungfrau sozusagen. Und dann fügte der Engel dazu dazu, „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Lk 1,37.

Verheißung und Erfüllung begegnen sich, grüßen sich.

„Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“

Ich würde allerdings Lk 1,37 anders übersetzen.

ὅτι οὐκ ἀδυνατήσει παρὰ τοῦ Θεοῦ πᾶν ῥῆμα

Lk 1,37

„Denn bei Gott wird nichts unmöglich bleiben, was er sagt.“ Rhema übersetzt Luther mit „Dinge“ – aber es soviel mehr in diesem Wortfeld: das kann Wirklichkeit heißen, aber auch Wort und Befehl. Was Gott sagt, geschieht! Sieh nach bei Elisabet, sagt der Engel.

Maria “des Herrn Magd”, wie sie sich selbst bezeichnet, “des Herren Sklavin”, glaubt nicht einfach so, sondern läuft los. Sie hat auch keine andere Wahl. Damals war eine Teenagerschwangerschaft kein Problem wie heute. Solange das Mädchen schon verheiratet war. Im schlimmsten Fall drohte ihr Steinigung, auf jeden Fall aber Verachtung, Ausstoßung, als einziges Schicksal Prostitution.

Maria war jung, aber nicht dumm. Also lief sie los. Barfuss. Mit einer Decke und einer kleinen Tasche. 130km nach Jerusalem.

Hier neben mir, da steht der der Ahnherr der Pilger. Jakob. Mit dem Beutel-Stab in der rechten Hand. Links die Rolle der Verheißung. Diesen Weg lief Maria. Den Weg der Wallfahrer von Nazareth nach Jerusalem. Den kannte sie auswendig.

Einmal als Jugendlicher bin ich mit gelaufen auf der Wallfahrt von Neunkirchen am Brand nach Gößweinstein. Aus Neugier und um meiner katholischen Freunde willen. Den Weg kannten sie auswendig. Oft führte er Luftlinie. Auf Straßen begleitet mit Polizei.

Doch Maria läuft allein. Sie hat niemandem Bescheid gesagt. Auch nicht Josef ihrem Verlobten. Auf gar keinen Fall! Dem zuletzt.

Um die Städte wird sie einen Bogen gemacht haben. Schlief irgendwo versteckt in einem Busch oder hinter einem Felsen. Wie Jakob bei seinem berühmten Traum als Flüchtender. Herunter von Nazareth an den See Genezareth und dann in der Jordan Tiefebene schnell voranzukommen. Auf der Höhe von Jericho ist sie dann durch das Wadi hinauf nach Jerusalem gezogen. Ein Mädchen allein auf der Straße, die berüchtigt war für ihre brutalen Räuber, skrupellosen Soldaten und gierigen Kaufleuten. Selbst Jesus verlegt die Geschichte von seinem barmherzigen Samariter in dieses Tal, den Weg von Jerusalem nach Jericho. Aber diese Maria ist mutig. Und entschlossen.

Sie will sehen, was der Engel zu ihr gesagt hat. Elisabet, ihre Verwandte schwanger! Die Sinnbild für Unfruchtbarkeit war.

Nebenbemerkung: es schadet auch nicht, in diesem Dilemma zu einer erfahrenen Frau zu gehen. Zu einer, mit der man reden kann, eine Pfarrfrau sozusagen. Dort wird sie Asyl finden, egal was passiert. Gar nicht dumm, der Tipp von dem Engel, wenn man es vernünftig betrachtet. Wenn die Alte tatsächlich ein Kind bekommt, wird sie Hilfe gern annehmen.

So kam damals ein struppiges staubiges Mädchen in dem Hause des Zacharias an, barfuß und mit wunden Fußsohlen, wenn sie mal wieder zu aufdringlicher Anmachern entwischen musste. Aber mit diesem Leuchten im Gesicht, wenn sie sich an diesen schönen Engel erinnert.

