Pfingstpredigt 2021 von Pfr. Jan-Peter Hanstein, Johanniskirche Lauf

Steine und Geister

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache.  2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst.  3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel  4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.

5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.

 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Gen 11,1-9

(wie schnell getippt, gesprochen ist nicht geschrieben …)

Liebe Gemeinde

Letztes Jahr habe ich gedacht: Corona ist Anti-Pfingsten! Die Menschen bleiben möglichst zu Hause, bewegen sich vorsichtig in der Öffentlichkeit. Die Grenzen der Länder sind dicht, der Austausch und das gegenseitige Besuchen wurde angehalten. Nicht der Geist verbreitet sich weltweit, sondern das COVID19 Virus mit rasender Geschwindigkeit.

Heute hören wir die Geschichte vom Turmbau zu Babel auch als Antigeschichte, oder?

1) Der Turmbau von Babel geht um die Unterscheidung der Geister: Den Einen Geistes Gottes, von den anderen Geistern.

2) Der Turmbau von Babel ist keine Fabel, kein Märchen, keine historische Erinnerung sondern ein Gleichnis, atmet denselben Geist prophetischer Erzählungen wie die Gleichnisse Jesu.

3) Die heutige Predigt ist Teil 1: Der eine Geist. Morgen am Pfingstmontag Teil 2 – werde ich in der katholischen Kirche St.Otto die Fortsetzung predigen:  die vielen Gaben des einen Geistes.

1. Blick in die Schreibwerkstatt

Wenn es nur um die Unterscheidung von Stein und Geist ginge wäre es einfach. Wenn der andere Geist leicht erkennbar wäre, wäre es einfach. Da schauen wir den SchreiberInnen der Bibel einmal in die Werkstatt.

a) Der Schlüssel ist, dass sie den Ort Babylon nennen. Damit geben sie das Signal: Wir die wir schreiben, wir sind Teil der Arbeiter an diesem Turm, wir Juden, die verschleppt worden sind aus Israel. Wir haben aufbegehrt gegen den Einheitsstaat Babylon, wollten mit Ägypten den Aufstand wagen gegen die gnadenloser Unterdrücker und sind schrecklich gescheitert. Jerusalem zerstört, die Führungsschicht als Geiseln in Babylon.

b) Das neubabylonische Reich hatte nicht dazugelernt. Sie versuchten ein Reich zu bilden mit einer Einheitskultur, einer Sprache, einer Herrschaft, einer Religion. Später die Perser wollten es besser machen, zerstören das berühmte Heiligtum in Babylon und riefen ein Zeitalter der Toleranz unter ihrer Führung aus. Die Griechen unter Alexander wollten dagegen wieder dominieren. Alexander versuchte sogar diesen Turm wieder aufzubauen, aber scheiterte durch seinen frühen Tod.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist also subversiv – und prophetisch. Denn zu der Zeit des babylonischen Exils galt dieser Turm schon als Weltwunder. 100m hoch auf einer Grundfläche von ein Hektar. Klar wurde daran immer gebaut, wie heute am Kölner Dom. Aber das Heiligtum war in Betrieb, die Dominanz durch überlegene Baukultur jederzeit vorführbar.

Wie sieht die Analyse aus?

2. Die Noachiten

Das Volk, das den Turm baut, sind in der Geschichte die unmittelbaren Nachkommen Noahs! Das waren auch „Materialisten“, die durch den berühmten Schiffbau der Arche überlebt haben. Übrigens mit Abmessungen und Verhältnissen, die dem Tempel in Jerusalem glichen. Klar – ein Volk der Macher und Techniker. Wenn sie ein Heiligtum, bauen, dann zu ihrem eigene Ruhm – Macht und schiere Größe. Und zur Sicherheit. Keine Flut mehr soll den Turm vernichten? Und auch heute noch haben diese Noachiten Nachfahren: China mit seinem wahnsinnigen Projekt der chinesischen Mauer, die neureichen Staaten in Arabien und Asien, deren Türme nun bei über 500m angelangt sind. Es wurde ausgerechnet, dass der Turm von Babel umgerechnet 5mrd€ kosten würde – aber um in den Himmel zu kommen, waren ganz andere Beträge notwendig: der Wettlauf auf den Mond und die Raumfahrt kostete Billionen und Gagarin konnte nach seinem ersten Flug um die Erde beiläufig berichten. Gott habe ich dort oben nicht gesehen …

Das sind die Nachkommen Noahs, die diesen Turm bauen in Einheitsstaaten und Ideologien. Das Judentum konnte das schon immer nüchtern sehen. Durch die Mauern hindurch – prophetisch: diese Türme werden verlassen, die Projekte nie abgeschlossen, aber hinter dem schönen Schein stehen die Toten und Unterdrückten. Wie hinter dem unvollendeten Reichsparteitagsgelände das KZ Hersbruck mit tausenden Toten mit in einer wunderschönen Landschaft, in der wir gerne herumwandern. Und natürlich hatte Hitler mit seiner Megastadt GERMANIA den Traum eine 10 mal größere Kuppel wie den Petersdom zu bauen.

3. Das Gericht Gottes ist die Unterscheidung … Geist Gottes. Geist der Menschen.

So einfach.

Die Vielfalt der Kulturen ist uns nun gegeben. Was geschieht nun an Pfingsten? Die Geburt der einen wahren richtigen Weltreligion des Christentums – der einen wahren Kirche?

Genau zu Pfingsten erscheint eine Rezension in den Nürnberger Nachrichten über die Gottesherrschaft der deutschen Missionare in Neuguinea und ihre Anfälligkeit für den Nationalsozialismus. Ein kleiner Hinweis – wie weit die Macht des Christentums reichte und reicht.

Die Kirche war oft genug ein Projekt wie der Turmbau zu Babel. Die Wahrheit der Religion sollte sich an Macht Größe und Erfolg zeigen. Die größeren Kirchtürme, die eindrucksvolleren Kunstwerke, beeindruckend und einschüchternd mit dem Verbund von Königen von Gottes Gnaden und ihren Soldaten.

An diesen Weltkirchen und ihrem Wettlauf um die Weltmacht zwischen Westen und Osten, schließlich Katholisch und Evangelisch und dem Islam wird das Gericht Gottes vollzogen. Sie verstehen sich nicht und sie kämpfen gegeneinander und töten sich. Projekt Babel muss scheitern.

Die Unterscheidung der Geister ist eine unglaublich mächtige und schwierige Angelegenheit. Wir danken diese Geschichte den Juden und schon an so einer kleinen Geschichte von 10 Versen sehen wir, wie wichtig die Juden sind. Sie sind das Salz in der Suppe. Die bilden die Differenz. Eine wahre Kirche ohne Juden kann es nicht geben. Und der aufkommende Judenhass in der Corona-Krise und um die Kämpfe in Israel zeigen, dass wieder etwas in eine grundfalsche Richtung läuft.

Im Umgang mit dem Impfstoff gegen Corona wird sich auch wieder der Geist zeigen:

Der menschliche Geist, der mit der Macht über den Impfstoff andere ausbeutet und unterdrückt, wie Russland, die überall ihren Impfstoff Sputnik anpreisen und verkaufen für gute Devisen und Einfluss, aber nicht daran denken, ihr eigenes Volk zu schützen, aber auch der Egoismus USA‘s, die nach Exportverboten und Selbstbedienung großzügig die Freigabe der Patente fordern. Immerhin konnte sich die EU auf ein gemeinsames Vorgehen einigen. Aber entscheiden wird sich der Kampf gegen das Virus in der übrigen Welt. Wenn wir da nicht genauso alle Kräfte und unser Vermögen uneigennützig einsetzen, wird auch dieser Turm zusammenbrechen. Das Impfprogramm kann im Geist Gottes betrieben werden – kleinteilig für alle, oder im Geist der Menschen: großspurig als Allmacht weniger, die auf die Gebote Gottes spucken und sagen werden wie Mose: Wir haben das Wasser aus dem Fels geschlagen … Es geht nicht um eine Menschheit, sondern deine Menschheit! Herr!

4. Prophetisch, richtend. Unterscheidend: das dritte Pfingsten …

Der Geist Jesu. Wie in seinem Gleichnis vom eigensüchtigen Kornbauern, dem Gott sagt: Du Narr! Heute wird deine Seele von dir gefordert werden.

So fährt Gott hinab, um das Türmchen der Weltherrschaft überhaupt sehen zu können. Feiner Humor der biblischen Erzähler. Ernste Worte:

Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun.

Die Strafe Gottes ist eher Barmherzigkeit. Diese Werk der Menschen soll nicht vollendet werden in seiner Maßlosigkeit und Zerstörung, der Grausamkeit und Dummheit.

Wir kommen nicht darum, das Gericht Gottes zu sehen, das über solchen Projekten vollzogen wird. Die Diversität und Vielfalt der Sprachen und damit der Völker ist ein weiterer Eingriff Gottes in die Welt der Menschen, raffinierter und nachhaltiger als die Sintflut. Eine Wirkung des Geistes Gottes … Gott lernt dazu. Die Menschen sollen sich nicht mehr ohne weiteres verstehen und sich einig sein – vor allem nicht um gegen Gott wie Gott sein zu wollen. Denn erzählt wird ja von den Noachiten, die  leider auch Kinder Adam und Evas, die dafür anfällig waren und Nachfahren Kains, dem Brudermörder, der nicht zufällig als Stadtgründer berühmt geworden ist.

Gott fuhr hernieder heißt es.

Und dann: . 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!
8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder.