Denn Gottes Wort ist nichts unmöglich, habe ich übersetzt.

Gesegnet seist du unter den Frauen und gesegnet sei die Frucht deines Leibes!

Heute liegt ein Glanz darauf. Wie die Begegnung zweier Weltherrscherinnen. Hier grüßen sich Verheißung und Erfüllung. Küssen sich Gerechtigkeit und Friede, wie in dem 85. Psalm.

Zacharias, der erste Mensch – der als Mann in diese Geschichte einbezogen worden war, hatte versagt, nicht geglaubt und muss stumm bleiben, bis sich die Verheißung erfüllt hat. Maria ist die Erste, die glaubt.

Maria wird sich wieder erschrocken haben wie über den Gruß Elisabet – wie bei dem Engel!  „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“

Und jetzt: „Gesegnet seist du unter den Frauen und gesegnet sei die Frucht deines Leibes! Woher kommt das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“

Maria fragt sich: Woher kommt es, dass du es schon weißt? Wenn dann ist dieses Kind erst wenige Tage alt. Vielleicht ist noch nicht einmal ihre Periode ausgeblieben, so schnell war sie losgelaufen. Maria denkt an die Worte, die sich in ihrem Herzen bewegen. “Gottes Wort ist nichts unmöglich. Er wird Sohn des Höchsten genannt werden.”

Elisabet weiß alles, bevor Maria auch nur ansetzen konnte, zu erzählen. Die Mutter eines Propheten. Des größten aller Propheten wie Jesus einmal gesagt hatte. Ein Vorläufer des ganz Neuen.

DIESE Verheißung und DIESE Erfüllung. Was diese beiden Frauen zusammenführt, ist etwas ganz Neues. Alter und Standesunterschiede spielen keine Rolle. Eine erkennt die andere. Und das Kind in ihr beginnt an zu hüpfen vor Freude.

Die Alte beugt sich dem jungen Ding.

Aber Maria wird nicht stolz oder hochmütig, sondern plötzlich erfüllt von Glück, ganz warm wird es ihr: es ist wahr!  Sie ist gerettet! „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Magd ja, Sklavin. Aber von dem Einzigen und dem Höchsten. Und als Erste.

Und sie fängt an zu singen. Ich formuliere das mal in einfacher Sprache.

Meine Seele macht Gott groß. Magnificat.
Ich denke an Gott und freue mich. Denn er hilft mir.
Ich bin ein kleiner Mensch. Doch der große Gott schaut auf mich.
Alle Menschen werden sagen: Gott hat Maria groß gemacht.
Gott ist heilig. Gott hat Macht.

Alle Menschen können Gott bitten. Ihnen ist er nahe.
Gott hat Kraft. Eingebildete Menschen müssen Angst haben.
Gott hat die Mächtigen vom Thron gestürzt. Und die Kleinen hat er groß gemacht.
Gott hat die Hungrigen beschenkt. Die Reichen schickt er mit leeren Händen fort.
Gott hat sich um sein Volk Israel gekümmert.

Er hat es vor langer Zeit Abraham versprochen.

Ein Danklied. Der erste Hymnus des Neuen. Noch ganz in der Sprache der Psalmen. Aber alles ist darin schon angelegt, was der Sohn Jesus sagen wird auf dem Berg über die Friedfertigen und Einfachen. Über die Armen und Niedrigen. Nichts Neues eigentlich. Schon immer war Gott barmherzig.

Schon immer zeigte er, dass das Wort seiner Verheißung größer ist als Biologie und Abstammung oder Vererbung.

Gottes Verheißungen erscheinen immer unwahrscheinlich. 

Aber Gottes Wort ist nichts unmöglich.

Ironisch, dass Josef als Davidide stolz auf seinen Stammbaum war, wie es bei Mt 1 steht. Aber er wird übergangen. Er ist nur Lehnvater. Immerhin …

Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen,

sagt ein vielzitiertes Wort Bonhoeffers.

Das Besondere an diesem Psalm Marias ist, dass sie nun “dahinter” sieht. Nicht im Präsenz, der Gegenwart schildert sie, was Gott tut, auch nicht im Futur der Zukunft, sondern im klassisch griechischem Aorist: Vergangenheitsform. Es ist erfüllt.

Gott hat schon gehandelt. Es ist schon geschehen. Mit ihr und mit Elisabeth hat eine neue Geschichte Gottes mit den Menschen begonnen, eine unwahrscheinliche Wendung.

Solche Elisabeths, solche Marias, das sind die Menschen, die Gott ansieht. Da singt keine ansehnliche junge Frau, sondern ein ganz junges jüdisches Mädchen aus der Unterschicht ihrer Zeit.

Dieses Mädchen ohne Ansehen singt mit der Kraft all der Frauen, die erfahren haben, dass Gott sie ansieht. Sie singt mit der zerbrechlichen Greisinnen-Stimme Saras und mit den Stimmen der Schwestern Lea und Rahel. Sie singt mit den Worten der gedemütigten Hannasund mit der Hoffnung der Moabiterin Ruth auf Asyl, eine Heimat. Sie singt mit der Zuversicht einer illusionslosen Frau mit dem Namen Naomi.

Maria singt mit den Stimmen derer, die ohne Ansehen sind. Sie singt für die Elisabeths und die Marias unserer Zeit. Die nicht gesehen und nicht wahrgenommen werden.

Die alten Frauen und ihre Männer, die zurechtkommen müssen mit dem, was am Ende ihres Lebens herauskommt an Rente und mit dem, was für das Leben dann noch übrigbleibt.

Die Teenagermütter aus sozial schwierigen Verhältnissen. Und all die anderen Menschen ohne Ansehen, ohne die Möglichkeit und am Ende auch ohne die Motivation, noch ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Die Frauen, die jetzt als systemrelevant bezeichnet werden, aber deren Jobs in Pflege und Erziehung kaum mal ein Mann übernimmt. Ob sich das nach Corona ändern wird?

Maria singt ihr Lied für diese Menschen ohne Ansehen. Sie singt mit den Stimmen derer, die keine Zukunft haben und keine Perspektive, die zu alt sind oder zu jung, die arm und ohne Einfluss sind. Und sie singt dieses Lied gegen die Menschen mit Macht und Ansehen, in ihrem Lobgesang, dem Magnificat:

Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

(Lk 1,52f.)

Ja – Weihnachten wird dieses Jahr anders sein. Advent war schon anders. Vielleicht mussten wir mal runter vom hohen Ross. Wie auch immer. Es ist ernst. Corona geht Menschen an das Leben. Es geht an unsere Substanz. An unsere Solidarität. Die Ersten lassen die Hoffnung fahren. Aber wir sollen erfahren, dass Gottes Wort größer als Biologie ist. Genau da will Gott uns haben, damit seine Verheißung alles überwindet.

Sein Wort wird Wirklichkeit. Gottes Sohn Mensch. In dieser ersten, aber nicht letzten Maria. Ihr Lied erschallt jeden Abend in jedem Kloster der Welt als Stundengebet.

Da ist Advent jeden Abend. Weil die Geschichte nicht ohne uns weitergeht. In uns Hoffnungslosen und Enttäuschten wächst die Verheißung.

Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.

Angelus Silesius

Maria singt. Ich höre ihr Lied. Die erste, ein junges Mädchen. Ich sehe sie, ich höre die Hoffnung in ihrer Stimme: Die Geschichte geht los.