Ein zweites Mal fährt hernieder der Geist Gottes, nach dem Wehen des Geistes bei der Schöpfung. Eine Art urzeitliches Pfingsten. Aber der Geist Gottes, der über solche Menschen ausgeschüttet wird, bewirkt zuerst Zerstreuung, Verteilung über die ganze Welt. Eine erste Mission – sie sollen über die ganze Erde verteilt leben.

Pfingsten: die Sprache ist verwirrt. Babelbabbel. Balal. Wortspiele. Für die jüdischen Erzähler ein Segen. Inder Vielfalt können sie untertauchen, überleben. Länger als alle anderen Völker und Sprachen. Festgeschrieben durch das Wort Gottes und den Bund.

Und das dritte Pfingsten, lange vorhergesagt. Da wird wieder der Geist Gottes ausgeschüttet und bewirkt die Predigt vom Geist Christi, da versteht sie jeder in seiner Sprache. Aber das Wunder überzeugt nicht alle. Auch hier wieder Spaltungen, Trennungen. Keine Beginn einer neuen totalen Religion des Geistes. Nur eine Übersetzung. Die Botschaft muss gehört werden. Verstehen alleine reicht nicht.

Und so bleibt das große Fest Pfingsten auch „kleinteilig“. Demütig. Aber doch so groß, dass ich 2 Predigten brauche 😊 … über die Konsequenzen und die Gaben des Geistes Gottes dann morgen in St. Otto.

AMEN

Paulus in Athen, Apg 17. Predigt zum Nachlesen von Pfarrer Jan-Peter Hanstein im Livestreamgottesdienst St. Jakob an Jubilate 25.4.2021

Liebe Gemeinde,

Paulus in Athen…

So beginnt kein Witz, sondern eine ernsthafte Erzählung von Lukas in seiner Apostelgeschichte.

Paulus in Athen – ca. 500 Jahre nach Sokrates Tod. Ein halbes Jahrtausend. Genauso lang wie Luther 1521 in Worms, als er dem Kaiser ins Angesicht gesagt haben soll: Hier stehe ich und kann nicht anders.

Paulus auf dem Areopag. Andreas Felger, Johanniskirche Lauf

Athen zu Pauli Zeiten ist in einem ähnlichem Zustand wie Wittenberg heute. Längst hat es die politische und geistige Bedeutung verloren. Noch vor kurzem bröckelte es überall. In der Schloßkirche, in der Universität, die einmal die größte Europas gewesen ist.

Ein paar Lutherfanatiker verwirrten verirrte Touristen aus den lutherischen Missionsländern, die sich fragten, was um Gotts Willen  mit diesem Ort geschehen ist: das Gedenken an die Reformation wird für Touristen aufgehübscht, ohne dass nur irgendeiner noch weiß, dass das mal eine Sache auf Leben und Tod gewesen ist.

Paulus also in diesem musealen bröckelnden Athen, zurückgeblieben hinter den Weltstädten Ephesus und Korinth mit ein paar verwirrten Philosophen. Stoiker und Epikureer, schreibt Lukas. Hier geht es um Weltanschauungen – die Stoiker sind sozusagen die damaligen Veganer, Spaßbremsen, die mit nichts ihren Körper verunreinigen wollen, während die Epikureer die Grillfraktion* sind: die Steaks können gar nicht groß genug sein und das Bier muss in Strömen fließen bei jedem bisschen Sonnenschein.

Und bei diesen Pseudophilosophen beliebiger Couleur jetzt also Paulus – das wird nicht lustig, ahnen wir. Paulus ist ja ein Aufrührer, einer wo auch immer er auftaucht, die öffentliche Ordnung gestört hat und sogar den Frieden der Religionen mit seinem heiligen Ernst. Er wird sogar eingeladen von den Akademikern auf dem Forum, dem Areopag. Sie sind gierig nach Neuem, aber vergessen das Neue schon über dem nächsten Trend, der einen nach dem anderen jagt.

Hören und lesen wir Paulus und ich zeige euch dabei gleichzeitig das neueste Glasfenster aus der Johanniskirche von Andreas Felger. Wenn ihr nicht in die Kirche kommen könnt, kommt die Kirche eben zu euch …

Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben:

Dem unbekannten Gott.

Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.

Apg 17,22-23

Wir ahnen es, eine große Rede wird folgen. Paulus hat ja diesen nachgeborenen Philosophen unglaublich voraus, so viel mehr als sie ahnen:

Paulus ist weitgereist – er kennt die griechische Welt genauso wie die jüdische Diaspora, er ist römischer Staatsbürger und als Pharisäer Christ geworden. In ihm ist alles angelegt: die leidvolle Erfahrung einer Flüchtlingsfamilie – seine Familie wurde bei der römischen Eroberung von Galilea vertrieben. Sie fanden neuen Heimat in der Diaspora, in der kleinasiatischen griechischen Kolonie Tarsus, mit den gleichen Göttern, Stadien, Akademien wie in Athen, nur alles eine Nummer kleiner. Paulus heißt eigentlich “Scha’ul = Saul”. Nach diesem unglücklichen König Saul haben nur fromme Juden ihre Kinder genannt – die den hebräischen Namen liebten: Scha’ul, der Erwünschte. Dieser Saulus wurde schon früh auf griechisch “der Kleine =Paulus“ genannt, denn er war klein von Gestalt. Er war ein Wunschkind, lernte zuerst Zeltmacher und durfte dann studieren mit dem neu erworbenen Reichtum der Eltern – ähnlich wie Luther, dessen Vater sich vom Bergmann wie auch immer zum Bergwerkbesitzer emporgearbeitet hatte. Jede Stufe war für den jungen Martin ein neues Bildungsabenteuer – bis hin zum Lehrstuhl als Professor. Paulus studierte am Ende in Jerusalem und hasste fanatisch die Christen und verfolgte sie. Bis er bekannterweise auf wundersame Christ geworden war. In Antiochien, der drittgrößten Stadt der damaligen Welt, lernte und arbeitete er 14 Jahre in der christlichen Gemeinde mit, bis sie ihn und Barnabas in die Welt mit Segen und Auftrag in die Welt schickten.

Paulus auf dem Areopag, Mittelteil

Aber jetzt seht, wie Felger Paulus gestaltet. Sieht er nicht aus wie ein Mönch, eben wie dieser kleine Mönch aus Wittenberg? Er trägt eine weißgraue Kutte mit Kapuze und es scheint mir, als hätte er diese ausrasierte Tonsur, diese altmachende Halbglatze der Mönche, die MANN eigentlich erst im fortgeschrittenen Alter von allein bekommt … Felger sieht also Luther in der Tradition des Paulus. Oder umgekehrt 🙂 Er zeigt an diesem Altar vorbei nach oben. Der Altar ist zweigeteilt.

Unten grau griechisch mit der Aufschrift AGNOSTO THEO.

Oben aus Lehmsteinen wie ein Opferaltar. Da oben links – glaube ich zu erkennen – steht auf Hebräisch Ki. Das universale hebräische Fragewort: Wer, wenn, wie, was – ist Ki. Paulus sagt: Ihr Griechen huldigt dem unbekannten Gott. Ihr jüdischen Brüder – dem rätselhaften Stammesgott, dessen Namen niemand aussprechen soll. Eure Altäre sehen aus wie Grabsteine, auf die ihr auch noch andere Steinchen legt zum Gedenken. Aber wo ist euer lebendiger Glaube? Und mit dem Selbstanspruch des ausgesandten und beauftragten Völkerapostels sagt Paulus:

“Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.”

Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir. Wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.

Apg 17, 24-28

Paulus kennt seine Griechen. Ihre rationalen Zweifel an der Götterwelt. Ihre Vorliebe für den Logos, die Vernunft gegenüber einer unübersichtlichen und als unlogisch ja unmoralisch empfunden Götterwelt. Musste nicht Sokrates an dieser Stelle den Giftbecher trinken, weil er mit seinem Denken als Gotteslästerer verurteilt worden war, der das Wahre dem Schönen und das Eine dem vielfältigen Schein vorgezogen hatte?

Paulus auf dem Areopag, oben

Paulus zeigt auf dem Bild von Felger vorbei, auf die himmlischen Kräfte, ganz in weiß mit diesem einen vollkommenen Kreis, von dem alles ausgeht…

Er knüpft geradezu synkretistisch an, an diesem unbekannten Gott, an der Sehnsucht der Griechen, den Ursprung zu ergründen, den Beginn der Naturwissenschaften, wie alles entstanden ist aus einem Prinzip, in den Anfängen. Gottes des Himmels und der Erden. [NB: Schlimm, dass der Spitzbogen auf den Postkarten unserer Kirchengemeinde von dem Fenster abgeschnitten wurde, war halt nicht rechteckig genug …  aber ohne diesem lichten Himmel verstehen wir nix in der biblizistisch gedeuteten Geschichte von dem gebildeten Lukas. Ich habe hunderte IKarten wegwerfen lassen …]

Und die Griechen bisher nicken verständnisvoll. Klar – es kann nur einen Gott geben. Warum das ganze Durcheinander von Zeus und seinen Halbgötzen. Lasst uns schon aus Vernunft an einen Gott glauben, der diesen ganzen Pantheon von Göttern wie Marionetten bedient. Eine Wahrheit, eine Kraft, ein Geist, der in allem wirkt und der nicht in irrationalen Opferkulten und wahnsinnig aufwendigen Tempeln und Kirchen sich aufhält, sondern in der freien Luft der Gedanken sich bewegt. Gut spricht der Kleine, denken sie bis hierher.  Wir sind göttlich ….

Und Paulus fährt fort

Denn in ihm leben, weben und sind wir. Wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts. Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber, gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden ihren Sinn ändern.

Apg 17,28-30

Jetzt bindet Paulus oder Lukas seinen rhetorischen Sack langsam zu! Die Zeit der Unwissenheit ist zu Ende gegangen. Die Aufklärung ist da. Aber es bleibt nicht Wissen allein, sondern auch eine Lebensänderung, eine Sinnesänderung METANOIA , eine Umkehr wird kommen. Und es wird den Sophisten etwas mulmig. Was kommt da konkret auf uns zu? Was wird er für diese Erkenntnis verlangen? Welche Konsequenzen hat das? Und wir ahnen – mit Logik hat das nichts mehr zu tun, sondern mit Glauben.

Die Kraft, in unserem Leben etwas zu ändern, ist noch niemals aus der Rationalität gekommen. Sondern aus Liebe oder Mitleid.

Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten will mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören. So ging Paulus von ihnen. Einige Männer schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Apg 17,31-34

Ihr Lieben. Paulus in Athen. Luther in Worms. So beginnt kein Treppenwitz der Geschichte. Sondern es geht um Leben und Tod. So ernst heute?

Entschuldigt mich. Ich hätte euch lieber wie so einige heute aus Ratlosigkeit von der schönen farbigen Sonne heute morgen gepredigt. Hätte euch erzählt von den Kirschblüten vor meinem Fenster. Den Narzissen im Garten und in den Parks. Von der wunderbaren Kraft des Frühlings, die jedes Jahr neu uns trunken macht und seltsame Dinge mit den Verliebten anstellt. Der Sonntag heißt doch JUBILATE. Jubelt! Preiset! Singt!!

Und doch bleibt mir angesichts der Situation, in der sich unsere Welt befindet, dieser Jubel im Hals stecken.

Aber jetzt geht es um das Gericht, die Gerechtigkeit und es wird tödlich ernst. Und Gott hat jedermann den Glauben angeboten, indem er diesen Mann, dessen Namen Paulus nicht ausspricht, von den Toten auferweckt hat. Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

die Freude in uns, die der Glaube an den Auferstandenen schenkt ist soweit weg von der Freude über ein bisschen heile Welt bei uns.

Ich war am Donnerstag mit meinem Sohn in der Notaufnahme im Klinikum Süd. Nichts Schlimmes. Der kleine Finger bei seinem Baupraktikum durch jugendlichen Leichtsinn von einem geworfenen Backstein gequetscht. Aber als wir da so saßen vor diesen Schiebetüren, begann es mir peinlich zu werden. Aber es war heilsam für mich. Wie tapfer mein Sohn diesen Schmerz trug. Als wüsste er was kommen würde. Dass nämlich ein gleichaltriger 16-jähriger an uns vorbeigeschoben wurde, schwerstverletzt von einem Motorradunfall. Als die Ärzte seinen Finger zunähten, hörte er in allem die Betroffenheit der Station, des behandelnden Chirurgen, der gleich mit der Kripo über die schweren Verletzungen reden musste, und er erzählte mir, wie besorgt und warmherzig sich alle in diesem Raum Sorgen machten, ob der Junge überleben würde.  Er hat seinen Finger darüber fast vergessen. Ich war stolz auf ihn, dass er das so einordnen konnte. Der Unterschied zwischen einer lästigen Lappalie und der Lebensgefahr.

Auf Leben und Tod geht es. Deshalb juble ich euch nicht von meinen wunderbaren Spaziergängen in den Kirschblütenhängen vor.

Zwischen Paulus und den Sophisten Athens ist der Unterschied so groß wie der eines Notfallteams, die unter größtem Ernst und Einsatz sich um das Leben jedes Einzelnen bemühen und dem Zynismus eines Schauspielers, der glaubt, weil er in der Tatortserie den Pathologieprofessor spielt, wüsste er etwas von der Mühe dieser Lebensretter. Das ist der Unterschied vom Glauben und nur ungefähr Wissen.

Der Unterschied zwischen Glauben und nur Wissen zu meinen ist so groß wie die von dem Feuilletonisten, der eine Glosse schreibt und dem Pfarrer, der zu Hause sitzt und nicht weiß, was er den Eltern predigen soll, dessen Kind sich umgekommen ist. Und auch wenn er es nicht weiß, meldet er sich nicht krank, sondern geht hin, steht bei, weint innerlich mit und kommt leer und traurig nach Hause.

Die Predigt vom Gekreuzigten und den Auferstandenen ist ernst. Und jubeln werden wir erst, wenn wir hindurch sind.

Andreas Felger, mitte-unten

Wir befinden uns in einer Pandemie, die ohne unser Bemühen und allergrößte Vorsicht, dem Mitwirken aller, ohne Probleme auch bei uns hunderttausende Tote kosten kann. Dem Virus fällt das ganz leicht. Und ich möchte nicht hören, dass das dann doch nur 2% von 80 Millionen seien …  Ich vermisse bei all dem Gejammer und den Satiren von unterbeschäftigten Staatsschauspielern, von aufmerksamkeitssüchtigen Politikern, von gelangweilten Journalisten und ermüdeten Hedonisten klare Signale, dass sie um diesen Ernst der Lage wissen. Ansonsten sollen sie bitte ihren Mund halten.

Aber einige glauben. Das macht Hoffnung. Dass sind die Blumen der Gemeinde. Dionysios und Damaris, In den blauen Gewändern. Über den Tontöpfen mit Wasser, das Jesus zu Wein gemacht hat. Unter Einsatz seines Lebens.

Vor dem zweiten Weltkrieg hatte an dieser Stelle eine Glasmalerei „Lasset die Kinder zu mir kommen“ gehangen. So unbedeutend, dass nicht einmal eine Fotografie überliefert ist. Die einzige Bombe, die die Laufer Altstadt eher zufällig getroffen hat, hat dieses Fenster zerstört. Aber eine tiefgläubige Frau aus der Gemeinde wollte es wiederhaben. Lange wurde um das Thema gerungen. Es sollte ernsthaft ausdrücken, auf welchen Glauben wir getauft werden. Auf das Sterben und Auferstehen des Jesus Christus. Wie wir zu diesem Glauben kommen. [mehr über diese Frau steht das im BLICK Juni/Juli 2021)

Zu dieser tiefen Freude. Wasser der Taufe neben dem alten Ölbaum, der sich von grün zu blau färbt. Darüber die Toten unter dem zum Grabstein gewordenen Altar. Abstrakt sind die Fensterkreuze. Aber die Kreuze in den Gesichtern der Hörenden. Diese sind wichtiger als das verordnete Kreuz in einem Amt. 

Dionysios und Damaris. Die ersten namentlich genannten aus Athen. Aus einem Saulus wurde einmal Paulus, und nun diese zwei. Aus den Glaubenden der ganzen Welt, die sich miteinander verbinden, entsteht eine große Kraft zum Leben.

Das ganze Bild. Jesus wird in ihrem Haus sein. „Jesus in my House“, singen jetzt gleich die Mädchen Lina und Magdalena. Von dem Areopag in ein einfaches Wohnhaus. Die Sklaven werden befreit. Männer und Frauen sind gleichgestellt von dem einen Gott. Der alte baum treibt neue Blätter und Früchte aus. Der Gott Israels führt in die Freiheit. Darüber sollt ihr singen und jubeln. Darüber freuen wir uns. In allem Elend. In aller Not. Das ist das Neue, weswegen Paulus unterwegs ist. Diese Botschaft geht weiter. Immer weiter. Auch wenn manche es schon uralt und altmodisch finden in ihrer Sucht nach dem immer Neuen. Einer nach dem anderen wird erfasst, gerettet und hilft mit.

Das macht Jesus – in meinem Haus und in mir.

Und der Friede Gottes, der größer ist als unser Meinen und Verstehen, erfülle euch in dem Geist Jesu!

AMEN

Literatur: Wolfgang Feneberg: Paulus der Weltbürger; Ton Veerkamp, Die Welt ist anders

*Zuschrift von Dr. Sandermann: “Die grillwütigen Epikureer sind aber etwas schlecht weggekommen. Schon Epikur musste sich Zeit seines Lebens gegen die von seinen Widersachern gestreuten Gerüchte zur Wehr setzen: ‘Wenn ich nun erkläre, dass die Freude das Ziel des Lebens ist, dann meine ich damit nicht die Lüste der Schlemmer, noch die Lüste, die im Genießen selbst liegen, wie gewisse Leue glauben, die meine Lehre nicht verstehen, sie ablehnen oder böswillig auslegen. Ich verstehe unter Freude: keine körperlichen Schmerzen leiden und in der Seele Frieden haben’ (Epikur, Brief an Menoikeus). In den “kyriai doxai” heißt es in Nr. 5: ‘Man kann nicht in Freude leben, ohne mit Vernunft, anständig und gerecht zu leben; man kann aber auch nicht vernunftvoll, anständig und gerecht leben, ohne in Freude zu leben. Wem aber die Voraussetzungen zu einem vernunftvollen, anständigen, gerechten Leben fehlen, der kann auch nicht in Freude leben’. ” Vielen Dank für den Hinweis!

anker|zellen – Bibelteilen auf ZOOM

Neue Bibel-Gruppen im Internet: Ankerzellen.de

Bibelteilen. Miteinander und von überall. Zu jeder Zeit.

Im Lockdown suchte ich nach Möglichkeiten, wie wir Christen uns über eine Videokonferenz treffen könnten. Da stieß ich auf die „Ankerzellen“. Der Begriff gefiel mir gleich.