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

(Lk 1,46-48)

Maria bleibt drei Monate bis zur Geburt des Johannes. Dann findet sie den Mut, läuft heim und vertraut sich Josef an. Er glaubt ihr. Dank des Engels …

Aber 6 Monate später gehen sie wieder diesen heiligen Weg. Nach Bethlehem. Nur 10km entfernt von En-Kerem, von Elisabeth. Aber anscheinend war zu spät, um sie aufzusuchen und um Hilfe zu bitten. 10 km können lang sein kurz vor der Niederkunft. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie wird erzählt werden. Auch ohne gefüllte Kirchen. Von Frau zu Frau, Mutter zu Kind. Solange bis wir es auch sehen.

Gottes Wort ist nichts unmöglich. Sein Wort wird Wirklichkeit.

Dann wird wirklich Weihnachten sein.

Amen.

#Ewigkeitssonntag

Zuwendungen auf die Aufforderung zur Aktion in unserem Livestream Gottesdienst vom Ewigkeitssonntag:

Mach mit deinem Handy ein Foto vom Himmel, wie er jetzt ist. Wenn du dich in den nächsten Tagen daran erinnern musst, dass das hier nicht das Ende ist, dann schau das Foto an. Du kannst es auch jemandem schicken und zum Beispiel einen Satz aus diesen Gottesdienst dazu schreiben, der dir etwas bedeutet. Oder auch an mich:

Vielen Dank!

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„Werde, was du bist – in Christus“. Predigt JP Hanstein, Lauf

19. So. n. Trinitatis – 8.10.2020, 10:30 Uhr, Livestream aus St. Jakob

Liebe Gemeinde,

stellt euch vor, ihr wacht auf und wollt euch anziehen. Und da hängt euer neuer Anzug. Exakt für euch zugeschnitten. Die Ärmel passen und die Hosenlänge auch. Ihr schlüpft hinein und alles passt. Der Tag kann beginnen. Was kann einen in einem solchen Anzug schon passieren?

Ich meine natürlich eher nicht unsere Arbeitskleidung, nicht der Blaumann von Engelbert und auch nicht den maßgeschneiderten Anzug von Brioni! Sondern so einen Supermannanzug. Einen Anzug, der aus dem durchschnittlichen Schüler Peter Parker Spiderman macht und der nun alle möglichen Wunder vollbringen kann.

Obwohl wenn ich diesen jungen Mann anschaue, muss ich zugeben, dass ich nicht so wohlproportioniert wäre wie Peter und mich alle in diesem Aufzug eher auslachen könnten. Aber nehmen wir an: es liegt da Kleidung bereit und damit wäre mein Leben wie neu. Ungeahnte Kräfte wüchsen mir zu und ich erlebte ein Abenteuer nach dem anderen. Wie abgetragen und verschlissen ist dagegen, was ich bisher getragen habe.

Was würde sich in meinem Leben verändern?

Du müsstest ja wie die Kinohelden immer noch in die Schule gehen oder den stumpfsinnigen Bullshit-Job im Büro machen. Wahrscheinlich endete alles typisch deutsch wie der Film „Vorstadt-Avengers“ mit Wendy und Elmar statt Superman und Batman … Der Verfasser des Epheserbriefes beschreibt diese neue Kleidung so:

Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht,

ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn!

Das ist fast noch krasser wie bei den Supermännern – und Frauen. Er fordert uns auf, den alten Menschen wie alte Kleidung einfach abzustreifen. Erneuert ἀνανεοῦσθαι euren Geist und Sinn! Wir sollen eine Metamorphose durchmachen wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird und ihren Raupenkokon einfach leer zurücklässt.

Und dann kommts:

Zieht den neuen Menschen an,

der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Die ursprüngliche Version unseres Menschseins, wie Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat? Doch so eine Art Supermensch nach dem Bilde Gottes?

Ja – aber das Bild Gottes ist schon seit dem Anfang, Gen 1, Bild Gottes. Menschen mit bestimmten Fähigkeiten und Begrenzungen. Von Anfang an konnten wir Menschen ihr Leben frei interpretieren. Wunderschönes entstand, aber auch schreckliches. Ermahnen half nicht, ebenso strafen und vernichten nicht.