ANKER: Ein fester Termin in der Woche ist ein Anker in der formlos dahinfließenden Zeit mit weniger Kontakt. ZELLEN: wenn es gut ist und von Gottes Geist inspiriert, werden diese Zellen wachsen und sich teilen. Entwickelt wurde dieses Konzept durch Pfarrer Jens Stangenberg von der Zellgemeinde Bremen.

anker|zellen

Das Bilden einer Ankerzelle
In einem ersten Schnupper-Treffen finden sich Interessierte zusammen. Dieses Treffen dauert in der Regel knapp eine Stunde. Zu Beginn des Treffens gibt es einführende Erklärungen. Dann durchläuft die Gruppe probeweise einen Anker-Zyklus. Am Ende ist noch Zeit für Rückfragen. Wenn es bei diesem ersten Treffen ausreichend Interesse gibt, startet in der darauffolgenden Woche die neue Ankerzelle. Für einen Start sollten es möglichst vier Personen sein. Bei dem ersten regulären Anker-Treffen orientieren wir uns dann an der 40 min Zeitbegrenzung. Gut wäre es, wenn die Teilnehmenden nach den ersten zwei bis drei Treffen entscheiden, ob sie für die nächste Zeit fest zur Ankerzelle dazugehören möchten. Stabile Ankerzellen finden einmal pro Woche statt. Die Teilnahme ist (möglichst) verbindlich und sollte nur in seltenen Fällen ausgesetzt werden. Durch das flexible Online-Format kann man von nahezu jedem x-beliebigen Ort daran teilnehmen. Man kann eine Gruppe jederzeit wieder verlassen. Schön wäre es allerdings, wenn man für eine gewisse Zeit stabil zusammenbleibt.

EINLADUNG zum Ankern: Schnuppertreffen und kurze Einführung: Dienstags | 8:00 – 8:40 Uhr  mit Pfarrer Jan-Peter Hanstein.

Über lauf-evangelisch.de/ankerzellen kannst du dich auf ankerzellen.de registrierenund erhältst dann die Einladung für das Zoomtreffen. Natürlich kannst du auch in einer ganz anderen Ankerzelle starten! Pfarrer Jan-Peter Hanstein

NEU: Die WunderBar der Evang. Kirchengemeinde Lauf

Bei all den hierarchischen Videokonferenzen etwas vermisst? Genau – die lockeren Gespräche mit der Kaffeetasse oder dem Bierglas in der Hand? Einfach umhergehen, sich treffen, miteinander reden. Von Gruppe zu Gruppe oder zu zweit. Small Talk. Kein Problem in unserer Online-WUNDERBAR! Probiere es aus!

Eingang zur WUNDERBAR

Jeden Mittwochabend geöffnet ab 21 Uhr – OPEN END

Mit Hauptamtlichen und Kirchenvorstehern.

Technische Voraussetzungen: Notebook oder PC, Windows10, Apple (nicht Safari!), browser möglichst Chrome, Kamera und Mikrophon.

Das Wundercafe funktioniert leider noch nicht so gut mit Tablets und Smartphones.

Jan-Peter Hanstein

Berg der Verklärung nach dem Bild von Raffael und zum 100. Geburtstag von kurt marti – Predigt zu Matthäus 17 Letzten Sonntag nach Epiphanias, 31. Januar 2021, Pfarrer Jan-Peter Hanstein, Lauf

1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder,

und führte sie allein auf einen hohen Berg.

2 Und er wurde verklärt vor ihnen,

und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne,

und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.

3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia;

die redeten mit ihm.

4 Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus:

Herr, hier ist gut sein!

Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen,

dir eine, Mose eine und Elia eine.

5 Als er noch so redete,

siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke.

Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach:

Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe;

den sollt ihr hören!

6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht

und fürchteten sich sehr.

7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach:

Steht auf und fürchtet euch nicht!

8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.

9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach:

Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen,

bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Gnade und Friede sei mit euch von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus AMEN.

Jetzt schneit es wieder. Gerade jetzt, als wir diesen Gottesdienst feiern, da geht die Sonne auf. Da ist so ein Moment der Klarheit, der Schönheit. Wir in Mittelfranken hatten da mehr Glück als andere. Eine schöne weiße Decke über alles, das braun gewordene Grün darunter verschwunden, eine Stille zwischen den dicken Flocken. Und dann riss es auf, Sonne über dem Weiß, das Licht vielfach reflektiert, während ich auf allen vieren den vereisten Hohenstein mit meiner Frau Tilla erklommen habe, den höchsten Punkt in unserem Nürnberger Land mit einem dramatischen Ausblick auf Berge, Wolken und Sonne. Die Kinder waren ermattet zu Hause geblieben. Gerade war die Welt so grau – „Harte Wochen“ werden uns prophezeit. Und für mich heißt es dann: raus. Kleine Höhepunkte setzen, im Tag und in der Woche. Vitamin D tanken. Allein das ist schon eine Herausforderung, wenn man so ermattet ist. Sogar Langlaufski habe ich noch ergattert. Einmal wieder Ski fahren, das war der Höhepunkt für uns.

Jesus ist mit seinen Freunden unterwegs. Aber irgendwie wird alles plötzlich schwer, der Lack ist ab, sie haben die Leichtigkeit verloren. Eigentlich war es aufregend mit Jesus, die Tage waren erfüllt, Heilungen und Wunder und immer wieder starke Worte und wunderbare Gleichnisse.

Und dann sagte Jesus, dass es so nicht mehr lange weitergehen würde. Dass was auf ihn zukommt, etwas Schweres, Leiden und vielleicht der Tod. Petrus schaffte es wieder einmal, und sagte ohne Verständnis für Gottes Absichten: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ (Mt 16, 22). Kurze Unruhe, dann gingen sie weiter.

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.

Aus der Vergangenheit kommen Mose und Elia in diesen Moment. Sie sind die leuchtenden Vorbilder Jesu. Sie stehen für die Weisung Gottes und für die Einsicht, die man daraus gewinnen kann. Da findet ein Gipfeltreffen der besonderen Art statt. Mose rechts mit der Tafel und Elia links. Beide Gott besonders nahe. Mose, so heißt es, wurde von Gott selbst begraben. Und niemand hat sein Grab je finden können. Und Elia ist direkt in den Himmel gefahren, entrückt worden. Sie sind spurlos zu Gott verschwunden, diese beiden. Jesus in der Mitte und sie reden ganz vertraut miteinander, als würden sie sich kennen seit unvordenklicher Zeit. Dass es auch für ihn so kommen wird. Ein leuchtender Moment, all dem Grau, aller Sorge und Angst enthoben.

Raffael Verklärung

Nach der Mona Lisa das wohl berühmteste Bild von Raffael: Verklärung. Sein letztes Bild (1518-1520)

Genauso stellen wir uns die Geschichte vor, oder?

„Hier ist gut sein“ sagt Petrus. Oder seufzt er? Einen leuchtenden Moment raus aus der grauen Gegenwart, Klarheit, Übersicht und vor allem eine Perspektive bekommen. Ich will auch auf so einen Berg. Und ich verstehe Petrus so gut, wie und warum er das sagt. „Lass uns hierbleiben“.

Aber so ein leuchtender Moment ist einfach ein Lichtblick. Kurz wie ein Blitz.

Man kann darin nicht bleiben geschweige denn wohnen. Er denkt nicht an die anderen 9 Jünger da unten. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke.

Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr.

Die Jünger -können nicht hören, nicht sehen. Zu mächtig und erschreckend.,

7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!

Der Moment ist vorbei. Alles wirkt wieder wie vorher. Ganz normal dieser gar nicht so hohe Berg. Eher so ein Mittelgebirge, vielleicht der Berg Tabor mit seinem Blick auf Nazareth und den See Genezareth. So wie man vom Moritzberg von einer bestimmte Stelle aus ganz Lauf sieht und fast alle seiner Ortschaften. Da unten. Die andere Hälfte.

Zeitgleich. Vielleicht können die Jünger den Menschauflauf da unten sogar erkennen. Die Protestierenden, Die sich auflehnen gegen das Unvermeidliche. Die Hoffnung geschöpft haben und bitter enttäuscht werden.

Das sieht das so aus. Dunkel. Schwer zu erkennen.

Die entblößte kniende Frau. Schön und verzweifelt. Eine Mutter. Sie zeigt so mit dem Finger über die Schulter – dahinter der ihr Sohn, eindeutig krank, der „Mondsüchtige“ – Epilepsie sagen wir heute, damals von einem Dämon befallen, die Augen rollend, Schaum vor dem Mund, der Vater hält ihn mit großen bittenden Augen, verzweifelt.

Die Menge empört. Warum tut ihr nichts dagegen? Wo ist euer Glaube? Ganz unten ist es dunkel.

Eindeutig abgegrenzt von dem Menschenauflauf – die neun zurückgebliebenen Jünger. Ganz unten.

Sie reden, sie diskutieren, wehren ab, tuscheln, betroffen, ratlos, machtlos.

Und einer hat das ganze beschrieben. Aus seiner Sicht. Aus seiner Sicht von links unten es auch gemalt, Von links unten aus der Schrift kommt das Licht! Matthäus. Er hat es aufgeschrieben. Auch diesen Moment. Wir konnten nicht tun. Wir haben versagt. Das ist die Kirche in der Pandemie. Zerstritten. Ohnmächtig. Aber immerhin sind sie zusammen.

14 Und als sie zu dem Volk kamen, trat ein Mensch zu ihm, kniete vor ihm nieder 15 und sprach: Herr, erbarme dich über meinen Sohn! Denn er ist mondsüchtig und hat schwer zu leiden; er fällt oft ins Feuer und oft ins Wasser; 16 und ich habe ihn zu deinen Jüngern gebracht und sie konnten ihm nicht helfen.

„Sie konnten nicht helfen!“

Einer der Jünger zeigt nach oben. Ohne ihn können wir es nicht tun.

Und so sieht das ganze Bild aus. Einzigartig in der Zusammenstellung der Gleichzeitigkeit, wie es Mt erzählt hat. Niemand hat so jemals zuvor gemalt. Höchster Klarheit, der Himmel öffnet sich, die Heiligen reden miteinander, die Stimme Gottes erschallt wie bei der Taufe: „siehe, das ist mein Sohn an dem ich wohl gefallen habe“ Und das bringt Raffael zusammen mit dieser bräunlichen Erde, mit diesem verfaulten Gras, mit diesen schrecklichen besessenen zuckenden Jungen-  niemand hat zuvor so die ohnmächtige Kirche gemalt, die Macht Gottes und dieie Verzweiflung der Menschen.

Der leichte Moment. Da oben. Die Schwere und das Dunkle da unten. Der Berg sieht jetzt aus wie ein Opferaltar. Und mir wird klar:

Oben ist zwar nicht unten, aber es nicht getrennt. Da oben wird gerungen. Gebetet. Geglaubt. Da wird hinaufgetragen all das Elend, all das Leid. Das andere verschwindet nicht einfach. Deshalb beten wir am Altar. Beleuchten ihn mit Kerzen. Es gehört zusammen. Nicht die da oben und wir da unten – „Das ist mein lieber Sohn“. Oben der Schwebende und unten der Besessene.

 Verklärung? Wird hier etwas geschönt? Im griech Text steht metamorphein. Verwandlung. In die Herrlichkeit. In das Licht.

Heute wäre der dichter und pfarrer kurt marti 100 jahre alt geworden.

Er war Schweizer, deshalb der Schnee auf den Bergen. Und den „berg der Verklärung“ hat er so verdichtet.

berg der verklärung

schnee

seiner herrlichkeit

schnee

seines lichts

blenden im glanze

des innern gesichts

spurlos nahen

moses elia

und glühen

verglühen

ins nichts

schnee

seiner herrlichkeit

schnee

seines lichts –

doch er mahnt

zum abstieg

ins tal der kämpfe

und des verzichts

Liebe Gemeinde, stellt euch vor, es wäre so gewesen wie bei Mose oder bei Elia – jetzt wäre das Evangelium zu Ende gewesen! Ein perfekter Moment – Jesus schon schwebend in der Luft, noch einen kurzen Moment und er wäre hinauf getragen worden zu Gott. Reicht es nicht, was er den Menschen bis dahin gegeben hat? Übrig bleiben würden wunderbaren Geschichten, Die Gleichnisse vom verlorenen Sohn, von der Barmherzigkeit, seiner Bergpredigt –  würde das nicht schon genügen?

Aber nein – Jesus geht wieder hinab, hinunter. „ins tal der kämpfe und des verzichts“.

Versteht ihr?  Die ganze Verklärung, die ganze Macht des Glaubens hätte keinen Sinn, wenn er nicht wieder hinunter gehen würde. Wenn er sich nicht hineinbegeben würde in unser Schicksal. Miteinander gehen wir jetzt in die Passionszeit. Den Weg des Sterbens, des Leidens, der Dunkelheit mit Furcht und Zittern. Durch die Pandemie.  Aber nicht ohne Hoffnung. Dafür ist dieser Ausblick da. Dier Lichtblick. Da ist Jesus und als er wieder unten ist bei dem Knaben –

17 Jesus aber antwortete dem Vater und sprach: O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn mir her! 18 Und Jesus bedrohte ihn; und der Dämon fuhr aus von ihm, und der Knabe wurde gesund zu derselben Stunde.

Verklärung, Verwandlung in Licht.

Wisst ihr wie eine alte Glühlampe Licht bringt?

Da ist Energie, der Strom, unsichtbar, aber fühlbar. Der Glaube. Aber Licht entsteht nicht in den reinen Kupferkabeln, sondern dort im Glaskolben, in diesem winderständigen „verschmutzten“ Legierung aus Wolfram und anderen Stoffen. Ist er zu schwach, dann wird der Glühdraht nur warm, ist er zu stark, dann brennt er durch. Aber richtig dosiert strahlt das Licht auf.

Wenn es Widerstände, wo sich menschlich und göttlich untrennbar vermischt, und es heiß wird, genau da strahlt der Glaube auf. Das sehen wir an diesem Jesus auf dem Berg. Deshalb ist er so stark im Leid, mit den Kranken, Mit den Eltern und ihren Sorgenkindern.

Wir steigen also mit ihm herab. Christus ist das Licht. Singen wir dann an Ostern.

Wie und wo auch immer.

Noch ein letzte mal kurt marti –

der tröster

der tröster

träte doch aus seinem dunkel

der tröster hinaus ins licht!

nicht bräuchte sein kommen

sein antlitz sichtbar zu werden

ein hauch der berührte

ein wahrhaftiger tonfall genügte uns:

die – von falschen tröstern genarrt

– aller tröstung misstrauen uns:

die – trostlos lebend und sterbend –

einander nicht zu trösten vermögen

aus: Kurt Marti – gott gerneklein. gedichte

AMEN

Das Gedicht „berg der verklärung“ stammt aus: Kurt Marti, geduld und revolte. Die gedichte am rand (Neuausgabe) Stuttgart 2002, Seite 41.

4. Advent Gottesdienst im Livestream aus St. Jakob Lauf

Advent Gottesdienst im Livestream aus St. Jakob Lauf auf Youtube

Evangelium Lk 1,39-45 (gleichzeitig Predigttext!) Lektor

 Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.

Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe.

Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach:

Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes! Und wie geschieht mir, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?  Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Ja, selig ist, die da geglaubt hat! Denn es wird vollendet werden, was ihr gesagt ist von dem Herrn.

EG 604 Den Herren will ich loben

1. Den Herren will ich loben, es jauchzt in Gott mein Geist; denn er hat mich erhoben, dass man mich selig preist. An mir und meinem Stamme hat Großes er vollbracht, und heilig ist sein Name, gewaltig seine Macht.

2. Barmherzig ist er allen, die ihm in Ehrfurcht nahn; die Stolzen lässt er fallen, die Schwachen nimmt er an. Es werden satt aufstehen, die arm und hungrig sind; die Reichen müssen gehen, ihr Gut verweht im Wind.

3. Jetzt hat er sein Erbarmen an Israel vollbracht, sein Volk mit mächt’gen Armen gehoben aus der Nacht. Der uns das Heil verheißen, hat eingelöst sein Wort. Drum werden ihn lobpreisen die Völker fort und fort.

Text: Maria Luise Thurmair 1954/1971, nach dem Magnificat Lukas 1,46-55
Melodie: Valet will ich dir geben (EG 523)

Predigt Pfarrer Jan-Peter Hanstein

Liebe Gemeinde,

Maria und Elisabet. Die Junge und die Alte.

Hier grüßen sich Verheißung und Erfüllung.

Sagte der bekannte Theologe Helmuth Gollwitzer.

Was für eine unvergleichliche Begrüßung! „Gesegnet seist du unter den Frauen und gesegnet sei die Frucht deines Leibes!“

Ein Glanz liegt von nun auf diesen beiden Frauen, sie werden berühmter und wichtiger als die mächtigsten Königinnen. Da die ältliche, unfruchtbare Priesterfrau Elisabet, die nach Jahrzehnten der Enttäuschung schwanger ist und sich darüber so schämt, dass sie sich verborgen hat. Und hier die junge Maria, in ihrer Not abgehauen aus dem 130km entfernten Nazareth in diesen Vorort von Jerusalem En Kerem. Als dieser Engel zu ihr gesagt hatte, dass sie sie schwanger werden würde – vom Höchsten, obwohl sie von keinem Mann weiß. Als Jungfrau sozusagen. Und dann fügte der Engel dazu dazu, „Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Lk 1,37.

Verheißung und Erfüllung begegnen sich, grüßen sich.

„Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.“

Ich würde allerdings Lk 1,37 anders übersetzen.

ὅτι οὐκ ἀδυνατήσει παρὰ τοῦ Θεοῦ πᾶν ῥῆμα

Lk 1,37

„Denn bei Gott wird nichts unmöglich bleiben, was er sagt.“ Rhema übersetzt Luther mit „Dinge“ – aber es soviel mehr in diesem Wortfeld: das kann Wirklichkeit heißen, aber auch Wort und Befehl. Was Gott sagt, geschieht! Sieh nach bei Elisabet, sagt der Engel.

Maria “des Herrn Magd”, wie sie sich selbst bezeichnet, “des Herren Sklavin”, glaubt nicht einfach so, sondern läuft los. Sie hat auch keine andere Wahl. Damals war eine Teenagerschwangerschaft kein Problem wie heute. Solange das Mädchen schon verheiratet war. Im schlimmsten Fall drohte ihr Steinigung, auf jeden Fall aber Verachtung, Ausstoßung, als einziges Schicksal Prostitution.

Maria war jung, aber nicht dumm. Also lief sie los. Barfuss. Mit einer Decke und einer kleinen Tasche. 130km nach Jerusalem.

Hier neben mir, da steht der der Ahnherr der Pilger. Jakob. Mit dem Beutel-Stab in der rechten Hand. Links die Rolle der Verheißung. Diesen Weg lief Maria. Den Weg der Wallfahrer von Nazareth nach Jerusalem. Den kannte sie auswendig.

Einmal als Jugendlicher bin ich mit gelaufen auf der Wallfahrt von Neunkirchen am Brand nach Gößweinstein. Aus Neugier und um meiner katholischen Freunde willen. Den Weg kannten sie auswendig. Oft führte er Luftlinie. Auf Straßen begleitet mit Polizei.