Schließlich, so erzählt es das Neue Testament, sandte Gott seinen Sohn Jesus. Er ist der neue Mensch, wie Gott ihn sich vorgestellt hatte.

Ich schwanke da auch manchmal. Ist Jesus auch nur so ein getarnter Superman, versehen mit unglaublichen Kräften? Wunder und Zeichen geschahen. Jesus heilte und bewerkstelligte Unglaubliches. Aber am Ende waren seine Kräfte nicht groß genug. Sein Leib und sein Leben wurde Schritt für Schritt geschunden und zerstört bis zum Tod am Kreuz. Jesus starb diesen elenden Tod, den sich ein Batman oder Superman niemals hätte gefallen lassen. Er wurde an unserer Stelle zur Sünde gemacht, Hass und Zorn, Lüge und Trug – all das wird in seiner Passion übergroß sichtbar.

Doch kein Superman? Doch – weil er durch viele Menschen wieder aufersteht, mächtiger und wirksamer als je zuvor. Der Verfasser von dem Epheserbrief hat kurz vorher beschrieben, wie er sich die Auferstehung Jesu Christi vorstellt. Viele Menschen leben wie er, ziehen sich diesen neuen Menschen an und bilden zusammen den Leib Christi. Die Supermänner suchen immer nur nach ihresgleichen. Manchmal braucht es zur Vervollständigung ihrer Fähigkeiten eben so einen tollen Anzug, aber sie bleiben allein. Oft bitter einsam. Und irgendwie erfolglos. Von Film zu Film werden Schurkentaten spektakulärer und brutaler. Es hat nie ein Ende, es gibt keine Veränderung. Die Welt ist nie gerettet.

Ist es ein Trost, dass die Gemeinde in Ephesus zutiefst zerstritten und gespalten war und sie deshalb so einen Brief erhalten haben? Was würde uns ein Paulus nach Lauf oder die evangelische Kirche in Bayern schreiben?

Und Ist irgendetwas seitdem besser geworden? Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu den üblichen „Moralkeulen“:

1) All diese Aufforderungen sind an uns adressiert, nicht an irgendwelche anderen, über die wir uns aufregen könnten. Wir sollen neu werden, uns erneuern an Leib und Seele.

Uns gibt der Epheserbrief sogar positive Anregungen.

2) Dort heißt es am Ende:

„Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat!“

Nicht in unserer Vollkommenheit besteht die Nachahmung Gottes, sondern darin, dass wir Unvollkommenheit bei uns und anderen eingestehen und vergeben. Vergebt, weil Gott euch vergeben hat. Darin sollen wir Gottes Ebenbild sein. Die Superkraft – ist die Vergebung. Was Gott nur allein durfte, hat er durch Christus uns gegeben. Die stärkste Kraft ist nicht die vom gnadenloasen Superman, sondern von dem, der vergibt. Dazu gehört noch mehr … Lesen wir das vierte Kapitel des Epheserbriefes weiter:

Legt deshalb die Lüge ab, und redet untereinander die Wahrheit; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden.

Lasst euch durch den Zorn nicht zur Sünde hinreißen! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.

Gebt dem Teufel keinen Raum!

Der Dieb soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und sich mit seinen Händen etwas verdienen, damit er den Notleidenden davon geben kann.

Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt.

Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung.

Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung

und alles Böse verbannt aus eurer Mitte!

Ich sehe geradezu durch die Kamera euer Gähnen auf den Sofas und an den Küchentischen. Was für biedere Ermahnungen! Wie oft haben wir solche Sprüche gehört! Auf der Wand gelesen: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen!“

Auch wenn wir den neuen Menschen anziehen, d.h. wenn wir getauft sind und Jesus nachfolgen und auch nachahmen, bleiben die großen Probleme der Welt. Krankheiten, wie in unserer Zeit Corona, stellen uns auf eine große Geduldsprobe. Meinungsverschiedenheiten werden hasserfüllt auch in unserer Kirchengemeinde ausgetragen. Lüge und üble Nachrede geht durch alle Teile unserer Kirche.