Doch Maria läuft allein. Sie hat niemandem Bescheid gesagt. Auch nicht Josef ihrem Verlobten. Auf gar keinen Fall! Dem zuletzt.

Um die Städte wird sie einen Bogen gemacht haben. Schlief irgendwo versteckt in einem Busch oder hinter einem Felsen. Wie Jakob bei seinem berühmten Traum als Flüchtender. Herunter von Nazareth an den See Genezareth und dann in der Jordan Tiefebene schnell voranzukommen. Auf der Höhe von Jericho ist sie dann durch das Wadi hinauf nach Jerusalem gezogen. Ein Mädchen allein auf der Straße, die berüchtigt war für ihre brutalen Räuber, skrupellosen Soldaten und gierigen Kaufleuten. Selbst Jesus verlegt die Geschichte von seinem barmherzigen Samariter in dieses Tal, den Weg von Jerusalem nach Jericho. Aber diese Maria ist mutig. Und entschlossen.

Sie will sehen, was der Engel zu ihr gesagt hat. Elisabet, ihre Verwandte schwanger! Die Sinnbild für Unfruchtbarkeit war.

Nebenbemerkung: es schadet auch nicht, in diesem Dilemma zu einer erfahrenen Frau zu gehen. Zu einer, mit der man reden kann, eine Pfarrfrau sozusagen. Dort wird sie Asyl finden, egal was passiert. Gar nicht dumm, der Tipp von dem Engel, wenn man es vernünftig betrachtet. Wenn die Alte tatsächlich ein Kind bekommt, wird sie Hilfe gern annehmen.

So kam damals ein struppiges staubiges Mädchen in dem Hause des Zacharias an, barfuß und mit wunden Fußsohlen, wenn sie mal wieder zu aufdringlicher Anmachern entwischen musste. Aber mit diesem Leuchten im Gesicht, wenn sie sich an diesen schönen Engel erinnert.

Denn Gottes Wort ist nichts unmöglich, habe ich übersetzt.

Gesegnet seist du unter den Frauen und gesegnet sei die Frucht deines Leibes!

Heute liegt ein Glanz darauf. Wie die Begegnung zweier Weltherrscherinnen. Hier grüßen sich Verheißung und Erfüllung. Küssen sich Gerechtigkeit und Friede, wie in dem 85. Psalm.

Zacharias, der erste Mensch – der als Mann in diese Geschichte einbezogen worden war, hatte versagt, nicht geglaubt und muss stumm bleiben, bis sich die Verheißung erfüllt hat. Maria ist die Erste, die glaubt.

Maria wird sich wieder erschrocken haben wie über den Gruß Elisabet – wie bei dem Engel!  „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“

Und jetzt: „Gesegnet seist du unter den Frauen und gesegnet sei die Frucht deines Leibes! Woher kommt das, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“

Maria fragt sich: Woher kommt es, dass du es schon weißt? Wenn dann ist dieses Kind erst wenige Tage alt. Vielleicht ist noch nicht einmal ihre Periode ausgeblieben, so schnell war sie losgelaufen. Maria denkt an die Worte, die sich in ihrem Herzen bewegen. “Gottes Wort ist nichts unmöglich. Er wird Sohn des Höchsten genannt werden.”

Elisabet weiß alles, bevor Maria auch nur ansetzen konnte, zu erzählen. Die Mutter eines Propheten. Des größten aller Propheten wie Jesus einmal gesagt hatte. Ein Vorläufer des ganz Neuen.

DIESE Verheißung und DIESE Erfüllung. Was diese beiden Frauen zusammenführt, ist etwas ganz Neues. Alter und Standesunterschiede spielen keine Rolle. Eine erkennt die andere. Und das Kind in ihr beginnt an zu hüpfen vor Freude.

Die Alte beugt sich dem jungen Ding.

Aber Maria wird nicht stolz oder hochmütig, sondern plötzlich erfüllt von Glück, ganz warm wird es ihr: es ist wahr!  Sie ist gerettet! „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Magd ja, Sklavin. Aber von dem Einzigen und dem Höchsten. Und als Erste.

Und sie fängt an zu singen. Ich formuliere das mal in einfacher Sprache.

Meine Seele macht Gott groß. Magnificat.
Ich denke an Gott und freue mich. Denn er hilft mir.
Ich bin ein kleiner Mensch. Doch der große Gott schaut auf mich.
Alle Menschen werden sagen: Gott hat Maria groß gemacht.
Gott ist heilig. Gott hat Macht.

Alle Menschen können Gott bitten. Ihnen ist er nahe.
Gott hat Kraft. Eingebildete Menschen müssen Angst haben.
Gott hat die Mächtigen vom Thron gestürzt. Und die Kleinen hat er groß gemacht.
Gott hat die Hungrigen beschenkt. Die Reichen schickt er mit leeren Händen fort.
Gott hat sich um sein Volk Israel gekümmert.

Er hat es vor langer Zeit Abraham versprochen.

Ein Danklied. Der erste Hymnus des Neuen. Noch ganz in der Sprache der Psalmen. Aber alles ist darin schon angelegt, was der Sohn Jesus sagen wird auf dem Berg über die Friedfertigen und Einfachen. Über die Armen und Niedrigen. Nichts Neues eigentlich. Schon immer war Gott barmherzig.

Schon immer zeigte er, dass das Wort seiner Verheißung größer ist als Biologie und Abstammung oder Vererbung.

Gottes Verheißungen erscheinen immer unwahrscheinlich. 

Aber Gottes Wort ist nichts unmöglich.

Ironisch, dass Josef als Davidide stolz auf seinen Stammbaum war, wie es bei Mt 1 steht. Aber er wird übergangen. Er ist nur Lehnvater. Immerhin …

Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen,

sagt ein vielzitiertes Wort Bonhoeffers.

Das Besondere an diesem Psalm Marias ist, dass sie nun “dahinter” sieht. Nicht im Präsenz, der Gegenwart schildert sie, was Gott tut, auch nicht im Futur der Zukunft, sondern im klassisch griechischem Aorist: Vergangenheitsform. Es ist erfüllt.

Gott hat schon gehandelt. Es ist schon geschehen. Mit ihr und mit Elisabeth hat eine neue Geschichte Gottes mit den Menschen begonnen, eine unwahrscheinliche Wendung.

Solche Elisabeths, solche Marias, das sind die Menschen, die Gott ansieht. Da singt keine ansehnliche junge Frau, sondern ein ganz junges jüdisches Mädchen aus der Unterschicht ihrer Zeit.

Dieses Mädchen ohne Ansehen singt mit der Kraft all der Frauen, die erfahren haben, dass Gott sie ansieht. Sie singt mit der zerbrechlichen Greisinnen-Stimme Saras und mit den Stimmen der Schwestern Lea und Rahel. Sie singt mit den Worten der gedemütigten Hannasund mit der Hoffnung der Moabiterin Ruth auf Asyl, eine Heimat. Sie singt mit der Zuversicht einer illusionslosen Frau mit dem Namen Naomi.

Maria singt mit den Stimmen derer, die ohne Ansehen sind. Sie singt für die Elisabeths und die Marias unserer Zeit. Die nicht gesehen und nicht wahrgenommen werden.

Die alten Frauen und ihre Männer, die zurechtkommen müssen mit dem, was am Ende ihres Lebens herauskommt an Rente und mit dem, was für das Leben dann noch übrigbleibt.

Die Teenagermütter aus sozial schwierigen Verhältnissen. Und all die anderen Menschen ohne Ansehen, ohne die Möglichkeit und am Ende auch ohne die Motivation, noch ihren Platz in der Gesellschaft zu finden.

Die Frauen, die jetzt als systemrelevant bezeichnet werden, aber deren Jobs in Pflege und Erziehung kaum mal ein Mann übernimmt. Ob sich das nach Corona ändern wird?

Maria singt ihr Lied für diese Menschen ohne Ansehen. Sie singt mit den Stimmen derer, die keine Zukunft haben und keine Perspektive, die zu alt sind oder zu jung, die arm und ohne Einfluss sind. Und sie singt dieses Lied gegen die Menschen mit Macht und Ansehen, in ihrem Lobgesang, dem Magnificat:

Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.

(Lk 1,52f.)

Ja – Weihnachten wird dieses Jahr anders sein. Advent war schon anders. Vielleicht mussten wir mal runter vom hohen Ross. Wie auch immer. Es ist ernst. Corona geht Menschen an das Leben. Es geht an unsere Substanz. An unsere Solidarität. Die Ersten lassen die Hoffnung fahren. Aber wir sollen erfahren, dass Gottes Wort größer als Biologie ist. Genau da will Gott uns haben, damit seine Verheißung alles überwindet.

Sein Wort wird Wirklichkeit. Gottes Sohn Mensch. In dieser ersten, aber nicht letzten Maria. Ihr Lied erschallt jeden Abend in jedem Kloster der Welt als Stundengebet.

Da ist Advent jeden Abend. Weil die Geschichte nicht ohne uns weitergeht. In uns Hoffnungslosen und Enttäuschten wächst die Verheißung.

Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.

Angelus Silesius

Maria singt. Ich höre ihr Lied. Die erste, ein junges Mädchen. Ich sehe sie, ich höre die Hoffnung in ihrer Stimme: Die Geschichte geht los.

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.

(Lk 1,46-48)

Maria bleibt drei Monate bis zur Geburt des Johannes. Dann findet sie den Mut, läuft heim und vertraut sich Josef an. Er glaubt ihr. Dank des Engels …

Aber 6 Monate später gehen sie wieder diesen heiligen Weg. Nach Bethlehem. Nur 10km entfernt von En-Kerem, von Elisabeth. Aber anscheinend war zu spät, um sie aufzusuchen und um Hilfe zu bitten. 10 km können lang sein kurz vor der Niederkunft. Aber das ist eine andere Geschichte. Sie wird erzählt werden. Auch ohne gefüllte Kirchen. Von Frau zu Frau, Mutter zu Kind. Solange bis wir es auch sehen.

Gottes Wort ist nichts unmöglich. Sein Wort wird Wirklichkeit.

Dann wird wirklich Weihnachten sein.

Amen.

#Ewigkeitssonntag

Zuwendungen auf die Aufforderung zur Aktion in unserem Livestream Gottesdienst vom Ewigkeitssonntag:

Mach mit deinem Handy ein Foto vom Himmel, wie er jetzt ist. Wenn du dich in den nächsten Tagen daran erinnern musst, dass das hier nicht das Ende ist, dann schau das Foto an. Du kannst es auch jemandem schicken und zum Beispiel einen Satz aus diesen Gottesdienst dazu schreiben, der dir etwas bedeutet. Oder auch an mich:

Vielen Dank!

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Ewigkeitssonntag 23.11.2020, Predigt Jan-Peter Hanstein im Livestream. “Das Himmlische Jerusalem”

Offb 21 Predigttext

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt,das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende.

Der ganze Gottesdienst auf youtube

Liebe Gemeinde,

die Bibel war mein erstes Buch, sie wird auch mein letztes sein. Keines kann das Feuer anfachen wie

dieses, ich lese auch meine Geschichte, weil die Bibel die Sehnsucht niemals sterben lässt. In ihr sind auch Dunkelheit und Wut eingeschrieben, das Trauern ist nicht verboten, der Tod wütet, Schmerz sticht und Tränen fließen. All das geschieht wie kaum zuvor gerade im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes. Von Plagen und Vernichtung wird erzählt. Der Schrecken wird zerlegt viele Einzelbilder und Visionen und niemand vermag sie zu zählen.

Die Sehnsucht aber bleibt, es ist das ewige, heilige, das himmlische Buch.

Heute für den letzten Sonntag im Kirchenjahr ist das letzte Kapitel der Bibel vorgesehen. Und es beginnt so:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.

Offb 21,1

Johannes sieht. Er sieht es kommen. Diese Welt wird vergehen. Nicht nur unsere Erde, nicht nur der Kosmos, sondern sogar das uns Unzugängliche, der absolute Herrschaftsbereich Gottes -, das was wir „Himmel“ nennen, wird vergehen.

Unvorstellbar. Aber Johannes sieht es. Sieht es kommen. Sie ist noch nicht da. Die neue Welt. Aber ihre Vorstellung, ihr Plan ist schon da. Inspiriert schon immer Künstler und Architekten.

Eines der beeindruckendsten ist das Altarbild der Augustinerkirche in Würzburg von Jacques Gassmann: Das himmlische Jerusalem.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

„Im Vordergrund, die zwei roten Figuren, das sind der Seher Johannes und der Engel. Sie stehen gemeinsam auf einem Berg. Die beiden Betrachter schauen hinab auf das Himmlische Jerusalem, eine Stadt aus leuchtendem Gold, genauso wie in der Offenbarung des Johannes beschrieben“, erklärt der Historiker das Bild des zeitgenössischen Künstlers Jacques Gassmann. „An den vier Bildrändern befinden sich jeweils drei farbige Halbkreise. Sie deuten die zwölf Stadttore an, beziehungsweise die zwölf Edelsteine, das Fundament der himmlischen Stadt.“ (Bernet)

In mir ruft dieses Bild Erstaunen und Entsetzen hervor:  ich sehe noch soviel mehr… Die Tore, die Edelsteine am Rand, sehen aus wie die Farben unserer Planenten, am Himmel sind nicht nur dunkel Wolken, sondern Rauch und mächtige Bewegungen im All.  Neuer Himmel und neue Erde! Ich wünschte mir dieses Bild als Glasmalerei mit ihrem Blauen und Schwarzen Hintergrund.

Wie gesagt: auch Entsetzen löst in mir diese Version der goldenen Stadt aus. Das neue Jerusalem. Ich stelle mir die Frage, und auch dem Johannes. Was ist mit der alten Stadt passiert? Ist das die neue oder noch die alte? Mit ihren Menschen darin.

Johannes und der Engel, der ihm alles zeigt, haben den Logenplatz. Sie sind herausgenommen, noch in der alten Welt sieht Johannes das neue. Rot sind sie, heiß wie die Liebe aber auch der Zorn.

Bei der Betrachtung formen sich in mir apokalyptische Bilder. Eine Stadt, die glüht, schmilzt. Lodert. Feuersturm. Darüber der Rauch. Die alte Stadt vergeht.

Würzburg, April 1945

Das hatten wir schon mal. Dresden, Nürnberg und eben dort: Würzburg. Ich sehe die Ruinen der Altstadt nach dem Angriff der Allierten in den letzten Kriegswochen und meine die Straßenzüge und Kirchen zu erkennen.

Als neues Jerusalem wurde Würzburg einst gebaut mit seinen dutzenden von Kirchen und dem Dom. Das neue Jerusalem – Dahin. Eingeschmolzen. Drei Tage brannte die Stadt wie eine Fackel. Ausgeglüht.

Ich erinnere mich. Bei einer Dekanats-Konferenz in Würzburg brauchte ich in der Mittagspause Ruhe und frische Luft und bin in den nahegegangenen Park gegangen. Ich fand zu meiner Überraschung das Mahnmal der Opfer dieses Bombenangriffes. Das Massengrab. 5000 Opfer in dieser Nacht des 16. März 1945. Selbst in den Luftschutzkellern kamen die Menschen wegen der Hitze ums leben.

Und dort musste ich mir die Tränen aus den Augen wischen. Über die Sinnlosigkeit. Die Grausamkeit. Diesen ewigen Kreislauf von Rache und Verbrechen. Was wir Menschen uns antun. Und was dann Hunger und Krankheiten vollenden. Damals und heute.

Ja – Unwirklich mitten in dieser so lebendigen jungen und schön aufgebauten Studentenstadt. Mir wird klar – nein, das ist sie noch nicht. Unsere ist noch nicht die neue Welt. Auferstanden aus Ruinen, ja. Aber nur eine neues Land wie unser wiederaufgebautes Deutschland ist nicht genug.

Letzter Sonntag des Kirchenjahrs. Wir gedenken der Ewigkeit. Der Toten.

Wir sind mittendrin in einer Plage biblischen Ausmaßes. Wie eine der Wehen und Katastrophen aus der Johannis-Apokalypse. Wir sind besorgt um kranke Nachbarn, um arbeitslose Mitmenschen, um die Seelen der Menschen, die vereinsamen oder sich verhärten.

Diese Welt vergeht. Aber das allein ist für mich noch kein Trost. Auch das Bild von Gassmann, so beeindruckend es ist, es bleibt doch beängstigend. Warum es Sinn macht, das alles durchzustehen und zu erleiden, ist das, was dann kommt.

Apokalypse. „Dann geht der Vorhang erst richtig auf.“ Das hat Karl Barth zu einem Studenten gesagt, der solche Angst vor dem Tod hatte. Offenbarung. Die neue Welt, golden, noch ungeformt wie im Fluss, diese glühende reine goldene Stadt ist aber nicht die Offenbarung. Die Sehnsucht aber bleibt, es ist das ewige, heilige, das himmlische Buch. In ihm steht:

Der Tod wird nicht überleben. Nicht die Zerstörung. Sondern der, der all das macht. Der den Vorhang aufzieht und der auf dem Thron sitzt, sagt:

Sieh doch: Ich mache alles neu!« Gott wird jede Träne abwischen von deinen Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen.

Der ewige, der königliche Erzähler von Anfang an sagte diese Worte zu Johannes, dem Propheten. Der sammelte sie, brachte sie zu Papier und erzählte sie immer weiter, weil der Ewige auf dem Thron ihn bat:

Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss. (Offb 21,5)

Das also ist der Schluss der Bibel, die kein Ende nimmt, weil sie sich mit dem Tod nicht arrangieren kann. Die Bibel hört nicht auf. Das Feuer brennt. Ich darf weinen und brauche mich dessen nicht zu schämen. Denn alle Tränen werden abgewischt. Christus der Gekreuzigte, das Lamm Gottes ist nun Richter. Und er wischt ab die Tränen der Wut über Ungerechtigkeit Leid. Er lässt das Schluchzen der Trauer versiegen. Der alles neu macht ist sein Vater…

Ich liege und träume und sehe, ich muss nicht fort, das Buch bleibt offen – und die Geschichte, die schon immer in mir Form annimmt, wird wahr.

Denn Gott, lächelte und sprach:

Sieh doch: Ich, ICH bin es, ich mache alles neu!«

Worte des ewigen Lebens!

AMEN

„Werde, was du bist – in Christus“. Predigt JP Hanstein, Lauf

19. So. n. Trinitatis – 8.10.2020, 10:30 Uhr, Livestream aus St. Jakob

Liebe Gemeinde,

stellt euch vor, ihr wacht auf und wollt euch anziehen. Und da hängt euer neuer Anzug. Exakt für euch zugeschnitten. Die Ärmel passen und die Hosenlänge auch. Ihr schlüpft hinein und alles passt. Der Tag kann beginnen. Was kann einen in einem solchen Anzug schon passieren?

Ich meine natürlich eher nicht unsere Arbeitskleidung, nicht der Blaumann von Engelbert und auch nicht den maßgeschneiderten Anzug von Brioni! Sondern so einen Supermannanzug. Einen Anzug, der aus dem durchschnittlichen Schüler Peter Parker Spiderman macht und der nun alle möglichen Wunder vollbringen kann.