Und auch wir Gutmenschen werden enttäuscht und müde, wie die Superhelden abgenützt werden vor dem immer gleichen Bösen und Schlechten in der Welt?

Das Böse zu bekämpfen ist einfacher als zu vergeben und es selbst besser zu machen.

Zornig zu sein ist einfacher, als diese wilde Energie wirklich in die Lösung schwelender Konflikte zu stecken. Wir gerade in der Kirchengemeinde sind so harmonisch, dass wir alle Konflikte verdecken und vertuschen und so auch verlängern, bis sie sich von allein lösen, weil alle Parteien verschlissen sind. Lieber kurz und heftig, aber dafür danach durch die Vergebung im Frieden.

Zornig werden wir alle – ist ja auch verständlich, aber als Christen machen wir das Unglück nicht größer, sondern retten was zu retten ist. Möglichst am selben Tag, obwohl ich eher empfehlen würde, über manchem Zorn erst einmal eine Nacht zu schlafen. Aber aus Zorn soll keine Sünde, kein Hass entstehen. Nichts, was wir nicht rückgängig machen könnten.

Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes,

das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt.

Das erinnert an die Geschichte von Sokrates, der jede Aussage daraufhin überprüfen ließ, ob sie zugegleich wahr, nützlich und gut ist. Sonst hörte er einfach nicht hin. Macht das ebenso!

Unsere Gemeinde soll kein Ort von Menschen sein, die weißgekleidet immer mit einem Lächeln auf den Lippen versuchen, tolle Menschen zu sein! Meidet solche Orte der Heuchelei!

Wendet euch aber dahin, wo ihr mit allen euren Problemen ernstgenommen werdet. Wo es wirkliche Unterstützung gibt, zB in unseren evangelischen Kindergärten. Wo die Probleme von Liebe und Ehe nicht übertuscht werden, sondern auch in verfahrensten Situationen eine wirkliche Lösung und Vergebung und Erneuerung angestrebt wird wie in unseren Beratungsdiensten.

Geht in die Gemeinden, die ihre Konflikte offen austragen, sei es manchmal eben auch über Leserbriefe und Facebook – aber wendet euch nicht ab, sondern verfolgt auch die Lösungen, zB unsere gemeinsame Erklärung zu interreligiösen Arbeit in unserer Stadt.

Und was für Supermänner gibt es in unsrer Gemeinde und noch viel mehr Superfrauen! Die ihre Angehörigen pflegen und Kranke und Alte besuchen, die Kinder betreuen und erziehen, die Hilfsprojekte in aller Welt über Jahrzehnte fördern, die Flüchtlingen eine Heimat geben, die Gott loben und sich freuen in der Musik, die miteinander das Wort Gottes studieren und auslegen in tiefer Dankbarkeit und Ehrfurcht als Pfarrer und Prädikanten!

Helden des Alltags wurden sie in der Corona-Krise genannt!

Und diese Heldinnen des Alltags in unserer Gemeinde ziehe ich allen Supermännern vor, die immer recht haben und alles andere vernichten und am Ende noch unseren Applaus suchen.

Schluss: DER NEUE MENSCH in Luthers Kleiner Katechismus mit immer demselben Gott Israels und dem Vater Jesu  – DER NEUE MENSCH ist wie Gott uns als Bilder Gottes geschaffen hat. So alltäglich!

Das Zweite Hauptstück. Der Glaube. Der Erste Artikel. Von der Schöpfung

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Was ist das?

Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin.

Glaubst du das?

Und wenn wir gemeinsam antworten –

Das ist gewißlich wahr.

Dann hat das neue Leben längst begonnen und wir sind auf dem guten Weg zum Reich Gottes in Christus unserem Herrn.

Er bewahre unsere Herzen und Sinne in ihm!

AMEN