Obwohl wenn ich diesen jungen Mann anschaue, muss ich zugeben, dass ich nicht so wohlproportioniert wäre wie Peter und mich alle in diesem Aufzug eher auslachen könnten. Aber nehmen wir an: es liegt da Kleidung bereit und damit wäre mein Leben wie neu. Ungeahnte Kräfte wüchsen mir zu und ich erlebte ein Abenteuer nach dem anderen. Wie abgetragen und verschlissen ist dagegen, was ich bisher getragen habe.

Was würde sich in meinem Leben verändern?

Du müsstest ja wie die Kinohelden immer noch in die Schule gehen oder den stumpfsinnigen Bullshit-Job im Büro machen. Wahrscheinlich endete alles typisch deutsch wie der Film „Vorstadt-Avengers“ mit Wendy und Elmar statt Superman und Batman … Der Verfasser des Epheserbriefes beschreibt diese neue Kleidung so:

Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht,

ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn!

Das ist fast noch krasser wie bei den Supermännern – und Frauen. Er fordert uns auf, den alten Menschen wie alte Kleidung einfach abzustreifen. Erneuert ἀνανεοῦσθαι euren Geist und Sinn! Wir sollen eine Metamorphose durchmachen wie eine Raupe, die zum Schmetterling wird und ihren Raupenkokon einfach leer zurücklässt.

Und dann kommts:

Zieht den neuen Menschen an,

der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Die ursprüngliche Version unseres Menschseins, wie Gott uns nach seinem Bild geschaffen hat? Doch so eine Art Supermensch nach dem Bilde Gottes?

Ja – aber das Bild Gottes ist schon seit dem Anfang, Gen 1, Bild Gottes. Menschen mit bestimmten Fähigkeiten und Begrenzungen. Von Anfang an konnten wir Menschen ihr Leben frei interpretieren. Wunderschönes entstand, aber auch schreckliches. Ermahnen half nicht, ebenso strafen und vernichten nicht.

Schließlich, so erzählt es das Neue Testament, sandte Gott seinen Sohn Jesus. Er ist der neue Mensch, wie Gott ihn sich vorgestellt hatte.

Ich schwanke da auch manchmal. Ist Jesus auch nur so ein getarnter Superman, versehen mit unglaublichen Kräften? Wunder und Zeichen geschahen. Jesus heilte und bewerkstelligte Unglaubliches. Aber am Ende waren seine Kräfte nicht groß genug. Sein Leib und sein Leben wurde Schritt für Schritt geschunden und zerstört bis zum Tod am Kreuz. Jesus starb diesen elenden Tod, den sich ein Batman oder Superman niemals hätte gefallen lassen. Er wurde an unserer Stelle zur Sünde gemacht, Hass und Zorn, Lüge und Trug – all das wird in seiner Passion übergroß sichtbar.

Doch kein Superman? Doch – weil er durch viele Menschen wieder aufersteht, mächtiger und wirksamer als je zuvor. Der Verfasser von dem Epheserbrief hat kurz vorher beschrieben, wie er sich die Auferstehung Jesu Christi vorstellt. Viele Menschen leben wie er, ziehen sich diesen neuen Menschen an und bilden zusammen den Leib Christi. Die Supermänner suchen immer nur nach ihresgleichen. Manchmal braucht es zur Vervollständigung ihrer Fähigkeiten eben so einen tollen Anzug, aber sie bleiben allein. Oft bitter einsam. Und irgendwie erfolglos. Von Film zu Film werden Schurkentaten spektakulärer und brutaler. Es hat nie ein Ende, es gibt keine Veränderung. Die Welt ist nie gerettet.

Ist es ein Trost, dass die Gemeinde in Ephesus zutiefst zerstritten und gespalten war und sie deshalb so einen Brief erhalten haben? Was würde uns ein Paulus nach Lauf oder die evangelische Kirche in Bayern schreiben?

Und Ist irgendetwas seitdem besser geworden? Es gibt einen entscheidenden Unterschied zu den üblichen „Moralkeulen“:

1) All diese Aufforderungen sind an uns adressiert, nicht an irgendwelche anderen, über die wir uns aufregen könnten. Wir sollen neu werden, uns erneuern an Leib und Seele.

Uns gibt der Epheserbrief sogar positive Anregungen.

2) Dort heißt es am Ende:

„Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat!“

Nicht in unserer Vollkommenheit besteht die Nachahmung Gottes, sondern darin, dass wir Unvollkommenheit bei uns und anderen eingestehen und vergeben. Vergebt, weil Gott euch vergeben hat. Darin sollen wir Gottes Ebenbild sein. Die Superkraft – ist die Vergebung. Was Gott nur allein durfte, hat er durch Christus uns gegeben. Die stärkste Kraft ist nicht die vom gnadenloasen Superman, sondern von dem, der vergibt. Dazu gehört noch mehr … Lesen wir das vierte Kapitel des Epheserbriefes weiter:

Legt deshalb die Lüge ab, und redet untereinander die Wahrheit; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden.

Lasst euch durch den Zorn nicht zur Sünde hinreißen! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.

Gebt dem Teufel keinen Raum!

Der Dieb soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und sich mit seinen Händen etwas verdienen, damit er den Notleidenden davon geben kann.

Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt.

Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung.

Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung

und alles Böse verbannt aus eurer Mitte!

Ich sehe geradezu durch die Kamera euer Gähnen auf den Sofas und an den Küchentischen. Was für biedere Ermahnungen! Wie oft haben wir solche Sprüche gehört! Auf der Wand gelesen: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen!“

Auch wenn wir den neuen Menschen anziehen, d.h. wenn wir getauft sind und Jesus nachfolgen und auch nachahmen, bleiben die großen Probleme der Welt. Krankheiten, wie in unserer Zeit Corona, stellen uns auf eine große Geduldsprobe. Meinungsverschiedenheiten werden hasserfüllt auch in unserer Kirchengemeinde ausgetragen. Lüge und üble Nachrede geht durch alle Teile unserer Kirche.

Und auch wir Gutmenschen werden enttäuscht und müde, wie die Superhelden abgenützt werden vor dem immer gleichen Bösen und Schlechten in der Welt?

Das Böse zu bekämpfen ist einfacher als zu vergeben und es selbst besser zu machen.

Zornig zu sein ist einfacher, als diese wilde Energie wirklich in die Lösung schwelender Konflikte zu stecken. Wir gerade in der Kirchengemeinde sind so harmonisch, dass wir alle Konflikte verdecken und vertuschen und so auch verlängern, bis sie sich von allein lösen, weil alle Parteien verschlissen sind. Lieber kurz und heftig, aber dafür danach durch die Vergebung im Frieden.

Zornig werden wir alle – ist ja auch verständlich, aber als Christen machen wir das Unglück nicht größer, sondern retten was zu retten ist. Möglichst am selben Tag, obwohl ich eher empfehlen würde, über manchem Zorn erst einmal eine Nacht zu schlafen. Aber aus Zorn soll keine Sünde, kein Hass entstehen. Nichts, was wir nicht rückgängig machen könnten.

Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes,

das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt.

Das erinnert an die Geschichte von Sokrates, der jede Aussage daraufhin überprüfen ließ, ob sie zugegleich wahr, nützlich und gut ist. Sonst hörte er einfach nicht hin. Macht das ebenso!

Unsere Gemeinde soll kein Ort von Menschen sein, die weißgekleidet immer mit einem Lächeln auf den Lippen versuchen, tolle Menschen zu sein! Meidet solche Orte der Heuchelei!

Wendet euch aber dahin, wo ihr mit allen euren Problemen ernstgenommen werdet. Wo es wirkliche Unterstützung gibt, zB in unseren evangelischen Kindergärten. Wo die Probleme von Liebe und Ehe nicht übertuscht werden, sondern auch in verfahrensten Situationen eine wirkliche Lösung und Vergebung und Erneuerung angestrebt wird wie in unseren Beratungsdiensten.

Geht in die Gemeinden, die ihre Konflikte offen austragen, sei es manchmal eben auch über Leserbriefe und Facebook – aber wendet euch nicht ab, sondern verfolgt auch die Lösungen, zB unsere gemeinsame Erklärung zu interreligiösen Arbeit in unserer Stadt.

Und was für Supermänner gibt es in unsrer Gemeinde und noch viel mehr Superfrauen! Die ihre Angehörigen pflegen und Kranke und Alte besuchen, die Kinder betreuen und erziehen, die Hilfsprojekte in aller Welt über Jahrzehnte fördern, die Flüchtlingen eine Heimat geben, die Gott loben und sich freuen in der Musik, die miteinander das Wort Gottes studieren und auslegen in tiefer Dankbarkeit und Ehrfurcht als Pfarrer und Prädikanten!

Helden des Alltags wurden sie in der Corona-Krise genannt!

Und diese Heldinnen des Alltags in unserer Gemeinde ziehe ich allen Supermännern vor, die immer recht haben und alles andere vernichten und am Ende noch unseren Applaus suchen.

Schluss: DER NEUE MENSCH in Luthers Kleiner Katechismus mit immer demselben Gott Israels und dem Vater Jesu  – DER NEUE MENSCH ist wie Gott uns als Bilder Gottes geschaffen hat. So alltäglich!

Das Zweite Hauptstück. Der Glaube. Der Erste Artikel. Von der Schöpfung

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Was ist das?

Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin.

Glaubst du das?

Und wenn wir gemeinsam antworten –

Das ist gewißlich wahr.

Dann hat das neue Leben längst begonnen und wir sind auf dem guten Weg zum Reich Gottes in Christus unserem Herrn.

Er bewahre unsere Herzen und Sinne in ihm!

AMEN